2. Kapitel
Ich betrat unseren Klassenraum. Lily stürmte auf mich zu und umarmte mich stürmisch. Fast schon als hätte sie mich Jahre lang nicht gesehen. Möglicherweise würden wir uns auch bald nicht mehr sehen... Bei dieser Vorstellung saß ein dicker Kloß in meinem Hals, der dort wohl auch noch eine Weile zu bleiben wollen schien.
Ich drückte sie. "Hi!"
"Hey, Süße!", rief sie. "Na, alles klar?"
"Ja, außer dass ich heute Morgen erfahren habe, dass ich das Element Erde bin und eine besondere Gabe habe, schon.", erwiderte ich gequält.
"Was?!" Ihre Augenbrauen schossen in die Höhe. "Nicht dein Ernst?"
"Leider schon...", murmelte ich.
Lilys Mund stand offen. "Das trifft hundert Prozent auf dein heutiges Horoskop zu!"
Ich verdrehte die Augen, was Lily zum Glück nicht sah. Sie schon wieder mit ihrem Horoskop... "Und? Was steht drin?", fragte ich, nun doch schon irgendwie neugierig.
"Also, es hieß, dass du heute etwas außergewöhnliches erleben und erkennen wirst! Und das dein Leben sich verändern wird! Ich dachte nur, was für ein Stuss! Meine Freundin und ein komplett verändertes Leben? Heute? No way! Doch es stimmt! Oder lügst du?" Prüfend sah sie mich an.
"Nein!", rief ich entsetzt und überrascht zugleich. "So bekloppt es sich auch anhört, es stimmt. Ich bin Tochter zweier gleicher Sternzeichen und habe deshalb verstärkt das Element Erde in mir. Meinte zumindest meine Mum..."
"Und das heißt?", fragte sie stirnrunzelnd. Dafür liebte ich sie. Jeder andere hätte mich wahrscheinlich für Verrückt erklärt, zum Schulpsychologen gebracht, oder sonst was. Lily nicht. Sie glaubt mir stets und ist sich bei jedem merkwürdigen Traum, den ich ihr erzählte sicher, das eine Bedeutung dahinter steckte. Sie glaubte halt an Übersinnliches und ließ sich nicht davon abbringen das Feen, Zombies, Vampiere sowie Elfen existierten. Wir gingen zu unseren Plätzen.
"Das heißt, dass ich ein Element bin. Element Erde."
Lily sah mich stirnrunzelnd an. "Echt jetzt?"
"Ach, ich weiß doch auch nicht! Wer weiß, ob das überhaupt stimmt, was meine Mutter da erzählt. Ich konnte zwar heute morgen diese Pflanze erschaffen aber, das war vielleicht auch nur eine Einbildung...! Ja! Eine Einbildung. Das muss es gewesen sein."
Lily rüttelte mich an beiden Schultern. "Das war mit Sicherheit keine Einbildung! Jetzt mach dir doch mal nichts vor!"
Mrs Pentson betrat das Klassenzimmer. In der Hand einen Stapel Zettel, den sie nun schwungvoll auf den Tisch knallte.
"Meine Mum will mich an der Element Academy anmelden!", flüsterte ich Lily zu.
"An der was?" Wir holten unsere Sachen raus. Lily stützte ihren Kopf auf den Ellenbogen.
"An der Element Academy.", antworte ich ihr. "Irgend so ein Internat, wo die die auch so eine Gabe haben hingehen."
"Und du sollst jetzt dahin gehen? Für immer?" Sie sah etwas beängstigt aus, dass wir uns jetzt nicht mehr sehen würden, oder so. Was ich gut nachvollziehen konnte. Mir ging es schließlich genau so. Am liebsten würde ich einfach weiterhin auf die High School gehen und mich mit Lily treffen. So wie es immer gewesen war.
"Ich bin mir allerdings noch nicht ganz sicher, ob ich nun wirklich diese Gabe habe... Ich meine, das ist doch unrealistisch. Niemand hat eine Gabe! So etwas existiert nicht!" Ich versuchte mich, während meiner Worte selbst davon zu überzeugen, dass das alles nur eine Halluzination war.
