1. Avery
„Sollte ich nicht bereits wissen, was ich aus meinem Leben machen will?", frage ich mit nachdrücklicher Stimme. Der Sand unter mir ist warm, das Wasser an meinen Füßen angenehm kühl, und trotzdem fühle ich mich angespannt, als würde man mich verfolgen. „Mit sechzehn sollte ich doch wissen, was ich machen will, oder nicht?"
„Du bist noch nicht sechzehn", erinnert mich Quinn.
Ich verdrehe die Augen. „Drei Wochen und dann bin ich es. Was macht das für einen Unterschied?"
Er zuckt mit den Achseln. „Du verdrehst die Realität und damit sollte man nicht spaßen. Was ist, wenn du sie nicht wieder geradebiegen kannst und dann ein Wurmloch entsteht und uns alle einsaugt?"
Für einen Moment blicke ich ihn verdutzt an, dann schnaube ich. „Du verbringst eindeutig zu viel Zeit mit Lucas. Sein ganzer Comic-Kram färbt auf dich ab. Außerdem weichst du meiner Frage aus, Quincy."
„Keine Ahnung, was ich dir sagen soll, Avery." Quinn lässt sich auf den Rücken nieder, die Sonne ein gleißender Feuerball am Horizont. Der Himmel hat eine blutrote Färbung angenommen, der auf der Oberfläche des Sees widergespiegelt wird. Eine seichte Brise bringt seine braunen Haare durcheinander und lässt Sandkörner in der Luft tanzen. Er seufzt ausgiebig und schließt die Augen. „Zukunftsperspektiven sind nicht gerade der größte Fokus in meinem Leben."
„Aber du hast wenigstens einen groben Plan", entgegne ich mürrisch, bevor ich mich ebenfalls mit dem Rücken auf dem Sand niederlasse. Die sanften Wellen, die vom Wind auf dem See verursacht werden, fließen um meine Knöchel und wieder zurück und hinterlassen dabei ein pricklig angenehmes Gefühl auf meiner Haut. „So blöd es auch klingt. Sorry."
Er schnaubt nur.
Es ist vielleicht ein wenig unsensibel von mir, dass ich überhaupt mit Quinn darüber rede, aber ich kann mir nicht helfen. Die Gedanken darüber, was ich mit meinem Leben anstellen will, kreisen unnachgiebig in meinem Kopf herum, verursachen Spiralen und Sackgassen, aus denen ich nicht entkommen kann und alles, womit ich am Ende dastehe, ist ein leeres Versprechen, dass sich alles schon irgendwie regeln wird.
„Wenn du mich wenigstens mit meiner Mom reden lassen würdest", versuche ich ein wiederholtes Male diesen Sommer. „Ich wette, sie könnte mit Pastor Jenkins reden und dann –"
Quinn unterbricht mich mit einem aggressiven Seufzen. „Absolut nicht", erwidert er. „Sienna und die Zwillinge sind mein Problem, nicht deins oder von irgendeinem Pastor, in den deine Mom verknallt ist."
„Sie ist nicht in ihn verknallt!", sage ich, weil ich absolut nicht darüber nachdenken will, dass meine eigene Mutter kichernd in ihren Zimmer sitzt und darüber sinniert, wie sie mit Pastor Jenkins in der dunklen Kirche sitzt und Händchen hält. Ein Schauder überkommt mich. „Außerdem ist es total dämlich von dir, dass du alles unbedingt allein schaffen willst."
„Aber so ist es nun mal", meint Quinn achselzuckend. „Ich komm schon klar, weißt du doch."
Es ist eine grottige Situation. Quinns schreckliche Stiefmutter Sienna und seine dämlichen Stiefbrüder Wesley und Dalvin nutzen ihn seit dem Tod von seinem Vater vor drei Jahren in jeder Hinsicht aus. Er muss den gesamten Haushalt schmeißen, putzen, kochen, einkaufen, manchmal macht er die Hausaufgaben der Zwillinge. Ich weiß nicht, warum er so mit sich umgehen lässt, besonders von einer Person, die ihn eigentlich unterstützen und beschützen sollte. Sienna sollte nicht so mit ihm umspringen, sie sollte ihren Stiefsohn nicht so ausnutzen. Das Schlimmste an der ganzen Situation ist eigentlich nur, dass Quinn der dickköpfigste Mensch ist, den ich kenne und er daran festhält, dass er allein mit dem ganzen Kram fertig werden will.
