Kapitel 5

Ich saß im Unterricht. Erdkunde. Es war die letzte Stunde und ich hatte wenig Bock, jetzt noch was zu machen. Ich weiß, vorbildlich ist was anderes, aber ich bin ja auch kein Vorbild für jemanden. Wieder lief ein Teil von mir zum Fenster. Es stand offen und ein warmer Sommerwind kam von dort ins Klassenzimmer. Ich sah nach draußen. Häuser, Straßen, Autos. Nicht wirklich ein schöner Ort um zu fliegen, aber was viel besseres gab es nicht. Ich kletterte aufs Fensterbrett, breitete meine Flügel aus und sprang ab. Ich begann mit den Flügeln zu schlagen und würde schneller. Schneller, schneller und schnellef. Ich lächelte und flog rasend schnell über die Gebäude. Eine scharfe Rechtskurve, dann nach links. Noch ein bisschen geradeaus und schon war ich im Stadtpark. Zu Fuß hätte ich bestimmt 20 Minuten gebraucht. Wenn ich flog waren es höchstens 5 Minuten. Ich liebte das Gefühl, wenn meine Haare im Wind flattern. Ich flog rasend schnell im Slalom um die Birken der Allee, sauste über den kleinen See und flog Mal wieder hoch in die Luft. Als ich sehr weit oben war, lehnte ich mich nach hinten und sauste kopfüber hinab. „Juhuu!”, schrie ich laut. Niemand konnte es hören, aber das war wahrscheinlich auch besser so. Ich drehte mich mithilfe meiner Flügel zur Seite und schoss wieder hoch in die Luft. Ich war wirklich atemberaubend schnell. Ich wollte eigentlich gar nicht mehr zurück in den Unterricht, aber ich hörte, wie in einem Traum, die Stimme von Mia, meiner Sitznachbarin und besten Freundin. Sie flüsterte mir irgendwas zu, und das Wort Schokolade kam darin vor. Und für Schokolade, bin ich immer zu haben. Schnell wie der Wind sauste ich zurück, im Sturzflug, in einem in der Realität definitiv tödlichen Tempo, durch das Fenster an meinen Platz. Gerade rechtzeitig um mir einen der Schokoriegel, die unsere  Lehrerin austeilte, zu nehmen.

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