7. Avery
In der Bibliothek ist es still und es gibt mir Freiraum, meine Gedanken zu sortieren. Quinn sitzt mir gegenüber, Robin auf dem Stuhl neben ihm und beide arbeiten leise vor sich hin, auch wenn Robin immer wieder auf dem Ende seines Stiftes kaut und mir damit eine Grimasse entlockt. Das knirschende Geräusch von Holz durchschneidet die Stille wie ein Schwert die Luft.
Noch Stunden zuvor habe ich auf dem gleichen Stuhl gesessen, Brielle und Zoe mir gegenüber und ein Laptop der Schule zwischen uns. Fotos von berühmten und bekannten Sportlerinnen, Schauspielerinnen und schließlich auch Persönlichkeiten haben den Bildschirm eingenommen, während wir uns im Flüsterton darüber unterhalten haben, wer passend genug ist, um Gould zu überzeugen. Ich habe eine Liste geführt und Zoe hat aufgeregt immer wieder auf ihrem Handy etwas nachgeschlagen, während Brielle sich die Artikel zu den Frauen durchgelesen hat. Und immer wieder, alle paar Minuten hat sie aufgeblickt und meine Augen gesucht.
Sie hat gelächelt und ich habe gelächelt und dann hat sie schnell wieder nach unten geguckt und ich habe die Begegnung vermisst. Wie kann es sein, dass ich etwas vermisse, dass ich doch jeden Tag habe? Wie kann es sein, dass ich mir jede Sekunde erneut gewünscht habe, dass unser Kontakt länger anhält? Wie kann es sein, dass mein Herz schneller schlägt, wenn das Mädchen vor mir meinen Blick trifft?
Es gab keine Zeit, sich darüber den Kopf zu zerbrechen, aber jetzt, wo die Zeit und Ruhe da ist, kann ich nichts denken. Mein Kopf ist leer, meine Gedanken ein einziges Loch. Ich kann nicht denken. Ich schaue stattdessen immer wieder auf meine Finger, die noch immer mit der Berührung brennen, die nur für den Bruchteil einer Sekunde angehalten hat, als Brielle und ich zeitgleich nach dem Laptop greifen wollten. Unsere Haut hat sich berührt und es hat gebrannt.
Brennen. Wenn es brennt, dann ist es doch eigentlich etwas Negatives, nicht? Es brennt, wenn ich meine Finger in die Flamme halte, es brennt, wenn ich aus Versehen die heiße Herdplatte berühre, es brennt, wenn ich nicht aufpasse und mich beim Kochen am Dampf verbrühe. Es brennt aber auch, wenn ich Brielles Blick halte, es brennt, wenn sie mich berührt, es brennt, wenn mein Herz schneller schlägt, weil meine Gedanken sich in ihre Richtung bewegen. Was soll das bedeuten? Ich – ich finde keine Antwort darauf, die mich nicht in eine Abwärtsspirale befördert. Mein ganzes Leben lang habe ich nur das eine gedacht, habe das eine gesehen, habe das eine gelernt und alles wird aus dem Fenster gestoßen, weil ich weiche Knie bekomme, wenn ein unglaubliches Mädchen mich ansieht?
Ich versuche mich zurückzuerinnern, an die Zeit, in der ich diese Gefühle für jemand anderen hatte, aber ich finde nichts. Nach allem, was ich weiß, ist das das erste Mal, dass ich soetwas fühle und es macht mir Angst. Was soll ich meiner Mutter sagen? Wird sie es Pastor Jenkins unter Tränen beichten und er wird ihr sagen, ich sei vom rechten Pfad abgekommen? Wie soll ich klar denken, wenn alles, was mir in den Sinn kommt, in der Apokalypse endet?