Ich will ihn das nicht allein machen lassen, aber ich kann auch nichts tun, um ihm zu helfen. Quinn würde niemals zulassen, dass ich mich einmische, dass ich mich an die Polizei oder das Jugendamt oder was auch immer wende. Seine liebste Ausrede dafür ist, dass er keine Beweise hat. Ich muss mich jedes Mal zurückhalten, damit ich ihm nicht gegen den Hinterkopf schlage. Wozu hat er ein Smartphone mit Kamera, wenn er es nicht nutzt?
Egal. Es wird wahrscheinlich für immer ein Streitthema zwischen uns sein, weil wir beide unterschiedliche Ansichten haben, was das Thema angeht. Immerhin bleiben wir nie lange sauer auf den anderen. Ich kenne Quinn, seit wir klein waren und ich weiß, wie unfassbar dickköpfig er ist. Er könnte mit dem Kopf gegen eine Betonmauer rennen und die Wand würde mehr Schaden erleiden als er.
Ich seufze lautlos, damit er nicht aufblickt. „Na schön." Ich warte einen Moment, bevor ich sage: „Und jetzt hilf mir, damit ich was aus meinem Leben machen kann, sonst werde ich wahrscheinlich noch eine arbeitslose Schulabbrecherin, die in den Gassen von St Dorothea lebt, während ihr alle aufs College geht und was aus euch macht."
Quinn lacht. „Du bist so dramatisch", murrt er. „Wir haben doch noch drei Jahre Schule vor uns. In der Zeit kannst du noch herausfinden, was du machen willst. Und wer weiß, vielleicht wirst du die erfolgreichste Schulabbrecherin, die die Stadt je gesehen hat."
Ich kann das Grinsen in seiner Stimme hören. Blindlings taste ich zur Seite, finde seinen Oberarm und schlage dagegen. „Du bist so ein Neandertaler", sage ich. „Manchmal frage ich mich, warum ich überhaupt noch mit dir befreundet bin."
„Weil ich überaus liebenswert bin und mich nicht beschwere, wenn du mich wieder als lebendige Schaufensterpuppe missbrauchst."
„Hm, stimmt. Aber du bist auf dünnem Eis, Mister."
Er lacht und im selben Moment vibriert sein Handy, das er aus seiner Tasche holt. Immer noch auf dem Rücken liegend, hält er es sich vors Gesicht, damit er lesen kann, wer geschrieben hat.
Ich drehe lahm den Kopf zu ihm. „Bitte sag, dass das nicht die Hexe ist, die dich nach Hause ordert."
„Nein", erwidert er rasch. Quinn drückt seinen Oberkörper wieder nach oben und legt sein Handy mit dem Bildschirm nach unten auf seinen Oberschenkel. „Aber ähm ... ich muss dich kurz allein lassen."
„Was, musst du schon wieder pinkeln?"
Seine hellen Wangen werden pink. „Nein", sagt er erneut. „Nein, ich ... ich treffe jemanden."
Ich setze mich ebenfalls aufrecht hin. „Du triffst jemanden? Wen? Jetzt?"
Er zieht die Beine an und seufzt. „Ich kann dir nicht sagen, wer es ist, weil er ... naja, er ist noch nicht out, weißt du?"
„Oh." Ich ziehe die Augenbrauen ein wenig an. „Wenn das so ist ..."
„Sei nicht sauer", sagt Quinn. „Du weißt, du wärst die Erste, der ich es erzählen würde, wenn ich könnte." Er steht langsam auf und wischt sich Sand von der Hose. „Wir sehen uns später, okay?"
