⊶65⊷
Jungkook Pov
Nach einer Zeit hört man auf sich zu widersetzen. Egal wie schlimm die Schmerzen sind, wie schwach der eigene Körper, man hat es leid gegen etwas zu kämpfen wenn man ohnehin keine Chance hat. Als Kind hat man ohnehin kaum eine Chance gegen einen erwachsenen Mann, aber bei zwei von ihnen war bereits der Versuch von Anfang an zum Scheitern verurteilt.
Sie treten auf mich ein, beleidigen mich und ich weiß das es für die nächsten Wochen kein Licht geben wird, denn es war nicht das erste mal das ich versucht habe zu fliehen. Es vergeht kein Tag an dem ich nicht über einen Weg nachdenke aus diesem Loch zu entkommen, aber es klappt nie.
Es ist etwas mehr als sechs Monate her seit mein Bruder verschwunden ist, zumindest den Strichen an den Wänden nach zu urteilen, denn das Zeitgefühl habe ich hier unten bereits vor einer ganzen Weile verloren. Ich weiß nicht wann, aber irgendwann habe ich aufgehört daran zu glauben von meinen Eltern hier heraus geholt zu werden.
Sogar der Schmerz, den mir die Schläge dieser Männer zufügen, ist ein willkommener Schmerz im Vergleich zu dem, den ich erdulden muss wenn ich daran denke das meine Eltern mit dem Geld, das sie sich gespart haben indem sie mich hier nicht befreien, am Esstisch sitzen und über ihre Geschäfte sprechen. Es macht mich krank zu wissen das ihr Leben weiter geht während ich hier unten langsam den Verstand verliere.
Ich höre nicht auf zu weinen, nicht einmal als sie den Raum verlassen und mich wieder im Dunkeln alleine lassen. Alles was ich tue ist meine Hände in den Haaren zu vergraben und tatsächlich an die Gesichter meiner Eltern zu denken, die ich fast schon vergessen habe.
Sie waren nie die liebevollsten, nie die herzlichsten Menschen, aber ich dachte ich könnte mich auf sie verlassen wenn es hart auf hart kommt. Das Yeongsu ihnen wichtiger war als ich haben sie nie bestritten, aber bin ich ihnen denn so wenig Wert? Bin ich überhaupt jemandem was Wert? Sogar mein Bruder hat vergessen das es mich gibt oder wie soll ich es mir sonst erklären das er noch nicht gekommen ist?
Die Wahrheit ist doch schlicht und einfach das ich vergessen oder für nicht wichtig genug erachtet wurde. Das ich von den einzigen Menschen im Stich gelassen wurde, die wissen wo ich bin und wie sie mich hier heraus bekommen können, aber die nichts dafür tun. Sie haben mein Leben in der Hand und sie schmeißen es einfach weg.
Die Verzweiflung treibt mir noch mehr Tränen in die Augen und obwohl ich alleine bin, obwohl niemand mich sehen würde wenn ich jetzt weiter weine, tue ich es nicht. Ich kann und möchte nicht zu lassen das ich wegen Menschen wie ihnen weitere Tränen verschwende, Trauer sollte nicht das Gefühl sein das ich ihnen gegenüber aufbringe. Es ist Hass, den sie verdient haben.
Es war vielleicht nicht ihre Schuld dass das alles passiert ist, nicht einmal sie hätten damit rechnen können das der Fahrer den Plan schmieden könnte uns zu entführen und eine Lösegeldforderung zu stellen, deswegen kann ich sie dafür nicht hassen. Aber ich kann sie für alles hassen was danach kam.
Ich weiß, dass es utopisches Denken ist zu glauben, dass Eltern ihre Kinder alle gleich lieben könnten. Die Wahrheit ist nämlich, das egal wie sehr sie es auch versuchen, es immer ein Kind gibt das sie mehr mögen, selbst wenn es nur ein kleines bisschen ist. Aber die Liebe ist nicht der Grund, weswegen meine Eltern meinen Bruder heraus geholt haben, sie sehen schlichtweg einfach einen größeren Vorteil in ihm, immerhin soll er irgendwann die Firma übernehmen und nicht ich. Ich bin also vollkommen unnütz in ihren Augen.
Es ist nicht meine Schuld, ich kann nichts dafür. Der einzige Fehler in meinem Leben, der einzige auf den ich keinen Einfluss hatte und der doch dafür verantwortlich ist das ich hier unten wahrscheinlich sterben werde sobald sie keine Lust mehr haben auf das Geld zu warten ist der, nicht als erster geboren zu sein. Mein einziger Fehler ist der, der jüngere von uns beiden zu sein.
Trotz all der Gleichgültigkeit, die sie mir mein ganzes Leben entgegen gebracht haben, habe ich meine Eltern niemals gehasst. Sie waren für mich die Menschen, die mir das Leben geschenkt haben, aber mittlerweile ist es anders. Sie haben mir vielleicht das Leben geschenkt, aber sie scheinen auch zu glauben das es nicht sehr viel Wert ist und dafür hasse ich sie.
Ich hasse sie dafür den Fehler begangen zu haben mich auf die Welt zu bringen, dafür meinen Bruder und mich wie Tickets für ihren Erfolg behandelt zu haben und vor allem hasse ich sie dafür das sie mich hier im Stich lassen.
Ich hasse sie so sehr, dass ich mir wünsche das vergessen zu können, was sie mir angetan haben.
Ich lege mich auf den Boden, ziehe die Knie an meinen Körper ran und kneife die Augen zusammen als der Schmerz in meinem Kopf, der da ist seit die Männer den Raum verlassen haben, noch stärker wird. Es ist, als würde man mit einem Nagel in alle möglichen stellen hauen, es zieht und drückt und es wird mit jeder Minute stärker.
"Bitte...", schluchze ich und fange an meinen Kopf gegen den Boden zu hauen in der Hoffnung mich so bis zur besinnungslosigkeit verletzen und damit dem Schmerz entkommen zu können, aber es passiert stattdessen etwas anderes.
Irgendwo im hintersten Teil meines Kopfes wird der Schmerz noch viel stärker, aber statt zu schreien oder mich noch mehr zu winden, wird meine Aufmerksamkeit auf etwas anderes gelenkt. Auf eine tiefe Stimme von einem Jungen.
"Der Hass sitzt tief", sagt er in einem für mich nicht wirklich ergründlichen Ton, aber aus irgendeinem Grund höre ich seinen Schmerz heraus, als wäre er schlimmer als der, den ich gerade verspüre. "Aber es ist nicht länger dein Hass."
Ich brauche den Raum gar nicht nach dem Urheber dieser Stimme abzusuchen, irgendetwas sagt mir das es keinen Körper dazu gibt, dass sie nur in meinem Kopf existiert und so schließe ich einfach die Augen und gebe mich der bewusstlosigkeit hin, die einer Erlösung für mich gleich kommt.
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