Missing you
I've heard that you've been having some trouble, finding your place in the world~
Jungkook
"Jetzt mal ernsthaft", meint Hobi, als wir auf dem Nachhauseweg von der Schule sind. Wieder steht ein Wochenende bevor und ich habe endlich nur noch eine Schulwoche vor mir, bis meine lang ersehnten Sommerferien vor der Tür stehen.
"Was?", frage ich den Älteren verwirrt und sehe ihn von der Seite an, während wir in meine Strasse einbiegen. "Du siehst müde aus, Kookie. Hundemüde. Du hast sicher tausendmal gegähnt heute!" Ich zucke mit den Schultern, kann ein kleines Grinsen aber kurzzeitig nicht verstecken.
"Sag schon!", quengelt der Schwarzhaarige, "Wieso bist du so müde?"
"War nur eine lange Nacht", grinse ich abermals schulterzuckend. Anstatt, dass er es dabei belässt, macht Hobi lauthals "Awwwww!" Und richtet damit meine Aufmerksamkeit von allein auf sich, "War mein kleines Baby noch nie bis zwölf Uhr wach?", will er mich schon foppen, doch ich schenke ihm darauf lediglich ein müdes Grinsen und winke ab.
"Dein 'kleines Baby', war nur noch nie bis halb drei draussen", erkläre ich gelassen, was ihn erst auflachen, dann aber verstummen lässt. "Moment mal", lässt er nachdenklich verlauten, "Du warst aber nur bis halb eins bei uns!"
Ich nicke grinsend, bis er plötzlich nach Luft schnappt, als er es zu kapieren scheint. "Taehyung ist auch früher abgehauen! Ihr wart beide draussen?!"
Wieder nicke ich, diesmal voller Stolz und bleibe stehen, während Hobi mich in den Schwitzkasten nimmt und durch meine Haare wuschelt. "Mein Kookie wird endlich erwachsen und wehrt sich - gefällt mir!", grinst er glücklich, was mir ein Lachen entlockt.
"Wie war's?!", fragt er sofort, kaum entkomme ich seinem Würgegriff, "Was habt ihr gemacht?"
"Wir haben Ramen gegessen, uns unterhalten und die Nacht genossen", lächle ich leicht, beim Gedanken, an die schöne Erinnerung. Ich verstehe nicht, wieso unsere Eltern nicht wollen, dass wir Kontakt miteinander haben. Taehyung ist kein schlechter Mensch und ich bin mir sicher, seine Eltern ebenso wenig.
Er ist etwas aufsässig und rebellisch, aber ich für meinen Teil, finde diese Art unglaublich aufregend und erfrischend.
Der Schwarzhaarige setzt schon dazu an, etwas weiteres zu sagen, als auf einmal ein paar Meter vor uns eine Haustür laut zugeschlagen wird und ich gleich darauf einen dunklen Haarschopf die Stufen der Veranda hinunterstürmen sehe. Schon gleich darauf, stelle ich fest, dass es ein wutentbrannter Taehyung ist, der seine Mutter, die ebenfalls aus der Tür zu den Treppen stürmt und ihm nachruft, ignoriert und mit grossen Schritten auf uns zuläuft.
"Taehyung!", höre ich seine Mutter wieder, "Komm zurück!"
Sie steht auf der Verande, die Hände in die Hüften gestützt und sieht ihm missbilligend hinterher, als er weiterhin kein Wort erwidert und nur seine Hände wütend in seine Hosentaschen schiebt. "Willst du ihr nicht antworten?", frage ich laut genug, damit er es in der wenigen Entfernung zu uns gerade noch hören kann.
Taehyung sieht mit düsterer Miene auf, in seinen dunklen Augen funkelt pure Wut. Er hat auf mich bereits einen einschüchternden Eindruck gemacht, anfangs, der sich jedoch bald verflüchtigt hat. Doch nun wirkt er wieder so. Angsteinflössend und abweisend.
Der Taehyung, den ich kenne und den hier, das sind zwei völlig verschiedene Personen.
"Doch", zischt er und dreht seinen Kopf, sodass er seine Mutter wohl gerade noch aus dem Augenwinkel sieht. "Sag diesem Mistkerl erst, dass ich mit meinem Leben anstellen kann, was auch immer ich will!"
