15. Avery
Jetzt kommt hier ein Kapitel, an dem ich echt lange gewerkelt hab, weil ich es richtig hinbekommen wollte, deswegen wäre ich sehr dankbar, wenn ich ein wenig Feedback bekommen könnte, hihi, Feminismus und so, yay!
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Schnee und Dezember stöbern in einem glitzernden Sturm ineinander und es passiert so schnell, dass es keiner kommen sehen kann. Die Straßen sind weiß, die Bäume sind mit hellen Bärten bedeckt und der Himmel spiegelt die Kälte der Luft wider. Es vergeht kein Tag, an dem ich keine dicken Jacken über die vergleichsweise dünnen Blusen ziehen muss, die ich sonst trage und ich kann nur froh sein, dass ich aus dem letzten Jahr gelernt habe, und mir in den Sommerferien selbst eine Winterjacke zusammengestellt habe. Ansonsten hätte sie meinen gesamten Style untermauert und ich finde, niemand hätte das weniger verdient als ich.
Der Anfang der Winterzeit bedeutet leider auch, dass der Aufsatz für Mrs. Lawrence in Kürze abzugeben ist. Noch bin ich an den Feinheiten dran, aber ich hoffe, dass es reichen wird, um wenigstens keinen Anruf bei meiner Mom hervorzurufen. Die Aufgabe an sich hat mir schon keinen Spaß gemacht, da will ich nicht auch noch ein Gespräch mit Mom ertragen müssen, die mir mit ihrem enttäuschten Blick bis nach Hause folgen wird.
Othello hat mir aber auch keine andere Wahl gelassen. Aus dem Internet habe ich mir vage Themen zusammengesucht, die in irgendeiner Weise mit dem Stück zu tun haben, habe mir den einzigen weiblichen Charakter geschnappt, der auch nur ansatzweise Tiefe aufzeigt (wobei Desdemona trotzdem kaum mehr als ein Ding ist, das den Plot voranbringen soll) und dann einen viel zu langen Aufsatz darüber geschrieben, wie Hautfarbe und Weiblichkeit eine ausschlaggebende Rolle im Stück spielt.
(Tatsächlich bin ich mir nicht einmal mehr sicher, ob irgendeines dieser Themen wirklich wichtig ist, da ich das Stück nur ein einziges Mal überflogen habe, aber die Internetforen würden mich sicherlich nicht anlügen.)
(Und wenn doch, dann tue ich einfach so, als hätte ich einen anderen Blickwinkel genutzt, um mir das Stück anzusehen, das wird Mrs. Lawrence schon irgendwie gefallen.)
Der elendige Englisch-Aufsatz ist aber nicht die einzige Aufgabe, die diesen Monat ihr Ende findet. In einem Anflug an Wut über Gould, habe ich die restlichen Sachen für unsere Präsentation fertig gestellt. Wir sind damit nun endgültig so weit, dem Eishockey-Coach zu zeigen, was er alles verpasst, wenn er die Chance nicht ergreift und Brielle ins Team holt. Ich meine, es sollte eigentlich offensichtlich sein, dass sie dem Team nur gut tun würde, aber wenn man alles durch eine sexistische Linse betrachtet, dann ist wohl jede starke Frau ein angsteinflößendes Monster, dass den armen, armen Männern die Plätze klauen will.
Manchmal, aber nur manchmal frage ich mich, ob Gleichstellung wirklich das richtige Ziel für Feminismus ist. Manchmal, aber nur manchmal frage ich mich, ob man nicht Alles umstellen sollte, damit die Männer wirklich erkennen, was sie mit uns Frauen anstellen. Aber meistens kann ich dann nur seufzen und den Kopf schütteln. Dann wären wir nicht besser als die Narzissten, die diese Welt regieren, wenn wir ihnen ihre eigene Medizin verabreichen. (Es würde sich aber oh so gut anfühlen.)
