Chapter 6
Das Training verlief gut. Mikey warf mir immer wieder drohende Blicke zu, doch ich sah gar nicht hin und schon war es vorbei für heute.
Ich war die letzte, die vom Eis ging, denn ich wollte nicht wieder zurück ins Hauptgebäude. Hier war es so viel schöner.
Schweigend drehte ich mich eine Runde für mich alleine und dann kam mir eine Idee. Ich würde einfach mein Handy und meine Kopfhörer holen und ein bisschen für mich alleine sein. Hier auf den Eis. Niemand sollte mich stören.
Ich zog schnell meine Turnschuhe an und rannte los, lief den Kiesweg entlang bis zum Hauptgebäude und von dort aus dann in den Keller, wo ich die beiden Sachen fand.
Dann lief ich den ganzen Weg zurück und seufzte.
Eine ganze Eishalle für mich alleine zu haben, war ein Traum.
Ich steckte mir die Kopfhörer in die Ohren und trat wieder hinaus aufs Eis.
Das Lied begann langsam.
Geschmeidig bewegte ich meine Hände und drehte mich langsam, doch dann wurde es schneller und ich begann mit den Sprüngen und Pirouetten.
Es tat so gut. Ich fühlte mich frei wie ein Vogel, so als könnte mir niemand etwas antun.
Ich lief rückwärts, sprang und drehte mich währenddessen. Sauber drehte ich den Sprung aus und lächelte.
Es war mir egal, dass sich bereits Schweißperlen auf meiner Stirn bildeten. Aufhören wollte ich nicht. Es war gerade zu schön.
Plötzlich spürte ich Hände an meiner Taille und ich zuckte zusammen.
Erschrocken riss ich mir die Kopfhörer aus den Ohren und sah während ich rückwärts fuhr nach hinten.
Als ich Justin erkannte, sah ich hastig wieder nach vorne. Was tat er da? Was war seine Absicht.
»Vertraust du mir? Vertraust du mir, dass ich dich nicht fallen lassen?«
Was sollte das denn jetzt? Was wollte er damit sagen?
Natürlich vertraute ich ihm nicht!
Elegant drehte ich mich aus seinem Griff und fuhr in die andere Richtung rückwärts, so dass ich ihn ansehen konnte.
»Ich denke eher nicht. Ich kenne dich doch kaum.«
Justin änderte ebenfalls seine Richtung und fuhr nun vorwärts auf mich zu.
»Ich will doch nur etwas versuchen, aber dafür musst du mir vertrauen«, meinte er ernst und ich blickte in die haselnussbraunen Augen.
»Von mir aus.«
Ich bremste und meine Kufen zischten auf dem Eis.
Justin kam vor mir zu stehen und nickte.
»Okay. Gib mir deine Hände.«
»Was?«
Verständnislos sah ich ihn an.
»Tu es einfach.«
Seufzend legte ich meine Hände in seine und hatte das Gefühl, hunderte kleine Stromschläge zu bekommen. Die Härchen in meinem Nacken stellten sich auf und ich fragte mich, was zum Teufel dieser Junge nun schon wieder vor hatte.
Er legte meine Hände sanft auf seine Schulter und blickte die ganze Zeit in meine blauen Augen, was nicht unbedingt dazu beitrug, dass ich mich wieder beruhigte.
»Okay, wir werden jetzt langsam los fahren. Ich rückwärts, du vorwärts und dann werde ich dich hoch heben«, sprach Justin und ich schüttelte sofort den Kopf.
Das war doch irre gefährlich. Was wenn er mich fallen ließ? Wie kam er nur darauf? Wie kam er auf so einen Mist?
»Wie kommst du drauf? Warum sollten wir das tun?«
Justin seufzte und warf einen kurzen Blick auf die große Uhr in der Mitte der Halle. Offenbar überlegte er gerade, wie lange er sich das hier mit mir noch geben wollte.
»Ich hab im Internet ein gelöschtes Video gefunden. Vor einigen Jahren gab es ein junges Paar, das zusammen bei der Olympiade angetreten ist. Jedoch würde es inmitten des Auftritts unterbrochen. Der Mann musste alleine laufen.«
Ich runzelte die Stirn und schüttelte verständnislos den Kopf.
