Training
Am nächsten Tag wachte ich voller Energie auf. Sofort nachdem ich meine Augen aufgeschlagen hatte sprang ich regelrecht aus dem Bett und machte mich in Windeseile fertig. Takashi, der wohl durch mein aufgeregtes Herumhuschen wach geworden war, blinzelte träge. Er war wohl kein Morgenmensch. Deshalb ließ ich ihn vorerst in Ruhe. Ich konnte auch nach dem Training mit Yusei noch Zeit mit ihm verbringen.
Heute war der Speisesaal leer. Weder Miyu, noch dieser unhöfliche Junge von gestern Morgen waren zu sehen. Als ich nach draußen trat musste ich ein paar Mal blinzeln, da mir die Sonne direkt in die Augen schien. Plötzlich hörte ich klappernde Hufschläge. Als ich meinen Blick über das Gelände schweifen ließ, entdeckte ich Arashi, der freudig auf mich zutrabte. „Hallo mein Süßer!", begrüßte ich ihn liebevoll. Ich wollte noch länger bei ihm bleiben, aber ich sah schon Yusei auf mich zukommen. „Guten Morgen!", rief er mir schon von Weitem zu. Bei mir angelangt meinte er: „Ich hoffe du hast gut geschlafen. Denn dein Training heute wird deine ganze Kraft erfordern. Und danach werden wir anfangen, die Bücher für Anfänger durchzugehen." Mit einer Handbewegung bedeutete er mir, ihm zu folgen.
Wir gingen zu einer kleinen Lichtung in dem Wäldchen. Die Lichtung war mit hohem, saftigen Gras, das in einem satten Grün leuchtete, bewachsen. Kleine Mücken schwirrten durch die Luft und dicke Bienen gingen emsig summend ihrer Arbeit nach. Ich entdeckte ein kleines Eichhörnchen,das aufgeregt keckerte, weil sich ein Vogel gerade seine Nuss geschnappt hatte. Schnell flitzte es davon, als es einsah, dass die Nuss wohl verloren war. Die ganze Umgebung war nur so erfüllt von Lebendigkeit. Ich schloss für einen Moment die Augen und reckte mein Gesicht der Sonne entgegen. Es gab nichts Schöneres, als im Wald zu sein und die wärmenden Strahlen der Sonne auf der Haut zu spüren. In solchen Momenten mochte man glauben, dass alles perfekt war. Man fühlte sich für einen kurzen Moment sorgenfrei. Was würde ich dafür geben, dieses Gefühl behalten zu können. Meine Sorgen und meine Verantwortung einfach hinter mir zu lassen und einfach nur der Natur dabei zusehen zu können, wie sie unermüdlich ihren Lauf nahm. Doch so verlockend das auch war: Es gab einen Grund, wieso ich hier war. Und sobald ich ihn herausgefunden hatte, würde es vorbei sein mit Frieden. Dessen war ich mir sicher.
„Wunderschön, nicht wahr?", fragte Yusei. Kurz fragte ich mich, wovon er sprach. Dann verstand ich. „Ja, die Natur ist in jeder Hinsicht wunderschön.", stimmte ich ihm zu. „Das hier war der Lieblingsort deiner Großmutter.", erzählte er mir. Sein Blick ging sehnsüchtig in die Ferne, ehe er sich wieder mir zuwandte: „Du bist ihr so unfassbar ähnlich, dass es schon fast wehtut." Fragend sah ich ihn an. Ihm fiel wohl auch auf, was er gerade gesagt hatte. „Damit meine ich, dass jeder, der deine Großmutter gekannt hat und nun dich sieht, sie aus ganzem Herzen vermissen wird. So eine gute Seele wie sie deine Großmutter hatte, hat kaum jemand. Ich kenne kaum jemanden, der so überaus gütig ist wie sie." „Ja, sie war die beste Großmutter, die ich mir wünschen konnte.", erwiderte ich traurig. „Sie ist tot, nicht wahr?", fragte Yusei und seine Stimme brach. Ich brachte nur ein Nicken zustande. „Eigentlich war es mir von dem Moment an klar, an dem ich sie nicht mehr aufspüren konnte. Trotzdem hatte ich immer noch Hoffnung." Eine einzelne Träne rann über sein Gesicht. Er musste meine Großmutter sehr gemocht haben.
