Acht
Every breath you take,
every step you make,
I'll be watching you
~ "Every Breath You Take" Cover by Chase Holfelder ~
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Montag.
Ginny fühlte sich wie zerschlagen. Am liebsten hätte sie sich umgedreht und weitergeschlafen, doch ihr Wecker wollte keine Ruhe geben. Schließlich setzte sie sich genervt auf, um ihn auszuschalten.
Ihr Blick fiel zufällig auf die Fensterscheibe. Der Schrecken fuhr ihr in die Glieder. Denn dort klebte ein Zettel. Die Schrift war zu ebenmäßig, um nicht einer verzauberten Feder zu entstammen.
WAS WEISST DU NOCH?
Das Beunruhigendste an dieser Nachricht war, dass sich das Elternschlafzimmer im zweiten Stockwerk befand. Ohne Besen wäre das so gut wie unmöglich, außer jemand war die Regenrinne hochgeklettert, was Lärm hätte verursachen müssen. Oder hatte sie so tief geschlafen?
Vorsichtshalber kniff sie sich, auch wenn sie sich dabei albern vorkam. Aber wer wusste schon, ob sie gerade nicht doch träumte? Als das Erwachen ausblieb und der Zettel ebenfalls weiterhin das Fenster zierte, gab sie auf. Dann war das hier eben Realität. So absurd sie auch sein mochte.
Und was sollte das überhaupt heißen: ‚Was weißt du noch?' Ob sie noch mehr wusste? Oder ob sie etwas noch immer wusste? Beides machte keinen Sinn. Sie wusste gar nichts, also konnte sie nicht noch mehr wissen. Tatsächlich hatte sie nicht die leiseste Ahnung, was hier gerade passierte. War ihr Leben etwa zum Thriller geworden? Da wurde man doch so terrorisiert. Zettelbotschaften, verfolgt und beobachtet werden, ... Was sollte das alles? Und was könnte sie immer noch wissen? Ihr fiel beim besten Willen nichts ein.
Verschreckt öffnete sie das Fenster und nahm den Zettel ab, wozu sie ihren Zauberstab zu Hilfe nehmen musste, da der Dauerklebefluch verwendet worden war.
Sie hörte James und Albus nebenan herumquäken. Wenn sie sich nicht ganz täuschte, spielten sie Kuckuck. Sie liebte ihre Kinder, und genau deshalb würde sie sie heute bei ihren Eltern lassen. Bis es wieder sicher zuhause war. Wer zu Stalking und Drohungen fähig war, konnte auch angreifen.
~*~
Die Zeit, die Ginny morgens immer in der Schlange bei den verzauberten Toiletten stand, verflog. Ihre Gedanken kreisten, getrieben von Angst, Sorge und Verwirrung. Wer hatte es auf sie abgesehen?
„Hey!", rief jemand hinter ihr. „Mrs. Potter!"
Sie schreckte auf. Sie war längst an der Reihe. Sie rief eine Entschuldigung und betrat die Kabine. Ihre Tasche an die Brust gedrückt, stieg sie mit beiden Füßen in die Kloschüssel und zog an der Spülung. Der Sog riss sie in einem Strudel nach unten.
Am liebsten hätte sie sich ewig weitergedreht, so verspürte sie nicht mehr das Gefühl, schreien zu müssen oder sich in einer dunklen Ecke verkriechen zu wollen. Als sie binnen Sekunden in der Halle des Zaubereiministeriums ausgespuckt wurde, wurde ihr klar, was ihr fehlte: das Fliegen. Heute Abend würde sie eine Runde auf dem Besen drehen, das nahm sie sich fest vor. Wenn sie durch die Lüfte glitt, musste sie nicht denken, dann fühlte sie sich frei.
Ginny drängelte nicht auf dem Weg zum Fahrstuhl, sondern ließ sich mitziehen. Schließlich erreichte sie aber doch den dekorativen Metallkäfig und fand ihren Platz zwischen einer Frau mit einem riesigem Hut, an dem eine orange Feder angebracht war, und William Twist, der ihr schüchtern zunickte, doch das nahm sie gar nicht wirklich wahr.
Der Aufzug ruckte und schoss in der nächsten Sekunde auch schon durch die dunklen Schächte. Der Zugwind schlug ihr ins Gesicht. Ginnys Finger krampften sich um den Haltegurt über ihrem Kopf. Ihre Augenlider flatterten. Erneut legte sich ein zweites Bild über ihre Augen. Leute, von denen sie nur verschwommen die Umrisse sehen konnte, schrien einander an.
