8. Brielle
Kommentare? Is for me?
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Ich schrecke zusammen, als jemand sich auf dem Stuhl mir gegenüber fallen lässt und dabei einen Lärm verursacht, der in einer Bibliothek nicht gerade wünschenswert ist. „Jesus Christ", zische ich, als ich Quinn erkenne.
„Sorry", murmelt er ohne die Lippen zu bewegen. Sein Blick ist verschattet, seine Haare sind feucht und er sieht aus, als hätte er keine Stunde geschlafen. Mit der einen Hand greift er blindlings nach unten und fischt für ein paar Sekunden in der Luft, bevor er die Augen schließt und die Schultern fallen lasst. „Fuck."
„Was ist los?"
„Hab mein Schulzeug vergessen. Liegt bestimmt noch zuhause." Seine Stimme ist wesentlich leiser als sonst, was ein krasser Kontrast zu seinem Auftritt vor wenigen Sekunden war. Er holt die Hand wieder hervor und legt sie auf den Tisch, bevor er den Kopf darauf bettet.
„Warum kommst du erst jetzt?", frage ich mit zusammengezogenen Augenbrauen. „Verschlafen kannst du kaum haben, oder?"
Quinn öffnet ein Auge, der dunkle Schatten darunter wie eine stumme Antwort. „Wurde aufgehalten", murrt er, bevor er das Auge wieder schließt. „Wo ist Avery?"
Ich zucke mit den Schultern, auch wenn er das nicht sehen kann. „In irgendeinem Handarbeitsraum. Sie hat gesagt, sie muss noch was fertigstellen, dann kommt sie her."
Statt zu antworten, brummt er nur.
Ich werfe Quinn einen zweifelnden Blick zu, bevor ich mich wieder meiner Lektüre widme. Es ist ein viel zu dickes Buch über Sportgeschichte. Meine eigene Wahl war es nicht, aber Zoe und Avery haben mir die Ehre überlassen, mehr über erfolgreiche Sportlehrinnen im Eishockey herauszufinden, also nehme ich diese Aufgabe sehr ernst. Immerhin geht es letztendlich darum, Gould für mich zu überzeugen und Zoe und Avery müssten mir nicht helfen. Ein Lächeln schleicht sich auf meine Lippen, als ich daran danke, wie sehr sich die beiden schon bemüht haben, obwohl ich meine Interaktionen mit Zoe an einer Hand abzählen kann.
Als ich einen tiefen Atemzug nehme, stocke ich. „Riechst du das auch?", frage ich leise, bevor ich noch einen Zug nehme. Ein kaum zu merkender Geruch nach Moder und Kompost liegt in der Luft. Es erinnert mich an die Gartenabteilung des Baumarkts.
Quinn reißt den Kopf hoch. „Oh nein", sagt er. „Sag mir bitte, dass das ein Witz ist." Er hebt eine Achsel und riecht am Stoff seiner Jacke.
„Äh. Eigentlich nicht. Ich glaube auch kaum, dass du das bist", gebe ich zurück, aber ernte dafür nur einen panischen Blick.
„Ich –" Quinns Augen huschen umher, als würde er erwarten, von allen Seiten belauscht zu werden, dann seufzt er kaum hörbar. „Ich glaube doch, dass ich das bin", murmelt er mit rotem Gesicht.
„Warum würdest du nach Gartenerde riechen?", frage ich irritiert, was Quinn dazu veranlasst, noch dunkler zu werden und erneut die kaum besetzte Bibliothek mit den Augen abzusuchen.
Für den Bruchteil einer Sekunde werde seine Augen groß, dann verliert er jedweden Ausdruck in ihnen. „Ich hab gestern den Garten umgegraben", sagt er. „Neue Blumen gepflanzt, Gemüse und Büsche und sowas. Schätze, ich hab noch Erde an den Schuhen oder so." Seine Stimme hat die Müdigkeit darin verloren, stattdessen hat ein neutraler Ton ihn eingenommen, fast schon als würde er etwas sagen, dass er lange Zeit auswendig gelernt hat. „Tut mir leid."
„Schon okay", erwidere ich langsam. Zweifel kommen in mir auf. Das klang nicht so, als würde es der Wahrheit entsprechen, aber dann wiederrum weiß ich nicht, warum ich die Wahrheit von Quinn erwarte, wenn ich ihn kaum kenne und ich immer noch nicht ehrlich mit allen war. Niemand weiß von meiner Mom und wenn ich es verhindern kann, dann will ich nicht, dass es jemand erfährt. Auf mitleidige Blicke kann ich sehr gut verzichten.
„Ich geh einfach und –"
„Quatsch nicht", sage ich und unterbreche ihn damit. Auf seinen etwas erschrockenen Blick hin, füge ich mit sanfterer Stimme hinzu: „Es stört ja niemanden. Außerdem merkt man es kaum." Ich versuche mich an einem Lächeln und es scheint zu wirken, denn einen Augenblick später sacken Quinns Schultern wieder in sich zusammen.
