★ Kapitel 33
Ethan
»Bist du wirklich sicher, dass ich dich nicht fahren soll?« Dave streckt demonstrativ den Autoschlüssel seines Wagens in die Luft, während seine Augen eindringlich auf mich gerichtet sind.
»Ist alles ärztlich abgeklärt«, gebe ich mich entspannt. »Mach dir nicht so viele Gedanken, okay?«
»Du bist mein bester Freund und ich will einfach sicher sein, dass du kein gesundheitliches Risiko eingehst«, versucht er es erneut, aber ich mache nur eine abwehrende Handbewegung. Daraufhin lässt er resigniert den Autoschlüssel sinken und ich weiß, dass er endlich aufgegeben hat.
Natürlich ist es für mich eine Herausforderung, zum ersten Mal seit dem Unfall eine längere Strecke selbst zu fahren. Trotzdem traue ich es mir zu.
Gemeinsam verlassen wir also mein Elternhaus und steuern auf den grauen Toyota Corolla zu, der in der Einfahrt bereits auf mich wartet. Als wir das Fahrzeug erreicht haben, öffne ich die Fahrertür und Dave boxt mir freundschaftlich gegen den Oberarm. »Viel Glück!«
»Danke«, antworte ich und lasse mich auf den Platz hinter dem Lenkrad fallen. »Ich melde mich, wenn ich angekommen bin.«
Er nickt und tritt einen Schritt zurück, damit ich die Tür schließen kann. Anschließend starte ich den Motor, gebe meine Zieladresse in den Bordcomputer ein und lege dann den Rückwärtsgang ein, um den Wagen aus der Einfahrt auf die Straße zu lenken.
Über zweieinhalb Stunden und knapp hundertfünfzig Meilen liegen jetzt noch zwischen mir und der Wahrheit.
Eine Menge Zeit, um die Ereignisse der letzten Zeit Revue passieren zu lassen.
Seit dem Unfall sind viele Wochen vergangen und ich merke glücklicherweise keinerlei Einschränkungen mehr. Selbst die Fraktur ist komplikationslos verheilt und in der Computertomographie nur noch als schwache Linie zu erkennen.
Es klingt vielleicht verrückt, aber ich würde mich jedes Mal wieder für diesen Unfall entscheiden. Denn nur diesem Umstand habe ich es zu verdanken, dass Allie in mein Leben getreten ist. Ohne sie hätte ich das alles nicht überstanden, da bin ich mir sicher. Sie ist mein Schutzengel, meine Seelenverwandte und – wovon sie noch keine Ahnung hat – meine Traumfrau. Buchstäblich.
Während des Komas hatte ich schlimme Träume. Eine nicht zu definierende Dunkelheit, die mich umgeben hat. Fühlt sich so sterben an? Vielleicht. Aber ich hatte Glück, denn Allie konnte mich aus der Finsternis ziehen. Mir dabei helfen, in die reale Welt zurückzukehren. Dort, wo ich nach dem Aufwachen in den ersten Tagen nicht mal fähig war, zu sprechen und auch erstmal keine Erinnerung an meine Visionen im Koma hatte.
Trotzdem habe ich in ihrer Gegenwart eine Vertrautheit gespürt, die ich nicht definieren kann. Wahrscheinlich ist dies auch der Grund, weshalb ich meine ersten Worte nach dem Aufwachen in ihrem Beisein gesprochen habe. Die Erinnerung daran ist verschwommen, aber ich spüre einfach tief in meinem Herzen, dass ich das alles ohne sie nicht geschafft hätte.
Bevor ich mit Dave über meine Fahrtauglichkeit diskutieren musste, habe ich Allie eine Nachricht geschrieben. Daher weiß ich, dass sie mit ihren Freundinnen im Club ist und ich habe keine Ahnung, ob sie bis zu meiner Ankunft wieder zu Hause sein wird. Leider scheint meine letzte Nachricht nicht durchgegangen zu sein, denn in ebendieser habe ich ihr mitgeteilt, auf dem Weg zu ihr zu sein.
Vielleicht ist ihr Akku leer oder der Empfang lässt zu wünschen übrig.
Das macht allerdings nichts, denn sie hat mir während ihrer zahlreichen Besuche im Krankenhaus erzählt, wo ihr Wohnkomplex zu finden ist und notfalls werde ich die ganze Nacht dort auf sie warten.
