Der Abstieg

Am nächsten Morgen brachen wir bereits vor Sonnenuntergang auf, um nicht zu viel Zeit zu verlieren. ,,Gibt es noch ein paar weitere Hindernisse auf dem Weg, von denen ich wissen sollte?" fragte ich misstrauisch, da wir seit ein paar Stunden schweigend durch den tiefen Pulverschnee stapften.
,,Nun ja, der Abstieg wird höchstens noch ein Problem. Es gibt einen Pfad nach unten, aber ich weiß nicht, ob dieser nicht auch von der Lawine beschädigt wurde." murmelte Meggie und ließ ihren Blick über die Gipfel der Berge um uns herum schweifen.
,,Was meinst du damit?"
,,Ansonsten müssen wir es irgendwie schaffen, die Steilwand runter zu klettern. Es ist die, in die auch die geheime Höhle von Nora gebaut wurde. Glaub mir, da willst du nicht klettern. Also müssen wir hoffen, dass der andere Weg frei ist." gab mir Leon zur Auskunft.
,,Das klingt doch wie ein Plan." erwiderte ich ironisch.
,,Krass, bin ja doch nicht der Einzige, der dumme Witze machen kann." lachte Leon und ich würde ihm am liebsten eine Ohrfeige verpassen.
,,Ich hasse dich."
,,Ohh, danke ich dich auch."
,,Kannst du bitte einfach mal die Klappe halten!" rief ich genervt, aber dass ich ausrastete, bewirkte nur, dass Leon mich weiter ärgerte und ich beschloss ihn zu ignorieren.
,,Wie weit ist es noch, bis wir den regulären Weg erreichen?" fragte ich stattdessen.
,,Wir sind gleich-" wollte Meggie sagen, doch sie brach mitten im Satz ab und ich konnte sie entsetzt aufschreien hören. Ich wirbelte zu ihr herum und sah die sich auftuende Gletscherspalte.
,,Meggie! Meggie wo bist du? Geht es die gut?" Kreischte ich aufgeregt und tastete mich vorsichtig mit Leon näher an den Rand des Loches im Eis. Kein Laut war mehr zu hören und unter uns nur dunkle Leere. Sogar Melody, das Avizán Weibchen war verstummt und hatte sich auf meiner rechten Schulter niedergelassen.
,,Meggie!" Schrie ich erneut, aber diesmal riss mich Leon zurück und hielt mir mit seiner Hand den Mund zu.
,,Psst, bist du verrückt? Brüll weiter wie eine Irre hier rum und wir werden von der nächsten Lawine mitgenommen!" Zischte er leise und ließ mich los. Ausnahmsweise hatte Leon recht, wie konnte ich das vergessen? Wahrscheinlich konnte ich gerade vor Schreck nicht klar denken...
,,Aber..." Schluchzte ich verzweifelt.
,,Grace, ... wir müssen weiter. Es tut mir wirklich leid." Versuchte Leon mich zu beruhigen, doch ich konnte und wollte nicht verstehen, wie er auch nur daran DENKEN konnte ohne Meggie weiter zu gehen.
,,Wir dürfen sie nicht einfach hier zurück lassen! Sie ist unsere Freundin! Bitte!"
,,Natürlich ist sie das! Aber wie willst du bitte da runter gelangen, ohne zu wissen, wie breit, wie tief oder wie glatt diese Gletscherspalte ist? Wie willst du da wieder rauskommen! Verstehst du es nicht?" Rief Leon und blickte mir fest in die Augen. Ich spürte, dass er jedoch ebenfalls kurz davor war die nerven zu verlieren.
,,Was sollen wir dann tun?" fragte ich ruhig.
,,Ich wünschte, ich könnte dir darauf eine Antwort geben, doch ich kann es nicht. Ich kann dir nichts sagen. Tut mir wirklich leid."
,,Was meinst du damit?" Auf meine Frage hin antwortete er nicht, sondern stand auf und ging einfach wortlos weiter. Ich schnaubte genervt, folgte Leon aber schließlich doch, obwohl ich dennoch ein furchtbar schlechtes Gewissen dabei hatte, Meggie alleine zu lassen.

Eine ganze Weile liefen Leon und ich schweigend nebeneinander her. Keiner von uns sprach ein Wort, zumindest solange bis wir vor einem großen Berg Schnee, der uns den Weg durch eine Schlucht versperrte.
Leon fluchte und kickte wütend gegen des Schnee. ,,Verdammt! Wieso kann nicht einfach alles nach Plan laufen? Jetzt müssen wir den gleichen Weg wieder zurück laufen!"
,,Dann los, wir müssen uns beeilen! Wir müssen rechtzeitig kommen, weißt du noch?" Rief ich und er murmelte irgendetwas unverständliches.

