Überwindung ✔️

Wie gelähmt stand ich da und starrte immer noch zu der Stelle, an der sich der Geist meiner Großmutter aufgelöst hatte. Einfach von der Dunkelheit verzehrt worden war, als wäre sie nicht der bedeutendste Mensch in meinem Leben gewesen. Es konnte nur ihr Geist gewesen sein. Denn eingebildet hatte ich mir das gerade Geschehene nicht. Die Erinnerung an die Qualen, die immer noch in meinem Körper nachzuhallen schienen, ließ keinen anderen Schluss zu.


Doch nun begann eine ganz andere Qual in mir hochzukriechen. Eine Qual, die mein Herz so schmerzhaft zusammenkrampfen ließ, dass es ein Wunder war, dass es nicht einfach zu schlagen aufhörte. So wie das meiner Großmutter zu schlagen aufgehört hatte. Und das viel zu bald. Die Taubheit, mit der mich der Schock erfüllt hatte, begann nun vollends zu bröckeln und lieferte mich schutzlos dem Schmerz aus. Und der Erkenntnis, dass meine Großmutter tot war. Verloren, ohne Wiederkehr.

Sie war mein Leben, mein Ein und Alles gewesen. Das Einzige, was mir jemals wirklich etwas bedeutet hatte. Erinnerungen begannen, ohne das ich es wollte, mein Gedächtnis zu fluten. Wie ich bei ihr auf dem Schoß saß und ihre sanfte, beruhigende Stimme an meinem Ohr hörte, die mir Geschichten von Helden, Monstern und Verrätern erzählte. Geschichten voller Wunder und Magie. Geschichten, die wohl doch nicht nur Geschichten waren. Ich sah mich, wie ich ungeschickt über die von der Sonne beschienenen Wiese stolperte und meine Großmutter mir dabei zusah, in ihrem faltigen Gesicht ein warmes Lächeln und dunkelbraunen Augen, die mich liebevoll musterten. So viele Erinnerungen. So viel, das mir jetzt nur noch zeigte, was ich alles verloren hatte. Nie wieder würde sich eine neue Erinnerung an meine Großmutter in meinem Gedächtnis verankern. Ihr markerschütternder Schrei, bevor sie ohne etwas zurückzulassen in der Nacht verschwand, würde meine letzte Erinnerung an sie bleiben.

Es war nicht fair, dass ein so gütiger und herzlicher Mensch wie sie auf diese grässliche Weise ein Ende fand. Und was mich am meisten beschäftigte, war die Tatsache, dass ich keinen blassen Schimmer hatte, wer oder was sie getötet hatte. Ich wusste nur, dass derjenige dafür bezahlen würde. In diesem Moment ergriff ein mir bisher unbekanntes Gefühl Besitz von mir: Rachsucht.Mein Blick schweifte zu der Hütte, die ich mein Leben lang mein Zuhause genannt hatte. Doch nun wusste ich nicht, ob ich es auch nur eine Sekunde länger darin aushalten konnte. Jeder Winkel dieses Gebäudes war erfüllt von Erlebnissen mit meiner Großmutter. Alles dort würde mich jeden Tag an sie erinnern und an die Tatsache, dass sie nicht mehr da war. Außerdem fehlte dieser kleinen Hütte ohne meiner Großmutter die Seele, die sie erst zu meinem Zuhause gemacht hatte.


Ich wusste, dass ich mich aufraffen sollte und mir überlegen sollte, was ich nun tun würde, aber mir fehlte dazu die Kraft. Der Verlust ließ meine Glieder schwer wie Blei werden. Der letzte Rest meiner Energie verließ mich und ich fiel auf die Knie. Tränen flossen über mein Gesicht wie die kleinen Gebirgsbäche, an denen ich immer gespielt hatte. Obwohl ich gedacht hätte, dass ich stärker wäre, kniete ich nun auf dem Boden und brach zusammen. Denn meine Welt war ebenfalls über mir zusammengebrochen und lag nun in Trümmern, die nie wieder jemand aufbauen konnte. Deshalb ließ ich all meine Beherrschung fallen, die ich bis jetzt noch aufgebracht hatte, und begann hemmungslos zu schluchzen.


