23. Avery

Das ist es. Das letzte Kapitel. Sagt mir unbedingt, was ihr davon haltet! Und ob es überhaupt ein guter Abschluss ist!

_______________________________

Die Rückfahrt gestaltet sich etwas holpriger, aber die Anspannung ist aus der Luft verschwunden. Ich würde nicht sagen, dass Brielle ganz plötzlich alles überwunden hat, was sie mit ihrer Mutter verbindet, aber es ist ein guter Anfang und wenn ich sehen kann, dass sie zu den kitschigen Pop-Songs im Radio mitsingen kann, dann ist das ein gutes Zeichen.

Ich weiß, was mich zuhause erwartet. Dass meine Mom nicht gerade erfreut darüber ist, dass ich das Auto ohne ihrer Erlaubnis genommen und dann auch noch durchs Land damit gefahren bin, ist noch eine Untertreibung. Ich schätze mal, die gesamten Ferien über werde ich wohl den Schnee nur noch aus meinem Zimmer über sehen können. Aber das war es wert. Ich meine, dass es Konsequenzen für meine Handlungen geben würde, war ja klar, ich hatte nur gehofft, dass ich sie noch länger auskosten kann.

Mit jeder Meile, die wir näher an St. Dorothea fahren, mit jeder Minute, die vergeht, werden meine Handinnenflächen ein wenig klammer. Meine Mom ist eigentlich keine Mutter, die viel auf Bestrafungen legt, aber mit Hausarrest werde ich trotzdem rechnen. Was auch immer sie sich noch einfallen lässt – es muss es wert gewesen sein.

Ich blicke zum anderen Sitz. Brielle hat die Augen geschlossen und den Kopf nach hinten gelehnt. Sie hat die Arme lose ineinander verschränkt und einen relativ friedlichen Gesichtsausdruck aufgesetzt. Beinahe kommt es mir wie ein Traum vor, dass ich allein in dem Krankenhausgang gesessen und gewartet habe, während meine Freundin sich ihren Dämonen gestellt hat. Oder wie auch immer man das nennen will. Wenn ich ganz ehrlich bin, dann weiß ich immer noch nicht so recht, wie ich es ansprechen soll. Einerseits will ich wissen, wie es ihr jetzt geht, aber anderseits ist es keine zwei Stunden her, seit wir losgefahren sind. Wie lange soll man warten, bis man so emotionale Sachen anspricht? Bei Quinn würde ich gar nicht erst warten und sofort verlangen, dass er sich bei mir ausheult, aber bei Brielle?

Ich seufze lautlos.

„Mir geht es gut", sagt Brielle über meinen überraschten Atemzug hinweg. Sie öffnet die Augen, dreht den Kopf und lächelt mich an. „Wirklich."

„Ich wollte nicht –"

„Oh bitte, meinst du, ich weiß nicht, wie du mich ständig besorgt anguckst?", fragt sie, wobei ihre Mundwinkel ein wenig zucken.

Ich versuche meine Augen auf der Straße zu halten, aber da wir uns gerade eh in einem halben Stau befinden, ist das keine gute Ausrede, um ihren Blick nicht er erwidern. Trotzdem kann ich nicht umhin, als ein wenig trotzig zu antworten: „Na, dann werde ich mich einfach nicht mehr um dein Wohlbefinden sorgen."

Brielle schnaubt belustigt. „Du bist süß."

„Bin ich nicht."

„Bist du sehr wohl."

„Nein."

„Oh doch." Sie greift mit einer Hand rüber, zieht meine Finger vom Lenkrad und zieht sie an ihren Mund, damit sie sanft ihren Lippen darauf pressen kann.

Ein warmer Schock gleitet durch meinen Körper und dort, wo sie mich berührt hat, kribbelt es angenehm. Als würde mein Körper langsam aufwachen. „Das ist eine unfaire Methode", meine ich.

„Ganz und gar nicht. Ich finde es sogar mehr als fair. Immerhin", sie küsst meine Finger erneut, „kann ich dir gar nicht genug danken. Wirklich." Ihr Tonfall wird ernster. „Ich weiß es wirklich zu schätzen, was du für mich getan hast."