„Okay", antwortet er leise. Im gelblichen Licht der Lampen sieht die Haut unter seinen Augen besonders dunkel aus. „Sorry."
Ich mache eine wegwerfende Handbewegung. „Unsinn." Stille überkommt mich, aber ich kann den Blick nicht ganz von ihm nehmen. Ich will nicht, dass Quinn sich von mir eingeschüchtert fühlt, aber ich will ihn auch nicht zwingen, mir etwas zu erzählen, wenn er es offensichtlich nicht will. Ich beiße mir auf die Lippen und zwinge mich, die Augen wieder auf mein Buch zu richten.
Quinn allerdings bricht die Stille selbst. „Meine Stiefmutter hat gesagt, ich hätte einen fantastischen Job gemacht", sagt er leise. „Sie meint, der Garten hätte selten so schön ausgesehen und dass ich wirklich einen grünen Daumen habe. Sie will heute Abend Gäste empfangen und denen mein Werk zeigen." Stolz und – etwas, das ich nicht ganz zuordnen kann – schwingen in seiner Stimme mit, sodass ich wieder aufblicke. Seine Augen sind auf einen Punkt hinter meiner Schulter gerichtet, sein Blick ein wenig glasig.
„Bestimmt werden sie begeistert sein", erwidere ich mit einem Lächeln.
Ein tiefer Seufzer entkommt ihm. „Das hoffe ich."
Noch immer bin ich mir sicher, dass dort mehr hinter steckt, als er sich anmerken lässt, aber ich bin nicht jemand, der in den Geheimnissen anderer Leute wühlt. Wenn Quinn mir etwas vorlügen muss, dann wird er einen Grund haben und es liegt nicht an mir, das zu hinterfragen. Anstatt ihn weiter auszufragen, greife ich in meine Tasche, fische einen Stift und einen Block heraus und schiebe ihn über den Tisch. Auf seinen fragenden Blick hin sage ich: „Damit du heute nicht komplett ohne Sachen dastehst."
Er muss sich offensichtlich zu seinem Lächeln zwingen, aber ich kann die Dankbarkeit trotzdem in seinen Augen sehen. „Danke", antwortet er leise. Es vergehen mehrere ruhige Minuten, in denen ich mich wieder auf den Text vor mir konzentrieren und in denen Quinn an einem losen Faden seines T-Shirts spielt, bis er schließlich innehält und aufblickt. „Darf ich dich etwas fragen?"
„Nur zu."
Quinn beißt sich auf die Lippe, dann fängt er an zu reden. „Mal ganz hypothetisch, aber wenn ich jemanden kennen würde, der in einer Beziehung ist, aber in dieser Beziehung nicht vollkommen aufgehen kann, weil es gewisse Hindernisse gibt, die es für beide schwierig macht, wirklich offen miteinander zu sein, was sollte ich dann tun? Ich meine, was sollte derjenige in der Beziehung dann tun?" Seine Wangen werden dunkler, aber er meidet meinen Blick immerhin nicht.
„Oh." Ich habe nicht damit gerechnet, mit Beziehungsproblemen konfrontiert zu werden, auch wenn ich mir fast sicher bin, dass ich bisher nicht mitbekommen habe, dass Quinn in einer Beziehung wäre. Dann wiederrum hat Avery immer sehr kryptische Andeutungen gemacht, wann immer er in den Pausen nicht auffindbar war, also vielleicht habe ich etwas nicht mitbekommen. „Das ist wahrscheinlich offensichtlich, aber hast du – ich meine, hat dein Bekannter es schon mit offener Kommunikation funktioniert? Ehrlichkeit soll helfen, um Beziehungen aufrechtzuerhalten", antworte ich langsam, auch wenn ich nicht wirklich weiß, ob das stimmt.
Meine eigenen Beziehungserfahrungen beschränken sich auf einen Sommerflirt mit einem Jungen aus dem Eishockeycamp vor drei Jahren, der mich nach dem Sommer überall geblockt hat und einem Mädchen aus meiner alten Schulklasse, die wochenlang Andeutungen gemacht hat, sie würde gerne mit mir ausgehen wollen, aber dann doch einen Rückzieher gemacht hat, als ich sie tatsächlich gefragt habe. Und jetzt natürlich diese aufkeimenden Gefühle für Avery, über die ich mit Quinn eigentlich ungerne reden will.
Quinn zieht eine Grimasse. „Ehrlichkeit funktioniert, aber ist frustrierend. Wenn ich – wenn er ehrlich zu seinem Partner ist, dann endet es nur in Entschuldigungen und Ausflüchten. Und ich, ich meine er versteht die alle, aber es ist trotzdem frustrierend."