Vor den Weihnachtsferien gibt es noch ein weiteres Eishockeyspiel, deswegen bietet es sich jetzt am ehesten an, dass wir versuchen, Gould zu überzeugen. Mit allen Kostümen und Notizen im Gepäck, die wir brauchen, habe ich dieses Mal sogar ein gutes Gefühl bei der ganzen Sache. Außerdem habe ich die Hoffnung, dass sich Gould überhaupt nicht trauen wird, Brielle abzulehnen, wenn Zoe und ich ebenfalls dabei sind. Gegen die geballte Macht von drei wütenden jungen Frauen kann er gar nicht anders als kleinbeigeben.
In der Schule angekommen, mache ich mich sofort auf den Weg zu Brielles Spind. Meine Freundin steht dort bereits an die Wand gelehnt und wartet auf mich mit einem schmalen Lächeln. Als ich nah genug bin, fragt sie: „Alles mit und bereit, Geschichte zu schreiben?"
„Mehr als bereit. Ich kann kaum erwarten, diesem widerlichen Typen das Grinsen vom Gesicht zu wischen", erwidere ich. „Du wirst noch heute dem Team beitreten und dann werdet ihr einfach kein Spiel mehr verlieren."
„Du hast sehr viel Vertrauen in mich, dafür dass du mich eigentlich noch nie spielen sehen hast."
„Dann sollte das ja genug Motivation sein, mich nicht zu enttäuschen, oder?", frage ich lächelnd.
„Mehr als das", sagt Brielle grinsend, küsst mich rasch und nimmt dann meine Hand. „Sollen wir dann? Zoe ist schon vorgegangen, um den Laptop aufzubauen."
„Dann los, wir wollen sie nicht warten lassen."
Mit dem Plan im Kopf, führen unsere Füße uns schnell vorbei an den anderen Schülern in Richtung Sporthalle. Zu unserem Glück haben wir heute eine Freistunde, deswegen können wir uns alle Zeit nehmen, die wir brauchen, um Gould zu überzeugen. Es gibt eigentlich nichts mehr, das uns im Weg steht.
In der Sporthalle ist es nicht schwierig, Zoe ausfindig zu machen. Sie steht an der Tür zu den Umkleidemaschine und, als sie uns sieht, winkt aufgeregt mit einem Arm, damit wir in ihre Richtung gehen. „Na endlich", sagt sie, ihre blonden Haare wie so häufig zu einem Pferdeschwanz gebunden. „Ich musste schon mehreren Typen sagen, dass sie sich verziehen sollen, damit wir unsere Ruhe haben und einige von denen waren echt eklig." Sie schüttelt sich kurz. „Die wollten mich ständig fragen, ob ich nicht lieber mit ihnen ausgehen würde."
Ich schnalze angewidert mit der Zunge. „Männer."
„Ja, nicht wahr?", fragt sie mit einem zusammengezogenen Gesichtsausdruck. „Bin ich froh, dass keiner der Jungs, die ich kenne, mich je nach 'nem Date fragt, sonst müsste ich denen wahrscheinlich eine überbraten. Egal, ich hab den Laptop aufgebaut und die Präsentation gestartet. Es läuft alles."
„Perfekt", sagt Brielle.
„Dann müssen wir uns nur noch umziehen und Gould herlocken."
„Das kann ich übernehmen", meint Zoe, als wir die Umkleidekabine betreten. „Ich sag ihm einfach, jemand hätte die Toilette schon wieder verstopft."
Die Umkleidekabinen sind schmal und eng, mit weißen, rauen Wänden und einer ganzen Reihe an Bänken, die jede freie Fläche bedecken. Es gibt Haken, an denen man Jacken oder Taschen aufhängen kann und einige Spinde komplett aus Gitterdraht, sodass man immer den Inhalt bewundern kann. Die meisten Spinde sind allerdings schon so abgenutzt, dass sie sich nicht mehr abschließen lassen oder so mit Graffiti verschmiert, dass es wahrscheinlich sauberer für seine Kleidung wäre, wenn man sie auf dem Boden liegen lässt. Ein türloser Durchgang im hinteren Teil des Raums führt zu einigen Toiletten und einem Bereich mit Duschen, die aber kaum jemand benutzt. Niemand hier ist wirklich scharf darauf, mit nackten Füßen auf den Fliesen zu stehen und sich mit anderen Mädchen in einen viel zu kleinen Waschraum zu zwängen.