Brielle hat sich mit leisen Fanfaren in mein Herz geschlichen und jetzt werde ich sie nicht mehr los. Will ich das? Will ich, dass sie geht oder will ich, dass sie bleibt, laut und stolz und für immer? Ich werfe einen erneuten Blick auf meine Finger, die in meinem Schoß liegen. Ich stelle mir vor, wie sie in einer anderen Hand liegen, wie dieser jemand zudrückt und mir das warme Gefühl von Geborgenheit gibt. Dieser Jemand ist kein Junge. Dieser Jemand ist kein großer, hübscher Typ mit süßen Locken, auf die Quinn so steht, dieser Jemand ist eine Eishockeyspielerin mit Muskeln am ganzen Körper und ehrlichen braunen Augen, die mich anblickt und nicht nur das Mädchen mit den Kurven sieht, das sich hinter ausgefallener Mode versteckt. Sie sieht mich wie ich bin.
Meine Finger fangen an zu zittern. Ich kneife die Augen zusammen und zähle in meinen Gedanken langsam bis Zehn. Als ich die Augen wieder öffne und den Kopf hebe, hat Robin aufgehört an seinem Stift zu kauen. Sein Blick klebt unbewegt auf der Seite seines Buches und er hat eine Hand zur Faust geballt, hat sie so fest zusammengedrückt, dass ich das Weiß seiner Knöchel durch seine Haut schimmern sehen kann.
Die Anspannung, die sich in meine eigenen Schultern geschlichen hat, verfliegt. In meinem Anflug an eigener Panik und innerem Chaos habe ich vergessen, dass ich nicht die Einzige bin, die Probleme haben kann. Robin sieht aus, als würde ihm jeden Moment schlecht werden.
„Geht's dir nicht gut?", frage ich leise.
Als hätte ich ihm eine verpasst, blickt Robin mit einer raschen Kopfbewegung auf. „Ich muss euch etwas sagen", stolpert es aus seinem Mund.
Quinn legt die Stirn in Falten. „Alles okay?"
Mit zusammengepressten Lippen nickt Robin kurz. Er ringt mit den Händen und holt mehrmals tief Luft, während Quinn und ich einen verwirrten Blick miteinander tauschen, aber nichts sagen, um ihn nicht zu hetzen oder zu verunsichern. „Ich", fängt Robin an, bricht dann aber und beißt sich auf die Unterlippe. „Sorry", murmelt er. „Das ist – ich hab mir ewig Gedanken darüber gemacht und hab so lange überlegt, was ich sagen will, aber jetzt ist es weg."
„Schon gut", erwidere ich vorsichtig und versuche nicht mich ertappt zu fühlen. Es geht nicht um mich sondern um Robin. „Worum geht es denn? Vielleicht fällt es dir leichter, wenn du damit anfängst."
Robin lacht freudlos auf. „Das ist es ja, es geht um mich. Das ist nicht leicht, ich – ich habe mir Gedanken über mich gemacht. Wer ich bin", fügt er flüsternd hinzu und ich merke, wie sich eine eiskalte eiserne Hand über meine Lunge legt.
Mein Blick huscht zu Quinn, der den verwirrten Ausdruck verloren hat. Stattdessen sieht er verständnisvoll drein, ein schwaches Lächeln auf den Lippen. Er nickt, dann fragt er: „Und du glaubst, du kannst dich uns anvertrauen, was auch immer es ist?"
„Ich glaube ja", erwidert Robin leise ohne den Kopf zu heben. „Du hast – ich meine, du bist schon so lange out."
Quinn lacht kurz. „Ich hab Glück", sagt er. „Ich musste nie lange nachdanken und habe gewusst, wer ich bin, als ich noch jünger war. Das hat die Dinge wesentlich einfacher für mich gemacht." Er lässt eine kurze Pause, dann fügt er an: „Ich vermute mal, für dich ist es nicht so?"
„Doch!", antwortet Robin schnell. „Ich meine, Nein – also, doch, aber – oh." Er hebt eine Hand und legt sie sich übers Gesicht, ehe er tief Luft holt. „Diese Gedanken habe ich schon lange, immer mal wieder. Meistens bleiben sie nicht lange und ich kann mich auf was anderes fokussieren, aber in letzter Zeit denke ich öfter darüber nach, wie es ... naja, wie es wäre, wenn ich ..." Seine Stimme verblasst und er presst den Mund wieder zusammen.
