18. Brielle

Es beginnt die letzte Woche vor den Weihnachtsferien, ein besonderer Moment in diesem Jahr. Es wird das erste Weihnachten sein, das ich ohne meine Mutter verbringe, das erste Weihnachten in der neuen Heimat, das erste Weihnachten mit dem Wissen, dass ich eine wunderschöne, modische Freundin habe, die sich nicht davor scheut, in den Fluren meine Hand zu halten.

Wie ich aber ebenfalls mehrmals dran erinnert wurde, bedeutet die letzte Woche die Abgabe für Mrs. Lawrence blödes Projekt zu Othello. Auch jetzt habe ich das Buch nicht komplett gelesen, sondern habe mir lediglich mehrere Inhaltsangaben angeschaut, habe nach Zusammenfassungen gesucht, die ein Thema zeigen, zu dem ich etwas schreiben kann, bleibe aber nach wie vor fast mit leeren Händen zurück. Den Aufsatz habe ich zwar bereits angefangen, aber mir fehlt die Motivation, es auch zu beenden. Viel mehr brennt es in meinen Füßen, mich wieder aufs Eis zu stellen.

Ich brauche dieses Projekt nicht, wenn ich alles daran setze, um ein Eishockey-Stipendium zu bekommen, aber ich weiß leider auch, dass ich Englisch wahrscheinlich nicht bestehe, wenn ich einen unfertigen oder dahingerotzten Aufsatz abgebe. Immerhin bin ich nicht die Einzige, die sich den Kopf deswegen zerbricht. Quinn hat mir erzählt, dass er die letzten Tage fast ausschließlich in der Schule daran gesessen hat, damit er es rechtzeitig abschließen kann, bevor die Zwillinge wieder auf die Idee kommen, ihn für ihre Hausaufgaben auszunutzen. Es hat mein Blut zum Kochen gebracht, wie ruhig er dabei gewesen war, wie nebensächlich er erzählt, dass er es gewohnt ist. Wenn ich Quinn nicht ein Versprechen gegeben hätte, dann würde ich mir diese Zwillinge liebend gerne vorknöpfen und ihnen mal zeigen, dass sie sich lieber mit jemandem anlegen sollten, der sich auch wehrt.

In massiven Bergen türmt sich der Schnee vor der Schule und auf dem Parkplatz auf, weht dabei vom Dach, wenn Wind aufkommt und bedeckt unglücklich platzierte Fahrräder oder Schüler mit weißen Mützen. Bevor ich überhaupt daran denken kann, mich nach der letzten Stunde am Montag auf den Nachhauseweg zu machen, werde ich von einem Arm an meiner Schulter aufgehalten. Ich brauche nicht einmal zu sehen, wer es ist; die klimpernden, goldenen Armreifen verraten mir sofort, dass das nur Avery sein kann.

Als ich mich umdrehe, werde ich mit dem Anblick meiner Freundin belohnt, pinkes Puder auf den Wangen und ein dunkler Glanz rund um die Augen. „Willst du mich etwa hier in der Kälte allein lassen?", fragt sie lächelnd.

„Du hast gesagt, du würdest noch in der Bibliothek bleiben und das W-LAN der Schule ausnutzen, um Schnittmuster runterzuladen", erwidere ich, kann meine Augen dabei nicht von ihr nehmen.

Avery hat sich für die eisige Kälte in eine schwarze, glänzende Jacke aus Leder geworfen, die einen schwarzen Fellkragen aufweist und mit einigen Motiven bestickt ist, die ich nicht alle zuordnen kann. Sicherlich haben sie irgendwas mit Mode zu tun. „Hab mich umentschieden", sagt sie, bevor sie die letzte Stufe heruntergeht und sich eine meiner Hände schnappt. „Wie wäre es denn, wenn wir einen Spaziergang machen?"

Ihre Finger stecken in dicken Wollhandschuhen und trotzdem bilde ich mir ein, dass ich ihre warme, weiche Haut auf meiner spüren kann. „Lädst du mich etwa auf ein Date ein?", frage ich mit hochgezogener Augenbraue.

„Ich weiß nicht. Kommt ganz drauf an, was du antwortest, sonst tue ich so, als würde ich nur jemanden suchen, der mit mir Müll sammeln geht", erwidert Avery grinsend. Es erreicht nicht vollständig ihre Augen, in denen das übliche Glänzen fehlt, das ich sonst in so manch dunkler Nacht vor mir sehe.

„Ich würde beides liebend gerne mit dir machen. Führe mich hinfort."

Avery zieht eine Augenbraue an. „Hast du zu viel Shakespeare gelesen?"

