Onyx
Es gibt Dinge die jeder Mensch automatisch tut. Atmen, Blinzeln oder Verdauen zum Beispiel.
Gelegentlich jedoch, kam es vor das man selbst diese Dinge einfach vergaß. So ist es bei mir oft mit dem Blinzeln der Fall! Wenn ich zu sehr auf etwas fokussiert bin, die Augen weit aufreiße und nur die Pupillen wie wild von einer Seite zur anderen schießen kann es gut vorkommen das ich für unwahrscheinlich lange Zeit einfach so verweilen würde und das ohne ein einziges Mal die Augen zu schließen. Irgendwann würden meine Augen unweigerlich anfangen zu Tränen und zu brennen, bis ich die Lider schließlich hart aufeinander presste. Meist unfreiwillig und mit einem entnervten Schmerzensschrei auf den Lippen. Ich würde die Arme hoch reißen um über meine erschöpften Augen zu reiben und dann-...
„Tod Kim Jongin. Das dritte Mal in Folge."
„Was?" Ich riss die Hände hinunter, der Controller noch immer fest von meiner rechten Hand umklammert. „Moment! Das war nicht fair, ich hatte 'ne Auszeit! Auszeit! Meine Augen haben gebrannt! Ich war nicht bereit!"
„Nette Ausrede, aber die kauft dir keiner ab."
„Hyung das war keine Ausrede!"
Kyungsoo schüttelte amüsiert den Kopf. „Game Over."
„Hyung!", stöhnte ich und warf den Kopf in den Nacken um meine Unzufriedenheit noch deutlicher zu machen. „Es waren wirklich meine Augen! Ich habe nicht geblinzelt und sie haben angefangen weh zu tun, und irgendwann haben sie gebrannt und dann musste ich sie einfach schließen!", erklärte ich und fuchtelte umständlich mit meinen Armen herum. Kyungsoo biss sich auf die Unterlippe um ein Lachen zu unterdrücken. „Verstehst du jetzt? Ich habe nicht wirklich verloren. Ich wurde hereingelegt von meinen eigenen Augen und-..." Ein Kissen kollidierte mit meinem Gesicht und dämpfte die restlichen Worte, die ich noch hinzugefügt hätte.
„Aish ist ja schon gut. Wenn's dich beruhigt kann ich diese Runde einfach nicht speichern und aus der Rekord-Tabelle löschen. Alles klar?"
Das gute an Kyungsoo war, das er sich meist ganz nach dem Prinzip: ‚Der Klügere gibt nach' wandte, was mir meist sehr entgegen kam.
Kyungsoo hantierte mit seinem eigenen Controller, drückte ein paar Knöpfe und tat was er versprochen hatte.
„Wenn du schon dabei bist", warf ich grinsend ein. „Die Male als ich davor verloren habe, da habe ich zwar nichts gesagt, aber in Wahrheit gibt es auch sehr logische Gründe die meinen Sieg vereitelt haben."
„Ach?", fragte Kyungsoo mit einer gehobenen Augenbraue.
„Ja ganz ehrlich! Also das Mal davor, da war ich so konzentriert dass meine Verdauung plötzlich schlapp gemacht hat! Und davor, da habe ich vergessen zu atmen! Lustige Geschichte Hyung, glaub mir. Auf jeden Fall habe ich vergessen zu atmen und du weißt ohne Sauerstoff funktioniert die Sache mit dem Leben nicht so recht, also musste ich meine wertvolle Konzentration vom Spiel abwenden um zu atmen!"
„Du bist wirklich ein schrecklicher Verlierer Jongin." Er lächelte während er das sagte.
„Hyung du hörst nicht zu! Ich sagte damit doch in Wahrheit-..."
Wahrscheinlich hätten wir noch ewig einfach so weiter geplärrt, wenn in diesem Moment nicht das Öffnen meiner Zimmertür unsere Aufmerksamkeit auf sich gezogen hätte. Die Person die im Türrahmen stand, hatte einen Anzug an, dunkle Hosen mit Bügelfalte, ein weißes, strahlendes Hemd, zerknittert von einem anstrengenden Tag und eine Krawatte die bereits oben gelockert war und nun nur noch lose um den Hals hing. Das passende Jackett zum Business-Look hing meinem Vater den rechten Arm hinunter, wie einem Kellner ein weißes Handtuch in den besonders feinen Lokalen.
„Kyungsoo, schön dich zu sehen." Dad lehnte sich erschöpft an den Türrahmen und lächelte auf uns herab. „Bleibst du heute über Nacht bei Jongin?"
