Traumbotschaft

Ich war an einem mir fremden Ort. Der Boden war schwarz und staubig. Neben mir stand ein knorriger Baum, der keine Blätter mehr hatte. Hinter dem Baum konnte ich die Umrisse weiterer Baumskelette erahnen, aber der Nebel war so dicht, dass man kaum etwas erkennen konnte. Am Fuße des Baumes wuchsen rosa Blumen. Sie waren der einzige Farbtupfer in dieser sonst trostlosen Umgebung. Ich sah mich um, aber außer mir konnte ich keine Anzeichen weitern Lebens hier erkennen. Panik stieg in mir auf. Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Plötzlich bemerkte ich einen bläulichen Schimmer, der durch den Nebel zu mir drang. Gebannt beobachtete ich den Schimmer. Er kam näher. Aus der dichten Nebelwand löste sich ein Fuchs. Oder besser gesagt eine Kitsune. Denn das Fell des Fuchses schimmerte blau und er hatte drei Schweife. Trotz seiner geringen Größe strahlte er Macht aus. Majestätisch schritt er auf mich zu. Er setzte sich vor den Baum und sah mich mit einem durchdringenden Blick an. „Wer bist du?", fragte ich mit bebender Stimme. „Nenn mich Tsukiko.", antwortete die Kitsune. Ihre Stimme klang klar und melodisch. Irgendwas an ihr zog mich in ihren Bann. „Wo bin ich und was mache ich hier?", fragte ich erneut. „Du bist überall und nirgendwo, zwischen Vergangenheit und Zukunft.", meinte sie nur geheimnisvoll. Ich war nicht schlauer als vorher. Diese Antwort verwirrte mich nur noch mehr. Ich wartete darauf, dass Tsukiko weiterredete. Und tatsächlich sprach sie kurz darauf: „Du bist hier an dem Ort, an dem sich dir dein Schicksal zeigt. Doch die Zukunft ist nicht in Stein gemeißelt. Du hast zwei Möglichkeiten." Sie machte eine Bewegung mit ihren Schweifen. Daraufhin bildeten sich zwei Pfade, sie gingen in unterschiedliche Richtungen. An jedem Pfad bildete sich in dem Nebel ein Bild. Bei dem des rechten Pfades sah ich mich, wie ich auf einem schwarzen Pferd ritt und ein Katana schwang. Bei dem linken Pfad ritt ich auf demselben Pferd einsam durch eine verwüstete Landschaft, die auf groteske Weise der glich, in der ich mich gerade aufhielt. Nun begann Tsukiko wieder zu reden: „Wählst du den leichten Pfad, der dich von deiner Bestimmung, deiner Verantwortung wegführt, dir dafür aber ein langes, glückliches Leben garantiert? Oder wählst du den, in der du deiner Bestimmung folgst?" „Natürlich den, in dem ich meiner Bestimmung folge!", stellte ich energisch klar. Sie schüttelte bedauernd den Kopf. „Deine Entscheidung fällst du noch nicht jetzt. Du wirst es nicht wissen, wann du die eine Entscheidung triffst, die über deine Zukunft und die des ganzen Kaiserreiches entscheidet. Der richtige Weg ist nicht leicht. Er wird Blut, Schweiß und Tränen kosten und du wirst Verluste erleiden. Mit genügend Distanz kann selbst die verkommenste Seele behaupten, sie würde die richtige Entscheidung treffen. Aber in dem Moment, in dem sich der leichte Weg anbietet, wenn er dir falsche Sicherheit verspricht und der richtige Weg grausam und erbarmungslos erscheint, wird sich zeigen, ob du wirklich das Herz einer Heldin hast." Tsukiko betrachtete mich eingehend. Ich fühlte mich seltsam entblößt, als ob sie bis in die tiefsten Abgründe meiner Seele blicken konnte. Die, in denen ich mir vorstellte, wie ich den Mörder meiner Großmutter leiden ließ, obwohl das gegen alles widersprach, was sie mir beigebracht hatte. „Das heißt, das Schicksal des Kaiserreichs liegt in meinen Händen?", fragte ich mit leiser Stimme. Tsukiko schüttelte bedächtig den Kopf. „Viele Faktoren spielen bei der Gestaltung der Zukunft eine Rolle. Aber manche Entscheidungen haben größere Konsequenzen als andere. Manche ändern den Lauf der Zukunft kaum, während andere einen Stein ins Rollen bringen, der alles verändern kann. Und die Entscheidung, die du eines Tages treffen wirst, ist eine davon. Finde den Tempel der Sterne. Dort wird sich unser aller Schicksal entscheiden. An dem Ort, an dem die Sterne dir den Weg weisen und ihre kostbarsten Geheimnisse preisgeben und wo Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft eins werden." Mit den Worten verblasste Tsukikos Gestalt. „Warte!", rief ich, aber sie war schon verschwunden. Ich hatte noch so viele Fragen gehabt. Ich schrak auf, als ein lautes Geräusch ertönte. Bevor ich herausfinden konnte, woher es kam, verschwand dieser düstere Ort.

Ich schlug die Augen auf. Zuerst war ich verwirrt, warum ich in einem riesigen, luxuriösen Zimmer lag. Dann erinnerte ich mich wieder an alles. Das Geräusch, das mich geweckt hatte, war scheinbar von einem Pferd gekommen. In Gedanken war ich immer noch bei dem Traum. Es war offensichtlich ein Traum gewesen, aber es hatte sich so real angefühlt und außerdem konnte ich mich glasklar an alles erinnern. Und außerdem spürte ich, das Tsukikos Worte eine schwerwiegende Bedeutung hatten. Auch wenn sich mir noch nichts erschloss. Aber sie hatte gesagt, dass ich den Tempel der Sterne finden sollte. Ich kannte mich in der Welt da draußen nicht aus, weshalb ich mir etwas überlegen musste. Am besten wäre es, wenn ich einfach hierbliebe und mir Takashis Vertrauen erschlich. Immerhin würde ich in nächster Zeit sowieso nicht gehen können, also würde ich einfach einen Vorteil aus meiner derzeitigen Lage ziehen.

Nachdem ich mich in meinem Zimmer fertiggemacht hatte, war ich zu Takashi gegangen. Er hatte den Bediensteten aufgetragen, uns Frühstück zu machen. Nun saßen wir zu zweit an der langen Tafel und ließen uns herrliche Brötchen mit Marmelade schmecken. „Wie geht es jetzt weiter?", fragte ich ihn. „Da es dir offensichtlich an Wissen über das Reich, in dem du lebst, mangelt, werde ich dir heute Unterricht geben.", erklärte er wenig begeistert. Ihm gefiel es wohl nicht, den Lehrer zu spielen. „Können wir danach in den Stall gehen?", bat ich ihn hoffnungsvoll. Ich war begierig darauf, endlich ein echtes Pferd aus er Nähe zu sehen. „Wenn es sein muss.", meinte er missmutig. „Super!", freute ich mich. Und die Freude war nicht nur gespielt, damit er mir vertraute, sondern echt. Und obwohl er mich nicht ansah, merkte ich, dass sich ein kleines Grinsen auf seine Lippen geschlichen hatte.

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