Wie ein Wunder
Lyla
Am nächsten Morgen erwachte ich, als die Kirchglocken im Dorf zu läuten begannen.
Erschöpft drehte ich mich auf die Seite. Ich fühlte mich, als hätte ich kaum eine Stunde geschlafen, so sehr beschäftigte mich der Gedanke daran, welche Bedeutung die Einladung zur Krönung hatte.
Auch wenn ich versuchte, die Hoffnung auf ein besseres Leben, nicht aufzugeben, traute ich der Sache nicht. Wir waren einfache Bauern, die lud man nicht zu einem solchen Fest ein. Das war absurd. Aber das sollte wohl nicht meine Sorge sein, sondern die des Königshauses.
Somit schienen wir auf einen richtigen Ball zu gehen - mit festlichen Kleidern und edlen Frisuren. Schon bei dem Gedanken wie wir verloren wir am Ende aussehen würden, musste ich kichern. Es wirkte so lächerlich. Wir würden niemals zur Oberschicht gehören, was sollte also diese Verkleidung?
Leider kam ich mit meinen Ansichten nicht ganz so gut bei meiner Familie an. Mutter hatte schließlich unsere Kleider selbst genäht und Vater sah es als Chance, Bekanntschaften zu schließen. Und von meiner Schwester durfte ich gar nicht anfangen. Sie strahlte über das ganze Gesicht, stand ständig vor dem Spiegel und träumte von einem Märchen.
Diesen Traum konnte ich ihr nicht zerstören, weshalb ich zwar missmutig, aber nicht ganz so ablehnend, zustimmte mit auf den Ball zu gehen. Es konnte mir nicht schaden etwas unter Leute zu kommen und wenn es mir nicht gefallen würde, konnte ich immer noch Reißaus nehmen.
Nun hieß es erst einmal herunter gehen. Erschöpft schlüpfte ich aus meinem Nachthemd in ein graues Kleid und lange Strümpfe. Schön war beides nicht mehr, doch ich konnte es gerade noch so tragen.
Wenn man kaum einen Taler in der Tasche hatte, konnte man sich kaum neue Kleidung leisten. Die alten Dinge wurden aufgetragen, gestopft und weiter gegeben. Mutter nähte unsere Kleidung meist selbst und dann aus den Stoffresten, die in der Schneiderei übrig geblieben waren. Bis dahin verging jedoch immer viel Zeit, sodass wir die Kleider meist auftrugen. Olivia erbte die letzten Jahre viele meiner Kleider, da ich recht schnell gewachsen war und ich bekam die von Mutter. Einen Brauch, den ich nicht unbedingt gerne weiter führte.
In der Kochstube begrüßte meine Mutter mich schon mit einem glückseligen Lächeln. "Guten Morgen, mein Schatz" Ich verzog die Lippen. Wie konnte sie bloß so gut gelaunt sein?
Eine Einladung zum Ball machte doch nicht gleich alles wett. Schließlich kamen noch nicht einmal wirklich hilfreiche Lieferungen, die unser Überleben auf lange Sicht garantieren würden. Natürlich schaut man einem geschenkten Gaul nicht ins Maul, aber sich so darüber zu freuen, kam mir ganz und gar falsch vor. Es war töricht zu glauben, es würde ab jetzt alles besser werden.
Dieser Gedanken schien abseits der Realität zu existieren. In ein paar Tagen, Wochen oder gar Monaten konnte nicht alles aufgeholt werden, was die letzten Jahre versäumt wurde.
Höfe müssten neu errichtet werden, Land bewirtschaftet, Personal eingestellt und Geld musste zur Verfügung gestellt werden. Ohne dies würde sich gar nichts ändern.
"Morgen.", brummte ich, brach ein Stück Brot vom Laib und biss einfach hinein.
Zudem machte ich mir nicht einmal die Mühe mich hinzusetzen und die trockenen Krümel mit etwas Milch herunter zu spülen.