„Na schön. Lass mich allein und geh deinen geheimen Freund abknutschen."
Quinn wird dieses Mal dunkelrot. „L-Lass das."
„Niemals. Ich lebe dafür, um dich zu ärgern, das müsste dir mittlerweile eigentlich klar sein. Es ist mein ewiges Los als deine beste Freundin, dass ich dafür da bin, um dich auf dem Boden der Tatsachen zu halten."
„Wie unglaublich dankbar ich dafür doch bin." Er lächelt mir zu, drückt zwei Finger in meine Schulter und wendet sich dann von mir und dem See ab.
Ich warte, bis er zwischen den Bäumen am Ufer verschwunden ist, dann stehe ich ebenfalls auf. Sand klebt an meinen feuchten Haut. Jetzt bereue ich es, dass ich mein Handtuch in der Tasche gelassen habe. Ich wische so viel vom Sand wie möglich von meinen Füßen, bevor ich den Rückweg zu den anderen antrete. Der Sommerwind weht mir angenehm um die Schultern.
Quinn hat also einen geheimen Freund, denke ich. Wenn es davor nicht einen ganzen Haufen anderer Jungs gab, mit denen er sich heimlich verabredet hat, dann müsste das sein erster Freund sein. Ich freue mich für ihn, keine Frage, aber ich kann nicht anders, als mich um ihn zu sorgen. Das liegt mir im Blut und ich glaube fest daran, dass es mittlerweile fester Teil meiner Persönlichkeit ist. Wenn ich mich nicht um Quinn sorgen kann, dann gehe ich ein, wie eine Topfpflanze, die zu wenig Wasser bekommt. Ich hoffe, dieser Junge behandelt ihn gut, wer auch immer es ist. Quinn verdient etwas Gutes in seinem Leben, er verdient jemanden, der ihn gern hat und seine Hand halten will. Aber wird ihm das ausreichen, wenn es immer nur im Geheimen passiert?
Quinn war sich seiner Sexualität immer sicher, er hat immer gewusst, dass er nur auf Jungs steht und hat daraus auch nie ein Geheimnis gemacht. Wir reden nicht oft über Beziehung und Liebe und sowas, aber ich weiß, dass er ein alter Romantiker ist, der die wahre Liebe finden will. Nicht umsonst hat er mich früher immerzu gezwungen, diese ätzenden Disney-Filme zu gucken, in denen die Liebe am Ende über das Böse gesiegt hat. Schneewittchen, Aschenputtel, Die Schöne und das Biest ... ich wette, ich kann die meisten Filme heute noch mitsprechen, obwohl ich selbst kein wirklicher Fan davon bin. Mir war das immer zu kitschig, auch wenn ich sicherlich die letzte bin, die sagen würde, dass wahre Liebe wie ein echter Traum klingt.
Ich gönne es ihm, wirklich, ich hoffe aber auch inständig, dass er nicht verletzt wird, weil er mehr von der ganzen Sache erwartet. Quinn ist ein Träumer, aber er würde sich niemals eingestehen, dass ein Traum Wirklichkeit werden könnte. Daran ist diese dämliche Hexe Sienna schuld, die meinen armen Quincy wie einen Diener behandelt. Ich wünschte, ich könnte einfach zu ihr hingehen und sie so lange anschreien, bis sie entweder verschwindet oder sich bei Quincy entschuldigt und alles wieder gut macht. Er hat es nicht verdient, dass man ihn so behandelt, ist aber viel zu dickköpfig, um mich helfen zu lassen. Wobei ich mir nicht sicher bin, ob ich wirklich helfen könnte oder doch nur alles schlimmer machen würde.