„Zeig mal die Kostüme", sagt Brielle, als sie ihre Jacke abgelegt hat.
„Sehr wohl." Ich stelle meine Tasche auf eine der Bänke und öffne den Reißverschluss, damit ich die vorbereiteten Trikots und Verkleidungen herausziehen kann. Das erste Outfit überreiche ich an Zoe. Es ist eine schlichte weiße Trainingshose mit zwei schwarzen Streifen am oberen Rand, dazu ein weißes Tanktop mit zwei schrägen schwarzen Streifen, die über eine Schulter über die Brust bis zum Steißbein reichen. Dazu prangt ein Wappen mit mehreren schwarzen Streifen und den Ringen der olympischen Spiele auf der freien Seite der Brust. Zoe hält es eine Armlänge von sich gestreckt.
„Wow, der Stoff ist total weich", sagt sie. „Wo hast du das her?"
„Oh, ich habs aus atmungsaktiven Stoffen genäht", erwidere ich, während ich das zweite Outfit herauskrame.
Zoe sieht aus, als würde sie einen Geist sehen. „Was? Du – Du hast das selbst gemacht?", fragt sie mit großen Augen. „Nichts für ungut, aber das sieht aus, als hättest du es aus einem schicki-micki-Sportladen geholt."
Ich spüre, wie meine Wangen sich aufheizen. Obwohl ich es mittlerweile gewohnt sein sollte, kann ich nicht anders, als rot zu werden, wenn mir jemand so ein Kompliment macht. „Danke", murmle ich.
„Wahnsinn", redet Zoe leise weiter, legt das Outfit vorsichtig auf der Bank ab und entledigt sich dann ihrer Bluse. „Unglaublich. Kann ich das behalten, wenn wir durch sind?"
„Äh – klar. Mir wird's eh nicht passen", erwidere ich. „Sind ja deine Maße."
„Fantastisch", sagt Zoe breit grinsend. „Das wird mein neues Sportoutfit. Damit werde ich endlich auch gute Noten bekommen."
Brielle schnaubt belustigt. „Ich glaube nicht, dass es magische Kräfte hat."
„Das werden wir ja sehen", antwortet sie und zieht sich das weiße Tanktop über den Kopf.
„Hier", sage ich schnell und überreiche Brielle die Kleidungsstücke. „Das ist für dich."
Es ist ein weißes, kurzes Tenniskleid, dazu eine weiße Trainingshose, die ich dazu gepackt habe, damit es nicht zu wenig wirkt. Das Kleid lässt sich in der Mitte zuknöpfen und hat einen scharf geschnittenen hellblauen Kragen. Der obere Teil des Kleids ist zudem in einem dunkleren Blau gehalten, dazu weiße Ranken und ein paar Perlen zur Deko, die wie Blüten platziert sind. Eine kleine, goldene Brosche in der Form eines Tennisspielers hängt an der rechten Seite am Kragen.
„Oh", erwidert Brielle mit glänzenden Augen. „Das ist echt schick!"
„Ich hab versucht, mich an die Vorgabe zu halten", meine ich, „aber es gab nicht sehr viele Nahaufnahmen, deswegen musste ich einige Teile improvisieren. Trotzdem ist es ganz gut geworden, glaub ich."
„Glaubst du?", fragt Zoe. „Das ist unglaublich. Wenn ich es im Laden sehen würde, dann würde ich nicht mal drüber nachdenken, ob ich's kaufe oder nicht, es würde sofort im Wagen laden."
Meine Wangen werden noch heißer. „Okay", murmele ich. „Bleibt noch mein Outfit übrig."
„Oh wow", meint Zoe, als ich es herausziehe. „Ich liebe diese Farben!"
Wie zuvor ist es ein Tenniskleid, allerdings etwas schlichter und einfacher. Es gibt keine Knöpfe, dafür ist es in drei Abschnitte unterteilt. Der obere Teil mit den Schulterträgern ist mint, der Abschnitt darunter ist dunkler, eher türkis und der letzte Rest vom Kleid ist ein dunkleres Türkis. Es ist luftig und an den Beinen weit, an den Schultern eng und straff, sodass es gute Armfreiheit bietet. Es hat eine Ewigkeit gedauert, genau diese Farben zu finden, aber ich finde, es hat sich gelohnt. Das Nike-Logo auf der Brust habe ich mit Absicht weggelassen und stattdessen meine Initialen in den Stoff gestickt.