„Ah, es ist nur ein Mitternachtstraum, dein Aug' und dein Antlitz in meinen Träumen erblasst, wie ein junger Mond am Horizont", sage ich ausschweifend, grinsend, lebendig. „Okay, okay, tut mir leid", füge ich lachend hinzu, als Avery eine Grimasse zieht, die aussieht, als hätte sie in eine Zitrone gebissen. „Kein Shakespeare für dich, verstanden."

„Gott, bloß nicht. Ich musste mich genug damit auseinandersetzen, als ich diesen schrecklichen Aufsatz geschrieben habe", sie tätschelt ihre Tasche, die an ihrer anderen Seite hängt, „da brauche ich mich nicht auch noch außerhalb damit befassen. Mrs. Lawrence müsste mir jetzt eigentlich einen Erholungsurlaub spendieren, so viele Nerven, wie mich dieses Ding gekostet hat."

Sie führt mich mit der Hand über den verschneiten Parkplatz, in die entgegengesetzte Richtung, in die ich sonst immer mit Nate und den anderen zum Sportcenter fahre, in Richtung Innenstadt. Es ist verschneit, es ist kalt und es ist in Lichter getaucht. Die Straßenlaternen brennen bereits, Autoscheinwerfer lassen den Schnee glänzen und das Licht der Ampeln schickt rote, grüne und gelbe Funken über den feuchten Boden, sodass es überall aussieht, als würden wir uns in einer weihnachtlichen Schneekugel befinden.

„Das ist nett", sage ich schließlich, als wir an der Einkaufsmeile vorbeigehen. „Es ist selten, dass ich einfach nur mal so rausgehe und nichts tue."

„Es hat was", erwidert Avery, ihr Blick nach vorne gerichtet. Sie hat die andere Hand an den Griff ihrer Tasche geklammert, während sie immer mal wieder mit einem Finger über den Stoff kratzt, als müsste sie testen, dass er noch da ist. „Irgendwie beruhigend", sagt sie ironischerweise.

„Alles okay mit dir?"

Avery entkommt ein Seufzen. „Ich schätze, es macht keinen Sinn, zu versuchen, es geheim zu halten." Sie zieht eine Grimasse, kratzt ein weiteres Mal über den Gurtstoff, bevor sie die andere Hand an ihre Seite fallen lässt, die Finger in einer Position angespannt, als wüsste sie nicht so Recht, was sie damit anstellen sollte. „Die letzten Tage war ich sehr in Gedanken", fährt sie schließlich fort. Der matschige Untergrund, der die Straße zuvor bedeckt hat, weicht langsam aber sicher frischem Schnee, leichten, weißen Decken, unberührt von allzu vielen Passanten, während wir an den gut besuchten Teilen der Innenstadt vorbeigehen. „Dazu neige ich wohl."

„Ist mir aufgefallen", sage ich vorsichtig.

„Ich – es hat wirklich nichts mit dir zu tun, versprochen."

Mein Herz setzt aus. Ein eisiger Griff legt sich um meine Kehle, der nichts mit dem Wind zu tun hat, der um uns weht. „Warum klingt das so, als würdest du mit mir Schluss machen." Meine Füße weigern sich weiterzugehen, womit ich Avery ebenfalls zwinge stehenzubleiben.

„Nein!", ruft sie aus. „Gott, nein. Keine Sorge, ich will nicht – Gott, tut mir leid, das muss echt so geklungen haben, huh?" Sie lacht leise. „Nein, wirklich."

„Warum willst du mir dann nicht in die Augen sehen?", frage ich.

Sie seufzt, presst die Lippen so fest zusammen, dass sie weiß werden, blickt aber immer noch nicht nach oben. Sie hat ihre Augen an den Verschluss meiner Jacke gefesselt. „Ich ..."

Nur Schneegestöber, Wind und Autoreifen erklingen um uns, aber ihre Stimme bleibt aus. Ich weiß nicht, wie ich darauf komme, aber ich lege meine freie Hand vorsichtig an Averys Kinn und hebe es leicht an, sodass sie mich ansehen muss. „Rede mit mir", sage ich.

„Wow", erwidert sie leise. „Das war ein richtiger romantischer Film-Move."

„Nicht nur du kannst Filme mit Anne Hathaway gucken und dabei Eiscreme essen."

„Bin ich so durchschaubar?"

„Vielleicht ein wenig. Und jetzt rede mit mir, Avery. Du machst mir noch Sorgen."

Erneut entkommt ihr ein Seufzer. „Tut mir leid", wiederholt sie. „Es ist – ich weiß auch nicht. Es ist schwierig, weil ich glaube, dass das Problem irgendwo in meinem Kopf sitzt und du da schlecht reingucken kannst."

