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Es schneite. 

Mit einem kleinen Lächeln hielt ich die Hände auf und sah zu, wie einige der dicken Flocken todesmutig auf meinen Händen landeten und schmolzen. Ich kicherte leise und sah mich um. Es war bereits dunkel, die Umgebung war inzwischen eingeschneit und der Campus wurde von ein paar magischen Lichter malerisch beleuchtet. Alles sah so viel hübscher aus, wenn sich erst einmal eine Schneedecke darüber gelegt hatte. Ich atmete tief die kalte, klare Luft ein und wandte den Blick dann ein Stück weit in die Ferne, hoch zum Schloss. 

Das Schloss war das Zentrum des Campus. Darin befanden sich die Räumlichkeiten der Akademie wie Klassenzimmer und Trainingshallen, Laboratorien, Mensa so wie die Schlafmöglichkeiten der High Society – sprich der Magier und der Gestaltwandler. In den Nebengebäuden und ein Stück weiter den Berg hinunter, in gemütlichen Nebengebäuden, hatten die Klassen des zweiten Ranges ihre Unterkünfte. Den zweiten Rang bildeten die Druiden, Barden und die Beschwörer. Sie waren nicht so mit Magie durchflutet, wie der erste Rang, doch trotzdem ordentlich mit Magie gesegnet. 

War man eine Hexe, so wie Jimin und ich, dann hatte mal ein Zimmer in den kalten Steinhaus-Quartieren am Fuße des Berges. Was sollte ich sagen? Wir waren wohl die fittesten – zumindest, bis wir uns einen Besen leisten konnte. Auch ich hatte eigentlich einen Besen, doch Yeontan versagte mir den Dienst, weil er auf Jimins Seite war. Was fiel ihm bitte ein? Mit einem Seufzen auf den Lippen machte ich mich daran den Berg hochzukraxeln. Das war nicht das erste Mal und würde auch nicht das letzte Mal, denn Besen konnten sehr eigenwillig sein und manchmal hatten sie einfach keinen Bock. Die einzige Hexe, die ich kannte, deren verdammter Besen immer spurte, war Jimin. 

Als ich auf die Höhe des zweiten Ranges kam, zog ich meine Kapuze hoch. Es war Hexen nicht verboten nach oben zum Schloss zu gehen, doch ich hatte keine Lust, von anderen Studenten angegangen zu werden. Durch meine Haarfarbe war ich schließlich schon von Weitem als Hexe zu erkennen. Manchmal fiel ich aber auch genau deswegen auf, denn nur Hexen machten sich die Mühe die Kapuze hochzuziehen, eben wegen der Haarfarbe und weil wir kaum Magie hatten die uns warm hielt. 

Vielleicht half mir ja der fallende Schnee aus. Er war eine gute Ausrede für eine Kapuze, außer eine Hexe zu sein und wenn nicht, dann konnte ich noch immer darauf hoffen, dass ich übersehen wurde. Hexen schien einen natürlichen Schleier zuhaben, der Leute, die nicht aktiv nach ihnen Ausschau hielten, dazu brachte über die hinweg zu sehen. Leider gab es hier und da Leute, die regelrecht nach Hexen suchten, um jemanden zu haben, den mit dem sie sich anlegen konnte. Ich sollte mich langsam damit auseinandersetzen meinen natürlichen Hexenschleier zu verbessern. 

Ich sah mich aufmerksam um. Hier oben setzte auch die Weihnachtsdeko ein. Natürlich machte sich keiner die Mühe die Hexenquartiere zu schmücken und das war eine Sache, auf die ich ein bisschen neidisch war. Schön, dann hatten wir eben den weitesten Weg, was sollte es? Aber keine Deko? Das war schon ziemlich gemein. Traurig. Ich liebte die Deko zur Weihnachtszeit. Die Sterne an den Laternen, die Bäumchen, die leuchtenden Figuren und der Geruch von Apfel und Zimt in der Luft. Je weiter ich nach oben kam, desto heller wurde es. Bei uns unten vergaß man manchmal das Weihnachten war. 

Als ich endlich oben auf dem Schlosshof ankam, wähnte ich mich schon fast in Sicherheit, doch zu meinem Unglück kamen genau da eine Gruppe Magier aus der Bibliothek. Ich zog eine Kapuze tiefer ins Gesicht, doch einer der Magier bemerkte mich trotzdem. Sein Name war Minkwan und er war genau die Art Magier, die Hexen zu gerne in die Mangel nahm, als dass er sie übersehen würde. 

"Wenn das mal nicht eine von den Hexen ist", frotzelte er und passte mich ab. Oh, bitte. Ich hatte keine Zeit dafür. Der Griff um die kleine Phiole, die inzwischen in meine Jackentasche gewandert war, wurde fester. "Lass ihn", forderte  das Mädchen neben ihm ihn und auch wenn ihr Ton nicht allererste Sahne war, war es doch nett von ihr für mich in die Bresche zu springen.

