13. Avery

Oh Junge, Kapitel 13, ihr wisst was das heißt! Shit geht jetzt down und ihr müsst kommentieren, andernfalls werde ich eine kleine Blume in eurem Namen pflanzen und sie hegen und pflegen und dann, wenn sie wunderschön blüht, werde ich einen Hasen dazu bringen, sie aufzufressen <3

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Es ist ein surreales Gefühl. Wenn ich aufwache, dann denke ich daran, dass ich nicht länger single bin und plötzlich eine Freundin habe. Eine Freundin! Vor ein paar Wochen wusste ich nicht einmal, dass ich mich überhaupt für jemanden auf diese Weise interessieren kann und jetzt habe ich nicht nur diese Gefühle, sie werden auch noch erwidert und ich kann jederzeit daran denken, dass ich die Hand meiner Freundin halten kann, wenn ich will. Es ist wirklich seltsam, aber es fühlt sie nicht wie ein Traum an, finde ich. Es ist surreal, ja, aber echt und ich bin mir sicher, dass ich mich in meinen Träumen nicht für normale Dinge wie Beziehungen interessiere.

Ich habe meiner Mom nichts erzählt. Wie könnte ich auch? Ich wüsste nicht, wie ich anfangen sollte, ihr zu erzählen, dass alles darauf hinweist, dass ich lesbisch bin, wenn es ... wenn es doch keinen Grund gibt, es ihr zu sagen. Und es gibt keine Eile. Ich lasse mir Zeit, um dieses ganze Sexualitätsding wirklich zu verstehen und wenn ich mir sicher bin, dass ich lesbisch oder irgendwas anderes bin, dann kann ich daran denken, es meiner religiösen Mutter zu erzählen.

Das ist ein weiteres Problem. Natürlich hat meine Mom nie gesagt, sie würde etwas gegen Homosexualität haben, aber sie ist immerhin eine regelmäßige Kirchenbesucherin. Sie hört sich jede Predigt an, die Pastor Jenkins zu sagen hat und ich bin mir fast sicher, dass sie nicht verstehen würde, wieso oder warum jemand nicht heterosexuell ist. Sie hält sehr an dem Glauben fest, dass Mann und Frau füreinander geschaffen wurden, auch wenn sie selbst nicht gerade die besten Erfahrungen mit Männern gemacht hat. Immerhin hat mein Dad sie verlassen, als ich noch jung war, weil er eine jüngere Frau gefunden hatte. Trotzdem glaubt sie, dass Mann und Frau die Kompatibilität des jeweils anderen sind. Ich bin nicht sicher, was sie sagen würde, wenn ich ihr plötzlich eröffne, ich würde ein Mädchen daten. Zumal ich nicht mal weiß, ob sie überhaupt weiß, dass Quinn schwul ist.

Solange ich mich nicht damit auseinander setzen muss, wie diese Unterhaltung jemals vonstattengehen wird, bin ich glücklich. Ich schiebe diese Aufgabe einfach immer wieder vor mir her und irgendwann werde ich schon eine Ahnung haben, wie ich das alles angehen muss. Bis dahin ist sowieso noch ewig viel Zeit und jetzt ist es erstmal wichtiger, dass ich an unserem Projekt weiterarbeite. Zumal da auch noch diese schreckliche Hausaufgabe von Mrs. Lawrence ist. Wieso müssen wir auch gerade Othello lesen? Hätten wir nicht irgendwas lesen können, indem nicht wieder irgendwelche Frauen aus unnötigen Eifersuchtsgründen getötet werden? Ich hab keine Ahnung, wie ich daraus einen guten Aufsatz machen soll, ohne in einen Rant zu verfallen, wieso ich Shakespeare hasse.

Wie auch immer, damit werde ich mich nach dem ersten großen Eishockeyspiel befassen. Jetzt heißt es meine Freundin zu unterstützen, ihr hoffentlich noch vorher einen Platz zu verschaffen und wenn das nicht klappt, zumindest etwas gegen Goulds Sexismus zu unternehmen, der überhaupt der Übeltäter an der ganzen Sache ist.

Die alten Klamotten, die Mom mir aus der Kirche mitgebracht haben, haben sich auch schon als ziemliche Goldmine herausgestellt. Einiges davon war zwar zu nichts mehr zu gebrauchen, dafür konnte ich aber aus dem Rest Stoff gewonnen, den ich jetzt nutzen werde, um Zoes Idee zu verwirklichen.

„Wenn wir Gould wirklich überzeugen wollen, dann brauchen wir mehr als ein Poster und eine PowerPoint-Präsentation", hatte sie gesagt. „Wir müssen diese Sportlerinnen irgendwie zum Leben erwecken, so als würden sie ihm selbst sagen, er soll kein sexistisches Arschloch mehr sein."

Ich habe Zoe gesagt, ich würde mich darum kümmern und mich direkt an die Arbeit gemacht, ein paar Entwürfe zu erstellen. Aus dem Internet habe ich dutzende Bilder gezogen, auf denen die berühmten Frau abgebildet waren und die bekanntesten davon habe ich als Vorlage genommen, um ein paar Kostüme zu schneidern. Noch stecke ich damit in den Babyschuhen, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass ich zumindest gute Prototype herstellen kann, bevor das erste Spiel stattfindet.

Ich bin so in meiner Arbeit vertieft, dass ich Robin erst dann bemerke, als er mir auf die Schulter tippt. Die Nähmaschine stirbt unter meinen Finger und ich schrecke zurück. „Meine Güte", sage ich atemlos. „Schleich dich doch nicht so an."