"Lyla", kam es besorgt von meiner Mutter. "Was ist mit dir? Freust du dich etwa nicht auf den Ball?" Ha, dachte ich verächtlich, wenn sie wüsste. Ich würde alles hundertmal lieber tun, als auf einen Ball zu gehen - besser gesagt zu einer Krönung.
Vater könnte mich ruhig dazu verdonnern, jede einzelne Diele zu schrubben oder den Hof abzufegen, die Ställe auszumisten - ganz gleich was es sein würde, es wäre mir lieber.
Jedes andere Mädchen würde mich für verrückt halten, dass ich es vorzog im Dreck zu wühlen anstatt zu einem Maskenball in einem schönen Kleid zu gehen und womöglich auch noch den Prinzen von Bredinia zu Gesicht zu bekommen.
Sie würden reihenweise in Ohnmacht fallen.
Aber ich nicht. Matthew war ein stattlicher junger Mann und ich fand ihn nicht von Grund aus abstoßend, doch ich himmelte ihn auch nicht an, wie all die anderen im Dorf.
"Mutter, ein Ball ist nichts für mich. Ich würde lieber hier bleiben und arbeiten", erwiderte ich grübelnd. Aber weder Vater noch Mutter nahmen das zur Kenntnis. Ihnen schien egal, ob ich es wollte oder nicht. Wir wurden vom königlichen Haus eingeladen. Punkt. Aus. Ende.
"Lyla, du wirst mit uns auf den Ball gehen, hast du das verstanden?", ordnete Vater streng an, als er sich erhob und den Becher ausspülte. "Wir haben eine persönliche Einladung bekommen, der wir Folge zu leisten haben. Da nimmt niemand Rücksicht darauf, was ein einziges Mädchen will oder nicht will. Sie wird erscheinen und zwar ohne Widerworte!" Sein Kopf fuhr zu mir herum und ich erkannte in seinem Blick, dass er es ernst meinte. Zur Not würde er mich auch dorthin mitschleifen und in den Saal zerren - das las ich sofort aus seiner Miene heraus.
Normalerweise fügte ich mich niemanden. Ich war ein Sturkopf und wollte immer meinen Willen durchsetzen. Schon seit meiner Geburt. Mutter sagte ich wollte unbedingt schon ein paar Wochen eher das Licht der Welt erblicken. Aber wenn Vater etwas sagte, dann musste ich gehorchen. So gehörte es sich nämlich für ein guterzogenes Mädchen.
Also nickte ich brav und schluckte den aufkommenden Ärger einfach hinunter.
Im Endeffekt wurde der Tag eine Qual für mich. Ich durfte für meinen Ungehorsam Olivias Arbeit gleich mit erledigen, was so viel hieß, Kleider waschen und aufhängen, Schuhe lackieren, die Tiere versorgen und Mutter beim Kochen helfen. Natürlich nicht zu vergessen meine eigene Arbeit, den Stall auszumisten, die Holzdielen im Flur zu reparieren, Rüben waschen und Badewasser erhitzen.
Während ich völlig abgearbeitet in der Wanne saß und es genoss, wie das Wasser mein Haut zum Schrumpeln brachte, hörte ich Mutter und Olivia nebenan aufgeregt reden. Sicherlich steckte Letztere schon in ihrem Ballkleid.
Ein wenig neugierig war ich schon. Jedenfalls trugen wir so eine Kleidung auch nicht jeden Tag und ein Fest zu besuchen gehörte auch nicht auf die Lister der Dinge, die ich besonders häufig tat.
Nachdem das Wasser langsam abkühlte und ich es nicht mehr ertragen konnte, die Wanne als sauber anzusehen, nachdem die ganze Familie drin gesessen hatte, erhob ich mich und schlang mir ein Tuch um den Körper.
Dann machte ich mich mit schnellen Schritten auf den Weg zu meiner Schwester, die in diesem Moment ganz begeistert schrie:" Es ist wie ein wahrgewordener Traum!"
Das musste ich mir natürlich erst einmal anschauen.
