Zehn

Can anybody hear me, am I hidden underground?
Can anybody hear me, am I talkin' to myself?
~ "Tag, you're it" by Melanie Martinez ~
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Gedimmt drang Licht durch ihre Lider. Ihr Kopf fühlte sich wie Watte an und obwohl sie lag, war ihr schwindelig. Mit der Zeit begann ihr Hinterkopf schmerzhaft zu pochen. Gequält zwang sie sich dazu, ihre Augen zu öffnen.
„Morgen", hörte sie eine leise Stimme. Sie drehte den Kopf leicht, was ihr starke Übelkeit verursachte, und konnte Hermine erblicken, die zur Seite des Krankenbettes saß, in dem sich Ginny befand. Ihre beste Freundin sah müde aus. Hatte sie etwas die ganze Nacht dort gesessen?
Ginny unternahm trotz Hermines Protest einen Versuch, sich aufzusetzen, was allerdings darin endete, dass sich in ihrem Kopf alles begann zu drehen und sie sich neben das Bett übergab.
„Oh Gott", murmelte Hermine und rief eine Krankenschwester herbei, die Ginny als Angestellte des St. Mungo's Hospitals erkannte. Was war passiert? Während ihr der Mund abgewischt und ein Glas Wasser angeboten wurde, das sie gierig austrank, dachte sie trotz Kopfschmerzen darüber nach. Als ihr ein Bruchteil der gestrigen Geschehnisse wieder einfiel, zog sich ihr Magen schmerzhaft zusammen und sie begann zu würgen. Die Erinnerung daran, wie Draco sie verfolgt und angegriffen hatte, war noch mehr als lebendig. Sie spürte seine Finger an ihren Schultern, seine Nägel, die sich in ihre Haut gruben. Die Brutalität, die dahinter steckte, machte ihr Angst. „Draco", japste sie, in der Erinnerung gefangen. Und dann dieser irre Blick, aber doch mit dieser Kälte. Er hätte ihr, ohne mit der Wimper zu zucken, das Gedächtnis gelöscht – daran zweifelte sie nicht. Kaum zu glauben, dass sie etwas für diesen Mann empfunden hatte.
Hermines Blick hatte sich bei der Nennung des Namens verändert. „‚Draco'? Hat Malfoy dir das angetan?" Die Brünette fixierte die jüngere Hexe stechend.
Ginny schrumpfte förmlich vor ihrer besten Freundin. Wollte sie ihn wirklich ans Messer liefern? Sie musste an die Pausen auf der Dachterrasse denken. Wie sie sich, zu ihrer eigenen Verwunderung, angefreundet hatten. Wie sich die neuen Schmetterlinge in ihrer Magengegend angefühlt hatten. Dann war sie jedoch misstrauisch geworden, hatte ihn beschuldigt, D. zu sein. Und ab da war es schiefgegangen, das sah sie nun. Bei der nächsten Gelegenheit hatte er sie einem Obliviate unterziehen wollen. Jetzt erst begriff sie vollständig, wie sehr sie sich in ihm geirrt hatte. Draco musste D. sein. Es gab keinen Grund, warum sie dieses Mal falsch liegen sollte. Ginny schluckte. Schweren Herzens sagte sie schließlich laut: „Mine... Draco ist dein Erpresser." Sobald die Worte heraus waren, fühlte sie sich noch schlechter. Doch sie sprach weiter. „Er ist für alles verantwortlich. Ich hatte das vermutet und er wollte mir das Gedächtnis löschen." Ginny betrachtete das sterile weiße Laken zwischen ihren Fingern. Sie konnte Hermine nicht ansehen.
Diese schnappte nach Luft und war einen Moment still. Aber sie hatte sich schnell gefangen und beschloss: „Ich gebe sofort einen Haftbefehl raus." Sie stand auf und verließ eilig das Krankenzimmer.