Er zieht die Augenbrauen kraus. „Ich habe mit dir geredet und du hast nicht reagiert", erwidert er. „Was machst du da?"

„Nur ein paar Entwürfe. Wolltest du was?"

Robin zieht einen der leeren Stühle zu mir und setzt sich. Im Handarbeitsraum ist außer uns in der Pause gerade niemand, aber ich kann die Stimmen von anderen in den Nebenzimmern und den Fluren hören. Die Tür ist allerdings geschlossen, sodass uns niemand sehen kann, auch wenn ich mich nicht erinnern kann, ob ich sie geschlossen oder offen gelassen hatte. „Ich wollte dich um einen Rat fragen", sagt er schließlich, seine Stimme qualvoll leise.

„Okay?"

Er redet nicht weiter, sondern presst die Lippen zusammen und starrt auf seine Finger, die auf dem Stoff seiner dunklen Stoffhose liegen. Dazu trägt er heute einen einfachen Pullover mit grauen Ärmeln und einem weinroten Oberkörper. Es ist fast schon zu schlicht.

„Geht es um – du weißt schon, die Geschlechtssache?", frage ich vorsichtig.

Er zieht eine Grimasse. „Nenn es nicht so", murrt er. „Das klingt, als hätte ich was ansteckendes."

„Sorry. Aber geht es darum?"

„Ja ..." Sein Blick geht zwar wieder hoch, aber er schaut an mir vorbei auf die Arbeitsfläche, an der ich sitze. Sie ist voll mit Stofffetzen, Papierentwürfen und Nähutensilien, aber nichts davon ist sonderlich interessant anzugucken. „Ich hab – ich hab nur nachgedacht", sagt er schließlich, „und was ist, wenn ich mir das alles nur einrede?"

„Was?"

„Naja, du weißt schon", fährt er mit schmerzhaft vertraut klingendem Unglauben fort. „Immerhin ist es doch ziemlich weithergeholt, oder nicht? Ich meine, nur weil ich manchmal ein paar mehr feminine Eigenschaften oder Klamotten bevorzuge, heißt das ja nicht, dass ich gleich mein Geschlecht ändern will. Ich – ich weiß einfach nicht, ob es nicht alles ... keine Ahnung. Keine Ahnung, was ich will, um ehrlich zu sein. Aber ich weiß nicht, ob ich wirklich so fühle."

„Wer sonst sollte es denn wissen?", frage ich langsam und er ernte dafür endlich einen direkten Augenkontakt. „Nur du weißt, was du fühlst, oder?"

Er verzerrt das Gesicht erneut. „Aber ich weiß ja nicht was ich fühle, das ist es ja. Fühle ich mich wirklich so, weil ich so bin, oder fühle ich das nur, weil ich zu viel Zeit online verbracht habe? Ich hab einfach keine Ahnung."

Ich lehne mich ein wenig in meinem Stuhl zurück. Ich bin nicht ganz sicher, was Robin mir versucht zu sagen, aber ich schätze, ich verstehe, wie er sich fühlt. Wenn man es nicht selbst erfährt, dann ist es schwieriger, etwas nachzufühlen. So habe ich mich mit meiner eigenen Sexualität gefühlt, schätze ich. „Hast du", fange ich vorsichtig an, „schon mal darüber nachgedacht, eine Therapie zu machen? Nicht aus den Gründen, die du denkst", füge ich schnell hinzu, als sich sein Gesicht verhärtet, „sondern um vielleicht Klarheit mit dir selbst zu schaffen? Es gibt doch sicher Therapeuten die auf ... äh, Sexualitätssachen spezialisiert sind, oder? Vielleicht würde dir eine professionelle Meinung helfen und du könntest dir sicher sein, was es ist, was du fühlst."

Robin sieht mich einen Moment lang an. „Und wie soll ich das meinem Vater erklären?", fragt er leise. „Therapie ist nicht umsonst, weißt du, und ich habe eigentlich noch nicht, ihm irgendwas zu erzählen, was das angeht. Nicht umsonst habe ich niemand anderem außer dir und Quinn von meinem Genderproblem erzählt." Er seufzt ausgiebig. „Vielleicht war es eine dumme Idee, dich zu fragen, tut mir leid. Ich sollte dich nicht mit meinem Probleme belästigen."

„Oh, zieh jetzt nicht den Quinn ab", erwidere ich erbost.

„Den Quinn?", fragt er mit einer leicht angehobenen Augenbraue.

„Ja. Sich zurückziehen, wenn es darum geht, sich mit sich selbst auseinander zu setzen und dann so tun, als wäre nie etwas gewesen. Glaub mir, Quinn kann das sehr gut und ich muss damit schon sehr lange auskommen, als weiß ich, wie es aussieht, wenn jemand vorhat, diesen Weg zu gehen." Ich senke meine Stimme ein wenig, sodass sie sanfter klingt. Ich will ihn nicht verschrecken. „Komm schon, du hast dich uns doch anvertraut, weil du dir sicher warst, dass es etwas ist, was du sagen wolltest, oder? Ansonsten wärst du nicht so weit gegangen und hättest es wirklich ausgesprochen. Irgendwas in dir hat danach verlangt und ich bin mir sicher, dass du es herausfinden kannst. Wenn es am Ende jetzt heißt, dass du doch nicht genderfluid bist – okay, dann ist das so. Aber sag nicht, du wärst es nicht, nur weil du einen Zweifel hast."

Robin lässt die Schultern sinken. Ich kann sehen, wie er die Schneidezähne in seine Unterlippe drückt. Ein unsicherer Ausdruck nimmt sein Gesicht, eine Mischung aus Zweifel und Angst und es ist ihm mehr als anzusehen, dass er mit seinen Gedanken kämpft.