„Ich werde es allen erzählen! Dann gibt es keine Lügen mehr, hinter denen Sie sich verstecken können!" Die Person versuchte energisch zu wirken, scheiterte aber kläglich, denn die Angst in seiner Stimme war unverkennbar.
Ginny lehnte an einer Wand. Auf dem Flur waren Stimmen laut geworden und sie hatte es für das Beste gehalten, sich zu verstecken. Sie wusste ganz genau, wenn sie hier entdeckt würde, wäre das weder förderlich für ihre Gesundheit noch für ihr Gedächtnis.
Die Stimme, die antwortete, war schneidend kalt. „Das können Sie vergessen. Ihr Komplize ist bald kein Problem mehr, und bevor Sie Idiot irgendwem stecken, was ich tue, sind Sie tot." Es war dieselbe Frau aus der Vision im Supermarkt, die sich über irgendetwas aufgeregt hatte.
„Ach ja? Sie wollen mich einfach töten?" Ein auffälliger Kiekser in einer männlichen Stimme. „Das können Sie nicht!"
Das freudlose Lachen, das dann ertönte, jagte Ginny einen Schauer über den Rücken. Die Wand in ihrem Rücken war kalt. „Ich habe im Krieg gekämpft, Sie wären nicht der Erste, den ich töte", sagte die Frau. Ein röchelndes Geräusch – jemand schnappte nach Luft – dann fiel die Person zu Boden.
Ginny schlug die Hand vor den Mund, um nicht versehentlich einen Laut von sich zu geben. Das Entsetzen war ihr durch den ganzen Körper gefahren. Sie wusste, sie durfte sich nicht bewegen, sonst würde sie entdeckt werden. Sie musste warten, bis die Frau gegangen war. Unglücklicherweise kamen die Schritte in ihre Richtung. Sie konnte sich vor Angst nicht bewegen. Doch die Frau bog in die andere Richtung ab. Ginny konnte die braunen Haare sehen. Eine halbe Minute stand sie noch bewegungslos da, an die Wand gepresst, und atmete flach. Dann, als sie sicher war, dass die Frau weg war, spähte sie um die Ecke. Der Mann, mit dem sie geredet hatte, lag auf dem dunkel gefliesten Boden. Ein spitzer Gegenstand, den Ginny nicht genau erkennen konnte, steckte in seinem Oberkörper. Von Panik erfasst und lief Ginny zu ihm hin. Sie sah sofort, dass man ihm nicht mehr helfen konnte.
Auf einmal war es, als tauchte sie aus einem dichten Nebel auf, der sie umgeben hatte. Sie befand sich wieder im aggressiv beleuchteten Aufzug und hing beängstigend lose am Haltegurt, der von der Decke baumelte.
Was war das gerade gewesen? Es fühlte sich wie eine Erinnerung an. Aber... irgendwie nicht wirklich ihre. Die Ginny, die sie da gewesen sein musste, hatte mehr gewusst als sie es nun tat. Alles war so verworren. Von wann stammte diese Erinnerung? Wer waren die streitenden Personen?
Michael Jenner war ihr letzter Anhaltspunkt gewesen. War das sein Tod gewesen, den sie irgendwie mitbekommen hatte? Musste es, oder waren noch mehr Ministeriumsarbeiter verschwunden, von denen man nichts wusste?
In solch verstörende Gedanken vertieft, ging sie den Flur zur Aurorenzentrale entlang. Als sie selbige betrat, arbeiteten alle bereits. Es hatten sich sogar schon zwei Teams vorbereitet, die Emely Fraser zusammengestellt haben musste. Dabei war Ginny nicht einmal zu spät! Anerkennend hob sie eine Augenbraue. So viel Arbeitseifer war sie nicht gewohnt. Am gestrigen Tag war die Stimmung hier ja noch eher mau gewesen...
„Morgen, Potter", wurde sie von Pansy begrüßt, die an ihr vorbei zum Mülleimer ging, um ein exzessiv zerknittertes Formular wegzuwerfen.
Verwundert wandte Ginny sich zu der Älteren um. Das war jetzt wirklich ungewöhnlich. „Guten Morgen", erwiderte sie langsam. Eine Sekunde schwieg sie, dann platzte sie heraus: „Was soll das Ganze hier eigentlich? Wie sind wir innerhalb von wenigen Tagen von Betriebsstreik zu dieser blendenden Arbeitsmoral gekommen?"
