17

Mit angehaltenem Atem lauschte er auf jede Bewegung, während er seine Pistole zurücksteckte und stattdessen ein Messer zog. Ein Rascheln erklang zu seiner Rechten und dann löste sich ein weiterer gedämpfter Schuss. Mit angehaltenem Atem schob Alex sich um Hinterseite des Autos, darauf bedacht, in gehockter Stellung zu bleiben. Mit dem Rücken lehnte er sich an den Kofferraum der Limousine und spähte um die Ecke.

Dort, im Gebüsch eine Autolänge entfernt, lag ein vollständig in schwarz gekleideter Mann mit einem aufgebauten Gewehr am Boden und schaute abwechselnd durch sein Zielfernrohr und auf die Umgebung um ihn herum.

Alexanders Blick wanderte zu dem Messer in seiner Hand. Es wäre einfacher, dem Kerl auch eine Kugel in den Kopf zu jagen, doch hier ging es darum, eine Nachricht zu senden. Wer auch immer hinter diesem Mordversuch stand, musste ganz klar und deutlich verstehen, dass mit ihm nicht zu spaßen war.

Harte presste er seine Kiefer aufeinander. Er war bekannt dafür, sich von den alten Wegen abwenden zu wollen. Manche hielten ihn deswegen für weich oder feige. Sie schienen zu vergessen, dass man nicht in der Organisation aufstieg, ohne sich die Finger schmutzig zu machen. Vielleicht würde der heutige Tag ihnen allen eine Lehre sein.

Er nahm einen tiefen Atemzug, spannte alle seine Muskeln an, fixierte sein Ziel – und dann sprang er hoch, machte einen langen Schritt und warf sich vorwärts. Ehe der andere reagieren konnte, hatte er sich von der Seite auf ihn geworfen, seinen Kopf in den Dreck gepresst und das Messer an die Kehle gedrückt.

»Willst du noch was beichten, ehe du ins Gras beißt?«, raunte er dem Mann ins Ohr.

»Fick dich!«

Mit einem kalten Lachen packte Alex das Haar des Mannes und riss seinen Kopf hoch. »Das hab ich mir gedacht.« Ohne ihm noch eine weitere Chance zu lassen, schnitt er ihm die Kehle durch.

Röchelnd und Blut spuckend zuckte der Mann, doch Alex hielt ihn unerbittlich auf den Boden gepresst, bis das Leben aus ihm wich. Als er sich erhob, stellte er fest, dass sein weißes Hemd unter dem Mantel mit Blut verschmiert war. Ohne die Miene zu verziehen trat er aus dem Gebüsch hervor, ohne sich die Mühe zu machen, das Blut zu verbergen.

»Was geht in deinem verschissenen Kopf vor?« Fluchend kam Konstantin über die Straße auf ihn zu. »Wem willste denn hier was beweisen? Fuck, Sascha! Mach das nie wieder!«

Genervt lief Alex an seinem Freund vorbei in die Richtung des geparkten Autos. »Komm runter, Kostja. Ich hab keinen Bock auf dein dummes Beschützergehabe. Du weißt genau, was ich drauf hab. Wir haben sowas hier früher doch ständig gemacht.«

Mit langen Schritten stapfte Konstantin neben ihm her durch die Dunkelheit. Sie mussten zusehen, von hier zu verschwinden, ehe irgendein Anwohner doch mal auf die Idee kam nachzusehen, ob der Lärm wirklich Schüsse gewesen war.

Erst, als sie im Auto saßen und auf dem Rückweg zum Club waren, schien die Anspannung aus Konstantin zu weichen. »Du kannst sowas nicht mehr bringen. Ganz ehrlich. Dein Leben gehört nicht mehr nur dir. Krieg das gefälligst in deinen Kopf rein. Was sollen Gina, Brigitte und Hilge machen, wenn du wegen so einem dummen Scheiß draufgehst? Denkst du, der nächste Besitzer führt deinen Weg einfach fort?«

Zornig schaute Alex seinen Freund von der Seite an. »Ach, komm mir nicht damit! Soll ich zulassen, dass irgendwelche Affen da draußen mir auf der Nase herumtanzen? Ich kann's mir nicht leisten, sowas durchgehen zu lassen. Das weißt du genauso gut wie ich.«

»Und genau deswegen hättest du mich alleine gehen lassen sollen. Ich hätte die zwei erledigt und die Message an die anderen wäre dieselbe geblieben.« Konstantin blickte stur auf die Straße vor sich, während er den Wagen durch den nächtlichen Verkehr lenkte.