Meine Wangen werden heiß und ich wende den Blick wieder auf den Straße, die nur langsam voran geht. Dämlicher Stau, fluche ich gedanklich. „Das ist nichts", sage ich. „Ich hab nur Taxi gespielt."

Brielle schüttelt den Kopf. Ich kann ihre Augen im Rückspiegel sehen, die nicht von mir weichen. „Wenn du meinst." Sie lässt es dabei, hält meine Hand aber weiterhin fest. Warm und gemächlich streicht sie mit dem Daumen über meinen Handrücken, etwas, dass ich in Filmen und Serien schon oft gesehen habe. In Echt ist es noch besser als auf dem Bildschirm.

Langsam lichtet sich der Stau und wir können weiterfahren. Schnee liegt in matschigen Türmen an den Straßenseiten und je näher wir unserer Stadt kommen, desto lichter wird der Verkehr. Statt einem Horizont an Scheinwerfern und nassem Asphalt, begrüßen uns schon bald Reihen an schneebedeckten Nadelbäumen und vereinzelte Wohnhäuser, die mal mehr, mal weniger festlich aussehen. Bunte Girlanden und blinkende Lichterketten säumen die Fenster von Familien, die vielleicht ähnliche Probleme haben. Schneemänner stehen winkend in den Vorgärten. Alles sieht idyllisch aus, aber wie sehr kann der Schein trügen?

Wie viele Familien kämpfen ebenfalls mit solchen Problemen? In welchen Häusern gibt es nur ein Elternteil? In welchen Häusern redet die Tochter nicht mehr mit der Mutter? Wo zwingen sich die Eltern dazu, die Feiertage froh und bunt zu gestalten, während sie in ihrem eigenen Schlafzimmer keinen Blick mehr tauschen?

Es ist ein seltsamer Gedanke, aber zum ersten Mal wird mir bewusst, dass all die Menschen, denen ich täglich begegne und denen ich nicht zu viel Aufmerksamkeit schenke (der Kassierer im Supermarkt, die junge Mutter mit Kinderwagen, die neben mir über die Straße geht, der ältere Mann, der auf der Parkbank seine Zeitung liest), dass jeder von ihnen ein Leben hat. Jeder hat Ängste und Zweifel und eine ungewisse Zukunft, jeder hat seine eigenen Probleme. Es ist seltsam, denke ich. Seltsam, wie viele Menschen ihre eigenen Sorgen mit sich tragen und doch denkt man immer zuerst an sich selbst.

Ich bin nicht die Einzige, die sich nicht sicher ist, wie ihre Identität aussieht.

Es ist irgendwie beruhigend. Als würden plötzlich ein Dutzend unsichtbarer Leute meine Hand halten und mir sagen, dass ich nicht allein bin. Ich hab mich noch nie wirklich allein gefühlt, aber jetzt weiß ich wirklich, dass ich es nicht bin.

Und dass ich es wahrscheinlich nie sein werde.

Als die ersten Häuser von St. Dorothea in Sicht kommen, weiß ich, dass ich es Mom sagen muss. Mein Blick fällt auf meine Hand, die in Brielles Fingern steckt. Es lohnt sich für mich nicht, länger ein Geheimnis daraus zu machen, weil ich Angst davor habe, wie Mom reagiert. Ich habe das Privileg, dass meine Mutter mich immer mit allem unterstützt hat und dass sie mich ohne zu fragen liebt. Wenn ich ihr sagen kann, dass ich Modedesignerin in Paris sein will, dann kann ich ihr auch sagen, dass ich eine Freundin habe.

Dass ich lesbisch bin.

Dass ich glaube, dass ich lesbisch bin, aber vielleicht auch bisexuell. Vielleicht pansexuell. Vielleicht bin ich gar nichts davon, vielleicht bin ich alles. Es ist nicht wirklich wichtig, wie ich es nenne, solange ich immernoch die Chance habe, meine Freundin zu küssen und von ihr gehalten zu werden.

Dieses Geheimnis kann gelüftet werden.