Die Brünette sah sie einen Moment unschlüssig an, biss sich auf die Lippe, als wolle sie etwas sagen, schüttelte schließlich aber den Kopf. „Dein unfassbares Charisma", war die knappe, jedoch wieder typisch sarkastische Antwort. Damit kehrte Pansy sehr schnell wieder auf ihren Platz zurück und ließ eine verwirrte Ginny stehen.
~*~
Wirklich überrascht war Ginny nicht, als sie in der Pause auf der Dachterrasse Draco Malfoy antraf. Scheinbar war ihr erster Tag der einzige gewesen, an dem er diesen Ort nicht aufgesucht hatte. Früher war das anders gewesen. Meist war sie hier oben mit Harry gewesen, oder alleine. Der Gedanke an Harry löste in ihr eine quälende Rastlosigkeit aus. Sie atmete tief durch, sich jetzt Sorgen zu machen würde nichts helfen. „Hey", begrüßte sie Malfoy ohne sonderliche Begeisterung, als sie sich gefasst hatte.
„Hallo, Ginny." Er lächelte dezent und hielt ihr die Schachtel hin. „Zigarette? Oder hast du wieder deine eigenen?" War das ein Witz oder hatte er es ihr tatsächlich übel genommen, dass sie das letzte Mal so reagiert hatte?
Unschlüssig starrte sie das Schächtelchen an und entschloss sich schließlich zu der Antwort, die ihr am wenigsten wahrscheinlich zum verbalen Verhängnis werden konnte: „Nein, danke. Ich habe jetzt nicht so wirklich Lust darauf."
„Was ist es dann, was dich hier hoch gelockt hat?", wollte Malfoy ehrlich interessiert wissen. „Meine Wenigkeit wohl eher nicht."
Das zwang ihr ein Grinsen auf die Lippen. Nie hätte sie gedacht, den ehemals so von sich selbst eingenommenen ehemaligen Mitschüler jemals so selbstironisch zu erleben. Er hatte sich wirklich geändert. „Es ist die Abwesenheit von Menschen. Ich versuche, dem... Getummel da unten zu entkommen", erklärte sie sich.
Er zog die Brauen zusammen und klopfte ein wenig Asche von seiner müde glimmenden Zigarette. „Dass ich der Gattung der Pflanzen angehöre wäre mir neu." Todernst nahm er einen Zug.
Ginny verdrehte die Augen. „Du weißt, was ich meine. Weshalb bist du hier?" Diese Antwort war ihr nun relativ wichtig. Wenn er bei ihr schon irgendwelche tiefer liegenden Gründe suchte...
„Ob du es glaubst oder nicht, zum Rauchen." Als er ihren zweifelnden Blick bemerkte, fügte er hinzu: „Brandschutzverordnung. Wobei, was hier im Ministerium brennen soll ist mir ein Rätsel. Hier sind deutlich mehr Fliesen und Kacheln als Holz. Vermutlich geht es eher um den Rauch, der nicht abziehen könnte." Über diese Hypothese sinnierend blickte er in die Ferne.
Gerne hätte sie ihm geglaubt, aber irgendwie konnte sie das nicht. Wenn er rauchen wollte, musste er dafür keine fünf Stöcke hoch fahren. Er könnte einfach kurz auf die Straße gehen. Mochte er vielleicht den Ausblick? Sie wurde das unbestimmte Gefühl nicht los, dass mehr dahinter steckte. „Ist es Astoria?" Sehr charmant. Sie biss sich auf die Zunge.
Er warf ihr einen undeutbaren Blick zu. „Sie ist ein Drache." Mehr sagte er nicht über seine Frau.
Bevor sie sich davon abhalten konnte, waren die Worte auch schon heraus: „Warum hast du sie dann geheiratet?" Und weiter ging es mit den Taktlosigkeiten. Ginnys Kopf fühlte sich an wie eine kochende Tomate, die kurz vorm Platzen war. Das musste einen schönen Farbverlauf geben, vom Rot ihrer Haare zum Rot ihres Gesichtes...
Draco beachtete ihre peinliche Verfassung nicht. „Das mag jetzt grausam oder bemitleidenswert klingen – wie auch immer du es siehst – aber sie war der Trostpreis." Bisher hatte er der Stadtkulisse seine Aufmerksamkeit geschenkt, nun sah er ihr in die Augen.
