XV
Es dauert eine weile, bis ich wieder aufwache. Das zwischendurch einmal aus der dunkelheit krabbeln und zuhören was gesagt wird, zähle ich nicht als wach. Es ist ein Dämmerzustand. Nicht mehr und nicht weniger. Ich kann Eyeless Jack öfters zuhören, wie er irgendetwas von Blutarmut sagt und mich immer wieder zur Sau macht, wieso ich nicht früher gesagt habe dass es mir scheiße ginge und wieso ich jetzt unten einen fetten Blutfleck an der Wand hinterlassen musste, an die ich mich gelehnt habe. Sally ist auch hin und wieder gekommen und hat gefragt, wann ich denn wieder aufwachen würde. Irgendwie süß die kleine.
Aber als ich meine Augen aufmache und ich ersteinmal blinzelnd fluche, weil es so hell ist, bin ich allein. Mit halb offenen Augen sehe ich mich um, aber niemand ist da. Das Bett von Jack ist benutzt und somit zerwühlt. Die Landschaft ausserhalb des Fensters zeigt mir, dass es wahrscheinlich morgens ist. Oder früher Vormittag. Ganz sicher bin ich mir nicht. Langsam setze ich mich auf und merke, dass mein Arm eigentlich gar nicht mehr weh tut! Verwirrt und noch ein bischen müde sehe ich zu meiner Schulter. Kein Verband. Kein Blut. Nur eine rötliche runde Stelle.
Mit gerunzelter Stirn starre ich noch ein bischen darauf, ehe ich gähne und mich langsam dazu bringen kann, aufzustehen. Meine nackten Füße berühren den kalten Boden und erst jetzt realisiere ich, dass ich ohne Kleidung dastehe. Nicht einmal die Hose habe ich an! Die röte schießt mir in mein Gesicht und ich beeile mich an Jack's Schrank zu kommen, ehe ich mir einfach eine Boxershort von ihm hole, ein graues Shirt rausziehe und beides anziehe, ehe ich mich wenigstens einigermaßen wohl fühle. Jedoch macht mir mein grummelnder Magen ein bischen zu schaffen und ich seufze, ehe ich nun auch meinen Kreislauf merke.
"Woah!" entkommt mir, ehe ich mich am Schrank abstütze und den Schwindel ersteinmal ein wenig verauschen lasse. Mit einem leichten Kopfschütteln und dem ein oder anderem tiefen ein und aus atmen, richte ich mich wieder auf und tapse zur Tür. Diese mache ich auf und gehe nun einfach raus. Ich werde ja schließlich nicht einfach so getötet, wie Slenderman meinte. Also... nichts wie ab futtern! Mit meinen nackten Füßen gehe ich auf dem Teppich, dessen Fasern sich weich und angenehm anfühlen und mich irgendwie... heimisch fühlen lassen, auch wenn ich in meiner eigenen Wohnung keinen Teppich besitze. Geschweige denn Platz genug für einen langen Gang!
Ich gehe an den Zimmern vorbei. Keines der Türen ist offen. Kein Geräusch ist zu hören. Kein fluchen, kein kreischen, kein nichts. Nur viel zu laute stille. Dieses... rauschen das kommt, wenn man NICHTS hört. Verdammt bedrückend. Aber ich denke mir, dass vielleicht alle noch schlafen. Immerhin kann es sein, dass so manche erst ein bischen später in ihre Betten gekommen sind, oder? Ich zucke zusammen, als ich das knarzen meines eigenen Gewichtes auf einer Diele höre. Bleibe einfach nur erschrocken stehen und sehe mich schnell um! Ein beklemmendes Gefühl macht sich breit. So, als ob ich alleine hier wäre.
Kopfschüttelnd gehe ich weiter durch das noch unbekannte Gebäude. Wahrscheinlich wird Sally hier irgendwo lauern und mich mit einem 'Buh!' erschrecken wollen. Ich zwinge mich zum grinsen, sodass ich mich selbst irgendwie davon überzeuge, dass alles in Ordnung ist. Ich habe keine Ahnung, wie lange ich jetzt schon wieder weg war. Aber es muss mindestens eine Woche gewesen sein. Ansonsten wäre die Narbenbildung nicht schon so weit vorangeschritten! Ein gutes hat die Arbeit in einem medizinischen Beruf in einem Klinikum. Man bekommt von allen seiten etwas mit. Sei es Notfallmedizin, Herz, Schlafprobleme, Nieren, Leber oder auch nur der Magen.
Vorsichtig hebe ich meinen rechten Arm während des gehens und taste die Narbe ab. Sie ist noch wulstig und mitten in der Heilungsphase. Aber zumindest keine Probleme mehr mit dem aufgehen der Wunde! Zufrieden nickend, erreiche ich die Treppe und sehe hinunter. Das Licht ist an. Die Glühbirne flackert aber ein bischen. Für ein paar momente sehe ich einfach nur hinunter. In jedem schlechten Horrorfilm kommt irgendwann die Szene, an der das Licht flackert und man die Treppen nicht hinuntergehen sollte. Und doch tun sie es. Und wundern sich, wieso sie sterben. Aber einen Unterschied zu mir gibt es hier! Mich wundert es nicht, wenn ich verrecke.
Auf das schlimmste vorbereitet, gehe ich langsam die Stufen hinunter. Ich versuche so gut es geht, kein Geräusch zu machen und schaffe es auch einigermaßen. Mein Atem ist das einzige, was hörbar ist. Und mein rasendes Herz! Überall auf meiner Haut stellen sich meine Haare auf. Ein sicheres Zeichen dafür, dass etwas nicht stimmt. Das ist das einzig besondere bei mir. Ein kleines frühwarnsystem dass, wenn ich es nicht ignoriere, eigentlich ziemlich gut funktioniert. Es sind nur noch zwei Stufen bis zum hellbraunen Boden, der mich nun wieder nicht wirklich beruhigen kann.
Ich stelle mich auf die letzte Stufe und sehe mich von hier aus ein wenig um. Nichts. Keine weiteren Geräusche. Ich hoffe in der Spiegelung des Fernsehers vielleicht irgendetwas sehen zu können, aber Fehlanzeige. Das Glas des schwarzen Bildschirmes ist zersprungen und man kann das innenleben erkennen. Angst schleicht sich bei mir ein. Und leichte Panik, als ich etwas rotes glänzendes an ein paar der Glasscherben sehe. Blut? Erst als ich diese möglichkeit in betracht ziehe, bemerke ich einen gewissen Eisengehalt in der Luft. Mein Körper beginnt zu zittern und ich hoffe für mich, dass es einfach nur ein Albtraum ist.
Mit ein bischen Restmut entschließe ich mich dazu, direkt in das Wohnzimmer zu treten. Ich hole tief Luft und stelle dann meinen Fuß auf den hellbraunen Boden. Als ich mir das Wohnzimmer ansehe, bleibt mir das ausatmen in der Kehle stecken. Was zur verfickten Hölle ist denn hier passiert? Das ist das einzige, dass ich mich frage, während ich meine Augen über das gesamte Chaos schweifen lasse, dass sich mir hier präsentiert. Eines steht fest. Es muss einen Kampf gegeben haben. Und zwar einen heftigen! Teilweise kann man vor lauter eingetrocknetem Blut kaum noch erkennen, wo der Boden anfängt und die Blutlache aufhört.
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