„Du musst nichts sagen, wenn du nicht glaubst, dass du bereit dafür bist."
„Ich will es aber sagen, aber es klingt alles falsch", murrt Robin. „Ich weiß, dass das, was ich fühle, richtig ist und dass ich es rausbringen will, aber meine Zunge verknotet sich jedes Mal, wenn ich kurz davor bin. Ich weiß, dass ich es kann."
„Vielleicht hilft es, wenn du es aufschreibst?", frage ich vorsichtig, was Robin zumindest aufblicken lässt.
In seinem Blick schwebt etwas sehr Verletzliches. „Hab ich versucht", gibt er zerknirscht zu. „Aber das klang auch alles falsch." Erneut holt er einen tiefen Atemzug. „Okay, wisst ihr was? Ich sag's jetzt einfach und dann renne ich weg und wir sehen uns nie wieder, weil ich ein neues Leben in Alaska anfange."
Ich beiße mir auf die Zunge, um nicht zu lachen, weil ich mich viel zu sehr in Robin wiedererkenne. Stattdessen warte ich.
Einige Sekunden vergehen, bis Robin schließlich sagt: „Ich glaube, ich bin genderfluid und ich will nicht nur als männlich angesehen werden."
Mein Hirn realisiert einen Moment später, was er gesagt hat. „Genderfluid?", frage ich. „Du bist also – ich meine, beides?"
„Beides, gar nichts, nur eins, ich weiß nicht." Robins Gesicht ist knallrot, aber seine Lippen sind zu einem Grinsen verzogen. Erleichterung steht ihm auf die Stirn geschrieben. „Ich glaube nicht, dass ich nur eins bin. Ich – ich habe schon lange damit gehadert, wisst ihr? Jeden Tag männlich sein, als männlich gesehen werden – das bin nicht ich."
„Also ...", fängt Quinn an, langsam und nachdenklich klingend. „Bist du trans?"
„Nicht wirklich, nein", erwidert Robin kopfschüttelnd. „Ich mag meinen Körper, glaub ich. Ich mag, wie ich aussehe, aber ich will nicht nur an dieses eine Geschlecht gebunden sein, verstehst du? An manchen Tagen fühle ich mich einfach nicht männlich und würde viel lieber ... naja, viel lieber nicht männlich sein, falls das Sinn ergibt. Manchmal fühle ich mich wesentlich weiblicher, aber das hält auch nicht ewig. Es ist –"
„Fluide", schließe ich. Ich kann nicht anders, als zu lächeln. Robins Gesicht glüht vor Aufregung und Freude und ich spüre, wie meine eigene Haut heiß wird. „Das ist großartig, Robin. Oh – warte, ist der Name okay? Oder hast du –"
„Nein, nein, der Name ist klasse! Ich liebe meinen Namen und es ist – es ist außerdem ein witziger Zufall, dass der Name unisex ist. Als hätten meine Eltern es schon damals gewusst und wollten es mir einfacher machen." Er ist für einen Moment ruhig, dann bricht er in ein breites Grinsen aus. „Oh Gott, es tut so gut, es endlich mal gesagt zu haben. Es jemandem erzählt zu haben."
„Das glaube ich", erwidert Quinn leise, der ebenfalls lächelt. „Danke", fügt er. „Für dein Vertrauen."
Ich nicke ausgiebig. „Genau, Danke!"
Robin presst den Mund zusammen, ein glücklicher Ausdruck hat sein ganzes Gesicht eingenommen, als wären sein Geburtstag und Weihnachten vorverlegt geworden und er würde an beiden Tagen Geschenke bekomme. „Könntet ihr – könntet ihr vielleicht versuchen, weibliche Pronomen für mich zu verwenden? Sie/Ihr, ihr wisst schon. Ich – ich will wissen, wie es sich anfühlt."
„Oh", sagt Quinn überrascht klingend. „Äh, klar. Äh." Er dreht den Kopf zu mir und fügt dann in etwas mechanisch klingender Stimme hinzu: „Hast du Robins Outfit heute gesehen? Sie weiß wirklich, wie man sich in Szene setzt."