Ich ließ dem Schmerz freien Lauf. Ließ zu, dass er mein Herz zu einem unförmigen Klumpen zusammenpresste, der kaum mehr Blut durch meine Adern zu pumpen vermochte. Ließ zu, dass er meine Kehle enger werden ließ, sodass Atmen ein unmöglicher Kraftakt wurde. Laute, die mehr nach einem Tier als einem Menschen klangen, verließen meine Kehle und hallten im Wald wider. Ich fühlte mich klein und hilflos in der Dunkelheit, die meine Großmutter wie ein hungriger Wolf verschlungen hatte. Mein Schluchzen klang mittlerweile schon so erstickt, dass man glauben könnte, dass ich gerade qualvoll verendete. Und vielleicht tat ich das ja auch gerade. Vielleicht würde mich irgendwann meine Kraft verlassen und ich würde auf der vom Mond beschienenen Wiese einschlafen und nie wieder erwachen. Dann müsste ich nicht mehr diesen Schmerz ertragen und dieses große, blutende Loch in meinem verkümmerten Herzen spüren. Ich müsste nicht darüber nachdenken, was ich nun ohne meine Großmutter, meine einzige Familie tun würde.


Ich war schon dabei, aufzugeben. Es wäre so einfach gewesen, die Anstrengung, Luft in meine geschundenen Lungen zu pressen, sein zu lassen. Oder meinem erschöpften Herzen zu erlauben, seine Bemühungen aufzugeben und die krampfhaften Schläge zu stoppen. Doch als ich auf der Wiese kniend meinen letzten, rasselnden Atemzug tun wollte, hörte ich plötzlich die Stimme meiner Großmutter. Obwohl mir selbst in dieser Erschöpfung, die meinen Verstand vernebelte, klar war, dass das nicht wirklich meine Großmutter war, lauschte ich den Worten. Sie sagte: „Und merke dir eins, Yuna: Selbst wenn du einmal in ein tiefes Loch fällst und denkst, dass du es nie mehr herausschaffst und nie wieder glücklich wirst, denke daran: Der Regen wird kommen und das Loch mit Wasser füllen. Und plötzlich wirst du wieder die warmen Strahlen der Sonne auf deiner Haut spüren und dich fragen, warum du jemals geglaubt hast, gefangen zu sein. Die Zeit in dem Loch wird dich zeichnen, das schon, und du wirst vielleicht auch Narben von deinen Versuchen zu entkommen davontragen, aber dein Leben geht weiter und auch wenn die Sonne einmal von Wolken verdeckt ist, sie ist trotzdem immer da, genau wie das Glück immer da ist, selbst wenn du gerade im Unglück versinkst."


Es war schon so lange her, dass sie mir diese Worte an mich gerichtet hatte, aber in dem Moment war es, als würde sie neben mir stehen. Ihre Stimme, durch unzählige Jahre der Beanspruchung rau geworden, aber doch so weich und sanft, war mir so vertraut wie meine eigene. Und diese Stimme zu hören, selbst wenn es nur in meinen Gedanken war, gab mir den Mut und die Stärke, mich wieder aufzurichten. Von neuer Kraft erfüllt stand ich auf. Ich zwang mich, tief Luft zu holen, um meinen Körper wieder mit ausreichend Sauerstoff zu versorgen. Großmutter würde nicht wollen, dass ich mein Leben wegwarf. Immerhin hatte sie mir selbst im Tod gerade das Leben gerettet. Sie würde wollen, dass ich kämpfte und alles tat, um zu überleben. Und genau das würde ich tun. Und dabei würde ich herausfinden, wer oder was sie getötet hat.


