Überraschung

Lyla

Als die ersten Sonnenstrahlen sich durch meine Vorhänge schienen, erwachte ich ganz von allein. Die Nacht war nicht unbedingt erholsam gewesen, da mein Kopf randvoll mit Dingen war, die ich bis zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht verarbeitet hatte. Stöhnend rieb ich mir die Augen, erhob mich und lief zum Fenster, um die Vorhänge beiseite zu ziehen. Dann sah ich hinaus und  ein Lächeln schlich sich auf meine Lippe.

Wiesen, Felder, Wälder- einfach alles blühte in diesem wunderschönen Grünton. Ebenso erblühten die zahlreichen Blumen in ihrer schönsten Pracht. Ich entdeckte die rosaroten Rosen in den Gärten, die bunten Tulpen in den Beeten und die schönen Sonnenblumen, die sich dem Himmel entgegenstreckten. Einfach wunderschön.

Einen Moment lang verschwand jeglicher Kummer und alle Sorgen lösten sich in Luft auf., während ich das Fenster öffnete und die frische Luft in mir aufnahm. Es fühlte sich herrlich an. So rein und unbeschwert.

Doch dieser Moment währte nicht lange, denn kaum eine Sekunde später ertönte ein zaghaftes Klopfen an meiner Tür und meine Zofe trat ein.

"Guten Morgen, Mylady. Habt Ihr gut geschlafen?", fragte sie ein wenig überrascht, da ich nicht wie gewohnt in meinem Bett lag.

Am liebsten hätte ich ihr erzählt wie furchtbar meine Nacht gewesen war, doch ich wollte Zayda nicht mit meinen Sorgen belasten. Zumal ich ihr immer noch vorspielte, eine andere zu sein. So konnte ich schlecht beichten, dass der König von Bredinia mich suchte und ich nur hier untergekommen war, weil ich gehofft hatte, eine Zukunft mit Jason zu haben, der doch schon so gut wie verheiratet war.

"Oh ja, ich habe geschlafen wie eine Göttin und du?", strahlte ich sie mit einem falschen Lächeln an. Es viel mir von Tag zu Tag leichter, den Leuten etwas vorzulügen, auch wenn meine Schuldgefühle zu Anfang sehr groß gewesen waren. Nun machte es mir kaum noch zu schaffen, was mich zum einen unheimlich erleichterte und zum anderen zunehmend beunruhigte.

Zayda lächelte, während sie mein Kopfkissen ausschüttelten und die Laken glatt strich. "Das habe ich tatsächlich. Ich hatte einen so schönen Traum." Ablenkung würde mir guttun. "Erzähl mir davon", meinte ich leicht fordernd, nahm auf meinem Sofa platz und deutete ihr an, sich ebenfalls zu setzen.

"Aber nein...", begann sie zaghaft, während ihr die Hitze in die Wangen stieg.
Ich begann zu grinsen. "Nicht so schüchtern, du weißt doch, du kannst mir alles sagen!" Und nun nickte das Mädchen zustimmend, nahm neben mir platz und begann mir von ihrem Traum als Königin von Zeelam, einem Elfenreich, zu erzählen.

Gedankenverloren versuchte ich ihr so gut es ging zu folgen.

Nachdem Zayda mir beim Waschen, Ankleiden und Färben meiner Haare geholfen hatte, machte ich mich auf den Weg in den Speisesaal, um zu frühstücken. 

Danach würde ich Jason aufsuchen, um ihn nach einem Ausritt zu fragen. Der Tag war einfach zu schön, um ihn im Schloss zu verbringen. Zudem würde mir ein Ausritt durchaus guttun. Das Gefühl auf einem Pferderücken zu sitzen und den Wind in meinen Haaren zu spüren, durfte ich lange nicht mehr genießen. Mystery musste schon verärgert sein, dass ich mir kaum für ihn Zeit nahm.

Im Speisesaal nahm ich am schon reich gedeckten Tisch platz und nahm zuerst einen Schluck Tee, den mir ein Bediensteter aufgegossen hatte. Es war eine Kräutermischung. Wirklich sehr lecker. 