Schon während unserer gemeinsamen Momente im Krankenhaus, habe ich mich zu ihr hingezogen gefühlt. Allerdings brauchte ich einfach etwas Zeit, um die ganzen Ereignisse zu verarbeiten und ich konnte nicht riskieren, sie zu verletzen. Vielleicht war es falsch, nicht mit offenen Karten zu spielen, aber ich musste mir einfach vollkommen sicher sein.
Außerdem gibt es da noch etwas, was Allie noch nicht weiß: Ich kann mich wieder an einige Traumsequenzen vor dem Unfall erinnern!
Es ist teilweise noch ein wenig verschwommen, aber trotzdem bin ich nun vollkommen sicher, ebenfalls von ihr geträumt zu haben. Auch der Zeitpunkt des Unfalls ist mir wieder präsent. Es gab einen dumpfen Knall, nur ein kurzer Augenblick, dann flackerte Allies Gesicht für den Bruchteil einer Sekunde vor meinem inneren Auge auf. Gerade lang genug, um zu wissen, dass ich kämpfen muss.
Das Schicksal hat uns zusammengeführt und ich kann es kaum erwarten, ihr endlich meine Gefühle zu gestehen.
****
Die Hälfte der Strecke liegt bereits hinter mir, als ich beschließe, auf einem Rastplatz eine kurze Pause zu machen. Zum einen möchte ich erneut versuchen, Allie doch noch auf meinen Besuch vorzubereiten und zum anderen werde ich mich kurz bei Dave melden, bevor er noch graue Haare vor Sorge bekommt.
Als ich meinen Wagen schließlich in eine der Parktaschen gelenkt habe, wähle ich zuerst Allies Nummer. Anstelle eines Freizeichens erwartet mich jedoch die Mailbox und ich lege auf, ohne eine Nachricht zu hinterlassen.
Seufzend öffne ich den Nachrichtenverlauf und stelle fest, dass meine letzte Nachricht noch immer nicht durchgegangen ist. Kurz überlege ich, trotzdem noch eine Mitteilung zu verfassen, entscheide mich dann aber dagegen. Stattdessen texte ich meinem besten Freund, die bisherige Fahrtzeit gut überstanden zu haben und werfe das Telefon anschließend auf den Beifahrersitz, um erneut den Motor zu starten.
Ein leichter Nieselregen bedeckt die Scheibe, weshalb ich die Scheibenwischer aktiviere, bevor ich den Wagen zurück auf den Highway lenke.
Fuck. Ich bin ziemlich nervös und je näher ich Baltimore komme, desto unruhiger werde ich. Einzig das gleichmäßige Geräusch der Scheibenwischer wirkt beruhigend auf mich ein. Eine kleine Abwechslung zu dem Album von The Weeknd, was schon die gesamte Fahrzeit rauf und runter läuft.
Tausend Szenarien gehen mir durch den Kopf, während ich mich immer weiter meinem Ziel nähere. Als ich meinen Wagen endlich auf dem Campus parke, presse ich meinen Hinterkopf kurz gegen die Nackenstütze und schließe für einen Moment die Augen.
Es passiert wirklich, ich bin endlich so weit, mich ihr vollkommen zu öffnen.
Als ich auf mein Handy sehe, ist noch immer keine Antwort von ihr eingetroffen. Wie versprochen informiere ich Dave, sicher angekommen zu sein und schicke gleich im Anschluss eine kurze Nachricht an meine Eltern, die seit dem Unfall ebenfalls deutlich ängstlicher geworden sind.
Anschließend verlasse ich das Fahrzeug, um zu Allies Wohnkomplex aufzuschließen.
Vielleicht ist sie ja doch schon wieder zu Hause und hat bloß vergessen, ihr Telefon aufzuladen.
Meine Schritte hallen über den asphaltierten Weg, als ich in einiger Entfernung ein paar Studenten ausmachen kann. Es ist dunkel und ich bin noch zu weit entfernt, um auf mich aufmerksam zu machen. Obwohl ich nicht sicher erkennen kann, ob Allie Teil der Gruppe ist, beginnt mein Herz wie wild gegen meinen Brustkorb zu hämmern.
Ich erkenne, wie zwei Leute im Inneren des Gebäudes verschwinden und zwei weitere vor der Tür stehenbleiben. Nun bin ich nah genug, um Allie zu identifizieren, aber weder sie noch ihre Begleitung haben mich bisher entdeckt.
Gerade als ich mich bemerkbar machen will, umfasst sie die Wange ihres Begleiters und bevor ich realisiere, was dort geschieht, liegen ihre Lippen auch schon auf seinen.
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