„Oh", machte Ginny und trat von einem Fuß auf den anderen. Jetzt hätte sie gerne eine Zigarette gehabt. Oder alternativ einen Zahnstocher, auf dem sie lässig herumkauen konnte, so wie dieser eine Cowboy aus den Comicheften ihres Vaters. Stattdessen stand sie nun verwirrt auf der Dachplattform und wusste nicht wohin mit ihren Händen.
„Sie war nicht annähernd so perfekt wie die, die ich eigentlich wollte", fuhr Draco nichtsdestotrotz fort. „Astoria war ihr jedoch ähnlich. Beide Diven, wunderschön und temperamentvoll. Nur mit Intelligenz ist wohl eher meine erste Wahl beschenkt."
„Okay", piepste Ginny und starrte auf ihre Haarspitzen. Oh, bei Merlin. Sie fühlte sich wirklich nicht wohl. Ihr Magen schien Anstalten zu machen, sich auf links zu drehen.
„Sei nicht so bescheiden, nimm das Kompliment an." Er legte seine Zigarette in den Aschenbecher, ohne sie auszudrücken. Dann machte er einen Schritt auf sie zu, sodass er ganz nah vor ihr stand. Er strich ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Sie konnte seinen Atem spüren. Er roch nach Rauch, aber das störte sie nicht. Ihr Herz schlug sehr schnell, es raste beinahe, und in ihrem Bauch veranstaltete irgendetwas Limbo. Nein, nein, nein! Das konnte sie Harry nicht antun! Sie liebte ihn doch – oder? Sie versteifte sich, wehrte seine Arme ab und stolperte rückwärts. „Ich bin verheiratet, Malfoy. Und du auch. Wir haben beide Kinder und...", stotterte sie vor sich hin und wischte sich die schwitzigen Hände mehrmals am Nadelstreifenrock ab, der ihr in diesem Moment viel zu kurz und unfassbar lächerlich vorkam.
„Potter ist momentan doch ohnehin unpässlich", warf Draco ein.
Ginny erstarrte. Langsam richtete sie sich auf. „Was willst du damit sagen?" Bedrohlich starrte sie ihn an. „Hast du ihn etwa vergiftet?"
„Ich?" Draco wich alle Farbe aus dem Gesicht. Dass sie das von ihm denken könnte war ihm anscheinend nicht in den Sinn gekommen. „Nein!"
„Und was ist mit den Drohungen?", ätzte Ginny weiter. Es schien ihr die einzige Möglichkeit zu sein, auf die sie diese vermaledeiten Schmetterlinge aus ihrem Bauch verscheuchen konnte. „Hast du vielleicht letztens im Pub nur so getan, als wüsstest du von nichts? Bist du auch derjenige, der Hermine schreibt? D.?" Sie hielt inne, die Kinnlade klappte ihr herunter. „Du bist D.! Draco!" Die Erkenntnis war schockierend.
Er legte die Stirn verständnislos in Falten. „Wovon um Merlins Willen sprichst du?" Er machte einen Schritt nach vorne, aber sie hob warnend die Hände und wich weiter zurück.
„Bleib einfach weg von mir!", keuchte sie, atemlos vor Angst. „Bist du vielleicht sogar mein Stalker, der kryptische Nachrichten an meinem Fenster hinterlässt?"
„Ginny, was ist hier los?", fragte Draco. „Ich habe nichts von alldem getan. Vielleicht sollten wir uns mal wieder zum Reden irgendwo treffen, du scheinst Hilfe zu brauchen-"
„Ich bin nicht verrückt!", fiel ihm Ginny ins Wort. „Schreckliche Dinge passieren! Menschen sterben und ich habe seltsame Erinnerungsbrocken in meinem Kopf! Jemand zieht hier alle Fäden und ich denke, das bist du!"
Geduldig hatte er gewartet, bis ihre kurze Tirade beendet war. „Kannst du auch nur eine deiner Behauptungen beweisen?"
Sie schluckte schwer. Wunder Punkt. „Nein."
„Dann wirf lieber nicht mit losen Anschuldigungen um dich." Missmutig verließ er die Dachterrasse und ließ die schwere Tür hinter sich zufallen.
