Matthew

Lyla

"Du bist dann wohl Lylas reizende Schwester Olivia?", fragte Matthew charmant und betrachtete meine Schwester ausgiebig. Sein spitzbübisches Grinsen entging mir dabei nicht.

Dem würde das Lachen noch vergehen, dachte ich und lächelte breit, um zu beweisen, dass ich mich durchaus benehmen konnte.

Liv, die Verräterin kicherte dann auch noch und knickste leicht, ehe sie erwiderte: "Ja, die bin ich. Ihr könnt mich aber auch Liv nennen" Matthews Lächeln wurde breiter. "Sehr gern"

Ganz sicher war ich mir nicht gerade, aber es kam mir so vor als machte Matthew meiner kleinen Schwester schöne Augen. Das machte mich beinahe rasend. Sollte er sie doch zu seiner Auserwählten machen, wenn sie ihm so gut gefiel.

Dann räusperte er sich und blickte auffordernd zu dem braunhaarigen Mädchen neben sich, welches bis zu diesem Zeitpunkt noch kein Wort von sich gegeben hatte.

"Mein Name ist Miranda", erklang ihre Stimme sanft. "Ich bin die Schwester von Matthew" Ihr Tonfall klang höflich, nicht herablassend oder gar unfreundlich. Schließlich musste sie doch auch stark an dem Urteilsvermögen ihres Bruders zweifeln, wenn er ein Mädchen wie mich hierher zitierte. 

Ungemein freundlich lächelte ich sie an und merkte erst dann, wie schüchtern sie doch war. Zunächst erwiderte sie meinen Blick nur zaghaft, ehe sie dann zurück lächelte. Und ich musste zugeben, dass sie wunderschön aussah, wenn sie lächelte. Vor allem, wenn ihre blauen Augen dabei zu strahlen begannen.

"Es ist schön, Euch kennenzulernen", entgegnete Olivia wohlerzogen und strich sich eine, ihrer blonden Haarsträhnen hinters Ohr.

"Oh, lassen wir doch diese schrecklichen Höflichkeiten sein", klagte Matthew lachend. "Ich habe es wirklich satt" Das verstand ich nur allzu gut. Mir gingen diese ganzen Benimmregeln gehörig auf die Nerven.

"Das kann ich nachvollziehen", plapperte Liv aufgeregt. "Wie ist es denn so, ein König zu sein? Hast du viele Aufgaben als König? - Oh ja natürlich, was rede ich denn da. Aber sitzt du wirklich auf so einem gigantischen Thron den ganzen Tag und..." Sie hörte gar nicht mehr auf, Matthew mit ihren Fragen zu löchern. Erst als ich sie ermahnte, hielt sie den Mund und schaute beschämt zu Boden.

Zum Glück nahm Matthew es nicht allzu ernst. Er lachte schon wieder und ich konnte nicht anders, als ihn zu bewundern. Sein Vater war vor wenigen Wochen gestorben, er war nur der König und es gab jede Menge Verpflichtungen, denen er nun nachkommen musste und dennoch saß er hier und lachte. Er schien ein sehr unkomplizierter und freudiger Mensch zu sein.

Ganz anders als sein Vater, dachte ich zufrieden und musste mich selbst schon ermahnen, nicht so von ihm zu schwärmen. Eigentlich wollte ich ihm die Idee, mich hier zu behalten, doch ganz geschickt ausreden.

"Würde es euch gefallen, wenn meine Schwester und ich euch ein wenig herumführen?", fragte er an uns beide gewandt und fügte für Liv hinzu:" Dann werde ich dir ein paar deiner Fragen beantworten können" Er zwinkerte ihr zu und ich sah meine Schwester leicht erröten.

Das war ja kaum zu fassen!

Ich räusperte mich aufmerksam. "Das klingt nach einer hervorragenden Idee!"

Matthew erhob sich als erstes, reichte mir danach galant eine Hand, die ich ein wenig überfordert, aber dankend annahm und mich dann ebenfalls erhob. Daraufhin schenkte er mir ein Lächeln, welches mir den Boden unter den Füßen wegziehen zu drohte.

Oh Gott, wie konnte er nur so charmant sein...

Und dann führten Matthew und Miranda uns durch das Schloss. Dabei kamen Olivia und ich gar nicht mehr heraus aus dem Staunen. Es war riesig und übertraf alles, was ich bisher gesehen hatte. Lange Flure, hunderte Möglichkeiten zu verschwinden, Abzweigungen, in denen man sich lieber nicht verirren sollte und Türen, so viele, dass ich sie nicht zählen konnte.