„Ich bin nicht sicher, ob ich die richtige Person bin, um dir Tipps zu geben", sage ich vorsichtig.
„Mit Avery kann ich aber nicht reden", entgegnet er aufgebracht klingend. „Und Robin hat genug andere Probleme, ich – ich brauch einfach einen Rat."
Langsam nicke ich. „Okay." Ein Seufzen entkommt mir, aber ich tarne es aus lautes Ausatmen, damit er nicht denkt, ich würde genervt sein. „Sind dein Bekannter und sein Partner denn überhaupt glücklich miteinander?", frage ich.
Quinn sieht mich an, als hätte ich seine Familie beleidigt. „Natürlich sind sie das! Mein Bekannter hätte niemals gedacht, dass ihn überhaupt jemals jemand mögen könnte und jetzt hat er endlich auch das bekommen, was für alle anderen so normal ist. Er ist nur – er ist nur frustriert, weißt du?" Er sieht mich beinahe flehend an. „Vom Verstecken."
Oh.
Oh.
Ein Geistesblitz überkommt mich und ich glaube, ich habe endlich begriffen, was Avery angedeutet und was Quinn nun ausgesprochen hat. Ein geheimer Freund. Verstecken vor den Augen anderer, aus Angst oder was auch immer und ich vermute mal, Quinn leidet darunter, auch wenn er es sich nicht wirklich anmerken lassen will. Oh, das klingt ja wie in diesen Geschichten aus dem Internet.
„Das ist schwierig", erwidere ich schließlich und hoffe, dass Quinn mit nicht anmerken kann, dass ich sein Geheimnis kenne. „Du solltest deinem Bekannten sagen, dass es sehr viele Gründe geben kann, wieso so eine Beziehung trotzdem funktioniert. Und wenn beide sich wirklich so sehr mögen, wie du sagst, dann sollte es eigentlich auch kein Problem sein, auch wenn ich sehr gut verstehen kann, wie es ist frustriert zu sein, mit niemandem darüber reden zu können. Hast du – ich meine, hast du deinem Bekannten denn mal gesagt, er solle versuchen, seinem Partner zu helfen, keine Angst mehr vor dem Verstecken zu haben?"
„Selbstverständlich", meint Quinn leise und lässt den Kopf sinken. „Ich habe es so oft angesprochen, aber er will sich nicht öffnen und hat Angst vor den Reaktionen von allen Leuten, die er kennt, auch wenn ich ihm gesagt habe, dass er das nicht muss. Aber ich will ihn auch nicht zwingen, wenn er nicht bereit dazu ist und ich will auch nicht, dass er sich viel zu schnell auf etwas einlässt, was er nicht ist und –" Schwer seufzend wirft Quinn den Kopf in den Nacken. „Egal was ich mache, es fühlt sich an, als wäre es falsch und ich würde alles nur noch verschlimmern."
Ich betrachte Quinn für einen Moment, dann sage ich das, was er wahrscheinlich nicht hören will. „Vielleicht würde euch Abstand gut tun."
Wie erwartet, reagiert er mit einem Schnauben und verdreht die Augen. „Wenn ich wieder allein sein will, dann frage ich dich um Rat, ist gemerkt."
„Hey, komm schon, ich –"
„Nein", unterbricht er mich mit einer wegwerfenden Handbewegung. „Schon okay. Vergiss einfach, dass ich gefragt, es war sowieso eine dämliche Idee. Ich komm schon klar."
Ich bin nicht sicher, was ich noch erwartet habe. Quinn verschränkt die Arme vor der Brust, dreht das Gesicht zur Seite und schließt die Augen, damit er mich ansehen noch weiter mit mir reden muss. Natürlich habe ich nicht damit gerechnet, dass er meinen Vorschlag freudestrahlend annimmt, aber dass er so reagiert, hätte ich nicht gedacht. Wahrscheinlich war es unsensibel von mir, aber was sollte ich sonst sagen? Ich kann ihm schlecht raten, dass er einfach in Ruhe leiden soll, damit er seinen geheimen Freund nicht verlassen muss, aber wenn er wirklich so unglücklich damit ist, sich verstecken zu müssen, dann weiß ich nicht, warum er es überhaupt tut. Quinn ist mir bis jetzt nicht wie jemand vorgekommen, der sich gerne selbst fertig macht, aber vielleicht habe ich ihn da komplett falsch eingeschätzt.
