Tattoo
Es war Freitagmorgen, und ich hatte verschlafen, weshalb meine Mutter mich fuhr. Gerade noch rechtzeitig kam ich zum Mathe Unterricht. Frau Misu, unsere Mathelehrerin, die uns aber auch in Sport unterrichtete, achtete sehr auf Pünktlichkeit.
»Gerade noch rechtzeitig, wie?«, fragte sie lächelnd. Ich nickte grinsend. Sie war zwar eine strenge Lehrerin, aber auch sehr nett. Jeder Schüler mochte sie. »Na dann setzt dich schnell.«, meinte sie und deutete mit einem Nicken zu meinem Platz. Ich beeilte mich zu tun, was sie sagte.
»Auch schon da?«, fragte Jace grinsend, und ich streckte ihm die Zunge raus, was er mit einem Lächeln ignorierte. Er nahm die Füße vom Tisch, damit ich mich hinsetzen konnte. Er konnte von Glück sagen, dass Frau Misu ihn nicht erwischt hatte.
»So liebe Schüler und Schülerinnen, sicher wisst ihr, was für ein schrecklicher Tag gestern gewesen ist und habt die schlechten Nachrichten von eurer Mitschülerin mitbekommen. Wenn es irgendwelche Probleme gibt, dann könnt ihr mir und Herr Glog, euren Klassenlehrer es ruhig anvertrauen. Wenn ihr wollt, dann können wir heute auch die Doppelstunde Mathe dazu nutzen, Fragen zu stellen.«, bot Frau Misu an, und zustimmendes Murmeln wurde laut.
»Gut, dann lasst uns beginnen!«, sagte Frau Misu zustimmend. Stimmen erhoben sich augenblicklich und Hände gingen in die Höhe.
Wir sprachen fast eine ganze Doppelstunde über die Sorgen und über die Morde, über die Angst und vieles, was irgendjemanden beunruhigte. Erst als die Pausenklingel klingelte, unterbrachen wir uns.
»So! Ich habe jetzt Pausenaufsicht. Wir sehen uns in Sport wieder, denkt dran, draußen warten. Ich hoffe, ihr habt alle eure Schwimmsachen dabei.«, verabschiedete Frau Misu sich.
»Wir haben jetzt gleich Englisch mit Herr Glog, und danach Kunst mit Herr Hyo, oder?«, fragte Jace. Ich nickte. Wir bogen gerade in einen Flur ab, als ein Polizist zu uns kam.
»Hier können sie nicht durch. Spurensicherung.«, sagte er ohne die Miene zu verziehen. »Entschuldigung, dass wussten wir nicht.«, sagte ich und wir gingen den Weg zurück.
»Also wurde Sarah's Leiche dort gefunden.«, murmelte Jace, als wir weit genug von dem Polizisten entfernt waren. Ich nickte nachdenklich.
Den Rest der Pause verbrachten wir grübelnd in der Cafeteria.
Auch in Englisch und Kunst grübelten und rätselten wir über denjenigen, der Sarah umgebracht hatte. Das wurde nicht bemerkt, da die Lehrer eh nur irgendwelche Sachen erzählten, die uns helfen oder ablenken sollten.
»... wie ihr wisst ist heute in einer Woche der Weihnachtsball. Ihr bekommt an diesem Tag schulfrei, da ihr euch ja schick für den Abend machen müsst und...«, war das Einzige, wo ich bei Herr Glog wirklich zuhörte. Herr Hyo redete ähnliche Dialoge, von denen ich gar nichts mitbekam.
»Komm schon, wir haben jetzt Pause!«, sagte Jace, -ich glaube schon zum dritten mal. Ich schreckte hoch und entschuldigte mich verwirrt. Kopfschüttelnd ging er in die Cafeteria. Dort redeten wir ein bisschen, und gingen kurz darauf auf den Schulhof, zur Totenkopfwand. So unauffällig wie möglich guckte ich nach oben in den Himmel. Wie befürchtet war Sarah's Geist -oder was auch immer das war- noch da.
Jace und ich rätselten die gesamte Pause um dieses Erscheinungsbild, konnten es uns aber immer noch nicht erklären.
»Naja, wenigstens haben wir jetzt schwimmen.«, sagte ich Schulterzuckend und wir warteten auf den Rest der Klasse und Frau Misu.
Als endlich alle da waren gingen wir zum Schwimmbad. Dort bekamen die Mädchen eine andere Kabine, da die alte renoviert wurde, und zogen sich in dieser um. Ich sparte mir die Hälfte, da ich meinen Badeanzug schon unter die Sachen gezogen hatte.