„Habe ich", gebe ich grinsend zurück, als ich bemerke, wie Robins Augen groß werden. „Sie sieht einfach nur großartig aus, egal was sie anhat, oder?"
„So okay?", fragt Quinn einen Augenblick später.
Robin nickt nur stumm. Er – nein, ermahne ich mich in Gedanken. Sie sieht glücklich und den Tränen nahe aus. Mein Herz fühlt sich an, als würde es jeden Moment explodieren und ein verräterisches Brennen nimmt meine eigenen Augenwinkel ein. „Oh Gott", flüstere ich leise. In einer raschen Bewegung stehe ich auf, ziehe Robin am Ärmel von ihrem Stuhl und drücke sie mir an die Brust. „Danke", sage ich erneut.
Für den Bruchteil einer Sekunde versteift sie sich, dann spüre ich ihre Hände an meinem Rücken. „Danke euch", erwidert Robin mit der ehrlichsten Stimme, die ich je vernommen habe.
Meine Hände zittern, als ich von ihr lasse. „Willst du es den anderen auch sagen?", frage ich leise, als ich mich wieder setze.
Robin lässt sich langsam wieder neben Quinn nieder, der ihr ein aufmunterndes Lächeln schenkt. „Ich weiß nicht", meint sie. „Ich meine, ich habe es kaum geschafft, es euch zu sagen, ohne eine halbe Panikattacke zu bekommen, ich weiß nicht, wie ich es einer gesamten Klasse sagen soll."
„Vielleicht musst du es gar nicht allen sagen", sagt Quinn langsam.
„Wie das?"
„Was ist, wenn wir einfach anfangen würden, in der Gegenwart der anderen deine präferierten Pronomen zu nutzen und dann ... keine Ahnung, kommen sie schon selbst auf den Trichter?"
Ein Lächeln erscheint auf Robins Lippen. „Das wäre zwar wirklich praktisch, aber wie viele Leute kennst du, die wissen, was genderfluid überhaupt bedeutet? Ich weiß nicht, ich glaube, es reicht, wenn ich weiß, dass ihr es wisst und dann kann ich –"
„Warte!", unterbreche ich sie aufgeregt klingend. Beinahe wäre ich wieder aufgesprungen, kann mich aber zurückhalten. „Ich glaube, ich hab eine Idee." Ein seltener Gedankenblitz hat mich durchdrungen und ich bin mir fast sicher, dass das eine meiner besten Ideen seit langer Zeit ist. „Gib mir bis morgen, dann hab ich eine Lösung, okay?"
„Kannst du es uns nicht jetzt sagen?", fragt Quinn mit zusammengezogenen Augenbrauen.
„Kann ich, aber das ruiniert die Überraschung."
„Aber bitte keiner öffentliche Durchsage", sagt Robin mit flehendem Unterton. „Das würde ich nicht durchhalten."
„Oh bitte, ich bin ein wenig sensibler als das. Meine Menschenkenntnis ist nicht unterirdisch, okay?" Ich unterdrücke den Drang, mit den Augen zu rollen und blicke Robin stattdessen abwartend an.
Als sie realisiert, worauf ich warte, öffnet sie überrascht den Mund. „Oh. Klar, ich kann bis morgen warten. Aber bitte mach dir keine unnötige Mühe, ich verspreche, ich kann es aushalten, wenn –"
„Keine Widerworte", sage ich laut und tue so, als hätte ich den Rest nicht gehört. „Und jetzt zurück an die Arbeit, das hier ist ein Ort der Stille und des Lernens und auch modische junge Frauen wie wir können das nicht ignorieren."
Robin sieht aus, als würde sie jeden Moment anfangen zu heulen.