Ich widme mich wieder dem Sportbuch, aber kann mich kaum auf den Text konzentrieren. Immer wieder wage ich Blicke nach oben, aber Quinn hält seine abweisende Position ein und sieht nicht so aus, als würde er sich über weitere meiner unnötigen Tipps freuen. Ich gehe nicht davon aus, dass er lange sauer auf mich sein wird (zumindest wäre es ziemlich öde, wenn er das wäre), aber ich habe auch nicht vor, mich wegen meiner Ehrlichkeit zu entschuldigen. Noch dazu will ich nicht diejenige sein, die das Gespräch erneut aufwallen lässt, wenn es gerade erst beendet wurde, so unglücklich wir beide mit dem Ende auch waren. Das wird sich schon legen und in ein paar Stunden (oder Tagen) ist es so, als wäre nie etwas gewesen und wir können einfach vergessen, was ich gesagt habe.
Für ein paar Minuten starre ich auf den gleichen Absatz, nicht in der Lage, auch nur ein Wort zu lesen und zu verstehen, was ich dort gerade aufgenommen habe, bis ich schließlich aufgebe und das Buch zusammenklappe. Ich werfe einen weiteren Blick auf Quinn, aber er reagiert nicht, also stehe ich auf, lasse meine Tasche aber am Bode. Mit dem Sportgeschichtsbuch gehe ich durch die Reihen an Regalen, bis ich fast an der Tür angelange. An einem kleinen Tresen sitzt eine ältere Dame, von der ich mir das Buch ausleihen lasse, damit ich zuhause weiterarbeiten kann. Sie trägt meinen Namen in eine Liste ein, bevor sie mich wieder gehen lässt.
Als ich zurück gehe, vernehme ich leise Stimme in der Nähe meines Tisches. Ich lege die Stirn in Falten und bleibe an der Ecke stehen. Es ist vielleicht nicht die feine englische Art, aber da ich weder fein noch englisch bin, lausche ich.
„- deine Lektion gelernt hast, Quinny", sagt eine männliche Stimme, die mir nicht vertraut ist. „Mom war so sauer wie schon lange nicht mehr."
„Du hättest hören sollen, wie sie heute Morgen noch immer über dich geschimpft hast, aber du bist ja geflohen, noch bevor die Sonne aufgegangen ist." Das sagt eine zweite Stimme, die der ersten sehr ähnlich ist, aber ein wenig höher klingt, als wäre der Stimmbruch noch nicht komplett abgeschlossen.
„Was wollt ihr", erwidert Quinn, der wesentlich leiser redet. Er klingt nicht so, als hätte er Angst oder würde in Schwierigkeiten stecken, deswegen bleibe ich noch am Regal stehen und hoffe, dass niemand anderes vorbeikommt und meine Tarnung auffliegen lässt.
„Nun, ich dachte mir, dass wir eine Wiedergutmachung von dir bekommen könnten", sagt die erste Stimme.
„Wiedergutmachung?", wiederholt Quinn hohl. „Ihr habt dafür gesorgt, dass mein ganzes Zimmer nach Kompost riecht."
„Aber das doch nur, weil Mom es angeordnet hat", antwortet die erste Stimme. „Wie gesagt, wir hätten gar nichts gemacht, wenn sie nicht gesagt hätte, dass du eine Strafe verdienst."
„Du musstest dich ja auch besonders dumm anstellen und auffliegen", sagt die zweite Stimme anklagend.
Quinn schnaubt. „Was wollt ihr?", fragt er erneut.
„Du könntest ruhig etwas netter zu uns sein, Quinny, aber sei's drum. Manieren kann ich dir wohl nicht mehr beibringen."
„Übertreib nicht, Wes", entgegnet die zweite Stimme.
Der erste Junge, Wes, übergeht den anderen und sagt: „Dieses Biologie-Projekt ist echt anstrengend, nicht wahr, Quinny? Meinst du, du könntest mir da nicht ein wenig helfen?"
Mir wird schlagartig bewusst, was dort passiert. Wenn ich richtig liege, dann wird Quinn gerade von diesen beiden Jungs wegen irgendetwas erpresst. Ich kann nicht länger zuhören und mache mit einem Husten auf mich aufmerksam, bevor ich um die Ecke gehe, meine Finger fest an den Bucheinband gepresst, sodass sie anfangen wehzutun. „Ich wollte nicht stören", sage ich ohne Zeit zu verschwenden, als ich Quinn und die beiden anderen Jungs sehen kann.
Die beiden sehen sich zum verwechseln ähnlich. Zerzauste schwarze Haare, kantige Gesichter, graue Augen und kräftige Augenbrauen, die einer von ihnen angehoben hat, als er mich ansieht. „Ah, die Neue", sagt er. Der Stimme nach ist das Wes. „Wir waren sowieso fertig."
Der andere Junge sagt nichts, wirft Quinn einen letzten Blick zu, bevor er seinem, wie ich annehme, Zwilling folgt und sich an mir vorbeipresst. Ich warte, bis die Schritte von beiden auf dem Teppich verklingen, dann setze ich mich wieder an meinen Stuhl. „Wer waren die?"