„Wie ist sie gestorben?", erkundigte er sich mit erstickter Stimme. „Kennst du Hoshoku-sha?", fragte ich ihn. Seine Miene verfinsterte sich und er zog die Augenbrauen zusammen. „Besser als du denkst.", meinte er grimmig. Bevor ich ihn frage konnte, was er damit meinte, sprach er energisch: „So, jetzt haben wir aber für heute genug Trübsal geblasen. Heute fangen wir damit an, dein Gespür für Magie zu schärfen und deine Fähigkeiten als Kitsune zu trainieren. Das ist die Magie, für die du keine Sprüche brauchst. Also, lass uns anfangen!" Er rieb sich erwartungsvoll die Hände. Dann erzeugte er scheinbar mühelos mit einer einzigen kleinen Handbewegung einen bläulich schimmernden Nebel. Genauso wie am Vortag. „So, jetzt schließ die Augen und achte ausschließlich darauf, was du fühlst.", trug er mir auf. Gehorsam nickte ich und schloss meine Augen. Sofort achtete ich auf alles, was ich fühlte. Die Sonnenstrahlen auf meiner Haut, der leichte Wind und die Insekten, die auf der Lichtung herumschwirrten. Plötzlich bekam ich eine Gänsehaut und ein angenehmes Prickeln durchzog mich. Ich fühlte reine Energie. Es war ähnlich wie die Energie, die mich durchzogen hatte, als meine Großmutter die Blockade zu meiner Magie gelöst hatte. Nur war es damals so viel Energie gewesen, dass es wehgetan hatte. Diesmal war es aber mehr wie eine erfrischende Brise.
„Du kannst die Augen wieder aufmachen.", teilte mir Yusei mit. Ich schlug die Augen wieder auf. Der blaue Nebel war verschwunden. „Da ich vermute, dass du ein ebenso kluge junge Frau wie deine Großmutter bist, nehme ich an, dass du weißt, dass du gerade Magie gespürt hast. So wird sicher jeder Zauber für dich anfühlen. Je schwieriger, desto intensiver das Gefühl. Wenn es anfängt, wehzutun, ist der Zauber noch zu schwierig, verstanden?" „Verstanden.", bestätigte ich. „Gut. Wenn du ein gewisses Können erreicht hast, wirst du leichte Zaubersprüche nicht einmal mehr aussprechen müssen. Lass mich dir etwas zeigen." Er fixierte mit seinem Blick einen dicken Ast am Rande der Lichtung. Plötzlich machte er eine schneidende Bewegung mit der Hand. Mit einem glatten Schnitt vom Baum getrennt fiel der Ast zu Boden. Erstaunt blickte ich Yusei an.
„Der Wortlaut dieses Zaubers ist Kiru. Das bedeutet „Schnitt". Allerdings funktioniert er nur bei unbelebten Gegenständen. Bei lebenden Wesen funktioniert er nicht. Aber bei einem Kampf kann man durch diesen Zauber einfach einen Baum oder Ast auf den Kopf des Feindes fallen lassen." „Das ist wirklich praktisch.", gab ich zu. „Da stimme ich dir zu. Aber zu Kampf- Und Verteidigungszaubern kommen wir, wenn du die Grundlagen beherrschst. Jetzt wirst du erstmal für mich ein schönes Fuchsfeuer erschaffen." Er sah mich auffordernd an. „Ich versuche es.", meinte ich nervös.