Plötzlich schoss Ginny ein seltsamer Gedanke durch den Kopf: Warum hatte sie ihr Gedächtnis noch? Draco hatte sie zu fassen bekommen. Sie war ausgerutscht, war auf den Hinterkopf gefallen und hatte das Bewusstsein verloren. Er hätte mühelos den Obliviate anwenden und sie wieder nach oben bringen können. Stattdessen fand sie sich nun im Mungo's wieder. Draco hatte zu entschlossen gewirkt, um dann doch noch einen Rückzieher zu machen. An verspätete Schuldgefühle glaubte Ginny ebenso wenig. Jemand musste sie gerettet haben. Jemand, der auch von der geheimen Abteilung unter den Räumen des Gamots wusste.

~*~

Die nächsten Stunden verbrachte Ginny noch im St. Mungo's, doch am Nachmittag wurde sie mit ein paar Aufpäppeltränken, die ihr in Form eines Lederbeutels in die Hand gedrückt worden waren, entlassen. Sie hatte noch kurz bei Harry vorbeischauen dürfen, doch sein Zustand hatte sich nach wie vor nicht verbessert.
Nun war sie zu Fuß auf dem Weg ins Ministerium. Aufgrund der halb-kurierten Gehirnerschütterung, die sie erlitten hatte, durfte sie weder apparieren noch den Eingang durch die Toiletten benutzen. Daher nahm sie den Besuchereingang durch die Telefonzelle. Der Zauber, mit dem diese belegt war, zeigte sich leicht irritiert, akzeptierte jedoch ihre Erklärung, und so stand sie innerhalb kürzester Zeit im Foyer. Die Empfangsdame grüßte sie mit einer besorgten Nachfrage, ob es ihr gutgehe. Ginny antwortete mit einem wackligen Lächeln und nickte.
Die Halle des Ministeriums war wie immer umtriebig. Beim Eintreten wurden einige Schnappschüsse von ihr gemacht und Reporter des Tagespropheten riefen ihr Interviewfragen zu, doch die winkte sie nur mit einem „Alles in Ordnung. Kein weiterer Kommentar." ab. Gerade war sie ziemlich froh, an einen Glamourzauber gedacht zu haben, der die Verletzung kaschierte, denn anscheinend hatte ihr ‚Unfall' schnell die Runde gemacht. Und jetzt noch Klatsch über sich selbst im Umlauf zu haben, war das Letzte, was sie wollte.
Sie war bodenlos erleichtert, als sie ihre Abteilung endlich erreichte. Sie drückte die Klinke herunter und öffnete die Tür. Ganz zu ihrer Überraschung erblickte sie Hermine, die inmitten der Aurorenzentrale stand. Alle Auroren, auch die aus dem Nebenzimmer, die sich mit dem Aufspüren von Personen und Dingen beschäftigten, waren anwesend und standen im Raum verteilt. Sie wirkten angespannt und standen unnatürlich gerade. Irgendetwas an diesem Anblick verstörte Ginny.
„... habt ihr das alle verstanden?" Hermine merkte, dass die Blicke, die zuvor auf sie gerichtet gewesen waren, nun jemanden hinter ihr fokussierten, und drehte sich stirnrunzelnd zu ihr um. „Ginny!" Besorgnis machte sich auf ihren Zügen breit. „Du solltest wirklich nicht hier sein! Warum bist du nicht zu Hause und ruhst dich aus?"
Die Rothaarige zuckte die Achseln. „Ich wollte nur einmal kurz vorbeischauen. Nach Hause wollte ich nicht sofort, immerhin wurde Draco ja noch nicht verhaftet, oder?"
Hermine nahm sie beiseite. „Nein, das wurde er nicht. Noch nicht, okay? Die Auroren sind alle darauf angesetzt." Sie warf einen Blick zur Seite, und es kam wieder Leben in ihre Angestellten, die eilig an ihre Schreibtische zurückkehrten oder die Zentrale mit jeweils einem Besen in der Hand verließen. „Wir hatten gerade eine Zwischenbesprechung. Malfoy scheint sich gut versteckt zu haben. In London konnten wir ihn nicht finden. Wir werden nun flächendeckend England absuchen."