Die erwartete Aufregung, die mit dieser Entscheidung einhergehen würde, bleibt allerdings aus. Meine Hände werden nicht schwitzig, meine Finger bleiben ruhig, ich bekomme keine Schnappatmung, je näher ich meinem Haus komme, noch habe ich eine Angstattacke, die mich in die nächste Böschung sendet. Ich glaube, ich war schon immer so weit, es meiner Mutter zu sagen, ich habe mich nur selbst davon abgehalten, es auch wirklich zu tun. Ich muss keine Angst haben, denn ... ich hatte sie nie. Ich habe keine Angst davor, meiner Mutter die Wahrheit zu sagen. Es ist meine Mutter. Ich liebe sie und sie liebt mich und nichts wird sich daran ändern, egal wessen Hand ich halte.

Bevor ich die Straße nehme, die zu meinem Haus führt, biege ich in Brielles Richtung. „Du musst nicht –", fängt sie an.

„Zu spät" erwidere ich grinsend. Es wäre sehr leicht für mich, Brielle mit zu mir zu nehmen und es meiner Mutter anhand dessen zu erklären, wie ich ihre Hand halte, aber das wäre Brielle gegenüber nicht fair. Ich will sie nicht für meinen Zweck ausnutzen, nicht heute, nicht jetzt, wo sie noch ihre eigenen Gedanken hat, die sie bekämpfen muss. Ich fahre an die Seite und halte an, als ihr Haus in Sichtweite kommt, ein dunkler Wagen in der Einfahrt.

Sie zieht eine Grimasse. „Dad ist da." Sie seufzt leise. „Das wird kein schönes Gespräch werden."

„Du schaffst das", sage ich ihr. „Ruf mich nachher an?"

„Hundertprozentig." Brielle beugt sich zu mir und küsst mich. Es ist süß und kurz, aber es sagt alles aus, was ich wissen muss. „Danke, Avery. Wirklich. Wenn irgendwas ist, dann –"

„Dann wende ich mich an meine großartige, sehr begabte Eishockeyspielerfreundin und die wird dann das Problem für mich lösen." Grinsend tätschle ich ihr den Arm. „Ich weiß. Und jederzeit wieder. Ich bin froh, wenn ich helfen konnte. Du weißt ja. Du kannst auch mit mir darüber reden, ja?"

Sie nickt langsam. „Ich weiß", meint sie. „Aber ich glaube, mein Dad will jetzt erstmal die nächsten einhundert Stunden mit mir reden und alles über meine Gefühle wissen. Danach brauch ich erstmal Pause." Brielle küsst mich noch einmal, dann löst sie den Sicherheitsgurt und steigt aus. „Frohe Weihnachten", sagt sie noch, dann schließt sie die Tür und geht einen Schritt nach hinten, damit ich wegfahren kann.

Im Rückspiegel beobachte ich, wie sie mit langsamen, bedachten Schritten zu ihrem Haus geht und auf halbem Wege stehenbleibt, als die Haustür geöffnet wird. Ein hochgewachsener Mann mit Glatze und Brielles Statur steht im Eingang, die Arme verschränkt und starrt sie an. Brielle wirft mit einen sehnsüchtigen Blick hinterher, aber ich bin um die Ecke gebogen, bevor sie sich dazu entscheiden könnte, mir hinterherzurennen.

Es sind nur wenige Minuten bis zu meinem Haus und in dieser Zeit versuche ich nicht einmal, mir Gedanken darüber zu machen, wie ich Mom am besten die Wahrheit sage. Ich muss nicht lange um den heißen Brei reden, ich kann es ihr einfach auf den Tisch hauen. Ihre Reaktion kann ich sowieso nicht beeinflussen.

Ich hoffe nur, dass ich damit vielleicht nicht so einen heftigen Hausarrest bekomme.

Mom sitzt im Wohnzimmer, die Arme und Beine so fest ineinander verschlungen, dass sie verknotet aussehen. Sie hat die Lippen zu einer dünnen Linie gezogen, ihre Augen fest auf den abgeschalteten Fernseher gerichtet. Ein dunkelgrünes Tuch ist um ihre dichten Locken gebunden und halten sie fest, sodass sie ihr nicht in die Augen fallen. Als ich in die Tür komme, blickt sie weder auf, noch sagt sie etwas.