Ich schloss die Augen und versuchte, dieses Gefühl, dass die Magie in mir verursachte, heraufzubeschwören. Dann stellte ich mir eine Flamme vor, die in einem wunderschönen Spiel aus hell- und dunkelblau flackerte. Schließlich öffnete ich meine Augen wieder. Ich hob meine Hand und sah deutlich vor mir, wie auf ihrer Oberfläche eine blaue Flamme tanzte. All meine Konzentration und Willenskraft aufbietend fühlte ich, wie endlich das Prickeln der Magie in mir aufstieg. Auf meiner Handfläche erschien ein kleiner blauer Punkt, der immer größer wurde, bis ich dann tatsächlich Fuchsfeuer in meiner Hand hielt. Triumphierend sah ich zu Yusei. Allerdings reichte diese kleine Ablenkung, dass meine Flamme wieder verpuffte. Enttäuscht starrte ich die Stelle an, an der vor wenigen Sekunden noch die Flamme gewesen war. „Sei nicht enttäuscht. Jeder von uns fängt einmal klein an. Wenn man etwas gleich können würde, bräuchte man keine Lehrer mehr. Und außerdem wäre es doch ziemlich langweilig, wenn man alles könnte. Eine Leistung erfüllt einen erst mit Stolz, wenn man weiß, dass man hart dafür gearbeitet hat. Ohne Mühe gäbe es keine Wertschätzung mehr." „Das ist wahr.", stimmte ich ihm zu. Schön langsam wurde mir klar, woher meine Großmutter ihre Weisheit hatte.
Die nächste Zeit verbrachte ich damit, das Erschaffen von Fuchsfeuer zu üben. Je öfter ich das machte, desto leichter fiel es mir. Irgendwann musste ich mich nicht einmal mehr groß konzentrieren. Ich konnte es auch immer länger aufrechterhalten. Wir übten weiter bis zur Mittagsstunde. Dann meinte Yusei: „Für heute ist es genug mit praktischem Training. Wir gehen jetzt etwas essen und am Nachmittag gehen wir in die Bibliothek." Erleichtert nickte ich. Obwohl es nicht übermäßig heiß war und ich mich nicht wirklich viel bewegt hatte schwitzte ich und war erschöpft. Man merkte wirklich, dass ich noch untrainiert war, da mir so etwas Einfaches so schwer fiel. Doch anstatt darüber deprimiert zu sein war ich entschlossen, hart daran zu arbeiten, um mich schnell zu verbessern.
Beim Essen hielt ich Ausschau nach Takashi, konnte ihn jedoch nirgends entdecken. Der Tisch war ziemlich voll, allerdings waren sicher nicht alle da. Von den meisten wurde ich freundlich begrüßt und ein paar stellten mir Fragen, die ich größtenteils gerne beantwortete. Es gab eine cremige Suppe, die fantastisch schmeckte. Ich fragte, woher sie ihre Vorräte bekamen. Yusei erklärte mir, dass sie einen eigenen Garten hatten, aber auch auf Märkte einkaufen gingen. Als ich nachhakte, ob das denn nicht viel zu lange dauern würde, antwortete Yusei: „Die besten unter uns können sich mithilfe eines Zaubers teleportieren. So holen wir uns alles was wir hier nicht bekommen, wie zum Beispiel Nahrung, Stoffe, Geschirr und so weiter." Das klang wirklich toll. Vielleicht würde ich das eines Tages auch können. Doch bis dahin war es noch ein sehr weiter Weg.
Nach dem Essen zerstreuten sich wieder alle. Manche setzten sich auf die weißen Bänke, die überall auf dem Gelände verteilt waren, andere gingen in den Wald und wieder andere betraten den Tempel. Auch Yusei und ich betraten den Tempel. Ich war voller Vorfreude darauf, wieder mehr zu erfahren. So viel Wissen wartete in dieser gigantischen Bibliothek auf mich. So vieles, das ich noch lernen wollte.
Als ich die Bibliothek betrat, atmete ich wieder den Duft des Papiers ein. Ich war so vertieft, darin, dass ich kurz erschrak, als ich Takashi an einem der Tische sitzen sah. Er hatte seine Nase gerade in einem dicken Wälzer vergraben. Scheinbar war er ziemlich gebannt davon, da er mich nicht bemerkte. Eine Idee schlich sich in meinen Kopf. Mit leisen Schritten pirschte ich mich an ihn an. Yusei beobachtete mich dabei mit einem amüsierten Gesichtsausdruck. Bei Takashi angelangt beugte ich mich zu seinem Ohr und sagte übertrieben laut: „Hallo!" Er fuhr zusammen und sah mich aus erschrocken an. Seine Augen waren geweitet. Dann erkannte er mich. „Musste das sein?", fragte er mich mürrisch. Ein verlegenes Lächeln stahl sich auf seine Lippen. „Ja.", antwortete ich knapp und grinste ihn breit an. „Na gut. Aber bedenke: Meine Rache wird kommen, wenn du am wenigsten damit rechnest.", warnte er mich schelmisch. „Das will ich sehen.", neckte ich ihn ein wenig. „Soll das eine Herausforderung sein?", erkundigte er sich drohend. „Vielleicht.", gab ich mich geheimnisvoll. „Dann: Herausforderung angenommen." Er grinste schief. Auch ich lächelte glücklich. Gestern hatte sich etwas verändert. Vielleicht hatte er nach dem Kuss endlich aufgegeben, mir etwas vorzumachen. Hatte endlich eingesehen, dass er seinen Vater hinter sich lassen sollte. Ich hoffte es.