Wie aufs Stichwort schnellte der Kopf meines Kindheitsfreundes zu dem großen Fenster über meinem Schreibtisch und wir staunten beide nicht schlecht über die tiefe Finsternis die sich draußen breit gemacht hatte.
„Oh mh, nein eigentlich nicht", antwortete er zerknirscht und kratze sich verlegen am Hinterkopf.
„Es ist schon spät", stellte der ältere Mann fest und dämpfte gleichzeitig ein Gähnen in seinem Handrücken. „Du solltest nicht mehr alleine auf die Straße gehen, ich fahre dich nach Hause."
Eines der Dinge die ich am meisten an Kyungsoo schätzte war seine Freundlichkeit. Dabei durfte man mich nicht falsch verstehen. Der Kerl konnte ein Teufel sein, Satan höchstpersönlich. Videospiele spielte er ohne Gnade oder Mitleid, aber im wahren Leben handelte er meist sehr Uneigennützig und fürsorglich.
„Nein ist schon in Ordnung Mr. Kim, ich brauche nur etwa zehn Minuten wenn ich mich beeile, es ist nicht weit."
„Dennoch, es ist schon dunkel und mit meinem Wagen brauchen wir gerade mal zwei Minuten. Ich werde besser schlafen können, wenn ich weiß das du gut Daheim angekommen bist."
Kyungsoo erhob sich aus seinem Schneidersitz und strich sich die Jeans glatt. „Sie sind selbst erst gerade eben nach Hause gekommen Mr. Kim, Sie sehen müde aus."
Das konnte mein Vater nicht abstreiten, er konnte sich ja kaum aufrecht auf beiden Beinen halten. „Na gut, dann soll wenigstens Jongin dich ein Stück begleiten."
„Ach für mich ist es in Ordnung alleine im Dunkeln herum zu laufen? Alter Mann du bist viel zu offensichtlich wen von uns beiden du lieber als Sohn hättest."
„Wenigstens nennt Kyungsoo mich nicht ‚Alter Mann' du Flegel."
Ich verdrehte die Augen und stand ebenfalls auf. „Ja ja alter Mann, geh schlafen ich sorge dafür das dein Lieblings Sohn sicher nach Hause kommt."
Ich zwinkerte Kyungsoo zu um ihm zu zeigen, dass ich nicht wirklich etwas dagegen hatte ihn zu begleiten und meinen Vater nur aufzog. Als ich durch die Türe gehen wollte, schlang mein Dad mir den Arm um den Hals und drückte meinen Kopf fest an seine Brust. „Hey Stopp! Lass das! Aufhören!", weinte ich während er mir gleichzeitig mit den Knöcheln ordentlich über die Kopfhaut rubbelte bis es brannte und höllisch wehtat. Ich duckte mich aus seinem Griff heraus und funkelte ihn wütend an, während ich meine Haare wieder platt drückte. „Nicht lustig alter Mann!" Dennoch konnten wir beide uns ein Grinsen nicht verkneifen.
Mein Vater begleitete uns die Treppe hinunter, bis zur Garderobe vor der Eingangstür. Während Kyungsoo und ich Schuhe und Jacken anzogen, stand Dad mit verschränkten Armen vor der Brust da und sah uns zu. Aufmerksam gemacht von dem Licht im Flur und den Geräuschen vor der Haustüre, schlüpfte auch Mrs. Kim aus dem Wohnzimmer.
„Ach du gehst schon Kyungsoo?"
„Ja es wird Zeit", lächelte mein Kindheitsfreund zurück und unweigerlich musste ich daran denken, dass meine Mom mir mal verraten hatte, dass ihr immer warm ums Herz wurde wenn sie Kyungsoo lächeln sah. ‚Es ist als würden seine Lippen Herzen überbringen, findest du nicht?' hatte sie mal gesagt und tatsächlich hatte sie nicht unrecht. Kyungsoos Lippen formten wirklich ein Herz wenn er lächelte. Nur war mir das bevor sie es erwähnt hatte, noch nie aufgefallen.
„Ah jetzt hätte ich es fast vergessen!", äußerte sie als meine Hand bereits auf der Türklinke lag. Sie rannte den Flur hinunter in Richtung Küche und verschwand für eine Sekunde, bevor sie mit einer großen Tupper-Box zurückkehrte. „Wie geht es deiner Mutter?", fragte sie sanft, während sie Kyungsoo die orangefarbene Box in die Hände drückte.
„Oh, unverändert", lächelte er.