Ich entledige mich meiner Jacke und den Schuhen, schlüpfe in ein paar kuschelige Hausschuhe und gehe dann vorsichtig auf meine Mutter zu. „Mom, ich –"

Sie unterbricht mich, indem sie mit einem aggressiven Ruck die Hand in meine Richtung ausstreckt, Handinnenfläche nach oben gerichtet. „Schlüssel", sagt sie.

Geschlagen lasse ich den Ersatzautoschlüssel in ihre Hand fallen, den sie mir gegeben hatte, als ich den Führerschein bestanden habe.

„Vielleicht darfst du ihn nächstes Jahr wiederhaben", fährt sie fort. „Ich", sie stockt, seufzt. Mom lässt die Hand mit dem Schlüssel auf ihren Schoß fallen, dann blickt sie zu mir. „Ich verstehe nicht, wie du so dumm sein konntest, Avery."

„Es war ein Notfall", erwidere ich.

„Es ist mir egal, ob es ein Notfall war. Du hast doch ein Handy, du hast die Möglichkeit mit anzurufen und zu fragen. Und wenn es wirklich ein Notfall war", sagt sie, Härte und Bitterkeit in der Stimme, die aussagt, dass sie mir nicht glaubt, „dann hättest du dich an einen Erwachsenen wenden können."

Ich muss den Drang unterdrücken, mit den Augen zu rollen.

„Okay, okay. Ich bin ein dummer Teenager und ich hätte vielleicht vorher nachdenken sollen. Noch was?"

Mom verengt die Augen. „Du nimmst das nicht ernst", stellt sie fest. „Ich seh schon."

„Ich nehme es ernst, ernsthaft", erwidere ich angestrengt nicht zu seufzen. „Es war vielleicht ein wenig unüberlegt, einfach ohne Erlaubnis loszufahren, aber", füge ich etwas lauter hinzu, als ich sehe, wie Mom erneut zum Reden ansetzt, „ich würde es wieder tun. Ich wusste, was ich tue, als ich das Auto genommen habe, Mom. Ich hab's getan, um", dieses Mal stocke ich. Die Wörter meine Freundin kleben mir auf der Zunge, sie sind so einfach auszusprechen wie sie zu denken sind und doch halte ich mich selbst davon ab, es direkt zu sagen.

Ich starre Mom ein paar Augenblicke zu lange an, sodass sie mir zuvorkommt. „Um was?", fragt sie schnippisch klingend. „Um eine dumme Mutprobe zu bestehen? Oder um eine kleine Spritztour zu machen? Benzin ist nicht umsonst, Avery. Weißt du eigentlich, wie viel es kostet, von hier nach Edmonton und zurückzufahren? Das hast du nicht durch eine Stunde Babysitten wieder reingeholt."

Ertappt presse ich den Mund zu. Daran hatte ich nicht gedacht. Dann wiederum ist es einfach zu vergessen, dass ich Sprit fürs Autofahren brauche, wenn Mom den Tank immer vollmacht. Ich setze zu einer ernstgemeinten Entschuldigung an, als das Telefon in der Küche klingelt.

„Wir sind nicht fertig", sagt Mom, ehe sie aufsteht und mit festen, raschen Schritten in die Küche eilt, wo ich hören kann, wie sie den Anruf annimmt. „Hallo?" Kurze Pause. „Das ist richtig, Sie sprechen mit Ihrer Mutter. Wer ist denn am Hörer, wenn ich fragen darf?"

Langsam schleiche ich ebenfalls in Richtung Küche.