Kaum dass er weg war, vergrub sie das Gesicht in beiden Händen. Er hatte recht, sie hatte sich wie eine Irre aufgeführt. Es bestand kein direkter Anlass dafür, ihn zu beschuldigen. Aber irgendwer musste es ja sein, und das mit der Initiale auf dem Brief, den Hermine ihr gezeigt hatte, wäre schon ein großer Zufall, wenn es nicht Draco wäre. Hatte sie überreagiert? Oder hatte er sich gerade geschickt aus der Sache herausmanövriert? Was auch immer es war, ihr war die Lust auf Londoner Stadtluft auch gerade vergangen, also wollte auch sie gehen. Da entdeckte sie Dracos Zigarettenschachtel auf der Brüstung. Er musste sie eben bei seinem überstürzten Abgang liegen gelassen haben. Ginny seufzte, schnappte sich das kleine Pappgebilde und lief ihm hinterher. Kurz vorm Aufzug holte sie ihn ein. „Du hast was vergessen", keuchte sie und hielt ihm die Zigaretten unter die Nase.
„Außer Form?", stichelte er, nahm aber die Schachtel entgegen. Die metallenen Gittertüren des Aufzugs öffneten sich.
„Wie wäre es mit einem Danke?", krittelte Ginny und betrat neben ihm den Fahrstuhl.
Er hob sarkastisch eine Braue. „Wie wäre es mit einer Entschuldigung?"
„Fairer Punkt", gestand Ginny ihm zu und schnappte sich gerade noch einen Haltegurt, ehe die rasante Abwärtsfahrt begann. Sie wartete, bis sie auf der Etage der Aurorenzentrale hielten, dann sagte sie: „Ich werde mich noch nicht entschuldigen. Nicht dafür, dass ich den...", sie räusperte sich verlegen, „... Kuss verhindert habe und erst recht nicht für meine Verdächtigungen. Nicht bevor ich nicht ganz sicher weiß, dass du es nicht doch warst und ein verabscheuungswürdiger, aber charmanter Lügner bist."
„Du findest mich charmant?" Den Rest hatte er wohlweislich ignoriert.
„Idiot", murmelte sie. Die Gittertür war schon dabei, sich zu schließen, da quetschte sie sich noch gerade wenig elegant hindurch. Wider Willen musste sie über Dracos Verhalten schmunzeln. Irgendwie war es... liebenswürdig? Er erführe besser nichts davon, dass sie ihn gedanklich als das bezeichnet hatte. ‚Charmant' war er gerne, aber ‚liebenswürdig' hatte etwas von einem treudoofen Hund – und das war Draco bei weitem nicht. Es war nach wie vor möglich, dass er sie böse überraschen würde, daher nahm sie sich vor, ihn genauer unter die Lupe zu nehmen. Wer war er geworden, seit sie sich das letzte Mal in der Schlacht gesehen hatte und er feige mit seiner Familie abgehauen war? Sie stellte fest, dass sie gar nichts über ihn wusste. Ihre eigene Vergangenheit war von der Presse zu Genüge ausgeschlachtet worden, aber er war praktisch zum Geist geworden. Einzig seine Beförderung zum Leiter des Büros zur Ermittlung und Beschlagnahme Gefälschter Verteidigungszauber und Schutzgegenstände hatte es an die Öffentlichkeit geschafft. Zeit, mehr über ihn zu erfahren.
~*~
Da sie ihren Plan sofort in die Wirklichkeit umsetzen wollte, wies sie Emely an, für die nächsten zwei Stunden die Teams nach dem üblichen Muster aufzustellen. In der Zeit, die ihr das verschaffte, ging sie hinunter zu Hermines Büro. Sie hoffte, entweder direkt mit ihr sprechen zu können oder ansonsten in ihrem Büro etwas zu finden, das ihr helfen konnte. Dagegen würde ihre beste Freundin ja wohl nichts haben.
Auf dem Weg entdeckte sie einen dünnen Blondschopf, der in der Eingangshalle halb hinter einer Wand versteckt etwas in einem Seitengang zu beobachten schien. Das war seltsam. Einen Moment zögerte sie, sich zu ihm zu stellen. Dann schalt sie sich. Wie sollte sie herausfinden, ob er schuldig war, wenn sie ihn mied?
Er bemerkte sie, ehe sie ihn erreicht hatte. Ertappt wirkte er nicht, nur verwundert. „Sieh mal. Was zur Hölle?", murmelte er und deutete auf die seltsame Prozession, die dort vonstattenging. Der Zaubergamot verließ geschlossen den Sitzungssaal. Die Zauberer und Hexen sahen verärgert aus.