"Natürlich existiert sowas!", rief Lily empört.
"Würden die Damen nun auch bitte dem Unterricht folgen?", fragte Mrs Pentson.Wir nickten hastig.
Nach dem Unterricht setzten Lily und ich uns in der Mensa zusammen an einen Tisch, da wir nach der Mittagspause noch AG hatten.
Natürlich war meine Gabe immer noch Thema Nummer eins.
"Und du wirst jetzt echt die Schule wechseln?", fragte Lily besorgt.
"Ja, ich fürchte schon. Wenn ich Mums Eifer richtig gedeutet habe, wird sie mich noch heute auf diesem Internat anmelden."
"Was?!" Lily war entsetzt. "Aber... Das kann sie doch nicht machen!"
Ich machte ein enttäuschtes Gesicht. "Doch, das kann sie."
Zuhause angekommen erwartete mich bereits Mum. "Schatz, ich habe schon alles gepackt. Wir fahren jetzt zum Bahnhof."
"Was?!", rief ich. "Jetzt? Aber ich bin doch gerade erst gekommen! Außerdem habe ich diese komische Gabe vielleicht auch gar nicht! Vielleicht habe ich mir das nur eingebildet! Was wenn es gar nicht stimmt. Außerdem kann ich Lily und meine High School doch nicht einfach hier zurück lassen! Ich... Mum!"
"Ich weiß. Aber du musst dahin. Sie kennen sich am besten mit den Elementen aus und werden mit einem Eignungstest testen, ob du die Gabe hast oder nicht. So wird das bei allen Neuankömmlingen zuerst gemacht."
"Woher weißt du das so genau?", fragte ich verwundert.
"Deine Großmutter hat mir oft davon erzählt." Mum öffnete die Haustür und schloss hinter uns ab. Seite an Seite gingen wir zur Bushaltestelle um die Ecke, die uns zum Bahnhof bringen würde.
"Ich weiß, dass es gerade nicht leicht für dich ist..."
"Allerdings! Du reißt mich einfach aus meinem Leben um mich so mir nichts dir nichts in ein Internat zu stecken!", unterbrach ich sie wütend. "Das ist nicht unbedingt das Verhalten einer besorgten Mutter, die ihr Kind liebt."
"Schatz, ich sagte doch, ich habe keine andere Wahl als dich in die Element Academy zu bringen! Es ist wichtig, dass du dort bist. Sie wissen am besten mit Menschen wie dir umzugehen."
"Toll!" Beleidigt verschränkte ich die Arme vor der Brust, als wir an der Haltestelle ankommen. Echt toll!
Nach einer Weile sagte Mum: "Eva? Du weißt, dass ich dich nur dorthin bringe, weil ich es muss und weil es das Beste für dich ist, oder?"
"Mmh", machte ich immer noch beleidigt und zugleich auch enttäuscht von Mum.
Sie legte mir einen Arm um. "Ich hab dich immer lieb, hörst du? Auch wenn du gerade denkst, dass das nicht so ist."
Ich starrte auf den Boden. Ich hasste Mum für das was sie mir antun will!
Da bog der Bus um die Ecke. Wir stiegen ein. Er war gerappelt voll und wir mussten stehen.
Wenig später kamen wir am Bahnhof an. Mum und ich gingen zum Bahnsteig. Ich stellte mich rechts von meinem Koffer. Mum stand auf der linken Seite. Der Zug rollte ein.
"Die Station heißt Birmingham!", rief Mum, sie musste so schreien, weil der Zug so quietschte. "Hab dich lieb! Und ruf an!"
Ich hob nur die Hand und und ließ Mums Umarmung über mich ergehen. In ihre Augen schimmerten Tränen. Ich war schon mit einem Bein im Zug da trat Mum neben mich. "Es tut mir so leid!", flüsterte sie weinend. Es war als würde jemand wie wild an meinem Herz reißen, so sehr schmerzte es meine Mutter so traurig so sehen. Sie war immer so fröhlich und unbeschwert gewesen, und nun war sie wie ein ganz anderer Mensch.
Der Schaffner blies in die Pfeife und ich sprang in den Zug. Dann fiel die Tür zu.
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