„Ach, Mr. Taylor, ich erinnere mich. Wir hatten uns bei der Elternversammlung Anfang des Schuljahres kennengelernt, genau." Mom hat den Hörer fest an ihr Ohr gepresst, in der anderen Hand hält sie noch immer den Ersatzschlüssel. Unbedacht fährt sie mit den Fingern die metallene Oberfläche entlang, sodass ich Angst haben muss, dass sie das Auto ausversehen aufschließt und es gar nicht mitbekommt. „Hmhm. Achso. Oh, mein Beileid. Ja ... ja, nein, ich verstehe das. Das – hm? Ach, niemals! Nein, das ist nicht nötig, ich – also, wenn Sie darauf bestehen, dann kann ich nicht Nein sagen, oder?" Mom lacht leise. „Ich danke Ihnen für den Anruf, Mr. Taylor. Ja. Ja, genau. Auf Wiederhören."

Ehe ich verstehen kann, worum es in dem Telefonat ging, legt Mom bereits wieder auf. Sie legt den Hörer auf seine Ladestation, bevor sie sich zu mir dreht, die Augenbrauen leicht zueinander gezogen, eine sichtbare Falte auf der Stirn. Durch das künstliche Licht in der Küche sehen ihre Wangen ein wenig eingefallen aus. Sie schüttelt den Kopf. „Das war der Vater deiner Mitschülerin Brielle", sagt sie zerknirscht. „Er hat mir erklärt, dass du und Brielle bis nach Edmonton gefahren seid, weil Brielles Mutter in einen Unfall geraten ist."

„Das wollte ich dir auch sagen", entgegne ich murmelnd, aber Mom ignoriert mich.

„Mr. Taylor ist so nett und hat mir angeboten, für die Spritkosten aufzukommen, die ihr beiden verursacht habt. Außerdem möchte er sich auch bei dir bedanken", fügt sie hinzu, wobei ich nicht umhin kann, als zu sehen, wie sehr sie das gar nicht sagen will, „dass du den Weg auf dich genommen hast. Er hat uns zum Essen eingeladen, falls wir nach den Feiertagen noch nichts vorhaben."

Als sie nicht weiterredet, frage ich vorsichtig: „Und hast du zugestimmt?"

Mom schnaubt kaum hörbar. „Ich werde auf sein Angebot zurückkommen. Er war sehr verständlich dessen gegenüber, dass ich wahrscheinlich noch einiges mit dir zu klären habe, Avery." Sie rückt mit zwei Fingern auf ihren Nasenrücken und reibt sich die Haut, als müsste sie einen übel Schmerz vertreiben. „Wieso habt ihr denn keinen von uns angerufen?", fragt sie schließlich. „Ein so schlimmer Unfall ... meine Güte, Mr. Taylor war ganz außer sich. Meinst du denn, keiner von uns hätte euch gefahren?"

„Es ist kompliziert", sage ich.

„Brielles Mutter liegt im Koma", erwidert Mom. „Ich sehe nicht, wie das kompliziert ist."

„Es ist – es ist eben nicht nur das. Ihre Mutter hat ein paar schlimme Dinge angestellt, weswegen sie und ihr Vater überhaupt erst hierher gezogen sind und eigentlich wollte Brielle ihre Mutter nie wieder sehen, aber dann hat sie von dem Unfall erfahren und ich hab ihr gesagt, dass es vielleicht ihre letzte Chance sein wird, jemals ihre Mutter zu sehen und – ich weiß. Ich weiß, okay? Es war dumm. Aber ich wollte nicht, dass wir zu spät sind. Ich ...", die nächsten Worte tun schon beim Denken weh. „Ich hab gedacht, wenn du es gewesen wärst, dann ..."

Alles aussprechen muss ich gar nicht, denn Moms Miene wird weich und sie legt mir eine Hand auf den Oberarm. „Ich verstehe das doch, Schatz", sagt sie mit langsamer Stimme. „Und ich schätze es auch sehr wert, was du für deine Klassenkameradin getan hast, okay? Das heißt aber nicht, dass die Regeln für dich nicht mehr gelten, nur weil es einen Notfall gibt."

Auf einmal überkommt mich schreckliche Müdigkeit. Ich will sofort auf der Coach einschlafen, Mom neben mir, die langsam über meine Haare streicht und dabei eins ihrer Bücher liest. Ich will, dass alles wieder einfach und unkompliziert ist, so wie es früher immer war, bevor ich ältergeworden bin und schlechte Entscheidungen getroffen hab. Ich seufze und lehne mich ein wenig in ihre Berührung. „Ich weiß, Mom. Tut mir leid."