Die Zaubereiministerin folgte trat als Letzte hinaus und schloss die Tür hinter ihnen. Nach kurzem Zögern und einem kurzen Gekabbel mit Draco, der sie davon abhalten wollte, ging Ginny zu ihr.
„Hey, Mine, was ist da los?", fragte Ginny.
Hermine drehte sich mit einem nachsichtigen Lächeln zu ihr um. „Der Gamot wurde aufgelöst. Bürger haben sich beschwert, dass es unfair sei, einen nach Blutlinien und sozialer Stellung zusammengestellten Rat Politik ausüben zu lassen. Und weißt du was?" Sie sah auf einmal entschlossen drein. „Da haben sie vollkommen recht. Ich werde neue Vertreter des Volkes wählen lassen, damit von nun an möglichst viele Interessensgruppen ihre Belange zum Ausdruck bringen können."
„Das ist... klasse... nehme ich an", meinte Ginny unschlüssig. War das wirklich gut? Der Gamot hatte sich doch bisher als recht zuverlässig erwiesen, oder sah sie das falsch?
Ihr Gegenüber sah sie fragend an. „Du wirkst nicht begeistert. Denkst du, meine Entscheidung war unbedacht?" Verunsichert sah Hermine dem Gamot nach.
Hastig beeilte sich Ginny, ihre Freundin zu beruhigen: „Mach dir keinen Kopf, die Idee ist super."
Sofort strahlte die Brünette. „Danke, Gin." Sie umarmte die jüngere Hexe. Dann fiel ihr die steile Sorgenfalte zwischen Ginnys Brauen auf. „Oh nein, was ist los?"
Ginny straffte ihr Gesicht und setzte ein Lächeln auf. „Nichts. Nur..." Okay, nein, das Lächeln war fehl am Platz. Sie ließ es fallen. „Malfoy verhält sich komisch. Könnte ich einen Blick in seine Personalakte werfen?"
Besorgt nickte die Zaubereiministerin. „Selbstverständlich darfst du! Was meinst du mit ‚komisch'?"
„Das muss dich noch nicht kümmern", behauptete Ginny. „Wenn ich mehr weiß, sage ich dir Bescheid."
Ihre beste Freundin sah nicht überzeugt aus. „Sicher, dass du nicht doch..."
„Mine, es ist alles in Ordnung!", beteuerte Ginny standhaft. Sie wollte nicht, dass Hermine sich Sorgen machte. Und – so ungern sie es auch zugab – sie wollte nicht, dass Malfoy allzu schnell in Schwierigkeiten geriet.
~*~
Der Rest des Tages verlief ohne besondere Vorkommnisse und so fand sich Ginny spätnachmittags im Mungo's an Harrys Krankenbett wieder. Das schlechte Gewissen plagte sie, riss ihr fast die Eingeweide heraus. Heute hatte sie fast Draco Malfoy geküsst – oder er sie, wie auch immer. Jedenfalls hatte sie etwas gefühlt. Das war nicht gut. Es war alles andere als fair Harry gegenüber. Und was war mit James und Albus? Ihre Kinder sollten nicht unter ihren Launen leiden müssen. Dass sie Dracos Einladung ausgeschlagen hatte war gut gewesen, redete sie sich ein. Am Ende war er nur ein ehemaliger Schnösel, der zu Schulzeiten nicht die Courage aufgebracht hatte, um sie anzusprechen, als sie noch Single oder zumindest nur mit Dean Thomas zusammen gewesen war, der grundsätzlich bloß Harry eifersüchtig machen sollte.
Sie dachte an die vergangenen letzten Stunden. In Dracos Personalakte hatte nichts Aufsehen Erregendes gestanden. Nur, dass er sich für die Mysteriumsabteilung beworben hatte, aber aufgrund mangelnder Qualifikationen abgelehnt worden war. Bemerkenswert viele Fehlstunden, jedoch allesamt entschuldigt.
Ginny warf einen Blick durch das Fenster. In seinem Krankenbett lag still und blass ihr Mann. Er trug nach wie vor die vom Krankenhaus bereitgestellte Kleidung. Warum wachte Harry einfach nicht auf? Sie konnte nicht anders, als sich vorzustellen, wie eine Unterhaltung ablaufen würde, in der sie ihm von heute erzählte. Von Malfoy und ihr. Und dann stellte sich ihr eine wahrlich abstoßende Frage: Wollte sie noch, dass er aufwachte?
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