Langsam greife ich nach vorne und nehme eine seiner Hände zwischen meine. „Du musst jetzt keine Entscheidungen treffen, die du nicht treffen willst. Ich werde dich nicht dafür verurteilen, dass du deine Zweifel hast, weil ..." Ich hole tief Luft. „Ich hab auch so meine Zweifel was meine Sexualität angeht, weißt du? Und manchmal bin ich auch sehr verwirrt, was mein Gender angeht. Ich glaube, wem es nicht so geht, der hat entweder unfassbar viel Glück, oder ist nicht bewusst, dass man sich darüber Gedanken machen kann. Ich meine, vor ein paar Monaten wusste ich nicht, was ich anziehend finde, und jetzt habe ich eine feste Freundin."

Mit einem überraschten Luftholen blickt er mich an. „Du hast was?"

„Oh." Ich schätze, ich habe vergessen, dass wir es noch niemandem wirklich gesagt haben. „Brielle und ich sind zusammen", sage ich. „Seit gestern."

Ein Lächeln kämpft sich auf Robins Lippen. „Glückwunsch", murmelt er.

„Danke. Aber das beweist doch nur, was ich meine, oder nicht? Sowas kann sich von jetzt auf gleich ändern und wir können nicht unbedingt verhindern, wenn es passiert. Ich habe jetzt erkannt, dass ich auf Frauen stehe, aber das heißt nicht, dass ich weiß, dass das für immer so sein wird. Vielleicht treffe ich irgendwann einen Kerl, der mir richtig gut gefällt und das wäre immer noch okay, nicht?"

„Schätze schon", sagt Robin leise. „Sexualität ist immerhin fluide."

„So wie Gender", füge ich lächelnd.

Robin schnaubt belustigt. „So wie Gender", wiederholt er. „Richtig. Danke."

Ich mache eine wegwerfende Handbewegung. „Wenn du jemanden danken willst, dann dir selbst und Quinn. Ohne euch wüsste ich doch gerade mal einen Bruchteil von dem ganzen Kram. Und jetzt kann ich deine eigenen Waffen gegen dich verwenden, ha!"

Grinsend schüttelt er den Kopf. „Wirklich, danke", sagt Robin. „Es war eine gute Idee, mit dir zu reden. Du hast ein Talent dafür, jemandem den Kopf zu waschen."

„Vielleicht sollte ich Friseurin werden", überlege ich laut.

„So meinte ich das nicht."

„Ich weiß."

„Dann – egal. Danke auf jeden Fall. Ich glaube, mir müssen ein paar Dinge noch klar werden, aber vorerst ... vorerst bleibe ich dabei, genderfluid zu sein." Er lächelt wieder, dieses Mal etwas klarer.

„Das ist gut", erwidere ich. „Und falls du Hilfe mit deinen Outfits brauchst, dann weißt du ja, wo du mich finden kannst."

Robin zieht eine Augenbraue an. „Was soll das denn jetzt heißen?"

„Bitte", meine ich und deute auf seine Klamotten. „Das ist etwas, das ich Quinn zutraue, aber nicht dir. Wo ist dein Flair? Wo sind die Farben? Noch dazu trägst du weiße Sneaker, als wärst du einer der Sportler."

„Wow", antwortet Robin, entzieht sich meinem Griff und steht wieder auf. „Ich kam hier für einen Rat und werde jetzt nur noch attackiert. Tolle Freundin bist du."

Ich grinse. „Danke, ich gebe immer mein Bestes."

Er schüttelt den Kopf. „Ich gehe jetzt lieber, bevor du mich noch in einen deiner Entwürfe kleidest." Mit einem Kopfnicken deutet er auf die Stofflumpen auf dem Tisch, dann dreht er sich zur Tür. Mit einer Hand an der Klinke sagt er über die Schulter: „Ich wiederhole mich, aber Danke", dann verschwindet er in den Schulflur und lässt mich mit meinen Gedanken allein.

Kaum ist die Tür wieder zugefallen, lehne ich mich in meinem Stuhl zurück und seufze. Ich lege eine Hand auf mein Gesicht und versuche ein paar ruhige Atemzüge zu tätigen. Das war eine schreckliche Situation und ich wünsche mir, dass ich nie wieder diejenige sein muss, die Ratschläge gibt. Ich kann sowas einfach nicht, ich fühle mich überwältigt von dem Druck, bloß nicht das falsche zu sagen und warum würde man mir überhaupt in solchen Dingen vertrauen, wenn ich doch keine Ahnung von irgendwas habe? Ich weiß nicht einmal, was ich mit meiner eigenen Zukunft anfangen soll, wie soll ich anderen Leuten denn da einen guten Ratschlag für ihre geben können?

***

Strömender Regen fällt seit Stunden gegen die Scheibe. Mein Vorhaben, nach der Schule nur schnell nach Hause zu gehen und dann in die Stadt zu laufen, um dem Stoffladen einen Besuch abzuschatten, gehen im wahrsten Sinne den Bache runter. Die Gehwege sehen aus, als würden sie jeden Moment überschwemmt werden und der Himmel ist so dunkel, dass selbst das Licht der Straßenlaternen nicht hilft, um alles zu erkennen, was draußen vor sich geht.

Trotz des grauenhaften Wetters und meines vereitelten Plans, habe ich mich in eine Wolldecke auf dem Sofa gewickelt, habe eine Kanne mit Tee vorbereitet und den Fernseher angeschaltet. Das einzige Licht im Zimmer ist die flimmernde Mattscheibe, eine Stehlampe in der Ecke, die leise vor sich her summt und der gelbe Schein der Straßenlaterne, die direkt vor dem Haus steht. Mom hat einen schrecklichen Weihnachtsstrickpullover an und ist damit beschäftigt, durch die Kanäle zu zappen, um etwas zu finden, dass wir gucken können.