Quinn ist still. Sein Gesicht ist blass und damit stechen die dunklen Ringe unter seinen Augen nur noch deutlicher hervor. Er wirkt kleiner und verletzlicher, als ich ihn zurückgelassen habe. Die Haut um seine Lippen ist fast weiß, so fest beißt er sich darauf, aber er macht nicht den Anschein, als würde er zu reden anfangen.
Ich hasse es, wenn ich Konfrontationen anfangen muss, aber das, was ich gehört habe, reicht mir aus, damit ich eine Ausnahme machen kann. „Haben diese Typen dich bedroht? Ich hab gehört, was der eine gesagt hat und –"
Wenn überhaupt möglich wird Quinn noch blasser. Sein Blick rutscht über den Tisch zu mir, seine Pupillen sind beinahe schon schreckgeweitet. „Was hast du gehört?", fragt er flüsternd. „Was auch immer es war, es ist nichts. Ein Scherz, mehr nicht. Du musst –"
„Du sollst die Hausaufgaben für die Typen machen, oder? Wegen denen bist du nicht zu den ersten Stunden gekommen und deswegen der Geruch nach Erde." Ich lasse ihn nicht antworten, sondern rede weiter, als er den Mund öffnet. „Hör zu, Quinn, wenn diese Typen dich bedrohen oder mobben, dann kann ich dir helfen."
Einen Moment lang blick er mich mit blankem Horror in den Augen an, dann verliert er den Ausdruck, bis er mit einem fast neutralen Gesicht antwortet: „Das war nur ein Scherz. Nichts weiter. Mach dir keinen Kopf." Er erhebt sich und greift den Block und Stift, den ich ihm gegeben habe. „Entschuldige mich, ich muss –"
In einer raschen Bewegung greife ich über den Tisch, bis ich den Block ebenfalls mit den Fingern umklammere. „Du rennst jetzt nicht weg", sage ich leise. „Erklär mir, was los ist, oder ich frage Avery. Wer waren die Typen und was wollten die?"
Quinn holt einen tiefen Atemzug, dann lässt er sich langsam wieder sinken. Er lässt die Sachen aus seinen Händen wieder auf den Tisch fallen, seine Schultern sacken zusammen und er sieht aus, als müsste er sich jeden Moment übergeben. „Wesley und Dalvin", sagt er schließlich. „Sie sind ..." Er bricht ab, presst die Lippen zusammen.
Ich entscheide mich, abzuwarten. Ich bin nicht sicher, ob Quinn mir die Wahrheit sagen wird oder eine Ausflucht sucht, indem er Zeit schindet, aber was auch immer er sagen wird, ich werde ihn nicht hetzen. Ich habe ihn in einem Moment der Not erwischt, soviel ist klar und wer weiß, was diese zwei Jungs noch gesagt und getan hätten, wenn ich mich nicht gezeigt hätte.
„Ich komme mit ihnen klar", sagt er schließlich. „Wirklich. Sie sind harmlos."
„Harmlose Leute kippen kein Kompost in dein Zimmer", erwidere ich.
Eine Totenblässe nimmt seine Haut ein. „Das hast du auch gehört", murmelt er.
„Hab ich. Ich wollte nicht unbedingt lauschen", füge ich an, „aber es erschien mir unhöflich, dich zu unterbrechen. Ich wusste ja nicht, dass die beiden ... keine Ahnung was vorhatten."
Quinn beißt sich erneut auf die Lippe, bevor er sich mit aufgeregt zitternden Pupillen umschaut. Er scannt die Umgebung, ob nach Fluchtwegen oder anderen Lauschern kann ich nicht erkennen, aber als er schließlich wieder zu mir schaut, liegt ein ungewöhnlich dumpfer Glanz in ihnen. Quinn schiebt seinen Stuhl so nah es geht an den Tisch, dann beugt er sich noch weiter vor und bedeutet mir, dass ich ebenfalls näher kommen soll. „Du darfst es niemandem erzählen", flüstert er. „Bitte. Auch nicht Avery. Sie weiß zwar, wie Wesley und Dalvin sind, aber ich will ihr keine unnötigen Sorgen wegen solcher Kleinigkeiten machen."
„Das erschien mir nicht wie –"
„Bitte", unterbricht er mich mit zischender Stimme. „Versprich mir, dass du niemandem etwas davon erzählst, was du gehört hast, und im Gegenzug verrate ich dir – verrate ich dir, was los ist."
Vorsichtig nicke ich, auch wenn ich nicht weiß, warum ich zustimme. Offensichtlich ist es Quinn sehr wichtig, dass niemand davon erfährt, aber warum? Warum sollte er die beiden Typen in Schutz nehmen, wenn sie ihm doch augenscheinlich das Leben schwer machen? Vielleicht verstehe ich es besser, wenn ich ihn erzählen lasse, was das sollte – wenn er denn dieses Mal die Wahrheit sagt. „Gut", sage ich leise. „Ehrenwort."
