★ Prolog
Dankbar blicke ich in den aufklarenden Himmel. Nicht auszudenken, wenn unser Ausflug zum Strand aufgrund der Wetterlage doch noch ins Wasser gefallen wäre. Seit ich für die Aufnahme meines Studiums in eine andere Stadt gezogen bin, komme ich ohnehin nicht mehr so oft dazu, meinem Hobby nachzugehen. Nun bleiben uns meist bloß die Wochenenden und dementsprechend angespannt haben wir auf eine Besserung des Wetters hingefiebert.
Als sich die dunkle Wolkendecke dann endlich verzogen hat, zögern wir dementsprechend nicht lange. Innerhalb weniger Minuten sind unsere Surfbretter auf der Ladefläche des Pick-Ups meines besten Kumpels gelandet. »Hast du diesmal an deinen Neoprenanzug gedacht?«, will er mit hochgezogener Augenbraue wissen, woraufhin ich symbolisch meine schwarze Sporttasche in die Höhe halte.
Er nickt zufrieden und ich lasse mich auf den bereits ziemlich in die Jahre gekommen Ledersitz fallen. Mein Begleiter nimmt hinter dem Lenkrad Platz und startet den Motor, um den Wagen aus der schmalen Einfahrt auf die Straße lenken zu können.
»Ehrlich gesagt habe ich nicht mehr damit gerechnet, dass sich die Regenfront doch noch auflöst«, sage ich und deute erneut in Richtung Horizont. »Heute scheint unser Glückstag zu sein.«
»Ich auch nicht«, gibt er zu, ohne den Blick von der Straße abzuwenden. »Allerdings wissen wir nicht, ob sich nicht doch nochmal etwas zusammenbraut.«
Er hat recht. Trotzdem ist kurz auf dem Board stehen immer noch besser als gar nicht. Es ist in der Vergangenheit sogar schon vorgekommen, dass wir nur knappe fünf Minuten im Wasser gewesen sind. Manchmal verändern sich die Wetterverhältnisse innerhalb kürzester Zeit, insbesondere am oder im Meer. Bereut haben wir es allerdings nie.
Praktischerweise liegt der Strand nur knappe zehn Fahrminuten von uns entfernt, was wohl mit einer der Gründe ist, weshalb wir den Küstenabschnitt als zweites zu Hause bezeichnen. Wann immer es das Wetter und unsere Zeit zulassen, stehen wir auf unseren Brettern – so ist es bereits seit frühester Kindheit und ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, es jemals anders zu wollen.
Surfen bedeutet für mich Freiheit. Wenn ich im Wasser bin, fühle ich mich vollkommen erfüllt.
Als wir endlich das Fahrzeug verlassen, schlägt uns sofort die unverkennbare Brise des Meeres entgegen und ich schließe meine Augen, um die Schönheit des Moments vollends in mich aufzunehmen. Die kühlen sechzehn Grad Celsius mögen für die meisten Menschen wahrscheinlich zu kühl sein, um den Strand zu besuchen, aber für unser Vorhaben ist es genau das richtige Wetter. Je weniger Menschen sich mit uns im Wasser aufhalten, desto mehr Raum bleibt uns für unser Hobby.
Es dauert nicht lange, bis ich mich meiner Klamotten entledige und sie durch den schwarzen Neoprenanzug ersetze. Wie eine zweite Haut schmiegt sich das Material an meinen Körper, um ihn auch bei kühlen Temperaturen möglichst warmhalten zu können. Als mein Freund ebenfalls startklar ist, nehmen wir die Bretter von der Ladefläche und legen die letzten Meter zum Ufer im Laufschritt zurück.
Der Sand unter meinen Füßen fühlt sich großartig an und das Rauschen der Wellen wird nur von den vereinzelten Schreien der Möwen unterbrochen. Während wir uns immer weiter der Brandung nähern, freue ich mich über diesen entspannten Samstag. Ein Tag, so wie ich ihn liebe.