In der Halle durften wir schon direkt auf die Startblöcke, da Frau Misu uns heute erlaubte, zu machen, was wir wollten, aber nur, wenn wir sechs Bahnen geschwommen waren. Ich wusste schon, was ich danach machen würde. Ich würde mal wieder vom 5er springen und diesmal werde ich einen Salto versuchen, der nicht mit einem schmerzhaften Rücken-oder Bauchklatscher endete.
Ich entdeckte Jace, er war auf dem Startblock neben mir und als er sich ein streckte, erkannte ich einen Schatten auf seinem Rücken. Gerade wollte ich ihn danach fragen, doch dann gab Frau Misu das Zeichen zum Start, und ich sprang vom dritten Startblock mit einem Köpper.
Ich tauchte bis zur grünen Linie und schwamm dann mit Kraul weiter. Als ich die Hälfte der Bahnen durch hatte, wechselte ich zu Brustschwimmen, was mir trotz allen Jahren in denen ich geschwommen war, immer noch schwer fiel, sodass ich letztendlich auf meine Art Brustschwimmen wechselte. Das hieß, ich strampelte mit den Beinen, machte aber die Armbewegung vom Brustschwimmen.
So war ich um einiges schneller. Es konnte zwar nicht ganz mit meinem Kraul mithalten, aber immerhin.
Nachdem ich die sechs Bahnen geschwommen war, stieg ich keuchend aus dem Becken, dicht gefolgt von Jace.
»Wow, ich hätte nie gedacht, dass du so schnell bist.«, sagte Jace anerkennend. Ich tat beleidigt, aber musste bald grinsen. »Hätte ich auch nicht von dir erwartet. Aber sag mal, was ist das auf deinem Rücken?«, fragte ich ihn.
»Das? Oh mein Tattoo.«, antwortete er schulterzuckend, als wäre es das normalste auf der Welt. »Sind die denn nicht erst für sechzehn-oder achtzehnjährige?«, fragte ich skeptisch.
»Eigentlich schon, aber mein Onkel hat ein Geschäft, wo er tätowiert. Das hier habe ich zu meinem fünfzehnten Geburtstag bekommen.«, sagte er und drehte sich um, sodass ich die zwei gekreuzten Schwerter sehen konnte, die von zwei Schlangen umschlungen waren. Die Köpfe der Schlangen ruhten auf den Schwertgriff und schienen jemanden anzuvisieren.
»Das ist... Ich will auch so etwas haben!«, rief ich aus und er schaute mich verdutzt an.
»Da brauchst du aber die Erlaubnis deiner Eltern, und du musst mindestens sechzehn sein. Das bei mir war ja nur eine Ausnahme. Der Bruder meines Adoptivvaters tätowiert nämlich nur wenn diese Person sechzehn ist und die Erlaubnis der Eltern hat, nur bei der Familie macht er Ausnahmen.«, erklärte Jace. Doch ich grinste nur.
»Ich werde am zwanzigsten Februar sechzehn.«, sagte ich. »So lange kann ich dann auch warten. Wie teuer ist denn so ein Tattoo?«, fragte ich.
»Kommt auf die Größe an. Sie sind alle sehr teuer, vor allem wenn du dir ein Motiv stechen lässt, das du selbst gemalt hast und er es überarbeiten soll. Aber eventuell könnte ich ihn dazu überreden, dir einen Rabatt zu geben.«, antwortete Jace. »Allerdings sind die Kosten nicht das wirkliche Problem. Die Erlaubnis der Eltern schon.«, fügte er hinzu.
»Meine Mutter fragt mich eh schon die ganze Zeit, was ich mir zu Geburtstag wünsche, aber bis jetzt habe ich noch nicht geantwortet. Außerdem sage ich ihr schon seit meinem dreizehnten Geburtstag, dass ich ein Tattoo will. Das dürfte dann kein Problem sein, solange es günstig ist.«, sagte ich grinsend.
»Passt ja. Aber ich warne dich, das tut echt verdammt weh.«, warnte Jace spöttisch. Ich lachte auf. »Denkst du wirklich, dass ich das nicht wüsste. Ich habe... ich habe die Cousine meiner Mutter mal zum tätowieren begleitet. Die hat ganz schön gewimmert, und es war nur ein kleines Tattoo.«, meinte ich und bemerkte, dass fast alle die sechs Bahnen geschwommen waren. Als kurz darauf alle fertig waren, hielt Frau Misu ihr Versprechen, und wir durften machen was wir wollten.
»Ich spring vom 5er, du auch?«, fragte ich Jace, woraufhin er mit einem misstrauischem Blick zu dem Sprungbrett mit den Schultern zuckte. Frau Misu sperrte den Bereich ab, wo wir sprangen und regelte, wer wann springen musste.
