Prolog

Düster und grau lag der Friedhof vor ihm. Nebelschwaden senkten sich über die Gräber und in der Ferne war die Spitze der Kirche zu erkennen. Wie ein alter, steinernder Riese thronte das schemenhafte Gebäude über dem Kirchhof und den angrenzenden Gräbern. Die Glocken schlugen ein letztes Mal zur halben Stunde, bevor ihre Klänge im vormittäglichen Nieselregen verklangen.

Außer einem dunkelblonden Jungen, der sich in seinem ordentlichen Hemd, das an seinen langen Armen ein wenig zu kurz erschien, sichtlich unwohl fühlte, war keine Menschenseele zu sehen. Natürlich nicht. Wer geht schon bei Regen auf den Friedhof?
Alamiert von einem Geräusch hinter ihm drehte er sich um.

,,Charly, da bist du ja! Ich dachte, du kommst nicht."
,,Natürlich komm ich", entgegnete Charly, beinahe beleidigt. Sein Gegenüber, Luke, war mindestens einen Kopf größer als er, mit schwarzen Locken und hellblauen Augen, die im Regen blitzten und sah ihn kritisch an.

,,Wo ist Kari?"
,,Zuhause."
,,Ah? Ich dachte, er war ihr bester Freund."

Charly zuckte nur mit den Schultern. Kari hatte ihm noch heute morgen eine Nachricht geschickt, dass sie nicht kommen würde. Angeblich Kopfschmerzen. Er sagte lieber nicht, dass er für einen Moment darüber nachgedacht hätte, dasselbe zutun. Vielleicht machte ihn das, nach allem, was passiert war, zu einem schlechten Freund. Aber er wusste nicht, ob er es aushalten würde.

,,Hey Karl." Danielle, die nun ebenfalls dazustieß, war Lukes Zwillingsschwester und ihm wie aus dem Gesicht geschnitten. Sie hatte dieselben eisblauen Augen, dieselbe Blässe in ihrer Hautfarbe und dieselben geschwungenen Lippen. Mit dem Unterschied, dass ihre Haare lang waren und nur leicht gewellt. Und sie hielt nicht besonders viel von Spitznamen. Zumindest war sie die einzige, die ihn mit Karl ansprach.

,,Ich mag Friedhöfe nicht", murmelte sie leise und zog ihre schwarze Strickjacke enger. ,,Wenigstens hat es auf der Beerdigung nicht so geregnet." Charly nickte nur, während sie langsam den Kiesweg entlangschlenderten. Er war auch auf der Beerdigung gewesen, erinnerte sich aber nur dunkel daran. Ganz gleich, ob es erst drei Tage her war. Vielleicht hatte er es verdrängt.

Stille lag zwischen ihnen, als sie Elijahs Grab erreicht hatten. Es sah frischer aus als die Umliegenden, mit Blumenkränzen und Kerzen darauf, die den Erdhügel beinahe komplett bedeckten. Dahinter der neue Grabstein, schlicht und schwarz, ohne viel Schmuck oder Verziehrungen. Als würde er Elijah wiederspiegeln wollen.

Neben den älteren Gräbern, deren Geburtsdaten weit bis ins letzte Jahrhundert zurückreichten, sah die Inschrift *1999 †2016 fehl am Platz aus. Das ganze Grab sah fehl am Platz aus, denn Charly wusste, wem es gehörte und dass er es nicht so hatte beenden wollen.

,,Wisst ihr noch?", durchbrach Danielle die Stille, ,,Auf der Klassenfahrt. Wir sind mit Kari und Elijah mitten in der Nacht abgehauen, um uns bei der Tanke Süßigkeiten zu kaufen."
,,Um dann festzustellen, dass die seit zwei Jahren zu ist", ergänzte Charly und lächelte. Dabei spürte er, wie seine Augen begannen zu brennen und seine Sicht verschwamm. Er wollte nicht weinen, nicht hier, nicht vor den anderen. Stattdessen zog er hoch und hustete dabei, damit es so aussah, als wäre er erkältet. Eigentlich dachte er an den Abend. Den letzten Abend, an dem er Elijah gesehen hatte.

Und an die Beerdigung. An das kleine Mädchen, das ihm so ähnlich gesehen hatte, an der Hand der alten Frau. War sie seine Schwester gewesen? Hatte Elijah überhaupt Familie gehabt? Erst jetzt merkte Charly, wie wenig er eigentlich über seinen Freund gewusst hatte. Er seufzte leise und fühlte die Regentropfen, die von ihm ins Gesicht hängenden Haarsträhnen auf seine Haut tropften. Warum war nur alles so gelaufen? Und warum musste er erst von Elijahs Grabstein erfahren, dass er am sechsten Oktober Geburtstag hatte?

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