Wir verschwenden nicht mehr allzu viel Zeit, ziehen unsere Kostümoutfits an und kontrollieren ein letztes Mal, das alles sitzt, wie es sitzen soll, dann läuft Zoe mit flinken Füßen aus dem Raum. Das Echo ihrer Schritte kehrt einige Minuten später wieder und als sie das nächste Mal durch die Tür tritt, ist Coach Gould ihr dicht auf den Fersen, ein genervter Ausdruck im Gesicht.
„Was soll das", grunzt er mürrisch klingend. „Was macht ihr hier?" Er beäugt uns kritisch und misstrauisch.
„Setzen Sie sich doch einfach", sagt Zoe mit honigsüßer Stimme und drückt den Coach am Arm auf eine Bank. „Wir haben Ihnen was zu zeigen."
„Ich werde nicht meine Zeit verschwenden und –"
Zoe lässt ihn nicht ausreden. „Hören Sie einfach zu", erwidert sie mit wesentlich härterer Stimme und wirft ihm einen fiesen Blick zu, den jeden anderen in die Knie gezwungen hätte.
Gould grunzt, sagt dann aber nichts mehr.
Ich nehme das als gutes Zeichen und starte die Präsentation. Zoes Laptops, der zur Bank gerichtet auf einem Stapel von Boxen steht, erwacht mit einem leisen Summen zum Leben. Die Präsentation, an der wir die letzten Wochen gesessen haben, beginnt mit der Überschrift. Weltfrauen des Sports.
„Uns ist nicht entgangen, dass Ihr Weltbild, was Frauen im Sport betrifft, sehr eingerostet ist", fange ich an zu reden. Obwohl es mich nervös machen sollte, vor einer Autoritätsperson zu stehen und zu reden, bin ich ruhig und entspannt. Eine eisige Kälte hat meinen Nacken ergriffen, Stolz und Wut und Antrieb zugleich pumpen durch meinen Venen. Ich habe mich noch nie so wichtig und gesehen gefühlt. „Brielle ist eine fantastische Eishockeyspielerin und doch geben Sie ihr nicht einmal die Chance, sich zu beweisen. Wir haben einen Blick in die Geschichte des Sports geworfen und dabei mehrere Frauen gefunden, die nicht nur Rekorde aufgestellt sondern auch die von Männern gehaltenen gebrochen haben."
„Pfft."
Ich ignoriere Goulds schwachen Versuch, mich aus der Bahn zu werfen. „Zu sehen auf dieser Folie ist die weltbekannte Tennisspielerin Serena Williams", fahre ich mit harter Stimme fort. „Wie Sie vielleicht ebenfalls sehen, habe ich ihr Fade-Outfit des French Open kopiert. Obwohl sie das Tournier letztendlich verloren hat, hat sie mit unfassbar vielen Punkten geführt. Serena Williams ist nicht umsonst eine der stärksten Tennisspielerinnen der Welt. Selbst wenn sie verliert, ist sie ein gefürchteter Gegner und hat einen mächtigen Schlag, den man nicht unterschätzen sollte."
„Jeder kennt Serena Williams", erwidert Gould mit einem Schnauben. „Sie ist gut, klar, aber auch nur eine von weiteren Tennisspielern, die sich für unschlagbar halten."
„Und warum kennt jeder Serena Williams?", frage ich mit Härte in der Stimme. „Weil sie eine Legende ist. Sie ist unfassbar, eine Spielerin, die Grenzen durchbrochen hat, um an die Spitze zu kommen. Sicherlich wurde ihr auch sehr oft gesagt, dass sie nicht spielen darf, weil sie eine Frau ist – noch dazu eine schwarze Frau – aber sie hat sich nicht abschrecken lassen und die Krone ergriffen. Wo wäre sie jetzt, wenn sie auf die Männer gehört hätte, die ihr den Weg erschwert haben?"