"Wird der Herzog mich mit seiner Anwesenheit noch beehren?", fragte ich einen Diener höflich, als er eine Krug Milch auf den Tisch stellte. "Verzeiht, Mylady", entgegnete er genauso höflich. "Der Herzog lässt sich entschuldigen" Ich nickte zum Verständnis und machte mich ohne Jason dran, etwas zu essen. 

Nach dem ausgiebigen Frühstück suchte ich das halbe Schloss nach ihm ab, befragte seine engsten Vertrauten und folgte deren Informationen. Jedoch war Jason nicht aufzufinden, weder im Speisesaal, noch in seinem Gemach oder an seinem Schreibtisch. Etwas verzweifelt trat ich hinaus ins Freie und ging zum Stall hinüber.

Ich erkannte Duke bei den Pferden, er war gerade dabei Mystery zu satteln und hinter ihm ein Stallburschen mit einer Karre voll Heu, welches er in den Stall brachte.

"Guten Tag, Duke.", begrüßte ich ihn freundlich und strich beim Näherkommen über Mysterys schwarzes Fell. Er drehte seinen Kopf zu mir, stieß mich an und prustete leise. "Na, mein Schöner", sagte ich leise und streichelte sein Gesicht.

"Er mag Euch, Mylady", bemerkte Duke und grinste mich über den Pferderücken an. "Kann sein", erwiderte ich mit ein klein wenig Stolz in der Stimme.

"Duke, habt Ihr zufällig Jason gesehen?" Bevor er antwortete, schlangen sich zwei Arme von hinten um meine Taille und wirbelten mich herum. Ich quietschte auf.
"Jason!", lachte ich laut und verspürte einen leichten Schwindel, als er mich absetzte. Als meine Sicht langsam wieder schärfer wurde, lächelte ich ihn an.

Er sah heute gut aus. Die braunen, dichten Haare, waren etwas zerzaust  und einige Strähnen vielen ihm ins Gesicht. Auf seinen Lippen trug er ein breites Lächeln, was seine schönen Zähne zum Vorschein brachte.  Seine Kleidung war wie immer vornehm und sauber, doch heute sah er nicht aus wie ein Herzog. Es fehlte der viele Schmuck an Hand, Arm und Hals und auch der Stoff seiner Kleidung war einfach und zeitlos.

"Mylady", begann er, nahm meine Hand, küsste sie und verbeugte sich leicht "Läge es in Eurem Interesse mich zu einem Ausritt an diesem wundervollen Tage zu begleiten?" Mein Grinsen wurde breiter. "Aber ja, Mylord, das würde mir gefallen"

Nach dem Mystery und Beauty gezäumt und gesattelt waren, half Jason mir beim Aufsteigen. Er schien heute sehr gut drauf zu sein und knüpfte an sein verhalten vom gestrigen Abend an.

Wir jagten die Tiere voran, machten aus einem gemütlichen Ritt ein Wettrennen und lachten zusammen ganz frei von allem. Ich fühlte mich so wohl, wie lange nicht mehr. In Rumina war er nicht der Jason von früher, sondern ein Herrscher.

Und Herrscher mussten nun mal stark, unabhängig und mutig sein. Jason hatte sich nicht nur um sich selbst zu kümmern, sondern auch um sein Volk, ebenso wie Matthew. Vor ein paar Tagen war mir zu Ohren gekommen, dass vielleicht ein Krieg vor uns läge, da es in Sola und Mulina zunehmend kriselte. Jason war Tagelang daran beteiligt mit dem Rat und Abgeordneten Friedensabkommen und Kompromisse zu schließen. In solch Zeiten war es schwerer fröhlich und heiter zu bleiben.

Nach einiger Zeit kamen wir an einer Lichtung an, durch die ein kleiner Fluss seinen Weg ins Tal fand. Es erinnerte mich an den Fluss in meiner Heimat, in dem Olivia und ich damals immer baden gegangen sind. Um uns herum Büsche und Bäume, die der Lichtung einen gewissen Charme verliehen. 

Jason hielt an und stieg von seinem Pferd.