Und tatsächlich! Mir blieb die Spucke weg, als ich sie vorm Spiegel stehen sah. "Wow", machte ich leise, ehe sie sich herumdrehte und mich anstrahlte. Meine Schwester war wunderschön und völlig verändert.
Das Kleid lag eng an ihrem - doch eher mageren, als schlanken - Körper an und versuchte durch kleine Akzente, wie Spitze und einem Band in der Taille, die schönen Seiten an ihr hervorzubringen. Und das mit Erfolg.
Sie sah aus wie eine wahren Märchenprinzessin - so würde sie ihren Traumprinzen bestimmt für sich gewinnen.
Mutter erhob sich von einem Hocker und lächelte voller Stolz. Für einen kurzen Moment konnte ich sogar Tränen in ihren Augen glitzern sehen.
Heute war wirklich ein merkwürdiger Tag, dachte ich und schüttelte schmunzelnd den Kopf.
"Dein Kleid, Lyla", sagte Mutter, während sie mir den grünen Stoff reichte. "Ich hoffe, es wird dir gefallen - trotz deiner Abneigung" Ich verdrehte die Augen und lachte. Sicherlich würde es mir gefallen, auch wenn ich es niemals laut aussprechen würde.
Und dann staunten wir drei nicht schlecht, als ich das Zimmer betrat und mich vor den Spiegel stellte, um mich genauer zu betrachten.
Mir begegneten zwei vertraute grüne Augen und doch starrte mir eine Fremde entgegen.
Es war eine junge, wunderschöne Frau, die in einen Traum aus moosgrünen Stofflagen gehüllt dastand und sich einfach nur betrachtete. Sie ließ ihren Blick über die langen Ärmel ihres Kleides wandern, die ihr wie angegossen passten, weiterführend blickte sie ihre Brust hinab, entdeckte die schönen Seiten ihres Körpers, wie das Kleid sie betonte...
Und dann lachte sie. Ein Lachen ganz hysterisch und vollkommen verrückt.
"Oh mein Gott!", kam es von mir und ich konnte es nicht fassen, dass ich dies junge Frau war.
Meine Schwester lächelte. "Du siehst so wunderschön aus", schwärmte sie, während ihr Blick mich von oben nach unten musterte.
Um Mutter war es dann doch geschehen. Sie brach in Tränen aus und presste uns an sich. Unfähig überhaupt noch irgendetwas am heutigen Tage zu verstehen, erwiderte ich die Umarmung und presste die beiden einen Moment lang an mich. Als Mutter sich dann von uns löste und sich die Tränen aus dem Gesicht strich, griff sie nach unseren Händen und meinte ehrlich:" Ich bin so unendlich stolz auf euch. Ihr seid bezaubernd"
Zaghaft lächelte ich, drückte ihre Hand und bemerkte dann erst, wie erschöpft sie war. "Mutter", begann ich, " nun ruh dich noch ein wenig aus, sonst bist du nachher noch ganz erschöpft" Mit diesen Worten schob ich sie sanft in Richtung Elternstube, um ihr die Eindringlichkeit meines Rats zu verdeutlichen.
Mit leichten Widerwillen gab sie schlussendlich nach und legte sich noch eine Weile hin, während ich begann meiner kleinen Schwester das blonde Haar zu kämmen und zu frisieren. Sie sollte heute Abend einfach nur zauberhaft aussehen.
Das war ich ihr schuldig, denn mich konnte man als vieles betiteln, doch niemals als die beste Schwester der Welt. Klar, ich sorgte für meine Kleine und meist übernahm ich gleich mehrere ihrer Aufgaben, an Tagen, an denen es ihr nicht gut ging, doch ich schenkte ihr reichlich wenig Liebe und Zuneigung in letzter Zeit.
Vielleicht lag es daran, dass ich selbst kaum ein Mädchen voller Liebe war und der einzige Mann, der mich je dazu gebracht hatte, mich selbst zu lieben und ihn gleich mit, nun verschwunden war. In einem anderen Königreich. Mindestens einen Tagesritt von mir entfernt.
Oh Jason, dachte ich traurig, du fehlst mir so...
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