Rumina
Lyla
In den frühen Morgenstunden erreichten wir nach einem langen Ritt endlich Rumina. Mystery schnaufte erschöpft und auch mein Gemütszustand schwand von Minute zu Minute. Ich war vollkommen erschöpft und fühlte mich ausgelaugt, so als wäre ich das Pferd und nicht der Reiter.
Doch eine Verschnaufspause hatten wir uns nicht leisten können. Es schien mir zu waghalsig zu sein, es zu riskieren von Wachen entdeckt zu werden, sollte Matthew tatsächlich nach mir suchen lassen.
Aber ich hielt nicht lange an dem Gedanken fest, dass er meine Abwesenheit überhaupt schon bemerkt hatte. Schließlich hatte er gute Gesellschaft und zig Dinge im Kopf. Da kam ich sicher nicht als erster Gedanke in den Sinn.
Leider war es bei mir umgekehrt. Die ganze Nacht war er in meinem Kopf gewesen. Ich konnte den Gedanken an ihn einfach nicht beiseite schieben - ebenso wenig wie das Bild, welches sich mir ständig bot: Lady Julia und er. Eng umschlugen am See.
Mir wurde übel.
Wie hatte ich nur daran festhalten können, dass er die Wahrheit bezüglich Julia gesagt hatte? Warum bloß war ich so eine Närrin?
Nun war es gleich, was ich geglaubt hatte. Ich war weit fort von Matthew und würde ihn wahrscheinlich auch nicht so schnell wiedersehen.
Ein Glück.
Als ich ein kleines Waldrändchen an einem See entdeckte, ließ ich Mystery zum Stehen kommen, sprang von seinem Rücken und führte den prachtvollen Hengst zum Wasser.
Wir brauchten unbedingt ein Pause. Dieser verlassene Ort schien mir dafür mehr als nur angebracht. Es war keine Menschenseele weit und breit zu entdecken. Nur einige wenige Häuser in weiter Ferne erschienen in der Morgendämmerung. Mystery schnaufte zufrieden, als er endlich etwas Wasser bekam. Entschuldigend tätschelte ich ihm seinen Hals und sagte leise:" Tut mir leid, aber wir konnten nicht eher Rast machen" Als Antwort prustete er verständlich und ein schwaches Lächeln erhellte mein Gesicht. Dieses Tier war einfach unvergleichlich.
Ich konnte gut nachvollziehen, dass Matthew ihn ausgesucht hatte: Diese Schönheit und Stärke. Anmut, Wildheit und Loyalität vereint.
Ein wahres Prachtstück. Ohne ihn würde ich mir sehr verloren vorkommen.
Die Reise hatte so abrupt begonnen, dass ich mir nicht sicher war, ob ich es alleine geschafft hätte. Es gefiel mir jemand bei mir zu haben, der mir das Gefühl gab, nicht allein zu sein.
Denn die letzten Wochen war ich nie allein gewesen. Ständig hatte mich jemand begleitet, ganz gleich ob es Lady Jean war oder Miranda, Matthews Schwester oder aber auch er selbst. Wir hatten in letzter Zeit viel miteinander erlebt und ich hatte mich in ihn verliebt.
Und zwar unwiderruflich. Aber das war nun vorbei. Meine Gefühle für ihn spielten keine Rolle mehr. Das einzige was zählte war meine Zukunft.
Mystery prustete fordernd und riss mich aus meinen trüben Gedanken. Dann drehte ich mich zu ihm um, um zu sehen was er wollte. Er deutete mit seinem Kopf auf dem Sattel und ich verstand ihn ohne ein Wort. Er wollte dass ich ihm den Sattel abnahm. Daraufhin schmunzelte ich und tat ihm den Gefallen. Nachdem ich den Sattel ins Gras neben uns fallen ließ, streckte sich der Hengst und legte sich in die Wiese. Ich tat es ihm gleich und lehnte mich erschöpft gegen ihn gegen seinen warmen Körper. Noch ein letztes prusten und ich versank im Land der Träume.
Ich erwachte erst als ich spürte, wie mich jemand anstieß.
"Na sieh mal einer an. Wen haben wir denn da?", sagte eine tiefe Männerstimme amüsiert.