»Und jetzt willst du, dass wir zusammen was einstudieren, damit du dann bei der Olympiade den Triumph hast, allein fahren zu dürfen?«
Justin lachte.
»Oh Mann, du denkst wirklich, ich bin ein totales Arschloch oder? Falls wir es soweit schaffen, werden wir uns nicht unterbrechen lassen. Ich sehe doch auch nicht ein, warum nur Männer so weit kommen dürfen. Wir könnten ein Zeichen setzen. Komm schon. Du musst mich dafür nicht mögen, aber ich denke die Welt braucht jemanden, der sie wach rüttelt und das könnten wir sein«, versuchte es Justin weiter und ich seufzte ergeben auf.
»Soweit kommen? Was soll das heißen?«, fragte ich und strich eine Haarsträhne meiner braunen Haare hinters Ohr, die sich aus meinem Pferdeschwanz gelöst hatte.
»Jede Woche wird uns mindestens ein Schüler verlassen und zwar der oder die schlechtesten und am Ende tritt der beste oder die besten bei der Olympiade an.«
Ich schwieg und sah zu Boden.
»Komm schon. Tu es für die Zukunft«, bat Justin.
Mann, dieser Junge setzte sich irgendwelche Flausen in den Kopf und ich musste dann mitspielen oder was?
»Gut, dann los.«
Der Rothaarige schmunzelte leicht und wir setzten uns in Bewegung.
Meine Hände lagen auf seinen Schultern und seine suchten an meiner Taille den passenden Ort, um mein Gewicht in die Höhe zu katapultieren.
»Okay, ich zähle bist drei. Eins. Zwei. Drei.«
Justin hob mich hoch und ich stützte mich mit meinen Händen an seiner Schulter ab.
Plötzlich gaben jedoch seine Arme nach und ich fiel eine Sekunde, bis er mich wieder fest hielt und mich vor den harten Aufprall auf dem Eis bewahrt hatte.
Hastig wandte ich mich aus seinen Armen und sah ihn keuchend an.
»Gut, das war's. Es reicht für heute«, meinte ich und lief hastig auf den Ausgang zu. Schnell stieg ich mit meinen Eislaufen auf die Gummimatten, nahm während dem gehen meine Turnschuhe und lief eilig ins Innere zu den Umkleiden.
»Eve! Warte!«
Justin war dicht hinter mir und lief mir bis zu den Umkleiden nach, wo er sich dann ebenfalls die Schuhe aus zog und sich dann gegen die Wand lehnte.
»Ich weiß jetzt, woran ich arbeiten muss. Ich werde meine Arme stärken und dann wird nichts mehr passieren. Bitte, lass uns damit nicht aufhören. Wir müssen weiter üben«, meinte Justin überzeugt.
Kopfschüttelnd stand ich auf.
»Du kapierst es einfach nicht oder? Es wird kein nächstes Mal geben. Ich hab keine Lust, mich bei diesem Unsinn zu verletzen und der Gefahr entgegen zu laufen, dass ich vielleicht nie wieder Eislaufen kann«, gab ich zurück.
Justin sah mich mit seinem Hundeblick an und ich schloss kurz die Augen, damit ich ihn wenigstens ein paar Sekunden nicht ansehen musste, denn ich spürte schon wieder, wie ich weich wurde. Er hatte mich nicht fallen gelassen, aber was wenn er es das nächste Mal tat?
»Vielleicht sollten wir den Trainer das nächste Mal fragen hm?«
Ich tupfte mir den Schweiß von der Stirn und Justin schüttelte leicht den Kopf.
»Die Trainer hier wollen keinen Paarlauf. Was glaubst du, warum du das einzige Mädchen hier bist. Nichtmal ein Talent wie du wird hier besonders herzlich aufgenommen, wie du vielleicht schon gemerkt hast.«
Frustriert seufzte ich auf und legte den Kopf ein wenig in den Nacken. Ich konnte nicht fassen, dass ich tatsächlich schwach wurde.
»Okay, ich überlege es mir. Geh du Mal deine Arme stärken«, sagte ich und klopfte ihm sanft gegen den Oberarm. Dann hing ich mir die Sporttasche um und ging an ihm vorbei hinaus auf den Gang. Unbewusst musste ich lächeln.
Justin war doch wirklich nicht mehr ganz richtig im Kopf. Als ob wir die Welt ändern könnten, aber ein Versuch war es wert.

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