Seufzend wendete sich Alex ab. Sie hatten diese Diskussion in den letzten Monaten schon so oft geführt. Konstantin verstand einfach nicht, wie wackelig Alexanders Position war. Michail mochte ihn, deswegen hatte er sich hocharbeiten können. Doch die anderen, älteren Männer verachteten ihn. Sie sonnten sich darin, sich Mafiaboss zu nennen, und es ging ihnen gegen den Strich, dass ein achtundzwanzigjähriger Bursche denselben Rang innehaben konnte. Sie verachteten ihn, weil er noch nie gesessen hatte. Sie verachteten ihn, weil er Drogen verabscheute. Sie verachteten ihn, weil er von den Frauen in seinen Clubs ernsthaft respektiert wurde.

Wenn er jetzt auch noch alle Drecksarbeit seinem Mann fürs Grobe überließ, würden sie ihn endgültig als Weichei sehen. Dafür hatte er keine Zeit. So sehr er sie auch hasste, er brauchte die Zustimmung der anderen Bosse unter Michails Führung, um irgendetwas erreichen zu können.

»Erzähl mir lieber, ob der Spaß uns was gebracht hat.«

Mit einem Grollen warf Konstantin ihm einen Blick zu, ehe er sich zu einer Antwort bewegen ließ. »Wenn du mich fragst, war das einer von uns.«

Alex erstarrte. Er hatte genau das befürchtet, doch innerlich darauf gehofft, dass er bloß paranoid war. »Warum?«

Konstantin schnaubte. »Die Lichtschranke? Die versteckten Mikrophone? Deine Wohnung war exakt so präpariert, wie ich es tun würde, wenn ich jemanden überwachen oder töten will.«

Mehrmals fuhr Alex sich über das Kinn. Im Gegensatz zu ihm hatte Konstantin nie Ambitionen gehabt, in der Organisation aufzusteigen, und deswegen hatte er stets die gefährlichen, dreckigen Jobs angenommen. Wenn jemand wusste, wie man eine Falle sorgfältig baute, dann er. Und er hatte das von den anderen in der Organisation gelernt.

»Könnte Zufall sein.« Er hörte selbst, wie lahm das klang.

Konstantin nickte, während er den Blinker setzte und in die Straße zum Blue Moon abbog. »Klar. Kann immer Zufall sein. Vielleicht war's auch Zufall, dass sie nur dir nach der Besprechung aufgelauert haben. Vielleicht war's Zufall, dass sie genau wussten, wie dein Auto aussah. Kann alles Zufall gewesen sein.«

Fluchend fuhr Alex sich durch sein dunkles Haar. Er hatte es selbst schon seltsam gefunden, dass der Schütze ihn nach dem Treffen erwartet hatte. Theoretisch sollte niemand wissen, dass sie sich dort trafen.

»Du hast ja recht. Zu viele Zufälle. Also. Es war einer von uns. Irgendwelche Ideen?«

Ein humorloses Lachen kam von Konstantin. »Jeder, dessen Name nicht Michail ist, will dich tot sehen.«

Schweigend gab Alex ihm recht. Wenn es einer von ihnen gewesen war, könnte es wirklich jeder sein mit Ausnahme von Fjodor. Es war immerhin Fjodor gewesen, der ihn in die Organisation gebracht hatte. Man kam nur rein, wenn ein anderer Boss einen mitnahm. Fjodor war damals selbst noch dabei, die Hierarchie zu erklimmen, und er liebte es, junge, vielversprechende Männer um sich zu scharen. Alex hatte ihm Treue geschworen und Fjodor hatte ihm viel von dem, was er heute wusste, beigebracht. Er konnte sich nicht vorstellen, dass ausgerechnet die rechte Hand vom Boss dahintersteckte.

»Ich wette, es war Dimitrij.« Alex hatte keinerlei Beweise für diese Vermutung, doch sein Instinkt trog selten.

»Zumindest trägt er den Hass auf dich offen zur Schau«, stimmte Konstantin ihm zu, während er den Wagen parkte. Er zog den Schlüssel ab und drehte sich zu Alex um. »Du solltest deinen Mantel zumachen, ehe du reingehst. Du hast da ein bisschen Blut am Hemd.«

Gegen seinen Willen musste Alex grinsen. »Hätte ich nicht bemerkt, danke.«

Entgegen des Ratschlags ließ er den Mantel jedoch offen. Entschlossen öffnete er die Autotür, stieg aus und schlug sie hinter sich wieder zu. Mit Konstantin hinter ihm überquerte er die Straße und lief durch die Toreinfahrt, um zum Hintereingang des Clubs zu gelangen. Das schummrige Licht einer uralten Lampe über dem Eingang fiel auf ihn, als er den beiden Wachen neben der Tür zunickte. Sie erwiderten den Gruß, ohne mit der Wimper zu zucken, doch er sah deutlich, dass ihr Blick für den Bruchteil einer Sekunde zu seinem Hemd wanderte.

