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„Natürlich kannst du Du sagen, diese ganzen Förmlichkeiten sind für uns Jüngere doch nicht von Nöten", antworte ich ihm.
„So sehe ich das auch", stimmt Jasper mir zu, während er mir die Balkontür aufhält und wir hinaus ins Freie treten. Der Balkon ist recht weitläufig und es tummeln sich nur wenige Gäste hier draußen, somit können wir uns in Ruhe unterhalten.
„Ich dachte ich lotse dich mal von den anderen weg, du sahst nicht so aus als würdest du dich wohl fühlen", erklärt Jasper grinsend und lehnt sich mit dem Rücken an das schwarze, mit Schnörkeln verzierte, Geländer.
„Oh, das stimmt doch gar nicht!", flunkere ich lachend, „Ihr wart eine gute Unterhaltung."
Jasper wirft mir einen Seitenblick zu der really? aussagt.
Augenverdrehend lehnte ich mich ebenfalls an das Geländer und beobachte durch die bodentiefen Fenster die Gäste drinnen: Die meisten unterhalten sich und schlürfen dabei aus einem Glas Champagner, einige wenige tanzen in der Mitte des Raumes oder sitzen auf den Lounges am Rand. Alles in allem herrscht eine gute Stimmung - wenigstens etwas.
„Wie alt bist du eigentlich?", wende ich mich schließlich mit einer Frage an den Mann neben mir.
„Ich bin 27, du auch oder?"
„Ja, ich bin auch 27", antworte ich.
„Stimmt das eigentlich, dass du bis vor kurzem die rechte Hand deines Vaters warst? Das wird sich untereinander erzählt, mit der Frage warum du jetzt heiraten willst - oder musst?"
„Du bist ja echt neugierig", meine ich seufzend, „Das sind sehr private Fragen auf die ich jetzt nicht eingehen werde", wickele ich geschickt, aber bestimmt, seine Fragen ab.
„Okay, okay. Habe verstanden", grinst mein Gegenüber mich an, „Pizza oder Burger?"
„Was?", frage ich etwas verwirrt von dem plötzlichen Themenwechsel nach.
„Pizza oder Burger", wiederholt Jasper nur grinsend, „Ich möchte dich doch kennenlernen."
„Pizza."
„Perfekt! Cola oder Fanta?"
„Fanta. Und selbst?"
„Cola. Film oder Serie?"
„Serie!", kam meine Antwort wie aus der Pistole geschossen.
„Prima!", grinst Jasper mich an, „Porsche oder Ferrari?"
„Porsche. Und sag jetzt bloß nichts Falsches!"
„Ich hätte sowieso Porsche gesagt", meint der Braunhaarige augenzwinkernd.
Dieses Spiel führten wir noch eine ganze Weile fort und ich entspannte mich zunehmend. Jasper ist ein wirklich toller Kerl. Humorvoll, zuvorkommend und freundlich - was will man mehr? Noch dazu sieht er mit seinen braunen Haaren und den grünen Augen echt nicht schlecht aus - zwar nicht unbedingt mein Typ, aber annehmbar. Ich mag ihn, zwar auf freundschaftlicher Ebene, aber ich mag ihn, schon mal ein Fortschritt am heutigen Tag.
„Ich glaube wir sollten langsam wieder reingehen", meint Jasper irgendwann, „Wir stehen schon eine ganze Weile hier draußen."
„Ja, stimmt", gebe ich ihm Recht, „Danke für das tolle Gespräch."
„Ich danke dir! Du bist echt toll", lächelt mich Jasper warm an.
Ich lächele zurück und hake mich dann bei ihm unter, damit wir gemeinsam wieder reingehen können.
♡
„Lillian", wurde ich, kaum treten Jasper und ich durch die Tür, von meinem Bruder Quentin abgepasst.
„Was ist denn?", frage ich abweisend nachdem Jasper weitergelaufen ist und halte nach meinen Schwestern Ausschau.
„Und hast du schon jemandem im Blick? Je schneller die Heirat vollzogen ist umso besser."
Zornig schaue ich meinen Bruder an: „Ja, besser für dich. Aber wie es mir dabei geht ist dir sowieso egal. Du willst nur meinen Posten abstauben und am besten auch noch Dad von seinem Platz drängen."
„Ich möchte nur das Beste für dich, Schwesterherz", kommentiert Quentin meine Aussage und lächelt dabei schmierig, „Santiago oder Luchessè wären eine gute Wahl, wobei Romanov auch nicht zu unterschätzen ist. Dieser Jasper, mit dem du dich gerade unterhalten hast, ist auf jeden Fall nichts."
„Und das kannst du beurteilen weil?", antworte ich pampig und bin froh als ich Annalise in der Menge erblicke. Ihr brauner Haarschopf ragt neben dem Buffet auf, wahrscheinlich holt sich dieser Vielfraß gerade ein Stück Torte.