»Ziemlicher Wellengang«, merke ich erfreut an und kann es kaum erwarten, endlich loslegen zu können. Bevor ich das Board jedoch ins Wasser gleiten lasse, checke ich noch kurz die Umgebung. Außer uns sind lediglich ein paar andere Surfer vor Ort. Etwas weiter abseits erkenne ich noch einige Boote und Jet-Skis. Insgesamt recht überschaubar, wie ich zufrieden feststelle.
»Was meinst du, wie hoch sind sie im Moment?«, will mein bester Freund wissen, sein Blick noch immer fasziniert auf die Wellen vor uns gerichtet. Obwohl ich den Ausdruck in seinen Augen nicht direkt sehen kann, weiß ich, wie sehr er sich darüber freut, endlich wieder gemeinsam mit mir hier zu sein.
»Keine Ahnung. Wahrscheinlich irgendwas knapp unter zwei Metern«, überlege ich laut und zucke die Schultern, bevor sich mein Mund zu einem Lächeln verzieht. »Auf jeden Fall werden wir auf unsere Kosten kommen.«
»Um wie viel Uhr fährst du morgen eigentlich zurück nach Georgetown?«, wechselt er abrupt das Thema, woraufhin ich kurz nachdenken muss.
»Vermutlich erst abends«, antworte ich und er nickt zufrieden.
»Wenn das Wetter uns keinen Strich durch die Rechnung macht, können wir morgen Früh sogar nochmal hierherkommen.«
»Ich bin auf jeden Fall dabei«, gebe ich lachend zurück, bevor ich auf das Wasser vor uns deute. »Aber jetzt lass uns endlich loslegen, ja?«
Voller Vorfreude laufen wir nebeneinander ins Wasser, jeder sein Surfbrett vor sich platziert. Als wir die richtige Wasserhöhe erreicht haben, bringen wir uns routiniert in den Stand, um sofort die nächste Welle nehmen zu können. Auf dem Meer kann ich alles andere ausblenden. Mein Studium und die Dinge, die ich noch erledigen muss, rücken ganz automatisch in den Hintergrund. Über Klausuren und anstehende Referate kann ich immer noch grübeln, wenn ich wieder zu Hause bin. Hier zählt einzig und allein die nächste Welle.
Eine Zeit lang läuft alles wie immer, bis mich eine besonders große Welle schließlich aus dem Gleichgewicht bringt. Mit einem lauten Platsch lande ich daraufhin im Wasser. »Alles okay bei dir?«, vergewissert sich mein Kumpel aus einiger Entfernung und ich gebe ihm ein kurzes Handzeichen, dass alles in bester Ordnung ist.
Gleich im Anschluss klettere ich erneut auf mein Brett. Das Salz klebt an meiner Haut, scheint sich in jede Pore meines Körpers zu legen. Ich fühle mich gut und voller Energie für einen weiteren Versuch. Ich bringe mich erneut in Position und stabilisiere meinen Stand, während ich auf die nächste Welle warte.
Dabei werfe ich einen Seitenblick zu meinem Kumpel. Er ist ein bisschen abseits unterwegs und scheint vollkommen auf das Meer fokussiert zu sein, während er routiniert auf seinem Brett steht. Obwohl er ohne Frage einer der besten Surfer ist, die ich kenne, war Konkurrenzdenken nie ein Thema zwischen uns. Im Gegenteil, wir unterstützen uns gegenseitig und sind immer darauf aus, das Beste aus uns herauszuholen. Wenn ich mich auf etwas festlegen müsste, was ich seit meinem Umzug am meisten vermisse, würde ich mich ohne zu Überlegen auf die gemeinsamen Surfausflüge festlegen.
Endlich erreicht mich eine geeignete Welle und ich zögere nicht, die Gelegenheit zu ergreifen. Der Wind und das Wasser erzeugen unterdessen eine enorme Geräuschkulisse und kurz überlege ich, ob sich wohl ein Sturm zusammenbraut.
Doch bevor ich den Gedanken weiterverfolgen kann, trifft mich aus dem Nichts heraus von hinten ein dumpfer Schlag.
Daraufhin wird alles schwarz und ich bin bereits bewusstlos, als ich in den stürmischen Ozean stürze.
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