"Was hast du vor?", fragte ich ihn stirnrunzelnd und brachte auch Mystery zum Stehen. "Los komm", forderte er mich auf, band Beauty an einen Ast und lief zum Flussufer.

Ich lächelte, stieg ab und band Mystery zu Beauty. Im Schatten der Bäume erkannte ich das auch unsere Begleitwachen in diskreter Nähe Halt machten. Danach folgte ich Jason. Er breitete eine Decke auf dem Boden aus und holte einen Korb hervor, in dem ich ein Picknick vermutete.

Ich ließ mich überrascht neben ihm nieder und lächelte. Der Ort war perfekt. Die Vögel um uns herum zwitscherten und das Rauschen des Flusses beruhigte meine Nerven.

"Gefällt es dir?" Jason lächelte mich von der Seite an und Strich mir eine widerspenstige Strähne aus dem Gesicht.  "Ja sehr" Es war ehrlich gemeint. Zeit mit ihm zu verbringen, außerhalb des Schlosses, kam nicht allzu häufig vor. Da schien mir so ein Ausflug an der frischen Luft gerade recht zu sein.

Vor allem, da die Wachen uns nicht mehr im Blick hatten. Zwar rasteten sie in der Nähe, doch wir blieben im Gestrüpp unentdeckt.

Endlich ein paar Augenblicke unentdeckt. Die wussten wir auch nur allzu gut zu nuten. Unsere Gesichter kamen sich näher und ich konnte es kaum erwarten, seine Lippen auf den meinen zu spüren. Und als dem endlich so war, wollte ich, dass es nie wieder aufhörte.

Seine Lippen lagen sanft auf den meinen, während er mich an sich zog und mit den Händen meinen Körper erkundete. Ich tat es ihm gleich und seufzte, als ich nicht genug davon bekam. Es wurde langsam übermächtig, denn das Verlangen regierte kaum zwei Sekunden nach der Berührung unserer Lippen meinen Körper.

"So schön", murmelte Jason, ehe er sich von mir löste und mich wieder atmen ließ. Verlegen rutschte ich zurück auf meine Seite, ergriff nach einem Wasserbeutel und nahm einen großen Schluck. Es war mir immer noch ein wenig peinlich, mein Verlangen zum Ausdruck zu bringen, obwohl es doch ganz normal zu sein schien. Männer taten dies andauernd.

"Verzeih mir, dass ich es unterbreche, Lyla", meinte Jason entschuldigend, als er meinen Stimmungswechsel bemerkt. "Aber wir sind hier draußen nicht allein" Er deutete mit den Kopf auf eine Stelle hinter mich. Ohne mich umzudrehen, wusste ich, dass die Wachen näher gekommen sein mussten.

Ich nickte verständnisvoll, wenn auch ein wenig enttäuscht.

"Schon gut", beschwichtigte ich ihn und biss in ein Törtchen, was er mir reichte. "Aber du fehlst mir so. Ständig stehen wir unter Beobachtung. Und als deine Cousine kann ich dir einfach nicht so nahe sein, wie ich es gerne würde..." Gedankenverloren starrte ich auf das Wasser des Flusses und wünschte mir, einfach hinein zugehen und mich dort hin treiben zu lassen, wo der Fluss im Meer mündete.

Jason seufzte neben mir. "Mir geht es ebenso, Lyla. Seit du zurück bist, muss ich ständig an dich denken. Und ich möchte Zeit mit dir verbringen, aber es ist nun nicht mehr so einfach wie früher" Leider hatte er vollkommen recht. Damals war alles ganz anders gewesen, so viel leichter und unbeschwerter, wenn auch zurückhaltender.

Mit einem traurigen Lächeln auf den Lippen, drehte ich mich zu ihm herum und betrachtete ihn ausgiebig, während ich ihm durch das Haar und über seine Wange strich.

"Ich liebe dich, Jason", gab ich leise zu und nahm seine Hand, während ich darauf wartete, dass er etwas erwiderte. 

Ehe er jedoch etwas sagen konnte, ertönte ein lauter Schrei hinter uns.

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