6. Kapitel
„Ace", rufe ich, während ich durch den Wald laufe. Suchend sehe ich mich um, doch kann ihn nirgendwo entdecken. Wo bist du verdammt nochmal? Doch nach und nach verschwindet das Bild, wie ich durch den Wald laufe.
„Adriana? Alles in Ordnung?", fragt Lenya mich besorgt. „Ja ja, ich war gerade einfach nur in Gedanken vertieft, während ich den Jungen, der anscheinend Ace heißt, genau beobachte.
„Ich würde Ace ignorieren", rät Lenya mir, als sie meinen Blick bemerkt. „Wieso?", fragend sehe ich sie an.
„Weil Kilian und Ace sich verabscheuen und ich möchte dich nur ungern daran erinnern, dass du von Kilian abhängig bis", erinnert sie mich. Ich nicke einfach nur, wobei ich Ace immer noch anstarre.
Plötzlich klingelt mein Handy und ich lese die Nachricht. Bin bei deinem Haus. Wo bist du? -S. Schnell antworte ich ihm, dass ich auf dem Weg bin.
„Hey, ich muss mal eben kurz nach Hause. Ich komme danach direkt von dir, könnte aber etwas länger dauern", informiere ich Lenya, die mich erst fragend ansieht, ehe sie nickt: „Okay, dann bis später."
Sofort mache ich mich auf den Weg und schließlich erreiche ich mein Haus, wo ich schon erwartet werde. „Wo warst du?", erkundigt sich der braunhaarige Junge.
„Schule", antworte ich ihm knapp, während ich die Tür aufschließe. Nach ihm betrete ich das Haus und während er schon ins Wohnzimmer geht, bringe ich eben meine Tasche weg.
„Also, hat Ter dich geschickt?", erkundige ich mich bei ihm, als ich mich ihm gegenüber setze. „Jain", antwortet er mir. „Jetzt lass dir doch nicht alles aus der Nase ziehen", beschwere ich mich bei ihm.
„Zum Einen wollt ich dich einfach wiedersehen und zum anderen ist Ter sauer auf dich", erzählt er mir lächelnd. „Was habe ich denn jetzt wieder angestellt?", frage ich verwirrt, da ich es diesmal wirklich nicht weiß.
„Hast du ernsthaft geglaubt, dass Gerede über den unbekannten, weißen Wolf würde sich nur auf die Schule beschränken? Kate hat's neulich im Supermarkt gehört", erklärt er mir.
„Ich hatte es, ehrlich gesagt, gehofft. Seltsamerweise habe ich aber noch keine Morddrohungen erhalten. Wie kommt's?", erkundige ich mich. Wenn Ter es schon länger weiß, wundert es mich ziemlich, dass er immer noch so ruhig für seine Verhältnisse ist.
„Kate konnte ihn davon abhalten. Außerdem ist er momentan für ein paar Tage wieder zuhause", erwidert mein Gegenüber. „Was? Wieso? Ist irgendwas Schlimmes passiert? Wieso hat mir niemand Bescheid gesagt?", erschrocken springe ich auf, wobei ich gedanklich schon die schlimmsten Szenarien durchgehe.
„Nein, keine Sorge. Es ist nichts Schlimmes passiert", beruhigt er mich und langsam lasse ich mich wieder auf den Stuhl sinken. „Nur ein paar formelle Sachen, mehr nicht", erklärt er mir, „Außerdem, wer will hier denn unbedingt seinen Mate finden? Ich ganz sicher nicht."
„Ihr hättet ja nicht mitkommen müssen", antworte ich leicht eingeschnappt. „Oh doch. Wer weiß, was du sonst noch anstellst", erwidert er lächelnd.
Plötzlich wird sein Gesichtsausdruck wieder ernster und er mustert mich fragend: „Gibt es denn irgendwelche neue Ergebnisse? Hast du ihn gefunden?" Für eine kurze Zeit überlege ich, ihm von Kilian zu erzählen. Vielleicht sogar auch noch von der Begegnung heute mit Ace.
Doch schon im nächsten Moment verwerfe ich die Idee, da ich weiß, dass das Ganze keinesfalls gut ausgehen würde. Für niemanden. „Nein, habe ich noch nicht", lüge ich ihn an.
Erschrocken muss ich feststellen, dass es das erste Mal ist, dass ich ihn anlüge. Nachdem er gegangen ist, sitze ich immer noch wie versteinert da.
„Wahrheit ist wichtig. Vor allem, um zu vertrauen. Zwischen einem Alpha und seinem Gamma sollte stets Vertrauen herrschen. Das Gleiche gilt für die Nachfolger. Du solltest dich immer auf deinen Gamma stützen und auf ihn zählen können. In der Not ist er vielleicht dein einziger Gefährte. Deswegen solltest du ihn nie anlügen. Aber das gilt genauso für dein ganzes Rudel. Du bist ihre Anführerin. Im Idealfall verehren sie dich und würden dir überall Hinfolgen. Eine Herrschaft, die auf Angst aufbaut, ist nichts mehr als eine brüchige, alte Mauer, wo es nur noch eine Frage der Zeit ist, bis sie einstürzt. Aber eine Herrschaft, die auf Vertrauen aufbaut, kann jeden noch so schlimmen Sturm aushalten und kann bis zu Jahrtausenden anhalten", halt die Stimme von meinem Vater in meinem Kopf wieder.
„Es tut mir leid, Papa. Ich habe dein wichtigstes Gebot gebrochen. Es tut mir leid", murmel ich leise, während ich nach oben sehe. Ich bleibe noch einen Moment so sitzen, ehe ich mich aufraffe und aufstehe. Ich atme noch einmal tief durch, ehe ich das Haus wieder verlasse, um zu Lenya zu fahren.
Dort angekommen, klingel ich und warte ein paar Sekunden, bis jemand die Tür öffnet. „Lenya ist oben in ihrem Zimmer", begrüßt ihr Großvater mich und ich nicke ihm lächelnd zu. Langsam gehe ich nach oben, wo ich Lenyas Zimmer betrete. Staunend sehe ich mich um. Selbst wenn ich schon ein paar Tage hier lebe, habe ich bisher immer nur im Gästezimmer geschlafen. Ihr Zimmer habe ich noch nie gesehen.
Während ich mich umsehe, bemerke ich, dass sie nicht hier ist. Wahrscheinlich ist sie gerade einfach nur auf Toilette. Ich entscheide mich dafür, hier auf sie zu warten und sehe mich weiter um. Schließlich bleibt mein Blick bei mehreren Bildern hängen.
Auf einem sieht man ein kleines Mädchen, dass ich sofort als Lenya erkenne, das von einem Mann auf den Schultern getragen wird. Währenddessen steht eine Frau neben ihm, der Lenya zum Verwechseln ähnlich sieht, lächelnd in die Kamera blickt.
Hinter mit höre ich einen lauten Knall und drehe mich erschrocken um. „Lenya", begrüße ich sie. Sie nickt mir einfach nur lächelnd zu, während sie erstaunlich still ist. „Sind das deine Eltern?", erkundige ich mich bei ihr.
Sie nickt einfach nur, während sie ein schwaches Lächeln zustande bringt. „Was ist los?", frage ich sie besorgt. „Nichts, nichts", erwidert sie einfach und versucht danach das Thema zu wechseln, „Was ist mit deinen Eltern?"
Schon wieder werde ich an die Schwärze erinnert.
„Ich ...", beginne ich, bevor ich wieder ins Stocken gerate.
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