Innerlich schrak ich auf und hoffte, dass sie mich nicht gefunden hatten. Somit ließ ich vorerst meine Augen geschlossen und rührte mich nicht, in der Hoffnung, es sein nur irgendein Dorfbewohner, der sich fragte, weshalb ich hier rumlungerte.
Ich vernahm schwere Schritte gefolgt von einem Wiehern. Waren es die Wachen? Hatte Matthew mich schon gefunden?
Erst jetzt bemerkte ich, dass mein Pferd nicht mehr hinter mir lag und biss mir verstohlen auf die Zunge. So ein Mist, sah so etwa mein Ende aus?
"Duke, sie ist aus Bredinia. Das Wappen ist auf der Satteldecke eingestickt", rief eine weiterer Mann aus einiger Entfernung.
Nun öffnete ich doch meine Augen und blickte einem jungen Mann direkt in sein Gesicht.
"Wohin des Weges, Mylady?",fragte er breit grinsend und reichte mir seine Hand.
Ich nahm sie unschlüssig, was ich jetzt tun sollte, entgegen und ließ mich von ihm hochziehen.
Dann sah ich an ihm vorbei und entdeckte einen anderen Mann, der Mystery am Halfter hielt.
Er hatte blondes Haar, was sich beinahe so kringelte, wie die kleinen Andeutungen von Matthews Locken. Doch nur beinahe.
Die beiden trugen Kampfkleidung und das Wappen von Rumina auf der Brust. Also waren es nicht Matthews Leute. Für den Moment seufzte ich erleichtert auf.
Doch nur für den Moment. Ich konnte nicht erahnen, welche Absichten diese Männer mit mir verfolgten oder zu was sie im Stande waren zu tun.
"Wie ist dein Name?", fragte der Mann, der meines Wissens den Namen Duke trug. Er sah mich mit zusammengezogenen Brauen an und musterte mich eindringlich. Dabei knabberte er an seiner Unterlippe und ich wollte mich am liebsten aus dem Staub machen. Er hatte einen stoppeligen Bart, der noch nicht an allen Stellen gewachsen war, weshalb ich darauf tippte, dass er noch jünger war. Älter als ich auf alle Male.
"Ich bin Ly...äh Mary", stotterte ich.
Im letzten Moment fiel mir ein, dass es besser war, wenn sie meinen Namen nicht kannten, denn wenn Matthew auch hier nach mir suchen würde, könnte er mich vielleicht schneller finden.
Er lächelte immer noch und ließ endlich meine Hand los. Er verwirrte mich. Weshalb war er so belustigt? Hatte ich etwa Dreck im Gesicht, oder war einer meiner Kleider verzogen. Hektisch sah ich an mir herunter und musste zu meinem Glück feststellen, dass alles an Ort und Stelle saß. " Mein Name ist Duke und das ist Aiden. Du kommst aus Bredinia, nicht wahr?"
Ich nickte und strich über meine schwarze Lederhose, bis mir auffiel, warum er mich so musterte. Ich trug Hosen. Eine Frau trug in diesem Zeitalter keine Hosen.
Doch es gab Wichtigeres über das ich mir Gedanken machen sollte.
Denn was würde jetzt mit mir geschehen?
"Aus welchen Grund bist du in Rumina? ", fragte Aiden von hinten.
"Ich hatte vor meinen Cousin zu besuchen.", log ich erneut und strich mir nun selbstsicher eine Haarsträhne hinter mein Ohr. Man musste stets selbstbewusst auftreten, um seine Rolle glaubwürdig darzustellen, so hatte es mich die alte Köningin gelehrt.
Lasse sie niemals in dein wahres Selbst blicken.
"Und wie lautet der Name deines Cousins?- Vielleicht ist er uns bekannt"
Aiden kratzte sich am Kopf und kam mit dem Pferd ein Stück näher.
"Herzog Jason"
Überraschung spiegelte sich in ihren Gesichtern wieder und Duke klappte die Kinnlade herunter. "Mir war gar nicht bekannt, dass der Herzog Verwandtschaft aus dem feindlichen Bredinia hat", gab Aiden erstaunt von sich und sah Duke fragend an. Dieser zuckte ebenfalls unwissend mit den Schultern.
Momentmal verfeindet? Sie waren verfeindet? Seit wann das denn? Ich hob fragend eine Augenbraue.