„Was?" Ginny wurde es flau in der Magengegend. „Ganz England?" Das klang ganz so, als könne sich Draco auf eine sehr lange Zeit in Askaban gefasst machen.
Hermine nickte. „Wir müssen ihn kriegen! Immerhin hat er versucht, die Regierung zu beeinflussen! Er hat erpresst und bedroht!" Tränen stiegen ihr in die Augen. „Er hat sogar Rose ins Spiel gebracht, denkst du, ich lasse ihm das einfach durchgehen?" Ihre Stimme brach.
Ginny nahm sie sofort in den Arm. „Natürlich nicht, du hast recht." Hermine lag komplett richtig, Draco war eine Gefahr, die sie in den Griff kriegen mussten.
Als Hermine gegangen war, fielen Ginny die feindseligen Blicke seitens Astorias auf. Natürlich war Dracos Frau wütend, dass Ginny ihn gemeldet hatte. Etwas anderes wäre auch nicht zu erwarten gewesen. Trotzdem wurmte es Ginny. Immerhin hatte Malfoy seine Situation selbst verschuldet. „Was ist?", fragte Ginny schließlich.
Astoria funkelte sie an. „Das fragen Sie noch? Wegen Ihnen ist Draco verschwunden. Keine Ahnung, was Sie da veranstaltet haben, um ihn so zu provozieren-"
Ginny glaubte, sich verhört zu haben. „Entschuldigen Sie mal? Sie wurden doch sicher informiert, dass der Angriff auf mich nicht sein einziges Vergehen war?"
„Ich bitte Sie", schnaubte Astoria. „Das glauben Sie doch nicht wirklich! Draco würde niemals-" Plötzlich jaulte sie vor Schmerz auf und warf Pansy einen empörten Blick zu, die gerade an ihr vorbeigegangen war und ihr wohl einen Tritt verpasst hatte. Dann schien sie erstaunlicherweise den kümmerlichen Rest an Selbstbeherrschung zusammenzukratzen, den sie besaß, und wandte sich ihrem halbfertigen Protokoll auf ihrem Schreibtisch zu.
Völlig verwirrt stand Ginny dort und beobachtete, wie Astoria wütend auf ihrem Protokoll herumkritzelte. Sie wagte einen zweiten Blick auf das eben Gesagte: Hätte Draco wirklich Hermine erpresst? War er letztendlich doch – zumindest was das anging – unschuldig und sie war dem echten D. auf dein Leim gegangen? Sie setzte sich an ihren Tisch und dachte nach. Je länger sie aber über diese Möglichkeit nachdachte, desto unwohler wurde ihr. Sie erinnerte sich, dass Draco Zeichen eines schlechten Gewissens gezeigt hatte, bevor sie ohnmächtig geworden war. Die Krankenschwester hatte nicht erwähnt, wer Ginny ins Mungo's gebracht hatte. Und Astoria hatte gesagt, Draco hätte das alles nie getan und er sei ‚verschwunden'. Aber dann hatte sie sich mitten im Satz unterbrochen, weil Pansy ihr einen Tritt gegeben hatte. Wenn Ginny das zu Ende dachte, hieß das... eventuell wussten sowohl Astoria als auch Pansy, wer D. war. Vielleicht wurden sie beide erpresst. Was aber vielleicht noch mehr Sinn machte, war, dass Pansy D. war. Immerhin hätte Astoria fast etwas Wichtiges gesagt, was jedoch von Pansy verhindert worden war. Aber das wäre dann doch sehr plump gewesen, ganz unpassend für jemanden, der es geschafft hatte, einen solchen Einfluss aufzubauen. Ginny riss sich zusammen. Es war zweifellos jemand aus dem Ministerium, aber wahrscheinlich niemand aus der Aurorenabteilung. Wer Auror wurde, strebte für gewöhnlich nicht nach Macht, sondern wollte beschützen – oder Aggressionen loswerden, doch solche Auroren blieben normalerweise nicht lange im Job. Es war wahrscheinlicher, dass D. im Gamot gesessen oder eine ähnliche hohe Position innegehabt hatte. Oder er war ein Reporter, der die Politik selbst in die Hand nehmen wollte. Ginny merkte, dass ihre Ideen zunehmend absurd wurden, und ließ sich seufzend in ihren Stuhl sinken.