Gould zuckt mit den Schultern. „Mir doch egal", brummt er. „Dauert das noch lange? Ich muss –"
„Sitzen bleiben", sagt Zoe. Sie tritt vor und ich lasse ihr das Scheinwerferlicht. In dem weißen Outfit sieht sie wie eine Sportikone aus. „Wissen Sie, wer ich bin?"
„Was soll das werden, Miss Lavoie?", fragt der Coach.
„Falsch. Ich bin Mildred Didrikson Zaharias, auch bekannt als Babe. Mildred war eine der vielseitigsten Sportlerinnern der Geschichten. Sie hat mehrfach Gold geholt, Rekorde gebrochen und dutzenden Golfturniere gewonnen, wodurch sie mit eine der ersten Frauen war, die in die Hall of Fame of Woman's Golf einzog. Obwohl sie lange Zeit an Krebs erkrankt war, hat sie nie mit dem Sport aufgehört und auch spät in die Krankheit noch US Open gespielt und gewonnen. Mildred steht im Guiness Buch der Rekorde und Sie wollen mir sagen, Frauen gehören nicht in den Sport?"
„Mildred ist eine Ausnahme", sagt Gould. „Sie ist ein Wunderkind und besser als andere Frauen es je waren."
„Ha", spuckt Zoe aus. „Sowas tun wir hier nicht. Wir Frauen halten zusammen und ich bin mir sicher, wenn Mildred heute noch am Leben wäre, dann würde sie zustimmen. Wieso sonst würden Sie glauben, dass Mildred auch heute noch zu den vielseitigsten Sportlerinnen aller Zeiten gehört, wenn nicht, weil sie nie kleinbeigegeben hat, auch wenn ihr Körper gegen sie gearbeitet hat? Sie hat jede Sportart gemeistert und trotzdem wollten die Männer ihr den Erfolg nicht gönnen. Sie dachten, sie hätte irgendwie geschummelt, hätte Drogen genommen, um besser zu sein. Niemand wollte ihr den Erfolg gönnen und trotzdem hat sie nicht aufgehört, auch als man ihr die verdiente Goldmedaille nicht überreichen wollte."
Gould sagt nichts, verschränkt lediglich die Arme und lehnt sich mit einem langsamen Seufzen zurück.
„Schätze, ich bin dran", sagt Brielle kurz angebunden. Ihre Stimme klingt nicht so sicher, wie meine oder Zoes, aber ich sehe in ihren Augen, dass sie mehr als fokussiert ist. Sie wirft einen raschen Blick auf die Präsentation, dann strafft sie die Schultern an. Sie deutet auf das weiß-blaue Tenniskleid an ihrem Körper, muskulöse Arme und im Neonlicht sepiafarbene Haut. „Billie Jean King."
„Nicht das noch", murrt Gould. „Jeder bringt King an, wenn er was zu sagen hat."
„Rechtmäßig. Sicherlich wissen Sie, warum Billie Jean King bekannt und berühmt ist." Brielle lässt keine Zeit zum antworten. „Sie hat das Battle of the Sexes gewonnen, hat sich für Gleichheiten im Sport für Frauen eingesetzt und Stiftungen für die Frauen des Tennis gegründet, die bis heute bestehen und in ihren Ehren arbeiten. Wussten Sie, dass es Billie damals nicht erlaubt war, Tennishosen zu tragen? Sie durfte nicht mit auf ein Gruppenbild, obwohl sie so talentiert und passioniert wie alle anderen war."
„Jeder kann einen Wikipedia-Artikel lesen, Mädchen", schnaubt Gould.
„Dann sollten Sie es vielleicht mal probieren", erwidert Brielle hart. „Billie Jean King hat 39 Titel gewonnen. Neununddreißig! Sie ist eine der besten Tennisspielerinnen der Welt."
„King ist wieder einmal eine Ausnahme unter vielen", sagt der Coach. „Was bringt es mir denn, das zu wissen? Ich weiß, wer Williams, Zaharias und King sind und ich weiß, warum sie berühmt sind. Sie sind Ausnahmen der Sportwelt und doch sind sie nicht so gut wie viele ihrer männlichen Kollegen."