Meine Mutter nickte. „Da drinnen sind ein paar Kleinigkeiten die du einfach aufwärmen kannst. Ich habe zu viel zum Abendessen gekocht und wollte nicht das die Sachen schlecht werden."
„Danke das ist sehr freundlich." Kyungsoo verbeugte sich leicht und meine Mutter winkte bescheiden ab.
„Trödelt nicht zu sehr!", rief mein Vater uns noch hinterher, ehe ich seufzend die Türe hinter uns zu zog.
„Echt peinlich die beiden", beschwerte ich mich während wir die Einfahrt hinunter liefen.
„Finde ich nicht", erwiderte Kyungsoo und drückte die orangefarbene Box gegen den Bauch.
„Du musst auch nicht mit ihnen leben!"
Er stieß mich mit der Schulter an, so dass ich leicht zur Seite taumelte. Wir lachten leise, während wir im Schein der Straßenlampen an den Nachbarhäusern vorbei liefen.
Eigentlich hatte ich nur geplant Kyungsoo ein Stück zu begleiten, doch letztlich landeten wir vor seinem Zuhause und Kyungsoo beschwerte sich darüber das ich nun den ganzen Weg alleine zurücklegen müsste.
„Ich bin ein großer Junge, keine Sorge."
„Ach, sagt der vermeintlich große Junge der sich vom Blinzeln hat außer Gefecht setzen lassen."
„Touché", meinte ich achselzuckend und Kyungsoo schüttelte nur den Kopf.
„Also...", ich vergrub meine Hände tiefer in den Hosentaschen, während ich das Wort in die Länge zog. „Das ist wohl der Moment indem der Junge das Mädchen zum Abschied küsst."
Kyungsoo prustete los und wandte sich ab. „Such dir 'ne Freundin Jongin, du wirkst verzweifelt", rief er mir über seine Schulter hinweg zu, während er zu der Haustür des grauen Mehrfamilien Hochhauses schritt, bevor er ohne einen weiteren Blick über die Schulter zu werfen hinter der Türe verschwand.
Grinsend machte ich ein paar Schritte rückwärts, während ich nach oben spähte. Vor dem Hintergrund des schwarzen Abendhimmels das nur von dem Leuchten eines Flugzeuges unterbrochen wurde, erstreckte sich das Hochhaus in weite Höhe. Dort im zehnten Stock hatte Kyungsoo sein kleines Zimmer. Ich wartete ein paar Minuten, bis schließlich ein weiteres Licht den Kolossen aus Beton erhellte. Jetzt konnte ich mit gutem Gewissen die freudige Botschaft überbringen das Do Kyungsoo tatsächlich sicher Zuhause angekommen war.
Ich wandte mich ab und trat den Heimweg an.
Unter der Woche gab es nur eine wirkliche Tageszeit in der meine Eltern und ich beisammen in einem Raum versammelt waren. Und zwar morgens beim Frühstück.
Aufgrund unserer unterschiedlichen Zeitpläne ergab es sich ansonsten nicht wirklich. Mittag- oder Abendessen verbrachte ich entweder in der Schule oder auswärts mit Freunden, was nicht weiter schlimm war, weil meine Mutter bis in den späten Nachmittag hinein arbeitete und oft keine Zeit oder keinen Nerv mehr zum Kochen hatte...Dad arbeitete öfter als nicht bis spät in den Abend hinein, weswegen wir ihn so gut wie gar nicht mehr zu Gesicht bekamen. Er verließ Zeitgleich mit mir das Haus und wenn er zurückkam schlief ich oft schon.
„Du solltest dir ein paar Tage in der Woche frei nehmen. Die Arbeit die du an einem Tag erledigst erledigen andere Leute in zwei, das ist doch nicht richtig", dachte meine Mutter laut nach, während sie meinem Vater und mir eine Schüssel Reis vorsetzte.
Anschließend setzte sie sich mit ihrer eigenen Schüssel zu uns an den Tisch. Über den Tisch hinweg griff mein Vater nach der Hand meiner Mutter und drückte sie sanft. „Tut mir leid, ich weiß dass es gerade sehr schwer ist, auch für euch, aber ihr müsst mir in der Sache jetzt vertrauen." Plötzlich strahlte Dad übers ganze Gesicht. Es war so absurd wie erschöpft und ausgelaugt und gleichzeitig überglücklich er aussehen konnte.
„Was meinst du damit?"
