20

Nervös trete ich von einem Bein auf das andere. Jetzt ist es also soweit. Ich werde heiraten. Wer hätte das vor zwei Monaten gedacht - richtig, niemand.

Gezwungenermaßen trage ich alles, was man für mich ausgesucht hat. Auch die Dessous. Das Hochzeitskleid und die Schuhe sind wunderschön und höchstwahrscheinlich wäre meine Wahl auch auf die ausgesuchten Modelle gefallen. Der Unterwäsche kann ich jedoch nichts abgewinnen, ich bin doch kein Pornostar. In meinem Alltag trage ich keine Dessous, viel zu unpraktisch. Aber da diese liebreizende Stylistin damit gedroht hat meinen Bruder zu holen, habe ich schließlich nachgegeben und alles widerstandslos angezogen.

„Schwesterherz! Wie schön, dass du es nun doch zu deiner Hochzeit geschafft hast", höre ich Quentins verächtliche Stimme.

Ich löse meinen Blick widerwillig vom Boden und schaue meinen verhassten Bruder böse an. Der Blondhaarige trägt einen dunkelblauen Anzug und dazu ein weißes Hemd, seine kalten Augen funkeln mich angriffslustig an: „Du siehst sogar ganz passabel aus." Soll das jetzt ein Kompliment sein?

Ich bleibe stumm.

„Los, komm mit. Ich habe die außerordentliche Ehre, dich zum Altar zu führen", meint mein Bruder ironisch und packt mich unsanft an meinem Oberarm, um mich in Richtung der kleinen Kapelle zu ziehen.

Was ist mit meinem Vater? Normalerweise ist es Tradition, das der Vater die Tochter zum Altar geleitet. Mein Verdacht, dass Quentin ihm etwas angetan hat, verschärft sich. Oder ich bin es meinem geliebten Vater einfach nicht Wert. Das wäre auch eine Option.

Die Kapelle befindet sich am östlichen Rand unseres riesigen Grundstückes. Sie ist klein, aber fein. Von außen wirkt sie unscheinbar und schlicht mit ihrer weißen Fassade. Innen wurde sie dann aber nur so mit goldenen Sakramenten und Wandbemalungen überschüttet. Jeder freie Christ wäre mehr als beeindruckt von der wertvollen Ausstattung unserer Kapelle. Wir beherbergen auch das ein oder andere historische Schmuckstück, das mehrere Millionen US-Dollar Wert ist, da es in der Religionsgeschichte eine wichtige Rolle gespielt hat. Für uns hat die Kapelle einen hohen Stellenwert,
schließlich sind nahezu alle Mafiosos streng katholisch. Dort halten wir  normalerweise Beerdigungen oder Gottesdienste ab, selten aber auch mal eine Trauung - so wie heute.

Aufgrund meiner hohen Absätze fällt es mir schwer mit den langen Schritten meines Bruders mitzuhalten, was zur Folge hat, dass ich das ein oder andere Mal umknicke. Sehr zu meinem Leidwesen. Schmerzhaft verziehe ich mein Gesicht: „Quentin! Wenn du willst, dass ich dort Heil ankomme, dann mach mal langsamer."

Tatsächlich verlangsamt er seine Schritte, sein Griff um meinen Oberarm verfestigt sich aber: „Wehe, wir kommen zu spät", droht er mir. Inzwischen sind wir nur noch wenige dutzend Meter von der Kapelle entfernt. Mein linker Oberarm schmerzt, da Quentin seine Finger fest hineinbohrt - das gibt bestimmt blaue Flecken. Mein Bruder ist so ein Arschloch!

Je näher wir der Kapelle kommen,  umso nervöser werde ich. Mein Herz schlägt laut und schnell in meiner Brust und meine Atmung verschnellert sich ebenfalls. Ich werde heiraten. Heiraten! Diese acht Buchstaben wollen einfach nicht in mein Gehirn gehen. Ich will es einfach nicht wahrhaben. Doch mit jedem Schritt, den wir gehen, komme ich meinem Schicksal näher. Mit jedem Schritt, rückt meine Unabhängigkeit weiter in die Ferne. Und mit ihr auch meine Freiheit.

„Wir werden da jetzt reingehen. Du schaust niemanden an und hältst deinen Blick gefälligst gesenkt. Vorne stellst du dich neben deinen zukünftigen Ehemann und bleibst dort ja stehen! Du schaust ihn nicht an, du sprichst nicht und du läufst natürlich nicht weg. Ansonsten schwöre ich, ich knalle dich ab", erklärt Quentin mir die Vorgehensweise, als wir vor der Kapelle stehen, „Wenn der Priester dich fragt, ob du heiraten möchtest, sagst du logischerweise Ja - spiel einfach brav mit. Zum Schluss küsst du ihn und fertig. Dann bist du endlich sein Problem und nicht mehr meins. Wenn du aber in irgendeiner Weise für Probleme sorgst, bringe ich dich um", droht mein Bruder mir heute schon das zweite Mal. Um die Drohung zu verstärken, deutet er auf seinen Hosenbund, in dem sich klar und deutlich die Wölbung einer Waffe abzeichnet.

