*32 Instabil

Wills besorgte Augen musterten mich, als das Kopfweh nochmal einen Ticken stärker wurde. Kyle riss sich aus Jana's und Ceithre's Händen und kam auf mich zu. Die Wächter waren noch zu überrumpelt, um einzugreifen, Will drängte sich zwischen mich und den Betrunkenen. "Höa zu du Pänna! Isch-" Will unterbrach ihn. "Kyle, ich glaube, du solltest dich ein wenig hinlegen." Er schnappte ihn sich und führte den sich wehrenden aus dem Raum hoch in unser Gästezimmer. Ceithre zog sich einen Stuhl ran und setzte sich, ich ließ mich auf den Boden rutschen. "Das... es ist doch eigentlich unmöglich, oder?", fragte Septim leise. Angsterfüllt griff sie nach Hannah's Hand, welche erstaunlich gefasst den Kopf schüttelte. "Nein, es ist möglich. Es ist aber erst zwei Mal vorgekommen. Wie geht es euren Köpfen im Moment?" Sie sah mich und Ceithre an. Ich seufzte und schloss die Augen. "Ganz in Ordnung... Aushaltbar.", antwortete der vierte Wächter dann und ich nickte zustimmend. Julien stieß laut die Luft aus. "Was machen wir jetzt?" Keiner wusste eine Antwort. "Wir müssen zum Turm von Avar, er hat lange nachgeforscht, warum seine Vorgängergeneration gemeinsam gestorben ist." Ich schüttelte den Kopf. "Ich war dort, erst vor wenigen Wochen. Es ist alles verbrannt. Aber ich habe Stimmen vernommen und Dinge gesehen... Das hat mich auch gerade darauf gebracht, dass-" Die Tür ging wieder auf und Will kam mit Michael und der zierlichen Gefährtin von Ceithre in den Raum.

Jeder redet mit seinem Gefährten separat, in Ordnung? Ob über Link oder persönlich...

, schlug Elena vor und wir stimmten alle zu. Will sah mich fragend an. Ich seufzte nur und sagte: "Komm, wir gehen ein bisschen in den Wald." Misstrauisch folgte er mir zur Haustür. Als wir sie hinter uns zu zogen, wollte er nach meiner Hand greifen, aber ich ließ es nicht zu. Traurig, verwirrt und besorgt sah er mich an. Schweigend ging ich ihm voraus in den Wald. Es war kalt, denn es dämmerte schon und ein beißender Wind blies, aber ich bekam das durch meinen schwarzen Pulli nur wenig mit. Als ich einen ruhigen Platz gefunden hatte, blieb ich genauso stumm stehen und sah auf den Boden. Ich glaube nicht, was gerade passiert... Es ist so surreal., dachte ich resigniert und merkte, wie Will sich vor mich stellte und sanft mein Kinn anhob. "Rede mit mir!", flehte er leise. Ich seufzte. "Du weißt, dass Wächter mit Gaben beschenkt sind, mit denen sie das Gleichgewicht halten sollen. Was aber passiert deiner Meinung nach, wenn jemand akut gegen diese Gaben vorgeht?" Er sah mich verwirrt an. "Ich weiß nicht... Nichts? Es gibt doch jeden Tag Leute, die die Umwelt verschmutzen oder Bäume fällen." Ich nickte immernoch bedrückt. "Stimmt. Aber generell sind wir genau dann extrem Angreifbar, wenn jemand gegen unsere Aufgabe, gegen unsern Zweck geht. Und manche finden einen Weg, sich das zu Nutzen zu machen." Ich merkte selbst, wie sachlich meine Sprache wurde. Weil es zu sehr weh tun würde, es normal und mit mehr Emotionen zu sagen.

Was willst du mir damit sagen?