„Sprich nicht mit vollem Mund Jongin." Ich verdrehte die Augen. „Damit ist gemeint, dass ich vielleicht endlich zu Stande gebracht habe wofür ich schon so lange gearbeitet habe."
„Ehrlich? Bist du dir sicher?" Meine Mutter wirkte nun auch völlig aus dem Häuschen und verschränkte ihre Finger mit denen meines Vaters.
„Es ist noch nicht ganz sicher, heute werden erste Tests vorgenommen, aber wenn die glimpflich verlaufen dann ja. Dann habe ich mein Ziel endlich erreicht. Zumindest die Vorstufe davon."
„Moment!", warf ich ein, bevor Mom in hysterisches Quietschen ausbrechen konnte. „Redest du von der Super-Batterie?"
Er lachte erheitert. „ ‚Grand Retention AV' Jongin, nicht Super-Batterie. Aber ja, genau davon rede ich."
„Oh Wow." Ich lehnte mich auf meinem Stuhl zurück. „Das ist großartig alter Mann, herzlichen Glückwunsch."
„Noch ist nichts klar, es kann auch sein das die Versuche heute völlig nach hinten los gehen und ich wieder komplett von vorne anfangen muss..."
„Darüber denken wir erst gar nicht nach!", unterbrach meine Mutter entschieden, hob etwas Kimschi mit ihren Essstäbchen an und hielt sie meinem Vater vor den Mund.
Normalerweise wäre das mein Stichwort gewesen, um dezente Würgegeräusche von mir zu geben, doch ich war noch immer ein wenig überfordert von der Neuigkeit.
Dad hatte schon recht früh eine Ahnung davon gehabt was er aus seinem Leben machen wollte. In der Schule lagen ihm alle Naturwissenschaftlichen Fächer besonders gut und als er seinen Abschluss in der Tasche hatte war er entschlossen seine Stärken so effizient zu nutzen wie nur möglich. Er bestand den Eignungstest einer angesehenen Uni in Seoul und entschied sich für Maschinenbau- Ingenieur in Kombination mit höherer Mathematik und Physik.
Die Entscheidung die mein Vater anschließend in seinem ersten Studien-Semester fasste war vor allem geprägt von der Katastrophe in Tschernobyl in der Ukraine die sich ein paar Jahre zuvor ereignet hatte. Die Meldung der Atomaren Katastrophe die um die gesamte Welt ging, änderte die Denkweise meines Vaters und während er fleißig studierte und lernte verfestigte sich sein Entschluss das Energiegewinnung nicht mit solchen Risiken wie der Atomkernspaltung in Zusammenhang liegen dürfte.
Er wusste dass die einzige andere Möglichkeit unseren Energie-Hunger zu stillen, die erneuerbaren Energien waren, doch mit ihnen kam ein großes Problem daher. Es gab keine Möglichkeit diese Energie zu speichern und zu transportieren. Alle Sonnenenergie der Sahara brachte nichts, da es keinen Weg gab die Energie der Solaranlagen zu bündeln und an einen anderen Ort zu bringen.
Also setzte er sich in den Kopf genau dieses Problem zu lösen.
In seinem letzten Semester lernte mein Dad dann meine Mom kennen und ein paar Jahre später wurde ich geboren. Seit ich ein kleiner Junge war, hatte Dad mir also von seinen großen Zukunftsplänen erzählt. Er erzählte mir von ihnen kurz vorm Einschlafen, während andere Kinder Gutenacht-Geschichten aufgetischt bekamen, erzählte mein Vater mir alles über die Relevanz der richtigen Materialeigenschaft seiner ‚Grand Retention AV' die ich irgendwann einfach nur noch Super-Batterie nannte.
Unglaublich das er seinem persönlichen Ziel nun so nahe gekommen war. Nach all den Jahren.
„Weißt du wann du heute Abend nach Hause kommst yeobo? Dann kann ich ein großes Abendessen vorbereiten, oder wir könnten einen Tisch in einem Restaurant reservieren und-..." Mein Vater schüttelte den Kopf. Anders hätte ich es nicht von ihm erwartet.
„Lass es uns langsam angehen. Ich möchte wirklich nicht zu viele Hoffnungen schüren, es wäre nur umso enttäuschender wenn die Versuche heute misslingen würden."
Meine Mutter seufzte und ließ die Schultern etwas hängen. „Ist gut." Dad beugte sich über den Tisch und begann Küsse auf das Gesicht meiner Mutter zu verteilen, bis er das Lachen förmlich wieder aus ihr herausgekitzelt hatte.
„Ew", gab ich von mir und sah demonstrativ auf mein Smartphone herab.