Sie wussten es besser, als ihn in Frage zu stellen.

»Ich weiß, du hast heute eigentlich frei«, wendete er sich an Konstantin, nachdem sie in seinem fensterlosen Büro angekommen waren, »aber ich habe noch eine Bitte.«

»Raus damit.« Sein großer Freund zog sich den Pullover wieder aus und krempelte die Ärmel seines Hemdes hoch, ehe er seine Krawatte abnahm. Tätowierte Unterarme kamen zum Vorschein.

»Sorg dafür, dass die Frauen heil nach Hause kommen, ja? Die meisten sind mit einem Auto hier oder werden abgeholt, aber einige nehmen den Bus. Achte darauf, dass sie nie alleine losgehen, okay?« Alex stützte sich auf seinem Schreibtisch ab und schloss kurz die Augen, ehe er weitersprach. »Ich bezweifle, dass sie wirklich in Gefahr sind, aber ich will kein Risiko eingehen.«

Konstantin verschränkte die Arme vor der Brust und zog eine Augenbraue hoch. »Mach ich doch eh immer, wenn ich Dienst hab. Und die anderen Jungs auch.«

Alex stieß sich wieder vom Tisch ab und stellte sich direkt vor seinen Freund. Obwohl er selbst nicht klein war, musste er aufschauen, um ihm in die Augen sehen zu können. »Ich weiß. Aber von heute an werde ich kein Risiko mehr eingehen. Ich schätze alle Jungs, aber vertrauen tu ich nur dir.«

Ein Lächeln umspielte Konstantins Mundwinkel und sein Blick wurde weicher. Statt ihm eine Antwort zu geben, nickte er jedoch nur und schlenderte dann an ihm vorbei aus dem Büro. Alleine in dem kleinen Raum starrte Alex nachdenklich auf seinen Schreibtisch. Er steckte bis über beide Ohren in einem Projekt und hatte keine Zeit, jetzt auch noch einen Killer in den eigenen Reihen zu suchen.

So wenig es ihm auch schmeckte, er würde Konstantin bitten müssen, jeden Tag zu arbeiten in den nächsten Wochen. Er brauchte seinen einzigen Freund und Vertrauten, wenn er heil aus dieser Sache rauskommen wollte.

Er rollte seine Schultern zurück, knackte seinen Nacken durch und atmete tief ein. Vermutlich sollte er Mutter Gina Bescheid geben, dass Konstantin heute ebenfalls Dienst haben würde. Sie wusste zum Glück, dass etwas passiert war, und so wie er sie kannte, würde sie keine Fragen stellen.

Wie aufs Stichwort ging die Tür zu seinem Büro wieder auf und Gina trat ein. »Ah, du bist wieder da.«

Er zwang sich ein Lächeln auf die Lippen und schaute zu ihr hinab. »Wie du siehst. Hast du mich gesucht?«

Sie schloss die Tür hinter sich und blickte entschlossen zu ihm auf. »Kostja treibt sich im Club rum. Ein paar meiner Mädels haben sich gefragt, warum er heute da ist.«

»Euch entgeht aber auch nichts.« Er legte ihr beide Hände auf die Schultern und sah sie ernst an. »Ich will nicht, dass die anderen etwas davon mitbekommen, ja? Ich brauche keine Panik unter meinen Angestellten. Kostja wird vorläufig jeden Tag hier sein. Ich will nicht riskieren, dass der Anschlag auf mein Leben zur Gefahr für alle hier wird.«

Tiefe Sorgenfalten bildeten sich auf Ginas Stirn, als sie ihre Hände auf seine legte. »Es gefällt mir nicht, dass es so ernst ist.«

Er ließ seine Hände wieder sinken und zuckte mit den Schultern. »Mir auch nicht. Deswegen gehe ich auf Nummer sicher. Es ist nicht für lange. Nur bis ich rausgefunden habe, wer es war.«

Gina trat einen weiteren Schritt auf ihn zu und streckte sich, um ihm eine Hand auf die Wange legen zu können. »Pass auf dich auf, Sascha.«

Alex konnte nur nicken. Er hatte nicht vor, ein vorzeitiges Ende zu finden, aber das Berufsrisiko war immer da, egal, wie sehr sich Mutter Gina um ihn sorgte.

Sie lächelte ihn noch einmal an, dann drehte sie sich um und watschelte mit kurzen, angestrengten Schritten aus dem Raum. Sie sollte wirklich abnehmen, wenn sie nicht selbst frühzeitig ins Jenseits wollte, doch Alex wusste, dass es nicht ratsam war, ihr das zu sagen.



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