Der Regen an der Scheibe hat etwas Hypnotisierendes.

„Ah, den haben wir ewig nicht geguckt", sagt Mom plötzlich und ich blicke auf. Auf der Fernsehscheibe läuft die erste Szene aus Der Teufel trägt Prada mit Anne Hathaway. Es ist wirklich lange her, seit ich den das letzte Mal geguckt habe. „Früher mussten wir den ständig gucken, weil du so mit Meryl Streep besessen warst", redet Mom weiter, legt die Fernbedienung beiseite und nimmt eine der dampfenden Teetassen in die Hände.

„War ich nicht", erwidere ich wahrheitsgemäß. „Ich war mit den Outfits besessen, aber nicht mit ihr."

„Dann bestimmt, weil du immer wie Anne Hathaway sein wolltest", sagt Mom glucksend. Sie trägt ein gepunktetes Tuch um ihre breiten Locken und hat dieses in einern schicken Knoten zusammengebunden, der wie eine Krone auf ihrem Kopf sitzt. „Ich weiß noch, dass du mir als Kind immer wieder gesagt hast, dass du auch so erfolgreich sein wolltest."

Ich spüre, wie mir die Hitze in die Wangen schießt. „Okay, das vielleicht", murmle ich.

Mom lacht und tätschelt meinen Arm. „Ist ja nichts dabei. Als Kind haben wir immer Träume und Wünsche, die nur selten in Erfüllung gehen."

Die Worte stechen in meiner Brust. „Was?"

„Du weißt schon", fährt sie fort, während Anne Hathaway auf dem Bildschirm das erste Mal mit Meryl Streep in Kontakt gerät. „Ich wollte als Kind Model und Friedensnobelpreisträgerin werden, aber offensichtlich hat nichts davon geklappt."

„Also werde ich nie erfolgreich sein?", frage ich und kann die Kälte nicht ganz aus meiner Stimme verbannen.

„Hm?" Mom dreht den Kopf überrascht zu mir. „Das habe ich nicht gesagt."

„Aber du hast gesagt, meine Wünsche und Träume werden wohl nicht in Erfüllung gehen, also werde ich wohl nie erfolgreich im Leben sein", erwidere ich. Ich weiß nicht, wieso es mich plötzlich so aufregt, aber es sticht in meiner Brust, wenn Mom mich so behandelt. Als wäre ich immer noch nur ein Kind mit viel zu vielen Träumen im Kopf.

„Mach jetzt kein Thema daraus", sagt sie seufzend. „Ich will jetzt nicht mit dir diskutieren." Sie blickt wieder auf den Bildschirm.

Ich presse die Lippen zusammen und folge ihrem Beispiel, kann mich allerdings nicht wirklich auf den Film konzentrieren. Ich weiß nicht, womit ich mein Leben erfüllen will, ich weiß nicht, was ich mit meiner Zukunft anstellen will, aber ich werde es Mom schon beweisen. Selbst wenn sie sagt, sie glaubt immer an mich und denkt, ich werde meinen Weg schon finden, offensichtlich glaubt sie nicht daran, dass ihre Tochter erfolgreich im Leben sein kann. Ich werde ihr beweisen, dass sie sich irrt. Vielleicht werde ich keine weltbekannte Hollywood-Schönheit wie Anne Hathaway, aber ich werde etwas schaffen, womit man mich anerkannt. Erfolg wird sich vor mir beugen müssen, wenn ich erst einmal herausgefunden habe, womit ich die Welt für mich gewinnen kann.

Der Film geht weiter und langsam erinnere ich mich daran zurück, wie es war, als ich ihn als kleines Mädchen immer wieder geguckt habe. Und ich glaube, langsam fällt mir auch ein, wieso ich ihn immer wieder gucken wollte.

Ich muss mein Lächeln unterdrücken. Niemand, auch ich nicht, hat es damals gewusst, aber ich wollte nicht nur wie Anne Hathaway sein. Ich schätze mal, mein neunjähriges Ich wollte damals schon die Hand einer hübschen Frau halten.

***

Der Weg zur Schule am nächsten Tag ist mit schmuddeligen, knöcheltiefen Pfützen, nassem, knirschendem Laub auf dem Gehweg und einem entfernten Grölen am Horizont bespickt, ein dunkles Omen für den nächsten Regensturm, der die Stadt sicherlich bald heimsucht. Mit dem von Mom eingepackten Regenschirm in meiner Tasche, komme ich wie immer an der Schule an, werde aber zur Abwechslung nicht von Quinn auf dem Parkplatz begrüßt, der jeden Morgen auf mich wartet. Stattdessen steht Brielle mit Nate am Eingang, beide in eine Unterhaltung vertieft, die aber verebbt, als Brielles Gesicht sich erhellt.

Kaum hat sie mich gesehen, verabschiedet sie sich von Nate, der halb belustigt, halb genervt mit den Schultern zuckt und ins Schulgebäude geht, wobei ich mir fast sicher bin, dass ich gesehen habe, dass er gelächelt hat.

„Guten Morgen", sagt sie zur Begrüßung.

Würde sie nicht auf der ersten Stufe der Treppe stehen, dann würde ich nicht den Kopf heben müssen, um ihr ins Gesicht zu sehen. „Dir auch", erwidere ich lächelnd. „Du musst Nate nicht wegschicken, nur weil ich ankomme."