„Oh, das nehmen Sie besser zurück", antwortet Zoe bitter klingend. „Ich könnte Ihnen fünfzig Beispiele nennen, in denen diese Frauen männliche Sportler um Längen geschlagen haben, die ebenfalls als Ikonen der Sportwelt galten."
„Jeder verliert mal, Mädel. Das macht uns noch lange nicht zu Verlierern."
„Niemand behauptet das", entgegne ich langsam wütend werdend. „Was wir mit dieser Präsentation und den Outfits zeigen wollten, ist dass es ein Fehler ist, jemandem keine Chance im Sport zu lassen, nur weil dieser Jemand eine Frau ist. Brielle könnte die größte Eishockeyspielerin der Welt werden und wollen Sie wirklich auf der falschen Seite ihrer Geschichte stehen?"
Der Blick, den Brielle mir daraufhin zuwirft, lässt mich auf der Stelle schmelzen. Ihre Augen glänzen und ihre Mundwinkel brennen unter dem Lächeln, dass sie erstrahlen lässt. „Ich will nicht die größte Spielerin der Welt sein", sagt Brielle. „Ich will lediglich die Chance haben, zu spielen."
„Selbst wenn sie keine Weltrekorde bricht", fügt Zoe an. „Sie haben sie doch spielen gesehen, Sie haben gesehen, wie sie sich auf dem Eis bewegt. Brielle hätte keine Probleme, mit den Jungs mitzuhalten und ich bin mir sicher, dass sie sogar besser als einige im Team sind, die nur im Team sind, weil Sie genügend Spieler brauchen." Eine ihrer Augenbrauen zuckt nach oben. „Oder liege ich damit etwa falsch? Nicht einmal Sie können mir sagen, dass Matthew, der in jedem Spiel nur an der Bande entlang fährt und den Puck nie berührt, wirklich besser spielt als Brielle."
„Und wenn schon", knurrt Gould, der ungeduldig mit einem Bein wackelt. „Das Team ist voll und alle sind miteinander vertraut. Die Jungs spielen seit Wochen zusammen, ich kann ihnen nicht einfach jemand neuen dazu stellen und verlangen, dass sie von jetzt auf gleich das ganze Team umstellen. Außerdem bleibe ich dabei", fügt er mit einem Seitenblick auf Brielle hinzu, „dass ich keine Mädchen ins Team nehme."
„Jetzt hören Sie mal zu", sage ich mit einem Unterton, den ich normalerweise nicht für Lehrer nutze.
Gould kommt mir zuvor. „Nein, Missy, du hörst zu", antwortet er barsch klingend. „Mir gehört dieses Team, ich entscheide, wer mitspielt und wer nicht und wenn ich sage, dass deine Freundin nicht mitspielt, dann ist das mein letztes Wort, kapiert? Ich führe hier kein kleines Spielhaus oder irgendeine Kindertagesstätte."
„Wir haben Ihnen doch wohl ganz klar gezeigt, dass es im Sport nicht aufs Geschlecht ankommt", sagt Zoe mit zusammengezogenen Augenbrauen.
„Habt ihr das?", fragt Gould. „Ich sehe hier nur drei Teenager, die sich darauf fixiert haben, berühmte Frauen für ihr eigenes Ziel auszunutzen. Wenn es euch so wichtig ist, berühmt und bekannt zu werden, dann solltet ihr vielleicht an euch selbst arbeiten und nicht nur die Erfolge anderer ausnutzen."
„Das ist –"
„Genau das, was ihr tut", fährt er fort und erhebt sich mit einem Alte-Leute-Seufzen. „Ihr wollt mich beeindrucken, indem ihr mir etwas über irgendwelche Sportler erzählt, die mehr erreicht haben, als ihr je werdet, in der dummen Hoffnung, dass ich meine Meinung ändere."
Die Tür zur Umkleide öffnet sich und einen Augenblick später steckt jemand seinen hellblonden Haarschopf in den Raum. „Wusste ich doch, dass ich Stimmen gehört habe", sagt Austin und tritt ein.