Nach zwei Minuten war ich an der Reihe und atmete tief ein. »Willst du wirklich einen Salto vom 5er machen? Als ich sowas das letzte mal ausprobiert hatte, bin ich auf dem Rücken gelandet.«, sagte Jace, der einen Meter hinter mir stand.
»Sehr aufmunternd.«, sagte ich mit bösem Blick. »Und ja, ich will das machen. Außerdem bist du nicht der Einzige, der auf dem Rücken gelandet ist.«, fügte ich hinzu, nahm Anlauf und sprang.
Für einen Moment fühlte es sich an, als würde ich schweben, doch dann gewann die Schwerkraft und ich umschlang meine Beine mit beiden Armen und drehte mich zweimal um meine eigene Achse. Dann ließ ich meine Beine los, und drehte mich noch mal, allerdings nur halb, sodass ich mit einem glatten Köpper im Wasser landete.
Bis zum Boden tauchte ich ins Wasser. Von dort stieß ich mich ab und kam an der anderen Seite des Beckens raus und stieg aus dem Becken. Vor Freude jubelte ich. Ein paar unsichere Blicke trafen mich, was ich einfach ignorierte. Gerade noch rechtzeitig guckte ich, wie Jace mit einem Salto vom 5er sprang. Er schaffte sogar drei Umdrehungen. Grinsend stieg er aus dem Becken.
Da wir die die Einzigen am 5er-Brett waren, konnten wir direkt die Leiter nehmen. Oben gaben wir uns ein high-five. Wir freuten uns richtig über die gelungenen Sprünge. Dann waren wir wieder dran.
»Wollen wir mal versuchen gleichzeitig zu springen? Mit Köpper meine ich.«, schlug ich vor, und Jace nickte. Dann nahmen wir beide Anlauf und stießen uns ab, was recht gut ging, da das Brett so breit war. Fast gleichzeitig landeten wir im Wasser.
Wieder an der Oberfläche prusteten wir los. »Wir merken uns, dass wir dass nicht nochmal versuchen.«, sagte Jace lachend und ich stimmte ihm zu. Wenn man so sprang konnte der Aufprall auf dem Wasser auch ganz schön weh tun. Ich rieb mir den schmerzenden Arm.
»Vortrefflich gelandet, aber trotzdem gefährlich!«, kommentierte Frau Misu säuerlich. »Tut uns leid, Frau Misu, aber wir konnten uns einfach nicht entscheiden, wer zuerst springt.«, meinte ich frech. Frau Misu seufzte und sah kopfschüttelnd zu ein paar Schülerinnen, die auf sie zu rannten.
»Im Schwimmbad wird nicht gerannt! Wisst ihr eigentlich dass...«, schnell entfernten wir uns von der Lehrerin.
»Granate.«, flüsterte ich Jace ins Ohr und er nickte lachend. »Stimmt. Einmal den falschen Draht gezogen, dann... BOOM!«, lachte er laut. Wir sprangen ins Wasser und tauchten eine Weile, wobei wir immer nur Luft holten, wenn wir sie unbedingt brauchten.
Letztendlich hatte auch die schönste Schwimmstunde ein Ende. Wir zogen uns um und ich bemerkte noch nicht mal, wie meine sonst so kalten Züge freundlicher wurden.
»Äm... Lucy?«, fragte eine zarte Stimme. Ich drehte mich überrascht um. Vor mir stand Mia, unsere jüngste in der Klasse. »Was ist denn?«, fragte ich verwundert. Sonst sprach mich eigentlich nie jemand an.
»Ich... äh... I-ich wollte dich fragen, ob du mit der Klasse ein Eis essen gehen willst. Ein paar Jungs kommen auch mit, auch Jace.«, fragte Mia schüchtern. Es wurde mit einem Male totenstill in der Kabine. Ich überlegte. Dann fragte ich grinsend »Wer bezahlt?« Alle starrten mich verblüfft an. Dann kiekst Mia. »Juhu!« Schmunzelnd sah ich sie an.
»Und wer bezahlt jetzt, und wie viele kommen mit?«, hakte ich nach. »Jeder bezahlt sein eigenes Eis, und es gehen nur sieben Mädchen mit, dich mitgezählt, und vier Jungs, Sir.«, erstatte Mia im Soldatenton Bericht und salutierte.
Ich lachte. »Gut. Zum Glück hab ich Geld dabei.« Kurz darauf trafen wir uns in der Eisdiele und ich bestellte mir einen Bananen-Split, während Jace sich heiße Himbeeren bestellte. Nun merkten auch meine Klassenkameraden, dass ich eigentlich recht sympathisch war, solange man mich nicht auf meine Familie ansprach.
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