„Sei nicht so frech!", weist mein Bruder mich allen Ernstes zurecht, „Ich bin der rechtmäßige Erbe des Pellier-Vermächtnisses und nicht du, das weißt du genauso wie ich. Du bist eine Frau und hast ohne einen Mann an deiner Seite keinerlei Chance die Organisation zu leiten. Und glaub mir, wenn du dann endlich verheiratet bist bezweifle ich, dass dein Ehemann es dir erlaubt, so einer gefährlichen Tätigkeit nachzugehen. Also stell dich lieber gut mit mir bevor ich Dad sage, dass der 60-jährige Frank doch etwas für dich wäre", hinterhältig grinst mich dieser verlogene Drecksack an.
„Das wagst du nicht!", schnappe ich entsetzt und hole tief Luft um mich zu beruhigen - es hat keinen Sinn mit Quentin zu diskutieren-, „Wie auch immer, war schön mich mit dir zu unterhalten", meine ich ironisch, drehe mich um und laufe in Richtung Annalise.
Wie erwartet hat die Braunhaarige sich ein großes Stück Schokoladentorte auf ihren Teller geladen und als sie mich erblickt verziehen sich ihre Lippen zu einem Lächeln: „Na, was war das denn für ein Schnuckelchen mit dem du auf dem Balkon warst?", dabei wackelt sie mit ihren Augenbrauen, was ziemlich witzig aussieht.
„Das war Jasper", grinse ich sie augenverdrehend an und geselle mich zu ihr.
„Und? Ehemann-Potenzial?"
„Eher nicht. Freundschaft ja, aber mehr... ich weiß nicht", antworte ich schulterzuckend, „Er ist voll der Liebe, aber ich glaube das passt nicht."
„War sonst schon jemand dabei?", fragt meine jüngste Schwester neugierig nach, während sie sich ein Stück Kuchen in den Mund steckt.
„Nein, nicht wirklich", meine ich, „Aber ist ja auch keine Überraschung."
„Lillian?", ertönt die Stimme von meinem Vater hinter mir.
„Ja?", ich drehe mich zu ihm um und schaue ihn fragend an.
„Ich möchte dir nochmal jemanden vorstellen."
„Kann ich nicht eine kurze Pause machen? Ich renne schon den ganzen Abend durch die Gegend und lerne Männer kennen", sage ich leicht genervt.
„Lillian!"
Oh Mann, er fährt die strenge Schiene. Ich werfe Annalise einen kurzen Blick zu und laufe dann meinem Vater hinterher der zielsicher den Balkon ansteuert. Auf dem Weg treffen wir noch einige andere Männer, denen ich ein knappes Lächeln schenke, bis wir schließlich auf den Balkon hinaustreten.
Kaum war ich draußen würde ich am liebsten wieder umdrehen und rein gehen. Dort stehen Fynn und Alexej, lässig an das Geländer angelehnt. Wie viel Pech kann man eigentlich haben, dass man nach zehn Jahren ausgerechnet auf seiner Brautschau auf zwei ehemalige Freunde trifft, mit denen man nicht gerade im Positiven auseinandergegangen ist. Gott, was habe ich dir getan?!
„Lillian, das sind Fynn Luchessè und Alexej Romanov, du hast sie gerade eben schon kurz kennengelernt", stellt mein Vater uns vor und lächelt die beiden Männer dabei übertrieben freundlich an.
„Freut mich", lächele ich falsch, vermeide es dabei aber die beiden, insbesondere Fynn, anzuschauen und schaue danach fragend zu meinem Vater. Was soll ich hier? Kann ich bitte wieder gehen?
Mein Vater lächelt weiterhin Fynn und Alexej an: „Wie gefällt euch das Fest?" Ich spüre Fynns Blick auf mir - das hatte ich schon immer - er hat so eine intensive Art an sich, dass ich es einfach spüren muss.
Während mein Vater Smalltalk führt, stehe ich wie bestellt und nicht abgeholt daneben und schaue verzweifelt auf dem Balkon umher. Vielleicht gibt es ja eine Möglichkeit von hier wegzukommen. Aber Fehlanzeige, hier draußen ist tote Hose.
Da mir langsam langweilig wird, beginne ich damit mein Kleid glatt zu streichen und mir eine meiner, aus der Frisur herausfallenden, blonden Haarsträhnen um den Finger zu wickeln. Ich lasse meinen Blick erneut über den Balkon schweifen, aber weit und breit keine Menschenseele.
„Ich hole uns ein neues Glas Champagner", sagt mein Vater plötzlich und nimmt mir mein leeres Glas aus der Hand, „Unterhalte du dich doch noch mit den netten Herren." Scheiße. Nein! Doch zu spät. Mein Vater läuft bereits in Richtung Balkontür und weg ist er. Sehnsüchtig schaue ich ihm hinterher, jetzt ist mein einziger Puffer weg. Toll.
„Also Lilli", erhebt Alexej plötzlich das Wort mit der Betonung auf Lilli. Als ich meinen Spitznamen höre zucke ich kurz zusammen und schaue den Russen vor mir fragend an. Dieser grinst nur schelmisch: „Was hast du so getrieben in den letzten Jahren?"
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