„Hey, das ist die Mädchenumkleide!", sagt Zoe erbost.
„Ihr wärt wohl kaum nackt, wenn ihr mit dem Coach redet", meint er mit wegwerfender Handbewegung. Sein Blick fällt auf den Laptop und eine seiner Augenbrauen wandert in die Höhe. „Ah, daran habt ihr also die ganze Zeit gearbeitet, ja? Hört er dir dieses Mal zu?", fragt er an Brielle gewandt, die am ganzen Körper bebt. Als sie nicht antwortet, legt er die Stirn in Falten, dann murmelt er: „Also nicht. Vielleicht ..."
„Was willst du, Austin?"
Er dreht den Kopf zu Zoe und – es könnte sein, dass das Licht meinen Augen einen Streich spielt – wird rot um die Wangen. „Was soll das Outfit?"
„Was", wiederholt sie mit strenger Miene, „willst du?"
„Okay, okay, sorry", murmelt er, bevor er kurz den Kopf schüttelt. Er wendet sich an Gould, wobei sein Blick den von Brielle streift. Austin drückt den Rücken durch. „Ich trete aus dem Team zurück."
Alle Augen sind auf ihn gerichtet. Ich starre Austin an, als hätte ich ihn noch nie gesehen, Zoes Mund steht offen und Brielle blinzelt ein paar Mal heftig. Coach Goulds Miene verzerrt sich. „Was soll das werden, Morin? Willst du mich auf den Arm nehmen?"
„Ganz und gar nicht, Coach", erwidert Austin achselzuckend. Als er durch den Raum blickt, bin ich mir fast sicher, dass er zwinkert. „Ich hab einfach nur erkannt, dass ich keine Lust habe, Eishockey als mehr als ein Hobby zu betrachten. Den ganzen Wettbewerb und immer besser als alle anderen zu sein, das ist einfach nicht meins, Coach."
„Du", fängt Coach Gould an, presst dann aber die Lippen zusammen.
„Was denn, Coach?", fragt Austin mit einem unschuldig wirkenden, zähneblitzenden Lächeln, die Art, die er sicher den Mädchen schenkt, wenn er will, dass sie seinem Surferboy-Charme verfallen. Er fährt sich durch die verwegen unordentlichen Haare und seufzt. „Das wollte ich eigentlich nur sagen. Bis später dann. Oh, nette Outfits, so nebenbei. Steht dir gut, Zoe." Er lächelt ein weiteres Mal, dann dreht er sich auf der Stelle um und verschwindet so schnell wie er gekommen ist.
Die Tür fällt ins Schloss und mit ihr schließt sie die Stille ein. Gould starrt mit zusammengepressten Lippen auf die Stelle, an der Austin eben verschwunden ist, Zoe hat rote Wangen und glättet eine Falte an ihrer Hose und Brielle hat die Augen geschlossen. Ich bin nicht sicher, was grad passiert ist. Mein Herz prügelt gegen meinen Brustkorb. Aufregung erfüllt mit einem Mal meine Venen und lässt meine Atmung schneller gehen. Es ist, als hätte mein Körper endlich mitbekommen, was wir hier tun.
„Es ist ja jetzt eine Stelle im Team frei", sagt Zoe langsam, als die Stille unaushaltbar wird. „Und das nächste Spiel steht bald an, oder?"
Coach Gould wirft ihr einen vernichtenden Blick zu, den Zoe allerdings standhaft auffängt. Sie hebt leicht das Kinn an. Gould sieht aus, als würde er ihr liebend gern ein paar Strafarbeiten aufdrücken. „Schön", erwidert er schließlich. „Schön! Macht doch, was ihr wollt. Du", sagt er und deutet mit einem vor Wut zitternden Finger auf Brielle, die seinen harten Ausdruck spiegelt. „Wenn ich auch nur sehe, dass du es nicht ernst meinst oder irgendeinen dummen Fehler machst, dann fliegst du sofort wieder raus, kapiert? Ich werde nicht zum Gespött der Stadt werden, weil ein dahergelaufenes Mädel mein Team ruiniert hat, ist das klar?"