***
Wieder zuhause verschwende ich keine Zeit mehr. Ich werfe meine Schultasche in die Ecke, fische mein Handy aus meiner Hosentasche und google nach Schnittmustern. Meine Nähmaschine funkelt in der Nachmittagssonne, als wäre sie frisch poliert – das ist sie nicht, aber ich habe sie erst am Wochenende entstaubt und gereinigt – und ist bereit dafür, angeschmissen zu werden und Leben zu verändern.
Ich öffne meine dutzenden Schubladen, die rings um meinen riesigen Schreibtisch stehen und ziehe Stoffballen, Scheren und Nadeln heraus, ziehe das Nadelkissen fürs Handgelenk über meine Finger und binde meine Haare mit einem breiten Zopfgummi zusammen. Es wird bald wieder Zeit, dass ich sie wasche, aber heute Abend habe ich wichtigere Dinge zu tun.
Von meinem Handy aus schicke ich einen Befehl an den Drucker im Nebenzimmer und drucke mir ein paar Schnittmuster und Schablonen aus, dann mache ich mich an die Arbeit. Ich probiere ein wenig mit den Farben herum, aber entscheide mich letztendlich für weiß. Schlicht und einfach und geht mit jeder Farbe. Mit weiß kann ich nicht viel falsch machen, selbst wenn Robin sich dafür entscheidet, sie nicht tragen zu wollen. Zwischendurch geht eine Nachricht ein und ich checke, mit einer Nähnadel zwischen den Zähnen, mein Handy, als es auf dem Tisch vibriert. Robin.
danke noch einmal, du weißt gar nicht, wie viel mir das bedeutet, dass ihr so reagiert habt
Auf die erste Nachricht folgt rasch ein zweite.
das hat mir sogar genug mut gegeben, um es meinem vater zu sagen, wenn er von der arbeit kommt. wünsch mir glück?
Ich grinse breit, als ich Robin antworte, dass ich all meine drei Daumen für sie drücke, dann schicke ich noch ungefähr einhundert Emoji der betenden Hände hinterher. Dann lege ich mein Handy wieder zur Seite und fokussiere mich auf meine Arbeit.
Nähen ist für mich wie entspannen. Nähen, schneidern, sticken – egal, was es ist, wenn es mit Kleidung und dessen Herstellung beziehungsweise Verbesserung zu tun hat, dann gehe ich darin vollkommen auf. Ich bin richtig gut darin, auch wenn es sich immer wie ekliges Eigenlob anfühlt, das zuzugeben, aber ich bin es wirklich. Und ich bin wahnsinnig stolz auf das, was ich bereits hergestellt habe. Ungefähr mein halber Kleiderschrank besteht aus eigenen Kreationen. Angefangen hat es mit hässlichen Socken aus viel zu dickem Garn, die mir nur über den halben Fuß gepasst haben, aber mittlerweile kann ich selbst Leder bearbeiten. Meine beste und liebste Kreation sind wahrscheinlich sogar meine kniehohen Lederstiefel, die ich aus einer alten Lederjacke hergestellt habe. Das hat mich zwar etliche schlaflose Nächte gekostet, aber letztendlich habe ich den Trick hinbekommen und trage sie nun wann immer ich kann. Es sind die gemütlichsten und coolsten Schuhe, die ich je besessen habe.
Meine Idee für Robin ist wesentlich einfacher als Lederstiefel. Inspiration dafür war mein eigener Schmuck, ein goldener Armreif, den meine Mutter mir geschenkt hat. Es ist kein echtes Gold, wie wir erst nach dem Kauf herausgefunden haben, aber trotzdem glänzt er schön und macht einen metallischen Klang, wann immer ich damit auf einer harten Oberfläche aufkomme, also behalte ich ihn an.
Armbänder zu schneidern ist nun wirklich kein Meisterwerk, aber ich brauche trotzdem eine ganze Weile dafür, weil ich Robins genaue Maße nicht kenne und einen Stoff finden muss, der atmungsaktiv genug ist, damit sie nicht darunter schwitzen wird, wenn sie sich dazu entscheiden sollte sie zu tragen. Robin ist schlank und von normaler Größe, deswegen habe ich Maße aus dem Netz genommen und hoffe einfach, dass sie passen. Ich hab drei Paare hergestellt, alle aus weißem, dünnen Stoff, die nun nur noch darauf warten, dass ich sie besticke.