Ich schlucke nervös. Quentin ist so verrückt geworden und bricht die oberste aller Regeln: Keine (Schuss-) Waffen in kirchlichen Einrichtungen. Ich traue ihm gerade alles zu.

„Ach ja, was ich fast vergessen habe. Wenn heute irgendetwas schief geht, bist nicht nur du tot, sondern auch unsere Schwestern. Also bemühe dich", dabei grinst er mich gehässig und siegessicher an. Er weiß genau, dass das Leben meiner Schwestern mir mehr Wert ist, als mein eigenes.

Mein Herz schlägt jetzt nicht mehr aufgeregt, sondern panisch in meiner Brust. Meinen Schwestern darf nichts passieren! Ich verschränke meine schwitzigen Hände ineinander und versuche das Zittern dieser zu verbergen. Ich bin echt hart im nehmen, aber jetzt gerade habe ich Angst. Angst um meine Schwestern, Angst um mich und Angst vor meinem zukünftigen Leben. Wer weiß, mit was für einem Monster ich verheiratet werde und was er mir alles antun wird. Mir treten Tränen in die Augen, die ich aber sofort weg blinzle. Ich atme tief ein und wieder aus. Doch es hilft nicht, meine Hände zittern immer noch und mein panischer Herzschlag ist bestimmt meilenweit zu hören.

„Ich schätze mal, du hast alles verstanden", erhebt Quentin erneut das Wort. Ich hasse ihn. Ich hasse, hasse, hasse ihn! Wie kann so jemand mein eigenes Fleisch und Blut sein? Wie ist das möglich?! Da muss eine Verwechslung vorliegen.

Er packt mich wieder an meinem, sowieso schon schmerzenden Oberarm und zieht mich die letzten Meter, bis wir direkt vor den Flügeltüren der Kapelle stehen: „Es geht jetzt los. Denk daran was ich dir gesagt habe."

Die großen, braunen Türen öffnen sich und mit dem einsetzen der Musik, verstummt das Gerede der Gäste. Ich wurde nicht einmal darüber informiert, dass es Gäste gibt. Da ich meinen Blick auf Quentins Befehl hin zum Boden gesenkt habe, sehe ich nicht wer oder wie viele Leute anwesend sind.

Mein Bruder und ich laufen auf dem blutroten Teppich durch den Gang in Richtung Altar. Was eine Ironie, dass der ausgelegte Teppich rot ist. So muss dieser nicht einmal gereinigt werden, wenn mein Blut den Teppich tränkt, sobald Quentin mich erschossen hat.

Ich kämpfe gegen die aufsteigenden Tränen an, als wir uns dem Altar immer weiter nähern. Ich hoffe, das niemand der Anwesenden meine zitternden Hände bemerkt. Ich versuche gleichmäßig und ruhig zu atmen - bloß nicht in Panik verfallen.

Plötzlich drückt mein Bruder seine Finger schmerzhaft in meinen Arm, das deute ich als Zeichen, dass wir vorne angekommen sind. Er löst sich endlich von mir und ich gehe die wenigen Schritte bis zum Altar alleine. Den Blick meines Bruders spüre ich dennoch auf mir.

Neben mir steht jetzt ein großer und muskulöser Mann in einem schwarzen Anzug, das wird wohl mein Zukünftiger sein. Ich traue mich nicht ihn anzuschauen, da mir Quentins Drohung noch vor Augen schwebt.

Als der Pfarrer die Stimme erhebt, zucke ich überrascht zusammen. Ich habe nicht damit gerechnet, dass er so laut spricht. Verdammt, ich benehme mich gerade wie ein verängstigtes Rehkitz.

Von der Zeremonie bekomme ich nichts mit. Ich bin zu konzentriert darauf, nicht in Panik zu geraten oder gar in Ohnmacht zu fallen und meine Atmung einigermaßen ruhig zu halten. Jedes mal aufs Neue wiederhole ich in meinen Gedanken Quentins Worte: Wenn heute irgendetwas schief geht, bist nicht nur du tot, sondern auch unsere Schwestern.
Es darf nichts schiefgehen, es darf nichts schiefgehen, es darf nichts schiefgehen. Das ist mein neues Mantra.

„... rechtmäßig angetrauten Ehemann nehmen. Ihn lieben, achten und ehren alle Tage deines Lebens. In guten und in schlechten Zeiten, in Gesundheit und in Krankheit. Bis das der Tod euch scheidet. So antworte bitte mit Ja, ich will , Lillian.", höre ich gerade noch die letzten Worte des Priesters, als er das Ehegelübde aufsagt.

„Ja, ich will", antworte ich gezwungenermaßen und hoffe, dass niemand das Zittern in meiner Stimme bemerkt hat.

„Steckt euch jetzt bitte die Ringe gegenseitig an eure Ringfinger", weist der Pfarrer uns an.

Aus dem nichts erscheint eine zierliche Gestalt, in einem mit Spitze verziertem hellblauen Kleid, die das Kissen mit den Ringen in ihren Händen hält. Ich riskiere es und lasse meinen Blick vorsichtig etwas weiter hinauf schweifen. Das ist Annalise! Erleichtert, eine meiner Schwestern zu sehen, steigen mir zum unzähligsten Mal heute Tränen in die Augen. Schnell senke ich meinen Blick wieder zu meinen Füßen.