„Hab ich nicht", meint sie wenig überzeugend. „Okay, vielleicht. Aber er wollte sowieso gehen. Er hat mir nur erzählt, dass Gould letztes Mal beim Training dabei war."

„Was?"

„Beim Training. Nate lässt mich doch manchmal mit ihm, Austin und Finnley nach der Schule trainieren und beim letztem Mal hat er gesehen, wie Gould uns dabei beobachtet hat."

„Ihh", sage ich. „Was für ein Creep. Warum stalkt er euch bitte?"

Brielle zuckt mit den Schultern. „Keine Ahnung. Um ehrlich zu sein, will ich nicht darüber nachdenken, was er will. Ich weiß nur, dass ich genial gespielt habe und er das gesehen hat." Sie lächelt schmal.

„Oh, so selbstbewusst", erwidere ich.

„Muss. Außerdem musste ich Nate wegschicken. Ich wollte Zeit allein mit dir. Sonst bekomme ich dich doch kaum für mich."

Ich weiß, dass das eine Übertreibung ist, aber meine Wangen fangen trotzdem Feuer. „Hör auf", murmle ich, aber Brielle lacht nur.

„Sicherlich nicht." Sie beugt sich herunter und presst einen kurzen, süßen Kuss auf meine Lippen, der mir sofort Lust nach mehr macht. Unterbewusst beuge ich mich weiter vor, auch als sie sich schon zurückgezogen hat, was ihr ein weiteres Lachen entlockt. Es ist ein wunderbares Geräusch, wie die Sonne an einem trüben Himmel. „Wie lief es gestern noch?"

„Hab nicht viel geschafft", gebe ich zu und verschränke meine Finger mit ihren. „Aufgrund des Sturms konnte ich nicht raus und keine neuen Stoffe holen, also hab ich mit Mom auf der Couch gelümmelt. Sie hat Der Teufel trägt Prada durchgehalten, aber bei der Hälfte von Plötzlich Prinzessin ist sie eingeschlafen."

Brielle grinst. „Anne Hathaway im Doppelpack", erwidert sie.

Beeindruckt hebe ich eine Augenbraue. „Ich hätte nicht gedacht, dass du dich damit auskennst."

„Oh, wieso? Weil ich eine toughe Sportlerbraut bin, kann ich keine süßen Filme mit hübschen Kleidern kennen?", fragt sie, während sie mich die Treppen hoch und in den Schulflur zieht. „Ich habe viele Facetten."

„Ich wollte dich auf keinen Fall beleidigen", erwidere ich lachend. „Aber du machst mir nicht den Eindruck, als würdest du dir sowas gerne angucken."

„Schuldig", sagt sie. „Für dich würde ich aber eine Ausnahme machen."

Ich beiße mir auf die Unterlippe. „Du sollst das lassen."

„Ah, wieso? Darf ich nicht mehr mit dir flirten?"

„Nein", antworte ich resolut. „Es macht dir eindeutig zu viel Spaß, deswegen muss ich es dir verbieten."

„Oh, aber ich genieße es doch so, wenn du versuchst zu verbergen, wie du rot wirst."

„Genau deswegen", sage ich und kann mich nicht daran hindern, einen Schmollmund zu ziehen. „Du bist einfach gemein."

Brielle lacht leise, beugt sich im Gehen runter und küsst meine Schläfe.

Die Stelle, an der ihre Lippen mich berührt haben, fängt sofort an zu brennen, eine allergische Reaktion auf das Fehlen der Berührung, ein Vermissen ihrer Wärme. Ich drücke ihre Hand ein wenig fester.

Wir holen unsere Bücher aus den Spinden und ich ziehe sie mit mir zu Quinns Spind, aber auch da ist er nicht zu sehen. Ich hole mein Handy hervor und frage ihn, wo er ist, erhalte jedoch keine Antwort. Meine Nachricht wird auch nicht gelesen. Stirnrunzelnd folge ich Brielle zum Klassenzimmer. Es sollte kein großes Thema sein, wenn Quinn nicht sofort antwortet, aber weil ich ihn und sein Umfeld kenne, weiß ich, dass es ein großes Thema sein kann. Vielleicht hat er schlichtweg verschlafen, vielleicht hat Sienna ihn aber auch die ganze Nacht durchschuften lassen. Ich kann mir nie sicher sein, was es ist, und das lässt die Sorge in meiner Brust direkt anschwellen.

Im Klassenzimmer fehlt jede Spur von ihm, dafür sehe ich aber seine schrecklichen Stiefbrüder in der hintersten Ecke sitzen, die ich nicht auseinanderhalten kann, einer mit Kopfhörern im Ohr, der andere mit dem Gesicht zum Fenster gewandt. Wenn es ihnen aufgefallen ist, dass Quinn nicht da ist, dann interessiert es sie nicht sonderlich.

Ich versuche mir nichts anmerken zu lassen, aber als es zur ersten Stunde klingelt und der Sitz neben mir leer bleibt, kann ich nicht anders. Meine Kehle schnürt sich zu. Es verpasst mir einen trockenen Mund, als ich dem Lehrer nicht sagen kann, wo Quinn ist, und ich kann den Blick von Brielle spüren, den sie mir von der anderen Seite aus zuwirft. Unter dem Tisch kralle ich meine Finger in den Stoff meiner Hose, meine Konzentration für den Unterricht verfliegt in den ersten Sekunden.

Die Minuten, bis es klingelt, zähle ich in Gedanken mit, mein Blick bleibt auf der Uhr über der Tafel hängen und Brielle muss mich mehrmals antippen, damit ich auf eine Frage vom Lehrer reagiere oder anfange, mitzuschreiben, wenn es wichtig ist. Ich fange ihren Blick auf, als der Lehrer sich zur Tafel dreht, um die Hausaufgabe anzuschreiben, meine Kehle ist zugedrückt, meine Lippen taub vom Zusammenpressen.