Gerade war ich noch dem Tod so nahe gewesen, dass ich fast seine behütende Hand gespürt hatte, nun stapfte ich entschlossen auf die kleine Hütte zu, die nicht länger mein Zuhause war. Diese Nacht würde ich ein letztes Mal in diesen Wänden schlafen. Als ich an der Tür war, geriet meine Entschlossenheit kurz ins Wanken. Immerhin lag der geschändete Körper meiner Großmutter immer noch einsam und verlassen in den Räumlichkeiten. Doch ich gab mir einen Ruck und ging hinein.


Die Versuchung, einfach in mein Zimmer zu gehen, und keinen Blick mehr auf die Leiche zu werfen, war groß. Dennoch ging ich zu ihr und flüsterte mit erstickter Stimme: „Ich werde denjenigen finden, der dir das angetan hat. Und er wird es bereuen!" Natürlich konnte sie mein Versprechen nicht hören. Tränen stiegen erneut in mir auf, aber ich blinzelte sie weg und schluckte den Kloß herunter, der mir wieder meine Kehle zuschnüren wollte. Bevor ich wieder die Fassung verlor, wandte ich mich ab und ging in mein Zimmer, das nur mit einem schmalen Bett, einem kleinen Tisch mit einer Vase und einem kleinen Kasten mit Gewand ausgestattet war. Die Wände waren in einem fröhlichen Gelb angestrichen, das man in der Nacht aber kaum erkennen konnte. Meine Großmutter hatte aus Wildblumen stundenlang die Farbe angerührt und gemeinsam hatten wir mit selbstgebastelten Pinseln die Wände angemalt. Ich wusste noch, wie ich danach von oben bis unten mit Farbe bespritzt war. Meine Großmutter hatte mich damals liebevoll ihren kleinen Sonnenstrahl genannt. Heute packte ich das bisschen Gewand, das ich hatte, in eine Umhängetasche aus Stoff, die eigentlich zum Sammeln von Nahrung gedient hatte. Nun würde ich sie als Reisetasche verwenden.


Ich stutzte, als ich aus dem Augenwinkel im Spiegel mein Spiegelbild erblickte. Zwei spitze Ohren, die mit weißem Fell bedeckt waren, standen von meinem Kopf ab. In meiner überwältigenden Trauer hatte ich den Veränderungen, die mir widerfahren waren, nicht wirklich Beachtung geschenkt. Doch ich sollte mich am besten jetzt damit befassen. Schnell rief ich mir in Erinnerung, was mir Großmutter über Kitsunes erzählt hatte. Sie waren Gestaltwandler, in ihrer menschlichen Gestalt hatten sie ebenfalls Eigenschaften von Füchsen wie Ohren, Schweif und Augen, die normalen Menschen nur in spiegelnden Oberflächen offenbart wurden. Kitsunes konnten Fuchsfeuer, genannt Kitsune-bi, und Illusionen erschaffen. Sie konnten von Menschen Besitz ergreifen, das nannte man Kitsune-tsuki. Dunkle Kitsunes wurden Nogitsune genannt.


Aber keine dieser Informationen erklärte mir, wieso ich nicht als Kitsune geboren wurde oder warum ich bis jetzt keine Eigenschaften einer solchen aufgewiesen hatte. Doch es fühlte sich richtig an. Als ob bis jetzt etwas gefehlt hatte. Mir fiel auf, dass sich meine Augen verändert hatten. Früher hatte ich braune Augen gehabt, die fast so dunkel wie meine langen, schwarzen Haare gewesen waren. Nun waren sie von einem durchdringendem Eisblau. Die verbesserten Fuchssinne hatte ich bereits bemerkt. Am liebsten würde ich auch ausprobieren, ob ich auch meine Gestalt verändern konnte, aber vorerst wäre es das Klügste, mich ins Bett zu legen, um zu schlafen, damit ich fit war für eine Reise, bei der ich keine Ahnung hatte, wie lange sie dauern würde.

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