Es gab mindestens drei Tanzsäle, Speisezimmer und Aufenthaltsräume in Massen, Musikzimmer, Arbeitszimmer, Besprechungsräume und vieles mehr.

Wenn ich hier eines Tages wirklich leben würde, dann würde ich mich ohne Begleitung hoffnungslos verlaufen. Doch überall wo man hinsah, waren Wachen postiert. Vor allem auf den Hauptwegen des Schlosses und vor jedem Saal.

Die Wände schmückten allerlei Teppiche, Fahnen, Fackelhalter und andere Verzierungen, an denen ich mich nie satt sehen würde. Es war alles so eindrucksvoll und wunderschön.

So hätte ich es mir in meinen kühnsten Träumen nicht vorgestellt.

"Du scheinst beeindruckt", bemerkte Matthew neben mir, als wir die Gemälde der Familien betrachteten. Jeder Pinselstrich wurde fein säuberlich ausgeführt, sodass die Kunstwerke in vollem Glanz erstrahlten. Auf einem erkannte ich tatsächlich Matthew, Miranda und ihre Eltern.

Es sah grandios aus.

"Vielleicht bin ich das ja auch", erwiderte ich mit einem herausfordernden Lächeln und sah zu ihm auf. Das stellte sich als großer Fehler heraus. Diese Anziehung, die ich eines Nachts auf der Bank draußen im Garten gespürt hatte, machte sich erneut zwischen uns breit.

Seine blauen Augen blitzen voller freudiger Erregung und seine vollen Lippen verzogen sich zu einem Lächeln. Benommen musterte ich auch den Rest von ihm. Seine blondes, lockigen Haare schienen kürzer zu sein, als noch bei unserer letzten Begegnung und auch sein leichter Bart wurde frisch rasiert. Es stand ihm wirklich gut. Und die Kleidung die er trug, schmeichelte seiner kräftigen Figur.

Dann sah ich wieder in seine Augen und versuchte mich vor seinem intensiven Blick zu schützen - jedoch ohne Erfolg.

"Du bist so wunderschön", flüsterte er und strich mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Verlegen senkte ich einen Moment lang den Blick, ehe ich ihn wieder entgegen sah und herausfordernd fragte:" Und wie vielen Frauen hast du dieses Kompliment schon vor mir gemacht?" Kopfschüttelnd und mit einem kurzen Lachen führte er mich zurück zu Miranda und Olivia, die schon weiter gegangen waren.

"Du bist unglaublich", murmelte er noch, ehe wir die zwei erreichten.

Nach der ausgiebigen Führung durch das Schloss erreichten wir wieder den Saal, in dem meine Eltern immer noch am Tisch saßen und in eine Unterhaltung mit Matthews Mutter Lavinia vertieft waren.

Anstatt sich davor drücken zu können, wurden wir jedoch in die Unterhaltung mit einbezogen  und mir wurde Nahe gelegt, wie mein zukünftiges Leben aufgebaut sein würde.

Alles bekam ich nicht mit, aber die wichtigsten Dinge konnte ich mir schon noch merken: Es ging darum, dass wir in einen niedrigen Adelsstand erhoben werden würden, sodass ein Hochzeit zwischen mir und Matthew  zu Stande kommen könnte, wenn es unser beider Wusch war. Dazu bekam meine Familie Land geschenkt und Arbeiter würden ihnen zur Bewirtschaftung bereit gestellt werden. Zudem würde der Hof neu errichtet werden, wir werden mit allem Notwendigen versorgt und Mutter musste nicht mehr in der Schneiderei arbeiten, sondern sollte ab nun den Haushalt führen mit einigen Bediensteten.

Dies war noch der Teil, der mir am besten gefiel. Als jedoch die Sprache auf mich zukommen kam, änderte sich meiner Stimmung merklich.

Auf mich würden Wochen und Monate zukommen, in denen ich lernen sollte, mich wie eine Adelige zu benehmen, zu gehen und zu speisen. Die Art, auf die ich es jetzt tat, kam nicht annähernd infrage. Dafür würde ich Hilfe erhalten von einigen Anstandsdamen, Miranda und einem Hausmädchen.

Natürlich würde ich im Schloss untergebracht werden, um mich an meine Umgebung zu gewöhnen. Zudem musste ich sämtliche Dinge unter Verschluss halten, solange ich nicht das Ansehen einer Lady hatte, sollte niemand davon erfahren, dass ich in Betracht gezogen worden werde, die künftige Königin von Bredinia zu werden.

Das klang aber auch wirklich absurd.


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