Sie schüttelt erneut den Kopf. „Gott", sagt sie langsam. „Ich mag mir gar nicht vorstellen, wie es für das arme Mädchen sein muss. Ich bin froh, dass du an ihrer Seite warst, Avery. Dumme Entscheidung hin oder her, es war gut von dir, dass du deiner Klassenkameradin so beigestanden hast."

Es könnte nicht einfacher sein, finde ich. Nichts könnte sie mir besser vorlegen. Die Wörter sind aus meinem Mund, bevor ich überhaupt nachdenken kann. „Meine Freundin", sage ich. „Brielle ist meine Freundin."

Meine Mutter nickt abwesend, offensichtlich nicht verstehend, was ich sagen will. „Natürlich, Schatz."

„Nein, ich meine es", erwidere ich. „Brielle ist meine Freundin. Wir sind zusammen. Sie ist meine Freundin-Freundin und nicht nur meine Schulfreundin."

Ich weiß nicht, was ich erwarte. Ich weiß nicht, ob ich laute Jubelschreie oder Weinen erwarte, ob ich will, dass meine Mutter es hinnimmt und akzeptiert oder ob sie alles hinterfragt, ich weiß nicht einmal, ob ich es nicht hätte besser sagen können. Das ist eigentlich alles egal, denn ein wahnsinnig gutes Gefühl breitet sich in meiner Brustgegend aus, angefangen von meinem rasant schlagenden Herzen bis zu meinen Fingerspitzen, die locker an meiner Seite hängen.

Mom starrt mich an.

Ich starre zurück, wohlige Wärme in mir, die sich wie ein Feuer ausbreitet und mich von innen heraus erhitzt, als hätte ich eine Wärmflasche als Magen. Bevor ich mich daran hindern kann, lache ich. „Oh Gott, du weiß gar nicht, wie lange ich das sagen wollte, Mom. Ich – also, ich hab keine Ahnung, was mich das macht. Ich hab auch mit Pastor Jenkins gesprochen, vor ein paar Wochen, und er hat mir da wirklich weitergeholfen. Weißt du, teilweise hab ich mich sogar ein wenig schuldig gefühlt, weil ich es dir nicht sofort gesagt habe, denn sonst haben wir eben keine Geheimnisse voreinander und es hat sich richtig blöd angefühlt, aber andererseits auch nicht. Ich meine, macht das Sinn? Es war das erste Ding nur für mich, schätze ich, ich fand es gut, dass ich es für mich hatte, aber ich wollte es auch mit dir teilen. Also, ja. Brielle und ich sind seit November zusammen. Genauer gesagt seit Halloween."

Ein Damm ist in mir gebrochen und ich kann endlich Luft holen. Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal richtig Luft geholt habe, ohne ein Geheimnis zu haben, dass mir auf die Lunge drückt. Gleichzeitig will ich vor Erleichterung auch anfangen zu heulen, was mir ein wenig lächerlich vorkommt, deswegen unterdrücke ich es, auch wenn mir dabei kurz die Sicht verschwimmt. Ich wische mir über die Augen.

„Das ist", fängt Mom an, ihre Stimme vorsichtig und leise, als würde sie nicht ganz wissen, was sie sagen soll. Was wahrscheinlich auch Sache ist. „Das ist eine ziemlich große Neuigkeit, Avery", sagt sie schließlich. „Bist du sicher, dass du – "

„Natürlich bin ich sicher", unterbreche ich sie. „Ich hab nicht eine halbe Identitätskrise hinter mir, nur damit ich mir jetzt nicht sicher bin. Ich hab Brielle wirklich gern und sie mag mich und eigentlich ist das schon echt ein Wunder, wenn man mal ehrlich ist, ich meine, was sind denn die Chancen dafür, dass das passiert? Jedenfalls, ja, Mom, ich bin mir sicher. Ich bin mir sicher, dass ich Brielle so sehr mag, dass ich ihre Hand halten will und nicht nur, dass ich mir ihren Bleistift ausborgen will."