Den jungen Mann schien das nur leider nicht zu interessieren. Er schubste mich. Nicht besonders kräftig, doch schon so, dass ich zurückweichen musste. Abwehrend hob ich die Hände. "Bitte", beschwor ich ihn leise, "wir wollen doch keinen Ärger." Er spuckte vor mir auf den Boden. "Wir hätten keinen Ärger, wenn man Dreckspack wie dich gleich in den Fluss werfen würde", zischte er und ich schluckte leer. 

Wahrscheinlich hätten meine Eltern genau das getan, wenn wir noch ein, zwei Jahrhunderte zurück wären. Damals hatte man Hexen gerne verschwinden lassen. Heute wurden Geburten erfasst, da war das deutlich schwieriger. Also war ich nur zu meiner Tante abgeschoben worden. Die Schwester meiner Mutter war ebenfalls eine Hexe, dementsprechend wurde ich bei ihr abgesetzt und sie hatte sich mehr oder weniger widerwillig um mich kümmern müssen. Meine älteren Geschwister waren da deutlich gesegneter. Mein Bruder und einer meiner Schwestern waren Magier, wie meine Eltern und meine zweite Schwester war ein Gestaltwandler. 

Dass das jüngste Kind nur eine lausige Hexe war, war wohl eine Schock gewesen. Eine Schande, die es zu vertuschen galt, weshalb ich eben bei meiner Tante in einer Waldhütte gelandet war und das gleich meiner Geburt. Meine Eltern hatte ich daher noch nie zu Gesicht bekommen und inzwischen war ich auch nicht mehr interessiert daran es zu ändern, die hatten den Begriff 'Eltern' nicht wirklich verdient. Meinen Geschwistern war ich das erste Mal begegnet, als ich in die Schule kam, doch mein Bruder und meine Wandler-Schwester hatten sich sofort distanziert.  

Nur Jimin gab sich mit mir ab, aber auch nur dann, wenn es keiner mitbekam. Nichtsdestotrotz war sie immer ein Silberstreifen der Hoffnung für mich gewesen. Ein kleiner Beweise, dass nicht alle Magier gleich waren. Als ich dann meinen Eidbruder kennenlernte, konnte ich also ganz nicht anders, als mich an ihn ranzuhängen. Er hieß wie meine Schwester, okay? Er musste super sein! Irgendwann hatte ich die beiden dann einander vorgestellt und unfairerweise hatte Jimin Jimin lieber als mich. Wer im Satz jetzt wer war, war dabei unerheblich, denn es galt für beide. Zumindest behaupteten sie das, wenn sie mich ärgern wollten. Diese kleinen Spinner. 

Ich beendete meinen gedanklichen Exkurs und biss lediglich die Zähne zusammen. Was sollte ich auch schon sagen? Ich würde mir nur ein Grab schaufeln, würde ich meinen Mund aufmachen. Doch irgendwie schien dem Magier auch mein Schweigen nicht zu passen, denn er packte mich am Kragen. Verschreckt sah ich ihn an, doch das schien ihn auch nicht zu erweichen. 

Bitte, warum war er so wütend? Und warum ließ er das an mir aus? Wir kannten uns nicht, sein einziger Grund mich zu hassen war meine Klasse und ehrlich, ich verstand es nicht. "Gibst du mir nicht recht?", knurrte er und ich wich seinem Blick aus. Ich konnte mir das alles hier grade nicht leisten. Wenn die Phiole beschädigt wurde, dann war die Arbeit von Wochen kaputt. Mal abgesehen davon, dass mit viel Pech, die Studenten mit dem Geruch etwas anfangen konnten und mich an die Schulleitung ausliefern würden. 

"Hast du nichts Besseres zu tun, Minkwan?" Mit einem Mal ließ der Angesprochene mich los und wandte sich um. "Ich hab doch nur Spaß gemacht", meinte er süffisant zu demjenigen, der zu uns dazu gestoßen war und legte den Kopf schief. "Kein Grund für einen Aufstand." Damit machte er sich auch schon vom Acker und seine Gruppe folgte ihm brav. Ich atmete tief durch und wandte mich meinem Retter zu. "Danke, Hoseok", bedankte ich mich brav und übte mich an einer kleinen Verbeugung. Dass Hoseok mit beigesprungen war, wunderte mich nicht wirklich, er war einer von den Guten. Außer dem war er ein Gestaltwandler – einer der sehr starken Sorte – und Mitglied des Studentenrates. Er hatte die nötige Macht um Idioten in ihre Schranken zu weisen. 

Niemand legte sich mit einem Lupus Lunaris an. 

"Kein Problem", äußerte Hoseok und er schenkte mir sogar ein Lächeln, welches sich wahrscheinlich am besten dadurch erklären ließ, dass er einen fetten Crush auf Jimin hatte, was ziemlich ungewöhnlich war, wenn man bedachte, dass mit Jimin nicht meine Schwester, sondern meinen Eidbruder meinte. Er verschränke die Arme und musterte mich einen Augenblick. "Na, los, schwirr ab", meinte er dann und ich hob noch mal die Hand zum Gruß und sah zu, dass ich ihm aus der Sonne ging. Ich tat, als würde ich zur Bibliothek gehen, doch sobald niemand mehr in Sichtweite war dreht ich ab zu den Trainingshallen. 

Wenn ich Glück hatte, dann würde ich dort Jeongguk noch erwischen. 

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