„Dann musst du es mir einfach erklären." Ich schenke meiner Freundin ein aufmunterndes und – hoffentlich – mutmachendes Lächeln, dann gehe ich langsam weiter, ihre Hand in meiner, und ziehe sie die verschneite Straße weiter. Langsam weichen Häuser hohen Laubbäumen und schneebedeckten Wiesen, einem winzigen, eingefrorenen Teich und Parkbänken, die wie weiße Sitze aussehen. Ich verstehe, wieso Avery mich hergeführt hat.

„Das versuche ich ja", erwidert sie. „Ich – okay. Okay, also, die letzten Tage habe ich sehr viel nachgedacht und versucht auf mein Herz zu hören und was auch immer man tun soll, wenn man nicht mehr weiter weiß, weißt du? Jedenfalls habe ich viel daran gezweifelt, wer ich bin und was ich bin und – also, von Anfang an war ich mir einfach nicht sicher, ob ich wirklich die bin, für die ich mich halte." Sie nimmt einen tiefen Atemzug, dann redet sie weiter, ihre Augen auf das glänzende Weiß des Parks gerichtet. „Woher soll ich denn überhaupt wissen, dass ich wirklich lesbisch bin, wenn ich doch vor dir keine Erfahrung hatte?"

„Hey, niemand sagt, dass du unbedingt lesbisch sein musst", unterbreche ich sie. „Es ist doch egal, oder nicht?"

„Ist es das?", fragt sie mit gerunzelter Stirn. „Denn so wie ich das sehe, würde ich nur dir und mir etwas vorspielen, wenn ich einfach so tue, als würde mich das alles nicht interessieren, nur weil ich dich gern habe und gern deine Hand halte und den ganzen Kram. Ich – ich schätze einfach, dass ich es irgendwie wichtig finde, weil ich mich zuvor nie damit auseinandersetzen musste, wer oder was ich bin und ich jetzt alles auf einmal herausfinden muss."

„Aber musst du es wirklich alles auf einmal herausfinden?" Ich versuche ihren Blick auf mich zu lenken, aber Avery ist wirklich gut darin, mir auszuweichen, wenn sie es will. „Reicht es denn nicht, dass du dich selbst versuchst herauszufinden? Musst du wirklich jetzt schon Antworten haben?"

„Natürlich!", ruft Avery aus, ihr Blick rauscht nur wenige Momente an meinem vorbei. „Ich –", sie bleibt mit geöffneten Mund stehen, ihre Brauen kräuseln sich langsam. „Oh. Oh wow. Ich – du hast Recht."

Entgegen meinem Willen fange ich an zu lachen. „Darauf bist du die ganze Zeit nicht gekommen?"

„Okay, zu meiner Verteidigung, soweit bin ich in meinen Gedanken nicht gekommen! Ich habe irgendwie bei der quälenden Frage nach meiner eigenen Identität aufgehört, Dinge in Frage zu stellen, okay? Hör auf, dich lustig zu machen", fügt sie schmollend hinzu.

„Tut mir leid, ich lache wirklich nicht über dich", erwidere ich grinsend. „Es ist nur – es ist wirklich süß, wie du dir all diese Gedanken machst, aber die einfachste Lösung nicht einmal versuchst in Anspruch zu nehmen."

„Naja, gut, aber wenn man wie ich jahrelang mit Quinn befreundet ist, dann geht man nicht nach einfachen Lösungen, sondern versucht sich das Leben unnötig schwer zu machen!", sagt sie über mein Lachen. „Hör auf!" Avery drückt mir die freie, behandschuhte Hand auf den Mund, auch wenn das mein Schnauben nicht gänzlich verdeckt. „Oh, du bist wirklich schrecklich. Ich versuche dir hier mein Herz auszuschütten und du lachst mich einfach aus."

Ich greife nach ihrer Hand und nehme sie von meinem Mund. „Das würde mir im Traum nicht einfallen. Es ist okay, dass du nicht weiß, als was du dich identifizieren sollst, Avery. Muss man sich denn in unserer heutigen Zeit noch als irgendwas identifizieren? Reicht es nicht, dass du meine Hand halten willst und wir beide die Gegenwart des anderen genießen?"

„Oh, wahrscheinlich."

„Na also. Du kannst dir so viele Gedanken machen, wie du willst", sage ich, beuge mich vor und küsse sie kurz, „solange du dich daran erinnerst, dass ich dich so oder so mögen werde. Und solange du nicht einfach mit mir Schluss machen willst –"

„Will ich nicht!" Rötliche Wangen glänzen im Schneegestöber und Avery schüttelt den Kopf. „Gott, es ist manchmal so einfach, mit dir zu reden. Du hast immer die richtigen Tipps parat." Sei drückt den Kopf ein wenig nach oben, sodass sie mich küssen kann, dann seufzt sie ein weiteres Mal, dieses Mal entspannter und weniger angstgeschwängert als zuvor. „Danke."

„Du kannst dich auf mich verlassen, Babe."