,,Hast du wenigstens irgendeine Art von Plan, die uns helfen könnte, da runter zu gelangen?" Ich deutete auf den Abgrund, der sich vor uns auftat und begann zu zittern, als ich daran dachte, dass wir dort hinunterklettern mussten. Ich hatte keine Höhenangst, aber dennoch war es beängstigend. Schließlich hatten wir keinerlei Kletterausrüstung. Woher auch?
,,Pff. Ein Plan wird uns nicht weiter helfen. Wir werden das sowieso nicht überleben." zischte Leon und tastete zuerst nach einer guten Stelle im Stein, um hinabzusteigen.
,,Ich gehe als Erster. So fällst du wenigstens nicht so hart." witzelte er und ich lachte ironisch.
Nachdem Leon schon ein paar Meter nach unten geklettert ist, mache auch ich mich an den Abstieg. Meine Hände schwitzten und ich fürchtete als sich meine Finger in die Wand gruben, wo ein paar Steine herausragten, ich könnte abrutschen. Mit einem Fuß blieb ich immer auf einer Kante "sicher" stehen, während mein anderer nach einem weiteren kleinen Vorsprung suchte.
Vielleicht würden manche nun denken, denen ich dieses Abenteuer hoffentlich mal erzählen würde, es wäre doch gar nicht so schwer. Doch wer jemals auch nur an einer Kletterwand hing wusste, dass das hier eine absulud anstrengende Aktion war und man diese niemals unterschätzen durfte.
Meine Finger krampften sich weiter um den Stein in der Wand und ich drückte meinen Körper eng an den Felsen.
,,Alles klar da oben?" rief Leon zu mir hoch und ich bejahte.
Aber plötzlich rieselten kleinere Steinchen von oben herab und ich beging den großen Fehler zum oberen Rand der Steilwand zu blicken. Dadurch fiel mir Staub und Körnchen in Auge und Nase und ich musste niesen. Aus Reflex wollte ich mir die Augen reiben, um den Staub daraus zu bekommen und verlor dadurch den Halt. Ein kleiner Fehler, der mich mein Leben kosten würde. Doch bevor mir all der Dreck die Sicht vernebelt hatte, habe ich eine dunkle Gestalt ausmachen können, die über mir stand. Genau konnte ich diese jedoch nicht erkennen, da mich die Sonne geblendet hatte.
Ich schrie auf und stürzte in die Tiefe. Ich hatte keine Ahnung, wie tief ich fallen würde, bis ich am Ende auf dem Boden zerschellen würde. Verzweifelt versuchte ich mich irgendwo an der Wand festzuhalten, um meinen Sturz zu bremsen. Doch ich wusste genau, dass es sinnlos war. Nichts und niemand konnte mir nun noch helfen und an Wunder glaubte ich nicht. Was sollte ich in den letzten Momenten meines Lebens denken? Es war zu spät und ich konnte nichts mehr tun. Aber vielleicht sollte ich doch an Wunder glauben oder wenigstens an einen Retter in der Not.
Denn als ich es bereits nicht mehr für möglich gehalten habe, wurde ich am Arm gepackt. Ich hatte meine Augen geschlossen, aber da außer mir und Leon niemand hier war, wusste ich, dass er es war, der mich festhielt. Selbst als wir das Gleichgewicht erneut verloren, ließ er mich nicht los. Jeder andere Mensch hätte sicherlich losgelassen und mich dem Tod überlassen. Jeder außer Leon. Er legte schützend einen Arm um mich und drückte mich dicht an sich, um mich so gut es ging schützen zu können. ,,Ich werde dich beschützen, so wie ich es versprochen habe." flüsterte er mir ins Ohr und verstärkte seinen Griff. ,,Und wenn es das Letzte ist, was ich tue."
Der Aufprall war hart und ich konnte Knochen brechen hören. Mein Kopf dröhnte. Alles verschwamm. Schmerz durchzuckte meinen Körper und es fühlte sich an, als würden tausende Steine auf fallen. Die Dunkelheit umschloss mich wie eine schwarze Wolke aus Ruß und riss mich mit sich. Weg von hier, weg von dem Schmerz und ich wollte mit ihr gehen. Mit der Dunkelheiit. Der Finsternis. Mich von der Schwärze heilen lassen und nie wieder ans Licht und zu all dem Schmerz zurückzukehren.
Nein.
Nein! Ich durfte jetzt nicht aufgeben! Niemals. Ich war so weit gekommen! Ich. gebe. nicht. auf! Nein.
Ich wollte mich losreißen von dem Nichts, dass mich vom Leben weglocken wollte. Wieder durchzuckte mich dieser nicht auszuhaltende Schmerz. Meine Schläfen pochten und ich zitterte am ganzen Körper. Doch die Dunkelheit gab mich frei. Ließ mich zurück kehren. Zurück ins Leben und ans Licht. Zurück in die Wirklichkeit.


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1311 Wörter

Nächstes Update: vorraussichtlich morgen (maybe noch heute Abend, weil lang nix mehr kam)

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