Die anderen sind immer noch da, wo wir sie zurückgelassen haben. Wessen Idee es auch immer war, dass wir unser letztes Wochenende der Sommerferien am See verbringen, ich bin demjenigen echt dankbar. Die letzten Tage waren unerträglich warm, aber mit dem kühlen Wasser und dem erfrischenden Wind in den Haaren, ist es wesentlich angenehmer. Ein paar Jungs aus der Klasse haben Wasserpistolen mitgebracht und sich den größten Teil des Tages damit bekriegt, während der Rest ein Picknick veranstaltet hat. Wann immer alle zusammenkommen, wird es laut und chaotisch, deswegen haben Quinn und ich uns ein wenig von den anderen abgeschottet. Jetzt, da er mich für seine geheime Knutsch-Session alleingelassen hat, bleibt mir nichts anderes übrig, als zu meinen Klassenkameraden zurückzukehren, andererseits sehe ich wie ein Außenseiter aus, wenn ich ganz allein am Seeufer hocke.
Immerhin kann ich die meisten meiner Jahrgangsstufe gut leiden, wenn man mal von Quinns schrecklichen Stiefbrüdern absieht. Dann wiederum ignorieren sie mich, wann immer sie mich sehen, also kann ich nicht mal sagen, dass sie gemein zu mir wären. Schätze, es hat alles seine Vor- und Nachteile.
Mittlerweile hat sich die Wasserschlacht der Jungs in die letzte Phase begeben. Team Nate liegt in der Führung, aber Team Austin ist nicht bereit, so schnell aufzugeben, wobei das vielleicht daran liegt, dass Teamkapitän Nate nirgends zu sehen ist. Ich blicke nicht ganz bei den Kriegsspielen der Jungs mit, aber ich vermute, es ist nicht gut für die Moral, wenn der Anführer mitten im letzten Kampf einfach verschwindet.
Eine riesige, grau-rot karierte Picknickdecke liegt auf dem Gras, darauf mehrere Körbe voller Obst und Sandwiches, eine Kühlbox mit Limonade, Wasser und (was mich nicht überraschen sollte) billigem Bier, das man bei der Tankstelle kaufen kann, wenn der Kassierer nicht sehr an seinem Job interessiert ist. Ein paar meiner Klassenkameraden sitzen auf der Decke verteilt, lesen in Magazinen und Büchern, tippen auf ihren Handys oder haben es sich mit dem nackten Rücken zur Sonne gemütlich gemacht.
Ich entdecke meine Tasche und Schuhe, die ich mit Quinn in der Obhut der anderen zurückgelassen habe, setze mich an den Rand der Decke und strecke meine schmutzigen Füße in die Hitze, damit sie schneller trocknen können. Nicht weit von mir sitzt Zoe, eines der Mädchen aus der Schule, mit der ich mich wohl noch am meisten verstehe. Zoe hat lange blonde Haare, die sie meist in einem Pferdeschwanz trägt und ziemlich intensive dunkelbraune Augen, die Art, die man sonst nur auf Make-Up-Werbungen sieht, wenn sie mit Photoshop bearbeitet wurden. Im Gegensatz zu mir trägt sie einen pinken Bikini mit weißen Blumen darauf. Mein Badeanzug ist schwarz und motivlos, dafür aber ein wenig zu klein, sodass ich mir noch ein T-Shirt übergezogen habe, damit niemand mehr zu sehen bekommt, als mir liebt ist.
Als sie bemerkt, dass ich wieder da bin, legt sie ihr Magazin zur Seite (eine berühmte Boyband ist auf dem Cover abgebildet, aber die Grübchen und fluffigen Haaren sind eher Quinns Typ), und rutscht näher heran. „Wo hast du Quinn gelassen?", fragt sie lächelnd. „Da kommt er schon mal mit und dann verschwindet er mittendrin. Langsam glaube ich echt, er kann uns alle nicht leiden."
Ich verzerre das Gesicht zu einer Grimasse. Natürlich weiß kaum einer davon, was hinter den Türen von Quinns zuhause los ist. Für jeden, der nicht weiß, in was für einem Haushalt er überleben muss, ist Quinn nur ein Junge, der mit den meisten Leuten nicht redet und nur bei mir und Robin abhängt. Es ist ein wenig traurig, finde ich, denn Quinn würden ein paar mehr Freunde bestimmt gut tun. Und wenn es nur Leute wären, denen er sich anvertrauen und mit denen er über die Hexe und die beiden Teufel in seinem Haus reden kann. Vielleicht kann sein geheimer Freund helfen.