"Unter welchen Vorbehalt sind die Länder denn verfeindet?", fragte ich überrascht. Hatte ich etwa was verpasst? Ich hatte immer angenommen, wir seien Verbündete.
Lautes Lachen ertönte von den beiden Männern und ich verstand so langsam nicht mehr, was vor sich ging. Hatte ich in den Monaten, in denen ich abgeschottet im Schloss unterrichtet wurde, etwa einen Krieg verpasst? Das konnte nicht sein. Ich war schließlich am Stützpunkt unterwegs gewesen und hätte es bemerkt, wenn Truppen das Schloss verlassen hätten.
"Ursprünglich hieß es, es gab Verhandlungsschwierigkeiten, was das Bauholz betrifft. Doch wir tippen immer nochdarauf, dass es um eine Frau ging, nicht wahr?", er lachte laut auf.
Ich biss mir auf die Zunge, ehe ich etwas Unpassendes erwidern konnte. Das war doch nicht deren Ernst? Ich nahm immer an, Könige, Herzöge und alle andere Adeligen seien klüger, als das einfache Volk. Zumindest wurde es immer behauptet - und stellte sich nun natürlich als großer Irrtum heraus. Waren sie wirklich so naiv und dumm, sich gegeneinander zu stellen wegen mir? Ich schüttelte fassungslos den Kopf. Sie waren wie kleine Kinder, die sich um eine Puppe stritten - in dem Fall war ich die Puppe und Jason und Matthew die Kinder.
"Ich muss dringend mit meinem Cousin sprechen. Könnt ihr mich dorthin begleiten?", fragte ich mit einem freundlichen Lächeln.
Die beiden Männer nickten mir zu und Aiden grinste. "Dann werden wir mal sehen, ob du uns auch nicht belogen hast" Ich schluckte. Genau genommen hatte ich sie belogen, doch würde Jason mich erkennen, so konnten sie mir nichts mehr.
Somit sattelte er mein Pferd, half mir rauf und warf seinem Freund meine Tasche zu.
Manchmal gab es auch Vorteile ein Frau zu sein, denn mit einem einfachen Lächeln oder einem anzüglichen Gespräch, konnte man Männer dazu bringen, dir jeden Wunsch zu erfüllen.
Gemeinsam liefen wir einen Weg entlang, der uns geradewegs zum Schloss führen sollte und kamen dabei durch ein Dorf, welches mich stark an meines erinnerte. Ich schluckte bei der Vorstellung daran, dass meine Eltern bald erfahren würden, dass ihre Tochter davon gelaufen war.
Sie würden sich große Sorgen machen. Aber im Moment verdrängte ich diese Gedanken, denn um meinen Plan ausführen zu können, musste mir noch einiges mehr einfallen, als die Sache mit der Verwandtschaft zwischen mir und Jason und einem neuen Namen.
Nach ein paar Stunden, sahen wir endlich das Schloss am Horizont. Und je näher wir kamen, umso nervöser wurde ich.
Von außen war das Schloss sehr ansehnlich und von beachtlicher Größe, dennoch war es nicht so prachtvoll und groß ,wie das von Matthew. Es war mir recht gleich. Die Hauptsache war nur, dass ich nicht auffiel und Jason mir Schutz bieten würde.
Allmählich erreichten wir das Eingangstor des Schlosses, welches von einer Handvoll Männern bewacht wurde. Ich wunderte mich, dass es nicht mehr waren, denn bei einem Angriff, würden sie nicht viel ausrichten können.
"Guten Tag, Aiden. Welch hübsches Mädchen hast du dir denn da ausgesucht?
Eine Dirne ?", lachte der Eine mit einem ergöttzenden Blick auf mich.
Wie sprach er denn über mich? Sah ich etwa aus, wie eine Dirne? Meine Brust war bedeckt, meine Haare geflochten und mein Mantel zugebunden. Weder war ich freizügig noch anzüglich gekleidet.
Bevor die Wachen an meiner Seite etwas erwidern könnten, sagte ich laut:" Wenn Ihr es wagt, noch einmal so über mich zu sprechen, dann wird der Herzog keine Gnade über euch ergehen lassen."
Nicht schlecht! Die Königin wäre stolz auf mich gewesen, wenn sie mich so sprechen gehört hätte. Wie eine echte Königin! Mich überzog eine Gänsehaut bei dem Gedanken, schließlich wollte ich genau dies nicht werden...
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