Doch auf jeden Fall war dieser vertraute Umgang zwischen uns ein großer Fortschritt. Es war, als wäre es nie anders gewesen. Und ich hoffte auch, dass es nie anders werden würde.
Nun aber fragte ich Takashi: „Was machst du hier in der Bibliothek?" „Wenn ich schon nicht mir Magie helfen kann, dann kann ich zumindest die Bücher hier lesen und sehen, ob ich etwas hilfreiches finde." „Das ist echt lieb von dir.", meinte ich gerührt. „Ich will mich nur nützlich machen.", winkte er ab. Trotzdem ließ ich es mir nicht nehmen, ihm einen schnellen Kuss auf die Wange zu geben.
Dann folgte ich Yusei, der mir mittlerweile durch ungeduldige Handbewegungen zu verstehen gab, dass ich endlich kommen sollte. Schnell ging ich zu ihm und folgte ihm zu einer Abteilung, die mit „Bücher zur Erlernung der Grundlagen" beschriftet war. Zielsicher zog er ein ziemlich dickes Buch aus dem Regal. Er pustete den Staub herunter. Der Titel lautete „Grundlagen der Magie und einfache Zauber. Band 1" Ich musste schlucken, als ich das las. Dieser Wälzer war erst der erste Band? Mir schwante schon, dass sehr viel Arbeit auf mich zukommen würde.
Gemeinsam mit Yusei setzte ich mich an einen freien Tisch. Sofort schlug er das Buch auf. Zuerst zeigte er mir das Inhaltsverzeichnis. „Nun, das erste Kapitel erklärt, wie Zauber eigentlich funktionieren. Dann wird erklärt, wie man Zauber ausführt. Danach gibt es einige Zauber zum Üben. Aber jetzt wenden wir uns jetzt einmal der Frage, wie Zauber eigentlich funktionieren, zu. Also, grundsätzlich gibt es für jeden Zauber einen Spruch und eine Handbewegung. Es gibt aber auch Gruppenzauber oder Tränke, aber das wird in Band zwei erklärt." Er redete immer weiter und erklärt, wie genau das Rezitieren des Spruches und die Handbewegung abgestimmt werden müssen und noch vieles mehr.
Es verging einige Zeit. Ich versuchte mitzukommen, aber das war bei der Fülle an neuen Informationen gar nicht so leicht. Obwohl es so leicht geklungen hatte, war es doch ziemlich kompliziert, einen Zauber auszuführen. Aber Yusei versicherte mir, dass sich das mit etwas Übung automatisierte. Am Anfang musste man sich konzentrieren, um das richtige Timing zu erwischen, doch je mehr man übte, desto leichter wurde es. Hoffentlich stimmte das.
Plötzlich, mitten in einer von Yuseis Erklärung, kam ein Mann mittleren Alters angerannt. Aufgeregt berichtete er: „Es hat jemand den Tarnzauber durchquert, dessen Ankunft unser Seher Yuuto nicht gesehen hat. Das ist noch nie vorgekommen!" Yusei runzelte besorgt die Stirn. „Ich komme sofort.", versprach er. Dann wandte er sich an mich: „Heute werden wir wohl unsere Stunde vorzeitig beenden. Komm mit, aber sei vorsichtig." Ich nickte. Wer war wohl in den Felsenkessel gekommen?
Bạn đang đọc truyện trên: AzTruyen.Top