Aus dem Augenwinkel sehe ich, wie mein Gegenüber einen filigranen, mit Diamanten verzierten Silberring aus dem Kissen nimmt und mir auffordernd seine Hand entgegenstreckt. Vorsichtig hebe ich meinen rechten Arm und lege meine Hand zittrig in seine. Scheiße, er sieht bestimmt, dass meine Hand zittert.

Mein frisch angetrauter Ehemann steckt mir vorsichtig den Ring an meinen Ringfinger und lässt dann meine Hand aus seiner gleiten.

Nun bin ich an der Reihe. Ich nehme einen etwas dickeren, ebenfalls silbernen Ring aus dem Kissen und stecke diesen an seine kräftige Hand. Er hat schöne Hände. Groß und stark. Sobald der Ring an seinem Finger steckt, lasse ich seine Hand los und trete einen kleinen Schritt zurück. Hoffentlich ist das jetzt nicht zu auffällig.

„Herzlichen Glückwunsch. Sie sind jetzt offiziell Mann und Frau. Sie dürfen die Braut jetzt küssen", teilt uns der Priester erfreut mit und aus dem Publikum ertönt freudiges Klatschen.

Na toll. Von nun an, kann ich mich von meinem vorherigen Leben wohl verabschieden. Ich bin jetzt verheiratet.
V-E-R-H-E-I-R-A-T-E-T.

Der Mann mir gegenüber überwindet den Abstand zwischen uns und schlingt seinen linken Arm vorsichtig um meine Taille. Oh je, er will mich jetzt bestimmt küssen. Er kommt noch näher und ich spüre seinen Atem leicht an meiner Stirn, eine Gänsehaut breitet sich auf meinem Körper auf. Komischerweise haben auch meine Hände endlich aufgehört zu zittern.

Der Körperkontakt fühlt sich überraschenderweise nicht unangenehm an. Seine rechte Hand legt sich unter mein Kinn und drückt meinen Kopf nach oben, sodass ich ihm nun in die Augen schauen muss. Und was ich jetzt sehe lässt mich erstarren, die Welt um mich herum scheint still zu stehen. Denn ich schaue gerade in mehr als bekannte wunderschöne kristallklare blaue Augen.

Blaue Augen, die zu niemand geringerem als Fynn gehören. Ein überraschtes Keuchen verlässt meinen Mund und ich schaue ihn entsetzt an.

Das kann doch nicht wahr sein. Ich habe gerade Fynn Luchessé geheiratet. Meinen besten Freund aus Kindheitstagen.

Der Schwarzhaarige lächelt mich beruhigend an und senkt seinen Kopf in Zeitlupe meinem entgegen. Mein Herz schlägt jetzt so schnell, dass ich glaube es springt mir gleich aus meiner Brust. Ich kann gar nicht anders und schaue auf seine näher kommenden, weich aussehenden, Lippen.

Oh mein Gott, er wird mich gleich küssen!

Und dann legen sich seine Lippen auf meine. Seine Hand, die unter meinem Kinn liegt, wandert an meinen Hals und zieht mich näher an ihn heran. Ich zögere, stehe ruhig da und traue mich nicht den Kuss zu erwidern. Doch Fynn gibt nicht auf und vertieft den Kuss bis Sterne vor meinen Augen explodieren. Es sollte verboten werden, dass jemand so gut küssen kann! Ich schließe meine Augen, denke nicht an die Folgen und erwidere den Kuss schließlich doch. Wow! Meine Hände wandern in seine schwarzen Haare und ich genieße den Kuss und das Gefühl von Sicherheit, dass Fynn gerade ausstrahlt.

Nach einer gefühlten Ewigkeit, die wahrscheinlich in Echt nur wenige Sekunden angedauert hat, unterbricht Fynn den Kuss: „Das setzen wir im Privaten fort", flüstert er mir verschmitzt zu und dreht sich dann zu den Gästen um. Ich bin zu verdutzt um etwas zu sagen. Das einzige was ich wahrnehme ist sein Arm, den er immer noch um meine Taille geschlungen hat.

Mein Herz pocht unaufhaltsam und schnell in meiner Brust, meine Finger sind schwitzig von der ganzen Aufregung und mein Mund ist staubtrocken. Langsam machen sich auch leichte Kopfschmerzen bemerkbar, eindeutige ein Zeichen für zu viel Stress. Mir reicht es für heute! Ich bin gerade total überfordert mit der Situation.

Ich möchte einfach nur in mein Bett und schlafen. Vielleicht stellt sich dann auch all das, mit der Hochzeit, bloß als ein großer Albtraum heraus.




Whoop, Whoop.
2000 Wörter!

Endlich weiß Lillian wen sie da geheiratet hat. ^^
Das Kapitel war bisher das schwerste zum Schreiben, ich hoffe, dass ich Lillians Gefühle gut rübergebracht habe. :)

Denkt an den ⭐️ ! <3

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