Brielle formt etwas mit dem Mund, aber ich kann es nicht entziffern. Sie deutet meinen Blick richtig, beugt sich näher und flüstert dann: „Bin sicher, ihm geht's gut, okay?"

Ich nicke, auch wenn ich mich nicht erinnere, mir den Befehl dafür gegeben zu haben.

Kaum hat es klingelt, bin ich auf dem Gang und habe mein Handy hervorgeholt. Ich wähle Quinns Nummer und warte am anderen Ende auf das vertraute Klingen seiner Stimme, aber mein Warten wird nicht belohnt. Es geht direkt zur Mailbox, die robotische Stimme der Ansage in meinem Ohr, höhnend und beinahe schon mit einem fiesen Unterton, von dem ich weiß, dass er nicht da sein kann. Ich lege auf, noch bevor die Stimme Quinns Nummer aufsagen kann.

„Nichts?", fragt Brielle mit zusammengezogenen Augenbrauen.

Ich kann nur den Kopf schütteln, bevor ich an ihr vorbei wieder in den Klassenraum eile. Wie zu erwarten sind die beiden Teufel noch im hinteren Teil damit beschäftigt, sich nicht mit ihren Klassenkameraden zu beschäftigen, deswegen drücke ich mich an den Tischen und anderen Schülern vorbei, die auf dem Weg nach draußen sind. Ich bleibe vor einem der beiden stehen, aber weiß nicht, wer er ist. Sie haben beide die gleichen grauen Augen und dunklen Haare und kantigen Gesichter, zwei stumme Schönlinge, die nichts tun, um ihrem Stiefbruder zu helfen.

„Wo ist er?", frage ich mit leiser, zischender Stimme.

Der Zwilling zieht eine Augenbraue hoch. „Wo ist wer?", wiederholt er.

„Quinn", füge ich zwischen zusammengebissenen Zähnen hinzu. „Wo ist er?"

„Nun, offensichtlich nicht hier", erwidert der andere Bruder mit lahmer Stimme, ein gelangweilter Blick in seinen Augen.

„Warum sollten wir wissen, wo er ist?", fragt der erste Bruder.

„Weil ihr irgendwas getan habt, weswegen er nicht hier ist", sage ich anklagend. „Ich weiß es."

„Oh, du weißt es", höhnt der zweite Zwilling. „Spannend. Was haben wir denn so getan? Du weißt es ja, oder? Dann kannst du uns sicher erleuchten."

Ich beiße mir auf die Lippe und bin dankbar, dass Brielle in dem Moment einspringt. „Sagt uns einfach, ob ihr wisst, wo Quinn ist, okay?"

Der erste Bruder wirft Brielle einen nachdenklichen Blick zu. „Würden wir, wenn wir es wüssten. Nach meinem Wissen hat er das Haus wie immer vor uns verlassen. Seit dem hab ich ihn nicht gesehen."

„Du lügst", zische ich. „Du weißt etwas, gib es zu!" Obwohl ich leise rede, ziehe ich langsam die Aufmerksamkeit auf mich. Die anderen aus der Klasse werfen neugierige Blicke in meine Richtung und bleiben in der Tür stehen, um zu sehen, was passiert. Normalerweise redet niemand mit den Zwillingen und das beruht auf Gegenseitigkeit. Ich bin mir nicht mal sicher, ob sie jemals irgendwas im Unterricht gesagt haben.

„Du scheinst ja sehr gut Bescheid zu wissen, dafür dass du keinerlei Beweise an den Tag legen kannst", erwidert der zweite Bruder mit ruhiger Miene, bevor er langsam aufsteht und sich streckt. „Aber mein Bruder hat nicht gelogen. Wir haben Quinny seit heute Morgen nicht gesehen."

„Und es ist euch egal, wo er ist?", fragt Brielle, die Schwierigkeiten hat, die Stimme ebenso ruhig zu halten. „Was ist, wenn ihm was passiert ist?"

„Wenn ihm etwas auf dem Weg hierher passiert wäre, dann hätten wir ihn gesehen", sagt der erste Bruder. „Wir fahren immerhin den gleichen Weg." Er sieht aus, als würde er noch etwas sagen wollen, aber sein Bruder schnaubt, womit er den Blick auf sich zieht.

Er hat sein Handy rausgezogen und es sich ans Ohr gedrückt. Sein gelangweilter Blick bleibt dabei an mir hängen. Einen Moment starren wir uns einfach an, der Stiefbruder und ich, bis er schließlich kaum merklich die Augenbraue hebt. „Wo bist du?", fragt er. „Deine Freunde machen sich Sorgen."

„Ist das –", fange ich an, aber eine Hand an meinem Arm lässt mich unterbrechen. Brielle neben mir schüttelt den Kopf und legt sich einen Finger an den Mund, sodass ich die Lippen zusammenpresse.

„Aha", sagt der zweite Bruder, seine Stimme ohne einen Hinweis an großartigen Emotionen. „Nein, mir ist es egal. Sag ihnen das selbst. Okay. Ja, meinetwegen." Er nimmt das Handy vom Ohr und schiebt es zurück in seine Hosentasche. „Er ist auf dem Weg", meint er nur noch, bevor er sich an mir vorbeidrängt. „Gern geschehen", fügt er mit einem ungewohnten Lächeln auf den Lippen hinzu, bevor er außer Sichtweite gerät. Sein Bruder folgt ihm ohne etwas zu sagen.