Bevor ich damit anfange, halte ich inne. Meine Gedanken fangen an zu kreisen, als ich von meiner Nähmaschine wegtrete. Robin hatte genug Vertrauen in uns, dass sie sich dazu entschieden hat, diesen Teil ihrer innersten Selbst mit mir und Quinn zu teilen und ich konnte in ihrem Gesicht sehen, dass sich die Überwindung gelohnt hat. All die Stunden, die sie wohl damit verbracht haben muss, zu hadern, zu zweifeln, zu weinen, sie haben sich endlich ausgezahlt, weil sie Akzeptanz und Verständnis gefunden hat und ich hasse mich dafür, dass ich das tue, aber ich kann nicht anders, als Robins Situation auf mich zu beziehen.
Ich hadere mit mir. Ich zweifle. Ich habe Gedanken, die in mir kreisen, die mir keine Ruhe geben wollen und von denen ich eine Antwort brauche, ich zweifle an mir und was ich tue. Dort nagt etwas an mir, das nicht verschwinden will. Es nagt und brennt und lässt mein Herz schneller schlagen. Ich kann nicht anders. Ich muss an Brielle denken, an Brielle, die mich ansieht und mich sieht und nicht nur irgendein Mädchen, Brielle, die mir warme Haut verpasst, Brielle, die meinen Puls antreibt.
Ich weiß nicht, wieso ich Angst davor habe, zuzugeben, dass ich Gefühle für Brielle entwickle, aber als hätte das Universum nur auf eine Chance gewartet, vernehme ich im nächsten Moment das Poltern der Haustür, als meine Mutter nach Hause kommt. Natürlich. Ich schließe die Augen und versuche mir ihr Gesicht vorzustellen, wenn ich ihr sagen würde, dass ich Gefühle für ein Mädchen habe, aber ich finde kein Bild. Was würde sie fühlen? Wie würde sie reagieren? Die Unwissenheit ist schlimmer als eine negative Antwort, denn mit der Unwissenheit nistet sich die verräterisch leise Stimme der Hoffnung ein, dass alles gut werden wird. So muss sich Robin gefühlt haben, bevor sie es uns gesagt hat.
Was bin ich? Was sind diese neuen Gefühle, die sich in meinen Kopf geschlichen haben? Manchmal kann ich links von rechts nicht unterscheiben, aber gerade habe ich das Gefühl, als könnte ich selbst oben und unten nicht mehr auseinanderhalten, als würde ich fallen, ohne mich zu bewegen und es macht mir Angst, weil die Decke trotzdem näher kommt. Was fühle ich? Was bin ich überhaupt in der Lage zu fühlen, wenn ich mich selbst nicht kenne? Ich weiß nicht, was ich aus meinem Leben anstellen will, weiß nicht, wohin ich mich bewegen will, wie kann ich dann wissen, was ich fühle?
Schritte auf der Treppe kündigen meine Mutter an. Wenn ich sie ansehe, dann sehe ich nur mich. Ich bin meiner Mom wie aus dem Gesicht geschnitten, als wäre ich ein jüngerer Klon von ihr. Wir haben sogar den gleichen Körperbau, was es ungemein einfach macht, Kleidung untereinander zu tauschen. Mom hat die Haare kürzer geschnitten als, aber die Locken wesentlich buschiger. Sie sagt immer, sie will wieder einen Afro tragen, wie sie es in ihrer Jugend getan hat, aber jedes Mal, wenn sie die Möglichkeit dazu hätte, entscheidet sie sich wieder um.
„Ich hoffe, du hast deine Hausaufgaben fertig", sagt Mom, als sie mich und die Nähmaschine sieht.
„Hab ich in der Schule gemacht."
„Gut. Was wird das?" Sie wirft einen raschen Blick auf die Armbänder auf meinem Tisch, bevor sie ins andere Zimmer geht und den großen Kleiderschrank öffnet.