Plötzlich legten sich wieder zwei Bilder übereinander. Ginnys Hände umklammerten die Lehnen, doch sie verlor den Boden unter den Füßen. Ehe sie sich versah, stand sie in einem weiß getünchten Raum, der an ein Muggellabor erinnerte.
Sie erschrak, als Draco in ihr Sichtfeld trat. Er wirkte ungewöhnlich ernst, anders als sie ihn in den letzten Tagen kennengelernt hatte. „Wir sind alleine. Wo ist Potter?"
Ginnys damaliges Selbst schloss kurz gequält die Augen. „Wo wohl? Ich durfte schon gehen, er nicht."
Draco lehnte sich ihr gegenüber an einen OP-Tisch. „Okay, dann erfährst eben nur du es sofort. Folgendes: Euer Plan wird scheitern."
„Ach ja, und warum?", fragte Ginny schnippisch. „Wir haben alles durchdacht. Jenner ist für das Ablenkungsmanöver zuständig, ich warte hier unten und schlage zu. Die Auroren kommen nach unten. Was soll schon schiefgehen?"
Ihr Gegenüber schüttelte den Kopf. „Du unterschätzt sie. Twist ist praktisch ihr Schoßhund und wird wahrscheinlich irgendwo in der Nähe sein. Und der Wicht sieht vielleicht nicht so aus, aber er kann kämpfen."
„Du sagst mir, ich soll Angst vor Twist haben?", lachte Ginny. „Komm schon, mit dem werde ich fertig." Als sie seinen zweifelnden Blick sah, stöhnte sie genervt auf. „Bei Merlins Unterhose, dann frage ich Harry eben, ob er mich hier unten unterstützt. War's das jetzt? Deswegen wolltest du uns treffen?" Sie verdrehte die Augen und wandte sich zur Tür.
„Nein, warte", sagte Draco und packte sie am Arm.
Sie warf ihm einen scharfen Blick zu und schlug seine Finger weg. „Fass mich nicht an!", fauchte sie. „Wir stehen auf einer Seite, schön und gut, aber Freunde sind wir deswegen nicht."
Beschwichtigend hob er die Hände. „Ganz ruhig, schon verstanden. Potter sollte jedenfalls nicht hier unten sein."
„Und ich schon, oder wie?", spöttelte Ginny.
Draco schüttelte den Kopf. „Nein, mir wäre es lieber, du wärst ganz weit weg von alldem. Aber du bist die Einzige, der ich diese Aufgabe zutraue. Oder zumindest würde ich das, wenn ich nicht wüsste, zu was sie fähig ist."
Ginny sah ihn unschlüssig an. „Und das wäre, neben dem, was wir schon wissen? Sie ist eine Lügnerin und eine Kriminelle. Sie hat mich und andere an Leichen herumexperimentieren lassen, um ihnen Magie abzugewinnen. Wir wussten zu Anfang nicht einmal, was die Substanz war, die wir da unterm Mikroskop hatten-"
„Überraschung", sagte Draco düster. „Sie hat diese Leute eigens dafür getötet und töten lassen. Vor dir steht ihr neuester Handlanger."
Die Hexe begann zu zittern. Ihre Augen hatten sich panisch geweitet. „Du...?"
Draco erkannte seinen Fehler. „Oh, nein, das habe ich nicht gemeint. Ich bin keiner ihrer Killer. Ich bin der... Aufräumservice."
Ginny schlug sich die Hand vor den Mund.
„Ich habe sie schon töten sehen. Sie ist anders, wenn nur ihr Killerkommando da ist. Du wirst zu große Angst haben, Ginny", erklärte Draco. „Wenn du dich überhaupt bewegst, du wirst den Kampf gegen sie verlieren." Er sah sie flehend an. „Bitte, lass es sein. Lass Potter diesen hirnrissigen Plan ausführen."