„Du sagst auch nichts zu Avery, egal wie sehr sie dich danach fragt", presst Quinn.
„Ich werde ihr nichts sagen, egal wie sehr sie mich verhört."
Quinns Mundwinkel zuckt für einen kurzen Moment, dann nickt er erleichtert. „Okay. Danke."
Als er zu lange ruhig bleibt, frage ich: „Und weiter?"
Er atmet hörbar zischend aus. „Na schön", murrt er. „Wesley und Dalvin sind meine Stiefbrüder. Ich leben mit ihnen und meiner Stiefmutter Sienna zusammen. Sie sind – sie sind nicht gerade die nettesten Menschen." Er macht eine kurze Pause, in der ich ihn erwartungsvoll ansehe, dann redet er weiter. „Ich versichere dir, dass ich damit klar komme. Ich bin diese Behandlung mittlerweile gewohnt und es – es macht mir nichts aus. Ich halte das, okay? Und ich will auch kein Mitleid und noch weniger will ich, dass sich jemand darin einmischt."
Überrascht weiche ich ein wenig zurück. So aufgebracht habe ich ihn bisher nicht erlebt und es passt nicht zu dem Quinn, den ich kennengelernt habe. „Warum sagst du denn nichts gegen sie? Oder weigerst dich?"
„Weil ich dann nur noch mehr zu tun habe", erwidert er zischend. „Ich weiß, wie das aussieht, okay? Ich komme damit klar und brauche keine Hilfe. Ich sitze meine Zeit mit ihnen ab und danach verschwinde ich und muss niemanden von ihnen je wieder sehen. Also misch dich bitte nicht ein, sag nichts darüber zu Avery und versuch auch nicht, mir irgendwelche Tipps zu geben."
Ich balle die Hände zu Fäusten an meinen Seiten. „Das ist Kindesmisshandlung", sage ich leise. „Du kannst dich nicht so behandeln lassen."
Quinn verengt die Augen. „Ich muss aber", erwidert er. „Ich will nicht wie irgendein tragischer Held klingen, der sich seinem traurigen Schicksal hingegeben hat, aber ich komme wirklich damit klar. Solange ich nach den Regeln spiele, geht es mir gut genug. Sienna kann auch nicht ewig über mein Leben bestimmen, okay? Wenn ich mit der Schule durch bin, dann verlasse ich dieses Haus und die Stadt und blicke nicht mehr zurück. Bis dahin muss ich eben ein wenig mehr kochen und putzen als andere in meinem Alter, aber das ist auch nicht das Ende der Welt."
Jetzt weiß ich auch, was Avery meint, wenn sie sagt, Quinn sei der dickköpfigste Mensch der Welt. Abwehrend hebe ich eine Hand. „Okay, okay. Ich mische mich nicht ein, erzähle Avery nichts und werde einfach vergessen, was ich gesehen habe." Ich lasse eine kurze Pause, dann füge ich an: „Falls du allerdings Hilfe bei dem Bioprojekt brauchst ..."
Ein schwaches Grinsen legt sich auf seine Lippen und er zieht den Kopf zurück. „Dann komm ich zu dir."
Ob es wirklich eine gute Entscheidung ist, nichts zu tun und Quinn mit seinen familiären Problemen alleinzulassen, weiß ich nicht. Aber was soll ich groß tun, ohne gegen seinen Willen zu gehen? Es gefällt mir nicht, es gefällt mir wirklich gar nicht, besonders wenn mir der unangenehme Blick seiner Stiefbrüder in den Sinn kommt, aber ich werde nichts tun und damit Quinns Vertrauen missbrauchen. Wenn ich es richtig verstanden habe, dann weiß vielleicht wirklich nur Avery, was in seiner Familie passiert und wenn sie es nicht geschafft hat, Quinn davon zu überzeigen, dass er etwas tun sollte, dann wird es keiner schaffen. Laut Avery ist er die dickköpfigste Person in dieser Stadt und das wird sie nicht nur aus Spaß sagen.
Quinn lehnt sich langsam in seinem Stuhl wieder zurück. „Die beiden reden in der Schule normalerweise nicht mit mir", sagt er. „Ich weiß nicht, warum sie jetzt auf einmal damit anfangen."
„Das Biologie-Projekt muss ihnen ja wichtig sein", erwidere ich in der Hoffnung, die Situation ein wenig zu lockern. Der zuckende Mundwinkel meines Gegenübers ist Antwort genug.
„Das muss es sein."
Es brennt mir in den Fingern, ihn mehr nach seiner Familie auszufragen, aber weiß, dass ich wahrscheinlich keine Antworten bekommen würde. Ich komme auch nicht mehr dazu, denn nur Minuten später ertönen gedämpfte Schritte in der Schulbibliothek und Avery taucht hinter den Regalen auf, ihre Tasche wie einen kostbaren Schatz an die Brust gedrückt. Sie kommt mit eiligen Schritten auf uns zu, lässt sich mit einem Grinsen auf einen leeren Stuhl fallen und guckt dann zu Quinn, als wäre er nicht Stunden zu spät und ohne Schulsachen aufgetaucht.