„Das ist es nicht", meine ich und versuche nebensächlich zu klingen. „Er macht sich nur nicht viel aus Menschenmengen."
Zoe seufzt, streckt die Arme nach hinten und lehnt sich auf den Handballen auf. Eine herzförmige Sonnenbrille steckt in ihren Haaren, die die Lichtflecken der Sonne reflektiert. „Das sagst du, aber selbst wenn ich ihn allein erwische, dann will er nicht mit mir reden. Vielleicht jage ich ihm Angst ein", überlegt sie lautstark, was mich lachen lässt. „Was denn, glaubst du nicht, dass ich angsteinflößend sein kann?" Sie grinst mich an, wobei sie eine blitzende Zahnspange mit rosanen Verzierungen zeigt.
„Sicher, ich zittere schon. Das wird es auf jeden Fall sein."
Zoe lacht. „Naja, wahrscheinlich ist es nicht das. Ach, übrigens, hast du Nate gesehen? Er wollte eigentlich nur kurz pinkeln gehen, aber seitdem hab ich ihn nicht mehr gesehen."
„Nein, sorry." Ich werfe einen Blick auf das Schlachtfeld der Jungs; lautes Rufen, Lachen und das Spritzen von Wasser, sowie die klatschenden Füße auf nassem Gras erfüllt die Luft. Die meisten der Jungs haben ihre T-Shirts ausgezogen und auf den Boden geworfen und spielen nur in ihren Schwimmhosen. Ihre feuchte Haut glänzt unter der Sonne. Ich kann Austin sehen, dessen dunkelblonde Haare auf seiner Stirn kleben, mit gebräunter, bronzefarbener Haut und breiten Schultern, etwas hinter ihm ist Finnley, der alle mindestens einen Kopf überragt, hellblonde, lockige Haare und einen eher schlankeren Körperbau hat. Aber von Nate ist keine Spur.
Meine Stirn legt sich automatisch in Falten und ein seltsamer Gedanke überkommt mich. Quinn geht seinen geheimen Freund treffen und im selben Zeitraum verschwindet Nate. Ich würde es ihm gönnen; Nate ist eigentlich okay, wenn er auch ein wenig einschüchternd aussehen kann.
„Oh, warte, da ist er ja", sagt Zoe in dem Moment. Sie winkt mit einer Hand in der Luft und ich folge ihrem Blick.
Nate kommt mit nassen, dunklen Haaren zwischen den Bäumen hervor, eine knallrote Badehose im Hawaiimuster an den Beinen und eine Wasserpistole in den Händen. Seine helle Haut ist im Gesicht gerötet und er hat eine Schramme an der Wange. Dreck klebt an seinen Knien.
„Was hast du denn gemacht?", fragt Zoe belustigt klingend.
„Ich bin auf dem dämlichen Weg ausgerutscht und gegen 'nen Baum geknallt", sagt Nate mit brummender, tiefer Stimme. „Ein wenig Mitleid wäre nett."
„Aww, armes Baby", erwiderte Zoe mit Grinsen in der Stimme. „Und das hat so lange gedauert? Wie oft bist du denn ausgerutscht?"
„Schnauze", mault er. „Ich hab Lucas noch getroffen und wir haben uns unterhalten. Über den neuen Marvel, den wir eigentlich gucken wollten, aber auf den du keine Lust hattest."
Zoe zuckt mit den Schultern. „Wenn ich Männer in Strumpfhosen sehen will, kann ich ins Ballett gehen und gleichzeitig so tun, als würde ich aus einer höheren Bildungsschicht kommen."
„Nicht alle tragen Strumpfhosen", erwidert Nate.
„Genau, manche tragen hautenge Ganzkörperanzüge", sage ich mit zuckenden Mundwinkeln.