Nur einige Sekunden später vibriert mein Handy mit einer eingehenden Nachricht. Quinn. Mein Herz setzt einen Schlag aus.

kannst du mir entgegenkommen? mir ist nicht nach schule

Ich brauche gar nicht überlegen, was ich sagen soll. Ich antworte, dass ich mich auf den Weg mache, packe meine Sachen zusammen und drehe mich zu Brielle.

„Ich komm natürlich mit", sagt sie, bevor ich überhaupt den Mund öffnen kann. „Quinn ist auch mein Freund."

„Danke", murmele ich, verschränke meine Finger mit ihren und gemeinsam verlassen wir die Schule. Es ist nicht verboten, während den Pausen das Gelände zu verlassen, deswegen hält uns niemand auf, als wir mit unseren Taschen aus der Tür treten und den Parkplatz überqueren. „Ich hab ihm gesagt, wir treffen uns an der Kreuzung", sage ich ein wenig atemlos klingend, als ich mit viel zu schnellen Schritten über den nassen Asphalt eile. Der Geruch nach Regen liegt in der Luft, kräftig und süßlich, normalerweise vertraut und beruhigend, heute ungewiss und machiavellistisch, als würde der Regen versuchen skrupellos gegen mich zu arbeiten.

„Es wird ihm schon gut gehen", sagt Brielle neben mir, aber ich nehme ihre Stimme kaum war.

Ich sollte so nicht sein, ich weiß das, aber ich kann nicht anders, als vor Sorge kurzatmig zu werden und alles um mich herum auszublenden. Quinn ist seit Ewigkeiten mein bester Freund, ich weiß alles über ihn und er weiß alles über mich. Allein der Gedanke daran, dass ihm in diesem schrecklichen Haus etwas passieren könnte, bricht mir das Herz in einhundert kleine Stücke, die wie ein unmögliches Mosaik in meiner Brust stecken. Mein Atem geht schnell und hektisch und obwohl Brielles warme Hand in meiner steckt, ist mir eiskalt.

Wir reden nicht mehr, während wir weitergehen und ich bin sehr dankbar dafür. Ich traue meiner Stimme nicht, aber ich will Brielle sagen, dass ich ihr so, so dankbar bin, dass sie mit mir kommt. Ob sie es nun wegen Quinn oder mir tut, kann mir im Endeffekt egal sein, ich will einfach nur, dass ihre Wärme mich stützt, damit ich nicht stürze. Irgendwo in der Ferne weiß ich, steht Quinns Albtraumhaus und heute weiß ich nicht, ob ich mich zurückhalten kann, wenn diese Hexe ihm etwas angetan hat. Sie muss nur einen Finger gegen ihn erhoben haben und ich werde mich nicht zügeln. Sienna wird meine geballte Wut zu spüren bekommen, wenn Quinn auch nur ein Haar fehlt.

An der Kreuzung steht er wie ein zurückgelassener Hund, mit hängenden Schultern neben der Straßenlaterne, die Hände tief in seiner Jackentasche vergraben, die Kapuze über die dunklen Haare gezogen. Ich beschleunige meine Schritte und lasse unterbewusst Brielles Hand los, als ich über die Straße laufe und schließlich vor Quinn stehenbleibe und jedes seiner Details einsauge.

Er sieht nicht aus, als wäre ihm etwas zugestoßen und mein Herz setzt ein paar Schläge aus. Die Ränder seiner Augen sind rot und geschwollen, dunkle Haut ziert den Bereich darunter und seine Lippen verschmelzen mit dem Rest seines Gesichts, so fest presst er sie aufeinander.

„Hey", sagt er mit krächzender Stimme, räuspert sich kurz und versucht sich an einem Lächeln, das wie eine grässliche Grimasse in sich zusammenfällt.

„Wo warst du?", frage ich leise, ein Stich der Sehnsucht und des Ärgers in meiner Brust. „Wieso hast du mir nicht geantwortet?"

Er schüttelt den Kopf und zuckt gleichzeitig mit einer Schulter. „Wollte allein sein."

„Deinem Bruder hast du geantwortet", erwidere ich mit matter Stimme.

„Ja."

Ich warte auf eine Erklärung, aber es kommt nichts. Quinns Augen sind dunkel und verschattet und er sieht aus, als hätte er die ganze Nacht nicht geschlafen. „Was ist passiert?", frage ich schließlich, als ich die Stille nicht mehr aushalte. „Ich hab mir Sorgen um dich gemacht."

„Wir beide haben das", fügt Brielle etwas hinter mir an, was mich zusammenzucken lässt. Für den Bruchteil eines Momentes habe ich vergessen, dass sie bei mir ist, dass sie mich nicht allein gelassen hat.

Schuldbewusst greife ich wieder nach ihrer Hand und presse ihre Finger in meine, lasse ihre warme Haut auf meine drücken, damit ich aufhöre zu zittern.

„Tut mir leid", murrt Quinn, seine Stimme mechanisch, sein Blick entfernt. „Ich ... hatte eine schlechte Nacht."

„Albträume?", fragt Brielle.

Quinn schüttelt den Kopf. „Realität."

„Was ist passiert?", wiederhole ich, mein Mund trocken und klamm.

Ein trüber Blick nimmt seine Augen ein und seine Schultern sacken ein wenig zusammen. „Müssen wir das besprechen?", fragt er. „Können wir nicht so tun, als wäre nichts gewesen?"

„Können wir nicht", erwidere ich. „Du tauchst nicht auf und sagst mir dann nicht mal, wo du bist? Du machst das sonst immer! Weißt du, was für eine Herzattacke ich heute Morgen hatte? Nein, sowas kannst du mit mir nicht machen, Quinn!" Brielles Finger pressen fester auf meine Haut und ich hole tief Luft. „Du weißt, dass du mir – dass du uns vertrauen kannst, ja?"