"Das ist dein Vater!", pfeffert die Frau zurück. Er lacht auf. "Dieser Mann ist auf keinen Fall mein Vater!", blafft er, wirbelt herum und läuft an mir und Hoseok vorbei. Bevor er einfach abhauen könnte, kriege ich noch sein Handgelenk zu fassen. Taehyung bleibt tatsächlich stehen und sieht mich an. Sein Blick wird eine Spur weicher, wie ich feststellen kann. "Nicht, Jungkook. Unsere Eltern kriegen Zustände, wenn sie erfahren, wir verbringen Zeit miteinander." Mit diesen Worten zieht er sich mit einem kurzen Ruck aus meinem Griff und eilt aus der Strasse.
~~~
Ich liege noch bis spät abends im Bett und lese ein Buch, dass ich mir heute aus der Bibliothek geholt habe. Sie sind sowas wie meine einzige Möglichkeit, meinem Leben zu entkommen und für ein paar Stunden zumindest irgendwo anders zu sein, weit weg von alledem, an einem Ort, den ich mag, ohne meine Sorgen, ohne meine Eltern, ohne Regeln oder Zwänge. Vermutlich mag ich Bücher deshalb so.
Und weil die meisten ein Happy End haben. Sie lassen mich hoffen, ebenfalls eines zu haben, selbst wenn mir klar ist, dass ich es nie haben werde.
Nachdem ich einen Schluck aus dem Wasserglas genommen habe, welches auf meinem Tisch steht, will ich mich bereits wieder an die Seiten des Buches machen, um erneut in dessen Welt zu versinken, als ich das leise, aber stetige Klopfen an meiner Fensterscheibe ausmachen kann. Erst werfe ich diesem einen erschrockenen Blick zu, bis ich die dunkle Gestalt in der Dunkelheit ausmache und kapiere, dass es sich wie auch die Male zuvor um Taehyung handeln muss.
Also stehe ich rasch auf und laufe zum Fenster, um es zu öffnen. Keine Sekunde später hüpft der Dunkelhaarige mit einem genuschelten "Danke" in mein Zimmer. Er sieht vom Parkett auf, in meine Augen und tritt ein wenig näher. Beinahe augenblicklich rieche ich den markanten Geruch von Alkohol, der von ihm ausgeht und kann mir gerade noch zusammenreissen, damit ich nicht die Nase rümpfe.
"Wo warst du?", frage ich leise, woraufhin er mit den Schultern zuckt. "Ist doch egal", murmelt er, "Kann ich bei dir schlafen?"
"B-bei mir?!", zische ich scharf, woraufhin er nickt, "Meine Eltern kennen alle anderen meiner Freunde und sie würden niemals daran denken, bei euch nachzufragen. Es ist nur dieses eine Mal, versprochen! Bevor deine Alten aufwachen bin ich wieder weg. Bitte, Jungkook."
Ich seufze, nicke aber dann, woraufhin er mich erleichtert anlächelt. "Danke", murmelt er, weswegen ich ebenfalls leicht lächle. "Nicht dafür."
Ich gebe ihm ein Oberteil und eine Jogginghose von mir, womit er sich rasch umzieht, während ich mit dem Rücken zu ihm stehe und das Bett richte. Kurz danach liegen wir beide Rücken an Rücken im Bett.
"Hast du dich jemals alleine gefühlt, obwohl du von Menschen umgeben warst?", fragt der Ältere leise in die Stille hinein. Ich lache leicht. "Das tue ich oft", antworte ich ruhig. Kurz ist es still, dann fragt er noch leiser: "Und hast du dich jemals verloren gefühlt? Obwohl du genau wusstest, wo du bist, hattest du dennoch das Gefühl, an einem fremden Ort zu sein, ohne Orientierung zu sein?"
"Nein", widerspreche ich mit gedämpfter Stimme. Nur schon die Vorstellung eines solchen Gefühls macht mir Angst. Es hört sich schrecklich an.
"Ich weiss nicht wieso, aber...", Er seufzt und macht eine Pause, bevor er leise fortsetzt, beinahe zerbrechlich und hilflos dabei klingt: "Ich kann tun und lassen was ich will, ich finde meinen Platz in der Welt nicht..."
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