„Ein", sage ich langsam, „Projekt. Nur eine Idee."
„Ah." Ich kann hören, wie sie im Inneren des Schranks nach etwas sucht, dann fragt sie: „Hast du meine schwarze Hose gesehen? Die mit den Blumen am Saum?"
„Die liegt unten in der Wäsche", antworte ich. „Du hattest sie doch am Wochenende an."
Mom kommt aus dem Zimmer, mit einer Hand an der Stirn, als hätte sie Schmerzen. „Richtig." Sie seufzt lang und ausgiebig. „Anstrengender Tag heute. Drei neue Fälle und eine Kanzlei hat sich dazu entschieden, nicht mehr mit uns zu arbeiten. Noch dazu hat Janice mir erzählt, sie will nächsten Monat kündigen, weil sie bei Barns&Sons eine bessere Stelle bekommen hat."
Ich ziehe eine Grimasse. „Aber Janice kann nicht gehen", erwidere ich. „Wer soll dir denn sonst den ganzen Firmentratsch erzählen, wenn du vom Urlaub kommst?"
Mom lächelt nur schwach. „Ich mache ihr keine Vorwürfe. Barns zahlt um Längen mehr und hätte ich gewusst, dass die jemanden suchen, dann hätte ich mich da auch beworben." Sie seufzt erneut. „Was solls. Noch hab ich Brenda, die immer Kaffee mitbringt. Hast du schon gegessen? Ich hab Lust auf Indisch."
Ich schüttele den Kopf und warte einen Moment, Gedanken und Zweifel in meinem Kopf, dann frage ich: „Mom, hast du schon immer gewusst, was du werden wolltest?"
Sie blickt mich überrascht an. „Wo kommt das denn so plötzlich her?"
„Naja." Vorsichtig lasse ich mich auf meinem Stuhl nieder und warte, bis Mom sich an meinen Türrahmen gelehnt hat. „Es ist einfach so, dass ich nicht weiß, was ich machen will. Im Leben. Ich weiß nicht, was ich tun soll, wenn die Schule aus ist."
Es vergeht ein kurzer Moment, dann lächelt sie mich. „Ach, Avery. " Sie geht einen Schritt auf mich zu. „Das ist doch vollkommen normal. Du bist noch jung, du hast dein ganzes Leben vor dir, es ist unsinnig zu verlangen, dass du jetzt schon wissen musst, was du den Rest deiner Zeit machen willst. Du kannst dich für etwas entscheiden, es ausprobieren und wenn es dir nicht gefällt, dann machst du etwas anderes. Und niemand verlangt von dir, dass du nur das eine für den Rest deines Lebens machst." Sie legt mir eine Hand an die Wange und lächelt. „Außerdem dachte ich immer, dass du was mit Mode machen willst?", fügt sie an und deutet mit dem Kopf auf meine Nähmaschine.
Ich knirsche mit den Zähnen. „Keine Ahnung, das ist es ja. Ich weiß nicht, ob ich mir damit mein Hobby kaputt mache, wenn ich es zum Beruf mache, weißt du? Ich will nicht damit enden, dass ich plötzlich keinen Spaß mehr daran habe, weil es mich zu sehr stresst."
Mom nickt langsam, nimmt die Hand von meiner Wange und nimmt schließlich eins der Armbänder in die Hand. Sie dreht es ein paar Mal zwischen den Fingern hin und her, dann sagt sie: „Wenn ich nicht wüsste, dass du die gemacht hast, dann würde ich denken, du hättest sie aus einem Fachgeschäft." Sie lächelt. „Mach dir nicht allzu viele Sorgen, darum, ja?" Sie lässt das Armband wieder auf den Tisch gleiten. „Dun findest deinen Weg schon, hast du doch immer."
Mit flimmerndem Magen beobachte ich, wie Mom die Treppen wieder runter geht. Ich lehne mich auf dem Stuhl zurück, drücke den Kopf in den Nacken und seufze lautlos. Ich frage mich, ob ich dieses Mal wirklich meinen Weg finden kann.
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