Sie zieht eine Grimasse. „Über den Spitznamen reden wir aber noch."

„Wieso, was hast du gegen Babe, Babe?"

„Eine ganze Menge, angefangen damit, dass ich kein Baby bin und es mich verstören würde, wenn du ein Baby attraktiv finden würdest."

„Ich schwöre dir, ich habe noch nie ein Baby attraktiv gefunden und werde damit auch sicherlich nicht anfangen und wenn doch, dann erwarte ich, dass du mich wegsperrst und den Schlüssel wegwirfst." Ich grinse, als ich ihren Gesichtsausdruck sehe. „Babe ist einfach romantisch, finde ich."

„Aber warum?", fragt Avery. „Es gibt so viele andere Spitznamen, die man jemandem geben kann und alle entscheiden sich dafür, ihren Partner zu ver-baby-en."

„Oh Gott, das ist doch kein Wort", erwidere ich lachend, während Avery mich mit ernstem Gesichtsausdruck anblickt.

„Selbstverständlich ist es ein Wort. Ich habe es eben gerade erfunden und ich möchte nicht, dass du dich darüber lustig machst. Sicherlich werde ich bald einen Nobelpreis dafür bekommen, weil ich der Sprache endlich geholfen habe, sich weiterzuentwickeln. Meine nächste Amtshandlung wird es nämlich auch sein, den Spitznamen Babe abzuschaffen."

„Du bist unglaublich." Mit einer Hand an ihrer Wange führe ich ihr Gesicht näher zu mir, bis ich sie küssen kann, langsam und süß und ausfallend und romantisch und kalt, bis ich mich zurückziehe und das Glänzen in ihren Augen erkenne, das mir so gefehlt hat. Avery, die mich ansieht, die lächelt und das Gesicht noch immer leicht nach oben beugt, Avery, die so viel ist und eigentlich nur so wenig sein muss, um perfekt zu sein. Ich weiß nicht, wie ich so glücklich sein konnte, um dieses Mädchen meine Freundin nennen zu dürfen, dass ich dazu fähig bin, ihre warme Hand zu halten, ihre süßen Lippen zu küssen, wann immer ich will. Dieses Weihnachten wird vielleicht das erste ohne meine Mutter sein, aber es dem Fest definitiv nicht an Wärme fehlen.

„Das sagen viele", murrt sie schließlich, als ich mich weiter zurückziehe.

Der kalte Wind zieht um uns, lässt die Härchen an meinem Nacken aufstehen. Ich reibe meine freie Hand gegen den Stoff meiner Hose, bevor ich sage: „So sehr ich es auch genieße mit dir in der Kälte zu stehen und romantische Spitznamen auszutauschen", die hochgezogenen Augenbraue von Avery ignoriere ich gekonnt, „muss ich doch zugeben, dass mir langsam die Finger abfrieren. Wollen wir nicht irgendwo hingehen und romantisch sein, wo es etwas wärmer ist?"

Avery schnaubt kurz. „Wenigstens weiß ich jetzt, was ich dir zu Weihnachten schenke. Handschuhe", fügt sie augenrollend auf meinen Blick hinzu. „Also ehrlich." Sie schüttelt den Kopf, lächelt aber noch. Dann fragt sie: „Wollen wir heißen Kakao trinken gehen?"

„Bitte", erwidere ich.

„Gut. Ich könnte es mir niemals verzeihen, wenn du einen Finger durch die Kälte verlierst, weil ich dich unbedingt hier in die Natur zerren musste. Meine blöden Identitätsprobleme sollen dich lieber keine Gliedmaßen kosten."

„Wir können gerne weiter darüber diskutieren, wenn ich mich aufwärmen kann", meine ich.

„Niemals." Avery streckt mir für einen kurzen Augenblick die Zunge raus. „Du würdest nur wieder lachen, weil ich eine einfache Lösung nicht finde. Sowas werde ich jetzt nur noch mit Quinn besprechen."

„Damit du auf jeden Fall zu gar keiner Lösung mehr kommst, verstanden", antworte ich grinsend.

„Lass das oder du bekommst keinen Kakao."

Ich bleibe ruhig und lasse mich von Avery durch die Straßen ziehen, während ich nur daran denken kann, dass ich Avery auch dann mögen – mögen? Gernhaben? Lieben? – würde, wenn sie nie wieder mit mir reden würde.

(Meine Hände brennen noch bevor wir das Café betreten und Avery mich an einen Tisch zieht. Mir ist heiß, mir ist so warm, dass ich schmelzen könnte, während ich Avery betrachte. Glück. Glück. Glück. Ich habe so viel Glück, ich bin der glücklichste Mensch auf Erden, weil Avery mich ansieht und lächelt und glänzt.

Glück.

Liebe.)


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