„Ich hab die Mitschriften für dich kopiert", sagt sie. „Und Mrs. Lawrence gesagt, dass es dir nicht gut ging."
„Danke", murmelt er und nimmt die Blätter entgegen, die Avery ihm über den Tisch schiebt. „Hättest du nicht machen müssen."
„Ich weiß, aber das heißt nicht, dass ich es nicht trotzdem mache." Sie zuckt mit den Schultern, dann fügt sie an: „Geht's dir jetzt besser? Hast du eine Tablette genommen, wie ich dir gesagt hab?" Den raschen Seitenblick auf mich kann ich schlecht ignorieren.
Quinn seufzt. „Ich habs ihr erzählt", erwidert er mit einem Nicken zu mir.
„Oh." Avery betrachtet erst Quinn, dann mich mit einem überrascht-nachdenklichen Ausdruck. „Das macht es einfacher. Wieso?"
„Ich wollte nicht, falls du das denkst", murrt er. „Die Zwillinge haben mich hier gefunden und Brielle hat gehört, was sie gesagt haben. Sie war drauf und dran eine Anti-Mobbing-Kampagne zu starten, um meine Ehre zu verteidigen."
Avery lacht leise. „Ich wusste ja gar nicht, dass dir Quincy auch so sehr am Herzen liegt."
„Ich kann einfach nicht anders, als die kleinen Leute zu beschützen", entgegne ich grinsend, woraufhin Quinn mich empört ansieht.
„Klein?", fragt er im gleichen Moment, indem ein leises Vibrieren erklingt. Er greift in seine Hosentasche und holt sein Handy hervor. „Und ich habe gedacht, du wärst eine anständige Person, die Leute nicht nach ihrer Größe bewertet." Kopfschüttelnd liest er die Nachricht, die bei ihm eingegangen ist, dann presst er die Lippen zusammen. „Ich –"
„Geh schon", sagt Avery augenverdrehend, woraufhin er dunkle Wangen bekommt, die den Schatten unter seinen Augen große Konkurrenz machen. „Aber wehe du verpasst die nächste Stunde, nochmal schreibe ich nicht für dich mit."
Er lächelt fahrig. „Ich weiß, ich weiß. Bis später. Danke noch mal", sagt er an mich gerichtet, bevor er mit eiligen Schritte die Bibliothek verlässt, meinen Block und den Stift unter den Arm geklemmt.
Avery seufzt. „Er ist ein starkes Stück Arbeit. Manchmal weiß ich nicht, wie ich überhaupt dazu komme, Freizeit zu haben, wenn ich mich täglich sorgen muss, ob er nicht gegen den nächsten Laternenpfahl läuft."
„Ich glaube, du unterschätzt ihn", erwidere ich, was Avery dazu veranlasst, mich anzugucken, als wäre sie überrascht, dass ich noch da bin. Ein Lächeln kämpft sich auf ihre Mundwinkel, als unsere Blicke sich treffen. „Er ist ganz gut mit den Zwillingen fertig geworden, als sie hier waren."
„Ich weiß, dass er kein hilfloses Lamm ist, aber es geht trotzdem gegen meine Natur, mir keine Sorgen um ihn zu machen." Ihr Lächeln wird ein wenig breiter. „Ich bin fast froh, dass du ihn belauscht hast. Quinn will niemandem erzählen, was er durchmachen muss, und akzeptiert lieber, dass er kaum Freunde deswegen haben kann. Ich glaube, mit dir, wissen jetzt drei Leute von seiner widerlichen Familie."
„Du und Robin?", rate ich.
„Robin und ich", nickt sie. „Wir wissen es aber auch nur, weil wir Quinns älteste Freunde sind und er uns nicht wie den Rest loswerden konnte. Auch wenn er es versucht hat", fügt sie schnaubend hinzu. „Ich schätze, er ist nicht der einzige dickköpfige Trottel hier."
„Ich fühle mich auf jeden Fall geehrt, dass er sich dazu entschieden hat, mir genug zu vertrauen", erwidere ich nach kurzer Pause. „Hast du fertig stellen können, woran du gearbeitet hast?"
„Oh." Averys Blick glänzt auf, als ich das sage und sie nickt, ihre Tasche immer noch an die Brust gepresst. „Ja, ich bin so gut wie fertig. Ich will zuhause noch den letzten Schliff machen, dann sollten sie perfekt sein."
„Verrätst du mir denn wenigstens, was es ist?"