Sie schüttelte energisch den Kopf. „Ich kann und werde ihn nicht hängen lassen. Tut mir leid."
Dann wurde Ginny förmlich wieder in die Gegenwart katapultiert. Sie schnappte nach Luft und ließ die verschwitzten Armlehnen ihres Stuhls los. So eine lange und vor allem derart klare Erinnerung hatte sie bisher noch nicht gehabt. Draco schien gewusst zu haben, dass die Erinnerungsfetzen mit der Zeit so hilfreich werden würden, dass sie von selbst verstand. Anscheinend musste sie nur noch warten, bis ihr alles wieder einfiel. Von welcher Frau hatten Draco und sie damals gesprochen?
Da sackte die Erkenntnis. „Ich habe für sie gearbeitet", flüsterte sie kaum hörbar. Das machte ihr Angst. Und auch Harry war einer der Leute gewesen, die irgendwie mit dieser Frau zu tun gehabt hatten. Im Labor gearbeitet hatte er vermutlich eher nicht, aber irgendeine Position schien er durchaus innegehabt zu haben. Sie hatten geplant, die Leiterin dieser Geheimorganisation mithilfe der Auroren auffliegen zu lassen. Hermine war wahrscheinlich damals schon von D. unter Druck gesetzt worden, den Dingen freien Lauf zu lassen.
Aber wer war die Leiterin? Vielleicht sogar dieselbe Person, die sich D. nannte? Ginny ließ ihren Blick durch die Zentrale wandern und blieb bei Astoria hängen. Ginny und Harry hatten beide für diese Organisation gearbeitet. Wenn Draco das auch getan hatte, dann vielleicht auch Astoria. Und möglicherweise auch Daphne. Dann lief Twist durch ihr Blickfeld und sie erstarrte. Twist war definitiv Mitglied. Von ihm hätte sie das am wenigsten erwartet. Draco hatte ihn als ‚Schoßhündchen' bezeichnet. Also war Twist derjenige, der am meisten wusste. Doch sie konnte ihn nicht einfach so darauf ansprechen, schließlich wusste sie nicht, ob nicht noch andere Auroren zum von Draco erwähnten Killerkommando gehörten.
Auf einmal wurde ihr ein eigener Fehler klar. Draco wurde nun landesweit gesucht, dabei war er ‚nur' Teil der Organisation gewesen. Alle Verbrechen, die auf die Kappe von D. oder der Leiterin gingen, wurden nun ihm angehängt. Und sie war schuld. Dabei hatte er vermutlich ihr Leben gerettet, indem er ihr das Gedächtnis gelöscht hatte. Oder zumindest hatte er sie aus diesem Umfeld geholt. Wenn Astoria nur einen Teil davon wusste, dann war ihre Wut auf Ginny durchaus nachzuvollziehen. Die Rothaarige stand abrupt auf. Dann fiel ihr ein, dass sie nicht aussagen konnte. Sie durfte noch nichts richtig stellen, denn sonst war sie selbst geliefert. Tatsache war, sie war selbst hochgradig kriminell. Wenn sie den Mund aufmachte und die Wahrheit sagte, wäre das auch ihr eigenes Geständnis. Sie musste für ihre Kinder da sein, falls Harry nicht mehr aufwachte, da konnte sie das nicht tun.
Sie verstand nicht, wer ihr altes Ich vor dem ersten Obliviate gewesen war. Sie schien selbstbewusster, kampfbereiter, entschlossener und vor allem abgebrühter gewesen zu sein als sie es heute war. Was hatte Draco alles gelöscht? Würde sie sich jemals an alles erinnern? Irgendwann wieder so sein, als hätte man ihr nie teilweise das Gedächtnis gelöscht? Ehrlich gesagt wusste Ginny nicht, ob sie das wollte. Ihr altes Ich hatte an Menschenfleisch herumexperimentiert. Eigentlich wäre sie ganz froh, sich daran nicht zu erinnern.