„Richtig, sie – oh. Okay, ich merk schon, ihr findet das richtig lustig, nicht wahr?" Er schnaubt kaum hörbar, schüttelt den Kopf, wobei Wassertropfen über uns sprühen, und wendet sich ab, um sich der Wasserschlacht wieder anzuschließen. „Ihr werdet eure gemeinen Worte noch bereuen!"
Zoe kichert verhalten. „Es ist fast schon süß, wenn er so verteidigend für seine Superhelden wird."
„Das ist wohl bei allen Jungs so", seufze ich. „Als ich in Lucas' Nähe erwähnt habe, dass ich Batman doof finde, hat er zwanzig Minuten lang versucht, mich davon zu überzeugen, wieso eine übergroße Fledermaus mit zu viel Geld spannend anzuschauen wäre." Ich zucke mit den Achseln. „Ich schätze, es ist besser, Superheldenkram in ihrer Nähe einfach nicht zu erwähnen."
„Oh, aber es macht so viel Spaß, wenn ich so tue, als würde ich Spiderman und Superman nicht auseinanderhalten können und die Jungs immer hektischer in ihren Erklärungen werden", erwidert Zoe. Sie zieht sich die Sonnenbrille über die Augen, als die dicken Wolkenschwaden sich am Himmel verziehen und die gleißenden Strahlen wieder auf uns krachen. „Hey, komm, lass uns ein Bild für Insta machen." Zoe zieht ihr Handy hervor, rutscht näher an mich, bevor ich überhaupt hätte was sagen können und hebt ihr Smartphone in die Luft über uns.
Ich lasse es mir nicht nehmen, ein paar dämliche Grimassen zu ziehen, als Zoe ungefähr zweihundert Bilder macht. „Wir sollten noch ein Gruppenfoto machen", sage ich. „Wenn Quinn wieder da ist, am besten, dann kann ich ihn damit bestechen, falls er wieder sagen will, dass er lieber drin bleiben will."
„Ha, gute Idee!" Zoe senkt ihr Handy wieder und geht die Bilder von uns durch.
Während sie nach dem besten Schnappschuss sucht und diesen dann mit einigen Filtern versieht, lehne ich mich zurück und schließe mit der Sonne im Gesicht die Augen. Es tut gut, Zeit mit meinen Freunden außerhalb der Schule zu verbringen. Meistens sehe ich nur Quinn oder Robin, manchmal Lucas, wenn er sich uns anschließt, aber wirklich etwas mit Zoe oder den anderen Jungs zu unternehmen, tue ich selten. Dabei kann ich sie alle echt gut leiden. Ich unterdrücke ein Seufzen. Vermutlich, weil der Großteil meiner Zeit dafür drauf geht, mich um Quinn zu sorgen und ihn versuchen, davon zu überzeugen, endlich mal etwas gegen diese blöde Hexe Sienna zu sagen. Darauf kann ich in meiner Lebzeit aber wahrscheinlich nicht bauen. Quinn ist zu nett, zu gutmütig, um sich aufzulehnen. Lieber lässt er zu, dass sie ihm die restliche Schulzeit zur Hölle macht, als das Risiko einzugehen, ihre Gefühle zu verletzen. Er ist wirklich ein liebenswerter Trottel.
Irgendwann gesellt sich Lucas zu uns, der vollkommen außer Atem ist, nachdem die Jungs ihn mit ihren Wasserpistolen über die Wiese gejagt haben und ein paar Minuten später kommt Quinn wieder zwischen den Bäumen hervor, Wangen gerötet und Haare unordentlich in alle Richtungen abstehend. Er meidet meinen Blick, als er sich setzt, aber ich kann ihm ansehen, dass er seine geheime Knutsch-Session mehr als genossen hat. Ich bin nicht sicher, ob ich wirklich herausfinden will, wer es ist, mit dem er sich trifft. Es gibt einen Grund, wieso er es geheim hält und ich will nicht diejenige sein, die jemanden outet, bevor er sich dafür bereit fühlt.
Wer auch immer es ist, ich weiß nur, dass er Quinn endlich mal etwas Gutes gibt und ich weiß am besten, dass er das mehr als nur nötig hat.
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