Sichtlich mit sich hadernd, ringt Mom mit ihren Fingern, wobei sie immer wieder ein metallisches Klimpern von sich gibt, wenn sie mit dem Schlüssel zu hektisch ist. „Ich meine ja nur", erwidert sie langsam, „das ist doch eine gewagte Entscheidung." Sie presst die Lippen zusammen. „Ich bin nicht ganz sicher, ob ich das gutheiße."

Zum ersten Mal in meinem Leben sage ich etwas, dass ich noch nie gesagt habe: „Nun, wie gut, dass mir das egal ist, Mom. Ich brauche deine Erlaubnis nicht, um mit meiner Freundin auszugehen."

Schockiert blickt meine Mutter mich an. „Was –"

„Mom", sage ich, womit ich sie erneut unterbreche. „Ich habe es dir gesagt, weil ich dich liebe und weil ich die guten Dinge aus meinem Leben mit dir teilen will, nicht weil ich deine Erlaubnis suche oder sonst was. Wir sind im 21. Jahrhundert, oder nicht? Es sollte dich nicht wirklich überraschen, dass auch zwei Mädchen sich gernhaben können." Beinahe lache ich auf. „Ich werde nicht aufhören, Brielle zu mögen, auch wenn du dagegen bist."

„Das habe ich nicht gesagt", erwidert sie mit scharfer Stimme. „Verdreh mir nicht die Worte im Mund, Avery. Ich habe nie – ich meine nur, ich bin ein wenig überrascht. Es gab nie – du hast nie etwas gesagt, oder - ", dieses Mal unterbricht sie sich selbst. Mom seufzt ergiebig, ehe sie sich erneut die Stirn reibt. „Um Gottes Willen", murmelt sie, als würde sie ein Gebet aufsagen wollen. „Ich bin nicht diese Art von christlich, falls du das denkst."

Nun ist es an mir, erstaunt die Augenbrauen zu heben. „Bist du nicht?"

„Bitte", sagt Mom. „Christlich zu sein heißt für mich nicht, dass ich intolerant allen anderen gegenüber bin, die nicht meinen Werten folgen. Wir haben sehr viele ... ich meine, wir haben auch Frauen in der Kirche, die sehr offen mit ihren sexuellen Vorlieben anderen Frauen gegenüber sind. Männer ebenso", fügt sie an.

„Dann weiß ich nicht, was dein Problem ist", erwidere ich. „Oder stört es dich, weil ich deine Tochter bin?"

„Avery." Ihre Stimme schneidet die Luft zwischen uns entzwei. „Wenn ich ganz ehrlich sein muss: Ja, es stört mich ein wenig. Ich bin tolerant, Avery, sehr sogar. Aber du bist meine einzige Tochter. Ich habe immer ... ich meine, ich wollte immer Enkelkinder haben. Und ich kenne mich doch nicht aus", fügt sie an. „Was das alles ist und wie man das nennt und so weiter. Ich will doch niemandem etwas vorschreiben, aber es ist alles so kompliziert."

Ich lege Mom eine Hand auf die Finger, damit sie aufhört, sie ineinander zu kneten. „Adoption existiert, Mom", sage ich, was ihr ein Lachen entlockt. „Außerdem muss ich sagen, dass ich nicht gerade scharf darauf bin, selbst ein Kind zu bekommen. Hast du dir mal durchgelesen, was passiert, wenn man schwanger ist?"

Eine Augenbraue wandert unbeeindruckt in den Pony ihrer Locken. „Falls du dich erinnerst, dann war ich bereits schwanger, Avery."

„Richtig. Dann wirst du ja wissen, dass es nicht alles Friede, Freude, Eierkuchen ist, oder?" Als sie nichts erwidert, grinse ich triumphierend. „Eben. Sicher will ich irgendwann ein Kind haben, aber ich muss es nicht selbst gebären." Mein Lächeln fällt ein wenig in sich zusammen. „Außerdem ist es wirklich nicht so kompliziert, wie du denkst. Ich mag ein Mädchen. Ein Junge kann einen Jungen mögen. Ich kann auch einen Jungen mögen, oder? Dann wäre es plötzlich nicht kompliziert, obwohl es irgendwie derselbe Gedankengang ist."