„Mir ist doch nicht mehr so gut. Ich habe mich wohl übernommen", erklärte sie Emely Fraser leise, die gerade neben ihr hektisch Protokolle nach dem Alphabet ordnete. „Bringst du bitte nachher die Protokolle zur Ministerin?" Emely stimmte zu, und so nahm Ginny wieder Jacke und Tasche und verließ die Abteilung. Der Weg durch das Ministerium kam ihr sehr kurz vor, so schnell rasten ihre Gedanken. Das Problem war weitaus größer als sie und Hermine geahnt hatten. Morgen würde sie ein Auge auf Twist haben müssen. Nur allzu gerne hätte sie jemanden um Hilfe gebeten, aber sie wusste nicht, wem sie trauen konnte, und Hermine wollte sie mit alldem noch nicht belasten. Sie fühlte sich unglaublich allein in einem Spiel, in dem sie weder ihre eigenen Karten vollständig noch überhaupt ihren Gegner kannte.

~*~

Zu Hause angekommen, rief sie sofort bei ihren Eltern an. Auf dem Weg hatte sie schon gesehen, dass auf ihrem Handy mehrfach Anrufe von ihnen eingegangen waren, doch ihr ging es schließlich gut, also hatte sie nur ein kurzes „Mir geht's gut" gesimst.
Ihre Mutter ging sofort dran. „Schätzchen, was war los? Hermine hat angerufen." Die Sorge, die in diesen zwei Sätzen lag, war überwältigend.
Ginny wurde emotional, sobald sie die Stimme ihrer Mutter hörte. Sie hätte gerne zu Hause vorbeigeschaut und sich trösten lassen, aber damit würde sie alle nur unnötig in Gefahr bringen. Also schluckte sie die sich anbahnenden Tränen herunter und atmete tief durch. Welche Version der Ereignisse wollte sie ihren Eltern präsentieren? „Ich hatte eine Auseinandersetzung mit jemandem, der anscheinend wirklich nur das Beste für mich wollte", sagte sie schließlich reuevoll. „Wir hatten unterschiedliche Ansätze, wie ein Problem gelöst werden sollte. Ich bin ausgetickt und habe mir den Kopf angeschlagen. Das ist etwa die Grundfassung, Mom." Sie formulierte die Situation absichtlich harmloser als sie gewesen war. Sollte sie Draco in naher Zukunft noch einmal sehen, konnte er sich auf etwas gefasst machen, dafür, dass er den Obliviate hatte wiederholen wollen. Aber letztendlich waren seine Intentionen vermutlich nicht bösartig gewesen, also wollte sie ihn vor ihren Eltern nicht schlechtreden.
„Oje, Ginny", hörte sie nun auch ihren Vater am Hörer. „Ist es schlimm?"
Ja, Dad, es ist schlimm. Die ganze Situation. „Nein, nur eine Gehirnerschütterung. Konnte mit ein paar Zaubern und Tränken größtenteils behoben werden."
Sie redete noch eine Weile mit ihren Eltern. Das Gespräch gab ihr genug Kraft, dass sie glaubte, den nächsten Tag überstehen zu können. Sie konnte sogar kurz ihre Kinder sprechen. Und da musste Ginny tatsächlich weinen. Sie vermisste sie so sehr. Als sie auflegte, hatte sie einige Taschentuchpackungen verbraucht.
Ihr Handy stand keine Minute still, da klingelte es schon wieder. Sie nahm mit ängstlichem Herzklopfen ab. Die Nummer kannte sie. Das Mungo's.
Der Mann am anderen Ende der Leitung redete schnell. „Mrs. Potter, entschuldigen Sie vielmals, aber es ist zu einem weiteren Zwischenfall gekommen." Das schien ihm sehr peinlich zu sein. „Jemand ist in Mr. Potters Gedanken eingedrungen. Wir konnten nicht feststellen, ob Schaden angerichtet wurde. Zudem befand sich im Tropf erneut Gift. Wir wissen nicht, wie es dazu gekommen ist."
Ginny rutschte das Handy beinahe aus den schwitzigen Fingern. „Ich bin in zwanzig Minuten da." Schneller ging es nicht, und sie verfluchte ihre Gehirnerschütterung.

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