Will versuchte es eindringlicher über den Link. Ich gab ein wenig nach. "Als ich vor ein paar Wochen für drei Tage bei den Wächtern war,... Sagen wir es so, du kennst nicht die ganze Wahrheit. Eigentlich... Also... Streng genommen... Ich habe nur einen Tag bei den Wächtern verbracht." Seine Miene änderte sich nicht. "Die anderen beiden Tage habe ich versucht im Turm von Avar, seinem persönlichen Rückzugsort, mehr über meine Aufgabe als Wächter herauszufinden. Aber es war alles verbrannt. Als ich dann schon wieder gehen wollte, hörte ich plötzlich Stimmen. Sie erzählten leise Geschichten von längst vergangenen Zeiten und ich sah die Bilder zu den Geschehnissen. Es hat mich verwirrt und ich wollte nicht weiter darüber nachdenken. Aber sie haben mir nur gezeigt, was uns allen eigentlich immer warnend im Hinterkopf schweben sollte." Ich biss mir auf die Unterlippe. Wieso sprach ich so sachlich? Wieso fühlte es sich so surreal an? Will löste sanft meine Lippe von meinen Zähnen um mich zu küssen. Das wohlige Gefühl ließ mich für einen kurzen Moment unbeschwert fühlen, doch dann besann ich mich und löste mich von ihm. Unsere Gesichter waren sich nahe, auch wenn ich etwas kleiner war. "Im Moment ist es so...", sagte ich mit gedämpfter Stimme. "Jemand geht gegen unsere Gaben vor, macht uns schwach und greift uns so an. Deshalb die Kopfschmerzen. Es muss Magie im Spiel sein, sonst wäre es nicht so schlimm..." Er sah mich mit undurchschaubarer Miene an. Aber seine Augen zeigten die Angst. "Wie schlimm?" Ich vermied den Augenkontakt. "Ich hab dir mal gesagt, dass Wächter zäh sind. Und das stimmt auch. Aber wenn Ceithre und ich jetzt deswegen Kopfschmerzen haben, dann sind wir schon durch. Die anderen werden folgen. Jemand legt es darauf an, die Wächter zu stürzen. Und wenn er es richtig anstellt, dann für immer." Es blieb kurz still, der Blick meines Gefährten verlangte nach mehr Erklärung. Ich sah ihn wieder an. "Wir werden sterben."

Nach der kurzen, erdrückenden Stille schüttelte Will den Kopf. "Das lasse ich nicht zu, vergiss es. Ich rede mit Jay, wir halten den Zauber auf!" Ich schüttelte ebenfalls den Kopf. "Nein. Es gab noch nie einen Weg, um das aufzuhalten. Schon zwei Mal sind deshalb eine ganze Generation von Wächtern gestorben, aber nie hat es jemand geschafft, dass keine neuen Wächter geboren werden." Will sah mich fassungslos an. "Das heißt also, dass ich einfach still dasitzen und warten werdet, bis ihr nacheinander alle sterbt? So kenne ich die Wächter nicht, so kenne ich dich nicht! Five, damit gebt ihr euch selbst auf!" Er sah mir verzweifelt in die Augen. "Nein, wir werden nach einem Weg suchen. Und vorerst deutet auch nichts darauf hin, das wir so bald st-... du weißt schon. Aber bitte, ich weiß, es ist viel verlangt, aber bitte: Ihr müsst euch da raus halten!" "Wir?" "Ihr Gefährten. Es gibt noch keinen Grund, sich jetzt Gedanken über den Tod zu machen, wenn es ernst wird, wirst du es merken." Ich seufzte. "Woran?", fragte Will leise. Ich sah ihn still an

Willst du das wirklich wissen?

Seine Antwort kam ohne langes Zögern.

Ja.

"Wir werden instabil werden, die Verbindung zum Wald wird gekappt, es geht uns zunehmend auch neben den Kopfschmerzen schlechter.", murmelte ich leise. Vorsichtig, als könnte ich jeden Moment zerbrechen, strich Will mir über die Wange. Dann küsste er mich liebevoll. "Ich liebe dich. Ihr werdet einen Weg finden, ich glaube fest daran!" Ich atmete hörbar ein und aus. "Ich liebe dich auch.", meinte ich dann und setzte ein leichtes Lächeln auf, das gut zu seinem passte. Ich spürte sehr wohl, dass ihn diese Information innerlich aufwühlte, aber ich spürte auch, dass er absolut davon überzeugt war, dass es gut gehen würde. Da war kein bisschen Unsicherheit. Deshalb war auch sein Lächeln echt. Und das war das einzige, dass mich gerade davon abhielt, komplett den Boden unter den Füßen zu verlieren. "Weißt du was? Ich mache mir riesige Sorgen. Ich habe Angst um dich. Aber ich will nicht, dass sich deshalb jetzt etwas ändert. Wir wissen nicht, wie viel Zeit uns bleibt, auch wenn ich nur ungern davon ausgehe, dass du... du weißt schon. Aber wenn es dann doch so weit kommen sollte, dann will ich sagen können, dass wir uns nicht davon aus der Bahn haben werfen lassen. Verstehst du?", fragte Will mit ehrlichem Lächeln und ich stimmte mit nun offensichtlich ein wenig besserer Laune zu. Dann griff ich nach seiner Hand und wir machten uns mit immernoch ein wenig gedrückter Stimmung auf den Weg zurück. "Was hast du eigentlich mit Kyle vor?", fragte Will dann. Und es wirkte. Sofort lenkte er mich ein bisschen ab. Und während ich ihm antwortete, dass ich morgen mit Kyle sprechen wollte, leitete ich Wills Worte an alle Wächter weiter. Sie sollten auch versuchen, unbeschwert weiter zu leben. Die Hoffnung stirbt zu letzt. Und solange wir uns nicht einschüchtern ließen, würden wir klarer denken können und einen Weg finden.

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