„Nein", antwortet sie resolut. „Niemand darf wissen, was es ist, bevor sie nicht perfekt sind. Bis morgen wirst du dich noch gedulden müssen, dann sind sie bereit und ich kann sie verschenken."
Ich ziehe eine Augenbraue nach oben. „Ein Geschenk also."
Sie lächelt mich süßlich an, eine Herz-zum-Rasen-bringen-Geste. „Vielleicht. Du wirst es morgen sehen."
Kopfschüttelnd schiebe ich das Buch über Sportgeschichte in meine Tasche. „So wenig Vertrauen. Und dass, obwohl ich gerade bewiesen habe, dass man mir vertrauen kann."
„Oh, ich würde es dir erzählen, aber leider weiß ich nicht, ob du nicht vielleicht aus langen Familienreihe von Superspionen kommst, die meine geheimen Modedesigns herausfinden und an die französische Kleidungsmafia verkaufen wollen", sagt sie mit ernstem Gesichtsausdruck. „Das könnte ich mir nicht leisten, weißt du?"
Ich schnaube belustigt. „Du kannst beruhigt sein", meine ich. „Niemand aus meiner Familie ist ein geheimer Superspion. Zumindest weiß ich es nicht."
„Was dafür sprechen würde, dass sie sehr gut Spione sind, wenn sie es vor dir geheim halten können. Wer weiß, deine Mutter könnte in just diesem Moment für den Kopf der Mafia spionieren und du hättest keine Ahnung."
Mit einem Mal verfliegt die entspannte Stimmung aus meinem Körper. Blut benetzt meine Zunge, als ich mir so fest auf die Innenseite meiner Wange beiße, dass ich die Haut durchbreche und ich halte in meinem Atem inne. Natürlich kann sie nicht wissen, was sie sagt. Sie weiß nichts von meiner Mutter und ihrer Untreue, weiß nichts von den Geheimnissen, die diese Frau jahrelang vor mir und Dad gehalten hat. Avery kann nicht wissen, dass ich die Hände zu Fäusten balle, weil ich an das Gesicht meiner Mutter erinnert werden, als ich hören musste, was sie getan hat. „Würde mich nicht überraschen", bringe ich schließlich mit zusammengebissenen Zähnen hervor. „Sie ist gut darin, zu lügen und nicht aufzufliegen."
Avery blickt mich einen Moment lang irritiert an, dann setzen sich die Zahnrädchen hinter ihren Augen in Bewegung sie holt zischend Luft. „Tut mir leid, ich wollte nicht –"
Aber ich unterbreche sie mit einer Handbewegung. „Konntest du nicht wissen", sage ich knapp. Und dann, weil Quinn Ehrlichkeit gewählt hat, füge ich an: „Mein Dad und ich sind nur deswegen hergezogen. Meine Mom hat ihn jahrelang betrogen und ist endlich aufgeflogen. Der neue Job war nur eine halbherzige Wahrheit."
„Tut mir leid", wiederholt Avery leise.
Ich schüttele den Kopf. „Schon gut. Ich wollte es nur niemandem erzählen, damit ich nicht noch stärker die Blicke auf mich ziehen würde." Ich setze ein grimmiges Lächeln auf. „Die Neue zu sein reicht schon aus, besonders wenn man aussieht wie ich, da konnte ich nicht auch noch mitleidige Blicke und irgendwelches Flüstern über mich ertragen."
„Keiner wird's von mir erfahren", sagt Avery. „Ich bin wirklich gut darin, Geheimnisse für mich zu behalten."
Mein Lächeln wird ein wenig entspannter. „Ich es dir wahrscheinlich trotzdem erzählt. Mit Freunden sollte man ehrlich sein, finde ich."
Avery betrachtet mich überrascht, dann fällt ihr Gesicht in ein sanftes Licht. Ihre Haut glänzt wie Terrakotta unter der Lampe. „Dann danke", erwidert sie. „Für die Ehrlichkeit und die Freundschaft."
„Immer wieder." Ein Kribbeln nimmt meine Fingerspitzen ein. Ich verspüre einen unmöglichen Drang, über die Tischplatte zu fassen und Averys Hand zu greifen. Ihr Lächeln lässt mein Herz höher schlagen. Ich will nicht, dass ich zu schnell handle, deswegen kralle ich meine Finger in mein Shirt. Wenn ich wüsste, dass sie es nicht abwehren würde, dann würde ich es tun, aber so muss ich warten. Halloween, sage ich mir. Ich gehe mit Avery zu Austins Halloween-Party und hoffe, dass ich dort eine Antwort finden kann, die mir das Leben erleichtert.
„Na gut", sagt Avery und steht auf. „Der nächste Unterricht wartet leider."
Ich glaube, denke ich, als Avery mich anlächelt und damit den ganzen Raum erhellt, dass ich auch gerne im Unwissen leben werde, wenn das heißt, dass sie mich immer so ansehen wird.
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