In Brielles Augen lodert es. Ich bin mir sicher, dass sie ein paar sehr gewählte Worte für ihn übrig hat, angefangen mit Beleidigungen, die sie in der Gegenwart eines Erwachsenen lieber nicht sagen sollte, aber sie ballt lediglich die Hände zu Fäusten, presst sie an die Seite und nickt. „Ja, Sir. Ich werde Sie nicht enttäuschen."
Der Eishockeytrainer verschwendet kein weiteres Wort mehr an uns. Er schnaubt abfällig, drückt sich schließlich an Zoe vorbei und verschwindet aus der Umkleide, wobei er die Tür hart und laut hinter sich zuwirft.
„Oh mein Gott", flüstert Zoe einen Moment später.
„Wir haben es geschafft", füge ich an.
„Du bist im Team!", ruft sie grinsend aus.
Brielle nickt erneut. „Schätze schon", sagt sie leise.
Ich ziehe die Augenbrauen zusammen, meine angespannten Schultern fallen in sich. „Was ist? Ich dachte, das wolltest du erreichen?"
„Ja, ja schon. Ich meine, ich freue mich natürlich, dass ich beitreten kann, aber ... aber es fühlt sich nicht so, als hätten wir wirklich etwas erreicht, oder? Ich bin nur im Team, weil Austin ausgetreten ist."
Zoes Grinsen verblasst. „Oh."
„Ja, oh", erwidert Brielle mit einem Schulterzucken. „Letztlich haben wir ihn nicht wirklich davon überzeugt, dass er mir eine Chance geben soll, oder?"
„Aber Austin hat –", fange ich an, werde aber von meiner Freundin unterbrochen.
„Austin hat das getan, weil er es wollte, sicher, aber – aber es kotzt mich irgendwie an. Wieso musste unbedingt ein Junge erst etwas tun, damit der Coach einsieht, dass er mir eine Chance geben kann?" Brielle seufzt ausgiebig und forciert dann ein Lächeln. „Egal, beachtet mich einfach nicht. Danke für eure Hilfe."
„Nein, nein, du hast Recht", meint Zoe und tritt einen halben Schritt auf sie zu. „Es fühlt sich unfair an. Wir haben all diese Zeit und Energie in dieses Thema gesteckt, aber gebracht hat es uns nichts. Damit sind wir weder einen Schritt voran gekommen, noch haben wir wirklich etwas erreicht. Wenn Austin nicht aufgetaucht wäre, dann hätte Gould uns mit leeren Händen dastehen lassen."
„Ist es nicht das, worum es beim Feminismus geht?", frage ich vorsichtig. „Nicht, dass Männer uns retten sollen, oder sowas", füge ich an, als Zoe mir einen irritierten Blick zuwirft, „sondern dass Männer mit uns kämpfen? Du hast es doch damals noch zu ihm gesagt, oder? Du hast ihn gefragt, ob ihm Gewinnen lieber ist als Gleichberechtigung. Schätze, das war seine Antwort darauf."
Zoe öffnet den Mund, schließt ihn aber rasch wieder. „Oh."
„Es ist wohl ganz gut, dass wir uns zumindest auf einige Jungs verlassen können, mit uns zu kämpfen", sagt Brielle schließlich. Sie lächelt, nicht ganz echt, aber auch nicht vollkommen falsch. „Irgendwann können wir es dann auch ohne sie."
Ich überbrücke die Distanz, die zwischen uns herrscht und greife nach ihrer Hand. „Und bis dahin müssen wir uns einfach gemeinsam gegen Typen wie Gould auflehnen. Wer weiß, vielleicht kann unser nächster Schritt wirklich sein, dass wir ihn komplett ersetzen, hm?"
Brielle schnaubt belustigt, dann drückt sie meine Finger. „Ein Traum nach dem anderen, okay?"
Ich lache ebenfalls.
„Oh Mann. Jetzt muss ich Austin irgendwie meine Dankbarkeit ausdrücken, ohne dass es ihm zu Kopf steigt. Was für ein blöder Typ." Zoe seufzt. „Naja. Wir haben zwar alleine nicht gewonnen, aber das heißt nicht, dass wir verloren haben."
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