Epilog

Mit langsamen, bedächtigen Schritten bahnte er sich seinen Weg durchs Unterholz. Seine Bewegungen waren so leise und geschmeidig wie die einer Raubkatze. Auch seine Begleiterin schlich lautlos durch den verrufenen Wald. In ihrer Hand trug sie eine unscheinbare Tasche, in der jedoch magische Artefakte mit unbeschreiblich großer Macht aufbewahrt wurden. Das Buch der Finsternis, in dem die mächtigsten schwarzmagischen Zauber und Beschwörungen verzeichnet waren und das Schwert des Drachen, das einst im Besitz des achtköpfigen Drachen Orochi gewesen war, ehe er niedergestreckt wurde. Er konnte selbst aus ein paar Schritten Entfernung die Verheißung unglaublicher Macht fühlen, welche diese zwei Objekte bargen. Sie vibrierte förmlich in der Luft, brachte seine Haut zum Prickeln und erfüllte ihn mit einer Art aufgeregten Energie. Und aufgeregt war er tatsächlich. Nun nach fünfzig Jahren, war endlich sein Ziel zum Greifen nahe. Kein Wunder, das Euphorie wie reines Adrenalin durch seine erstarkten Körper raste und seinen Geist schärfte.

Bei dem Gedanken, wie lächerlich einfach es gewesen war, den Tempel zu berauben, verzogen sich seine Lippen zu einem hämischen Grinsen. Dagegen war es unheimlich schwer gewesen, ihn zu finden. Magische Barrieren hatten ihn daran gehindert, ihn mithilfe von Lokalisierungszaubern zu finden und seine Erinnerungen an seinen Standort waren ihm gestohlen worden. Dafür hatte der Verräter Yusei gesorgt. Selbst nach all diesen Jahren kochte auch nur bei dem Gedanken an ihn siedend heiße Wut in ihm hoch. Doch heute war es anders. Nun hatte er das befriedigende Bild von Yusei, wie er entkräftet zu Boden fiel, vor Augen. Zwar war seine Rache noch lange nicht vorbei, aber für den Moment genügte es ihm.

Doch nicht nur Yusei war schuld daran, dass er den Tempel nicht finden konnte. Solange man nicht von den Sternen gerufen wurde, war es beinahe unmöglich, ihn zu finden. Selbst wenn man wie er jahrelang das Kaiserreich durchkämmt hatte. Erst, als er seine Begleiterin in dem Wissen, dass Sakuras Enkelin als die letzte Kitsune ihren Weg zum Tempel finden würde, auf sie angesetzt hatte, hatte er endlich Erfolg gehabt. Nun, da sein Fluch gebrochen war, er in einer ungeahnten Stärke erblühte und er endlich die Objekte, die er für sein Vorhaben benötigte, in seinem Besitz wusste, stand ihm nichts mehr im Weg.

Mittlerweile war er an einer kleinen Lichtung angelangt. Von oben funkelten die Sterne auf ihn herab und der Mond ergoss sein silbernes Licht auf die Lichtung. In ihrer Mitte stand ein aus Stein geformter Altar. Die Zeit hatte schon ihre Spuren an ihm hinterlassen, denn er war von Moosen und Flechten bewachsen und Efeuranken klammerten sich an den uralten Stein. Hinter dem Altar befand sich ein kleiner Teich. Lautlos bewegte er sich darauf zu. Auf der spiegelglatten Oberfläche des Wasser erblickte er sein vom Mondlicht erhelltes Antlitz. Wohlwollend betrachtete er seine nun wieder pechschwarze Haarpracht, die fast fünfzig Jahre lang so weiß wie die eines alten Mannes gewesen waren. Doch nun waren sie, genau wie der Rest seines Körpers, wieder wie in seinen jungen Jahren. Als hätte er die Zeit zurückgedreht und er wäre jünger, statt älter geworden. Ohne die Macht der vielen Seelen, die er sich zu eigen gemacht hatte, wäre er in kürzester Zeit verfallen. Wie eine welke Pflanze. Und wie eine ehemals welke Pflanze erblühte nun auch er wieder in voller Pracht.

Er wandte sich von seinem Spiegelbild ab und blickte seiner Begleiterin in die Augen. „Wir haben den Altar gefunden.", begann er zu sprechen. Seine Stimme war kräftig und klangvoll. Wie eine tödliche Melodie. „Wenn die Zeit reif ist, werden wir hier das Ritual durchführen. Überreiche mir das Buch!", forderte er sie auf. Sie tat wie geheißen und holte das Buch aus der Tasche und gab es an ihn weiter. Beinahe ehrfürchtig strich er vorsichtig über den staubbedeckten Einband. Der Einband des Buches schimmerte schwarz und mit unscheinbaren, goldenen Lettern war elegant „Buch der Finsternis" geschrieben worden. Bedächtig schlug er es auf. Der Geruch nach vergilbtem Papier schlug ihm entgegen. Andächtig blätterte er durch die Seiten, bis er gefunden hatte, wonach er gesucht hatte. Er fing an zu lesen. Wort für Wort, Zeile für Zeile. Nichts entging seinem wachsamen Auge.

Als er fertig gelesen hatte, legte er das Buch auf den Altar. Sein Blick wanderte hinauf zum Mond, der erst vor kurzer Zeit voll gewesen war. „Das Ritual muss an Neumond begonnen werden und zum nächsten Neumond beendet werden. Am ersten Neumond muss die Klinge des Schwertes mit dem Blut eines unschuldigen Menschen getränkt werden. Bis zum nächsten Neumond muss die Klinge unberührt auf dem Altar liegen bleiben. Und in der Neumondnacht müssen fünfzig treue Seelen geopfert werden.", meinte er, ohne seinen Blick vom Mond abzuwenden. „Das heißt, dass wir unsere treuen Verbündeten auf unseren baldigen Aufstieg vorbereiten werden.", merkte seine Begleiterin an. Mit einem kaum merklichen Nicken stimmte er ihr zu. „Das hat etwas Poetisches, findest du nicht?", sprach er. Er klang nachdenklich. „In der dunkelsten Stunde wird der Lord der Finsternis auferstehen. Wunderschöne, reine Poesie. Worte. Sie haben eine solche Macht. Sie können heilen und verletzen, zerstören und wiederaufbauen. So wirkungsvoll, und doch sind es nur aneinandergereihte Buchstaben. Schon paradox, dass wir mit etwas, das nicht mehr ist als von uns Menschen geschaffene Zeichen, ihn wieder zum Leben bringen." Als er seinen Blick nun vom Himmel löste und seine Begleiterin ansah, funkelten seine Augen förmlich. „Er wird uns für seine Auferstehung dankbar sein und an seiner Seite werden wir Götter sein. Nicht mehr lange." Er machte eine bedeutungsschwere Pause. „Nicht mehr lange, und Lord Orochi wird wiederkehren, mächtiger denn je."

Bạn đang đọc truyện trên: AzTruyen.Top