Quinn lässt ein erschöpftes Geräusch von sich, dann lehnt er den Kopf an den metallenen Körper der Straßenlaterne. „Bin wieder single", sagt er schließlich, müde und ausgelaugt klingend.

Brielle neben mir zieht scharf die Luft ein.

„Was?", frage ich langsam. „Wieso? Was war los?"

„Wir haben uns gestritten. Ich –", er stockt, presst die Lippen zusammen. Sein Blick geht an mir vorbei und findet Brielle.

Ich sehe zu meiner Freundin rüber, dann wieder zu Quinn, ziehe die Augenbrauen zusammen. „Irgendwas hab ich verpasst", sage ich laut.

„Ich", fängt Brielle vorsichtig an, „habe zufällig rausgefunden, wer Quinns Freund ist. War", verbessert sie sich schnell mit einem raschen Blick auf ihn. „Ich hab versprochen, nichts zu sagen."

„Jetzt ist es wahrscheinlich auch egal", murmelt Quinn und schließt die Augen. „Du darfst es natürlich trotzdem niemandem sagen, klar? Wir sind zwar – nicht mehr zusammen, aber das heißt nicht, dass ich jetzt jedem seine Identität verraten will. Es ist ... nicht seine Schuld."

Ich hab das Gefühl, ich sollte den Atem anhalten, um die große Enthüllung mit genügend Dramatik zu füllen, schmecke aber lediglich die bittere Sorge in meine Mund. Was auch immer passiert ist, wer auch immer mit Quinns Gefühlen gespielt hat, ich muss an erster Stelle dafür sorgen, dass es ihm gut geht.

„Lucas und ich haben uns gestern gestritten und dann hat er mich betrogen", sagt Quinn, Blickkontakt unterbrochen, Ohren im Stoff seiner Kapuze rot. Seine Wangen werden dunkel.

Plötzlich mit einer schnellen, monotonen Stimme konfrontiert zu sein, bringt mich so aus dem Konzept, dass ich den Worten nicht folgen kann. Ein vertrauter Name, eine vertrauensbrüchige Tat. Es wirbelt in meinem Kopf und ich hole scharf Luft, als ich es endlich verstehe. „Lucas?", frage ich mit Unglaube in der Stimme.

Er betrachtet mich mit traurigem Blick. „Ist ja jetzt eigentlich auch egal, oder?"

„Er hat dich betrogen?", fragt Brielle, die Stimme ungewöhnlich ruhig und leise. Ihre Finger in meinen sind stumm, ihre Augen direkt auf Quinn gerichtet.

Quinn schluckt sichtbar, dann nickt er.

Mir fällt ein, was Brielle mir über ihre Mutter erzählt hat, dass sie ihren Vater über mehrere Jahre lang betrogen hat. Wenn ich mir nur ansatzweise vorstellen kann, wie es sich anfühlen muss, sowas zu erfahren, dann kann ich nicht wissen, wie Quinn sich jetzt fühlt. „Ich mach ihn fertig", höre ich mich sagen. „Ich –"

„Nein!", unterbricht mich Quinn laut, endlich wieder Emotionen in seiner Stimme. „Nein, das kannst du nicht machen. Lass – lass es einfach auf sich beruhen, okay?"

„Aber er hat dich betrogen", entgegne ich säuerlich. „Ich kann ihn nicht einfach damit davonkommen lassen, dass er dir das Herz gebrochen hat."

Quinn sieht mich an, als wäre er kurz vor den Tränen. Sein Blick ist blutunterlaufen. „Bitte", flüstert er. „Lass es, bitte."

Vielleicht ist es sein Flehen, vielleicht sind es die ersten Regentropfen auf meiner heißen Haut, vielleicht ist es der entfernt klingende Donner am Horizont, vielleicht ist es das Zucken von Brielles Hand in meiner, aber ich schaffe es zu nicken. „Okay", sage ich leise. „Versprochen."

„Und ihr dürft auch niemanden davon erzählen, okay? Ich will nicht, dass Lucas geoutet wird und ich will nicht, dass er anders behandelt wird."

„Anders behandelt", wiederholt Brielle hohl klingend. „Du willst noch Kontakt mit ihm haben? Nach der Sache?"

Quinn blickt sie überrascht an.

Sie schüttelt den Kopf. „Das kann nicht dein Ernst sein."

Vorsichtig ziehe ich an ihrer Hand. „Wir werden dafür sorgen, dass du ihm erstmal nicht unter die Augen treten wirst, okay?", sage ich und versuche dabei deeskalierend zu klingen. Ich will nicht, dass Brielle sich aufregt, oder dass sich einer von beiden im Affekt etwas Dummes sagt. Die Situation ist schon schwierig genug und so sehr ich Lucas auch eine reinhauen will, so werde ich nicht zulassen, dass er vor der gesamten Schule geoutet wird, weil Brielle sich nicht beherrschen kann.

Ich ziehe vorsichtig an ihrer Hand. Die Spannung in ihren Fingern schwindet langsam. „Fein. Aber ich will nicht, dass du mit ihm redest. Er hat schon genug getan", fügt sie murrend an.

Quinn schluckt erneut, ein undeutsamer Blick in seinem Gesicht. Ein Moment vergeht, dann noch einer, schließlich nickt er kaum merklich. „Okay. Kein Wort mehr über und zu ihm."

Brielle sieht ihn grimmig an. „Gut."

Über uns bricht der Regen ein.


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