Als hätte ich sie auf frischer Tat ertappt, blickt Mom zu Boden. „Wenn du es so sagst ...", murmelt sie. „Aber da gibt es noch so viel mehr, oder nicht? Nicht-binär und was noch, ich habe immer mal wieder etwas aufgeschnappt und – Avery, da muss ich dir einfach sagen, ich verstehe es nicht."

„Das ist okay, Mom", sage ich mit sanfter Stimme. „Ich habe auch nicht alles sofort verstanden und ich bin mir sehr sicher, dass ich immer noch nicht alles verstehe. Aber ich arbeite daran und wenn wir mal ganz ehrlich sind, dann ist das alles, was man von uns erwarten kann."

Mom sieht mich für ein paar Momente lang an, sichtlich mit ihren eigenen Gedanken ringend, dann nickt sie etwas steif. „Da ist etwas dran", antwortet sie.

Ich lächle sie an, glücklich und erleichtert und müde. Sie ist nicht perfekt, aber sie ist meine Mom und ist das nicht alles, was zählt? „Wie war das jetzt mit Abendessen? Ich hab einen Bärenhunger", entgegne ich, während mein Magen ironischerweise laut knurrt.

Und als hätte es nichts anderes gebraucht als das, fangen Mom und ich an zu lachen. Sie sagt, ich soll mir bloß nicht einbilden, dass ich ohne Hausarrest davonkomme und ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass ich das nicht ein wenig gehofft habe, aber wie auch immer, ich habe das geschafft, was ich schaffen wollte.

Es ist unglaublich, dass es kein halbes Jahr ist, seit ich mit Quinn am Wasser gesessen und ihm gesagt habe, dass ich nicht weiß, was ich mit meinem Leben anfangen will. Vor Monaten habe ich mit Zoe auf dem Handtuch gesessen und Nate geärgert, habe die Sonne genossen und den Jungs zugeguckt, wie sich mit Wasserpistolen bekriegt haben.

Vor Monaten habe ich nicht gewusst, dass jemand so wunderbares und geniales wie Brielle überhaupt existiert und schon bald mein ganzes Weltbild durcheinanderbringen wird. Ich bin nicht plötzlich eine andere Person, nur weil ich Brielle kenne und ich habe nicht plötzlich meine Persönlichkeit geändert, nur weil ich die Hand eines Mädchens halte und sie gerne küsse. Ich schätze, so viel hat sich nicht getan.

Ich bin noch immer so, wie ich vor ein paar Monaten war. Quinn ist noch immer mein bester Freund. Zoe und Austin sind noch immer in der ewigen Werden-Sie-Oder-Werden-Sie-Nicht-Frage gefangen, Nate ist ein Luftkopf (zugegeben mag ich ihn jetzt mehr, seit er Brielle unter seine Fittiche genommen hat), Finnley ist noch immer der größte meiner Mitschüler. Die Zwillinge sind Arschlöcher, die sich vielleicht ein ganz kleines bisschen um ihren Stiefbruder kümmern.

Meine Mom ist immer noch meine Mom.

Aber so viele Dinge, die gleichgeblieben sind, haben sich auch geändert. Vor ein paar Monaten hat Robin sich nicht als genderfluid geoutet. Vor ein paar Monaten habe ich Lucas nicht verabscheut, weil er Quinn das Herz gebrochen hat. Ich kannte Brielle nicht. Ich wusste nicht, dass ich Mädchen mögen kann. Ich wusste nicht einmal, was ich mit meiner Zukunft anfangen will.

Und plötzlich, als hätte ich ein besonderes Kapitel in meinem Leben beendet, weiß ich es. Ich bin noch immer die gleiche Avery, die ich vor ein paar Monaten war, aber jetzt möchte ich gerne Mädchen küssen und Mode studieren.

Ich bin verändert und doch gleich.


Bạn đang đọc truyện trên: AzTruyen.Top