„Hast du etwas zu sagen Kim Jongin?"
„Ich finde zur Feier des Tages sollte ich nicht zur Schule gehen, ich meine ich will den glorreichen Moment ja nicht verpassen, wenn du durch die Haustüre kommst und uns von deinem Erfolg erzählst."
Dad lächelte zuckersüß ohne etwas zu sagen und dieses eigenartige Heben seiner Mundwinkel jagte mir Schauer über den Rücken.
„Weißt du was", lenkte ich schnell ein und erhob mich aus meinem Stuhl, während ich mein Handy gleichzeitig in die rechte Hosentasche schob. „Schule klingt gut. Ich mag Schule. Am besten gehe ich jetzt also, du weißt schon - in die Schule." Ich eilte aus der Küche heraus, noch bevor Dad sein Schweigen brechen konnte.
Ich war nicht wirklich wählerisch oder sonderlich anspruchsvoll, doch die weißen Betonwände die am Ende der Straße vor mir aufragten deprimierten mich jeden Morgen aufs Neue. Vor allem da man noch nicht einmal von einem reinen, strahlenden Weiß sprechen konnte, sondern von einem schmutzigen grau-weiß dem Wind und Wetter ziemlich zugesetzt hatten. An vielen Stellen bröckelte der Putz, Meterlange Risse zogen sich durch ihn hindurch, während an anderen Stellen die Fassade tatsächlich bereits einfach hinabhing, um noch mehr grau zu offenbaren.
Man sagt ja, dass das Äußere nicht wirklich etwas über das Innere Aussagen konnte. Wer dies erfunden hatte, hatte noch nie das Gebäude der Yokseng-Highschool in Seoul betreten. Die staatlich finanzierte öffentliche Schule sah von innen aus wie sie sich von außen gab. Unwahrscheinlich das jemals staatliche Gelder in diesen Betonblock hineingeflossen waren. Und wenn, dann gewiss noch vor dem Korea-Krieg der nun bereits über ein halbes Jahrhundert zurücklag.
„Hey Jongin du Bastard!" Ich wurde von hinten gestoßen, stolperte ein, zwei Schritte nach vorne wobei mein Rucksack über meine Schulter glitt und zu Boden fiel. Die liebevolle Begrüßung konnte nur von einer Person gekommen sein.
„Ravi", grinste ich und drehte mich um, um meinem Freund und Klassenkammeraden eine rein zu hauen. Er wandte sich quietschend zur Seite, wodurch ich nur hart seinen Oberarm traf.
„Nicht so aggressiv, chill", beschwichtigte er und streckte die Hände von sich um mir zu bedeuten mich zu beruhigen. Ich verdrehte die Augen. „Weißt du", grinste er dann und ein schelmisches Funkeln trat in seine Augen. Ich kannte diesen Ausdruck nur allzu gut und musste das Grinsen unwillkürlich erwidern. „Das Wetter ist ziemlich schön", er deutete mit dem Zeigefinger zu den grau-schwarzen Wolken. Es roch nach Regen und nahendem Unwetter. „Und ich hab meine Hausaufgaben sowieso nicht gemacht also..."
Ich öffnete bereits den Mund um zu bestätigen, dass wir tatsächlich wunderschönes Wetter heute hatten, als eine etwas kleinere, dunkelhaarige Gestalt an uns vorbei lief. Der Blick mit dem Kyungsoo erst Ravi und dann mich bedachte ließ mich den Mund schnell schließen und die Luft anhalten.
„Ich denke du könntest bestimmt von jemandem abschreiben", murmelte ich und sah Kyungsoos sich entfernenden Rücken hinterher.
„Ugh", gab Ravi von sich und erschauderte leicht. „Wie macht er das? Ich dachte gerade dass ich wirklich gespürt habe wie sein Blick mich aufgestochen hat. Gruselig."
Ich lachte etwas zu hoch und endete in einem Räuspern. „Ja er ist ziemlich gut in sowas - war er schon immer. Als Kind hatte ich 'ne Heiden Angst vor ihm. Wollte meine Spielsachen nicht mit ihm teilen und so, bis ich herausgefunden habe das er kurzsichtig ist und deshalb manchmal eindringlicher starrt als andere Menschen."
„Sicher?", hakte Ravi nach. „Das sah mir eher danach aus als würde er irgendwelche Dämonen auf mich ansetzten."
„Er ist harmlos."
„Nicht zu Leuten die er nicht mag."
„Ihr seid Freunde!", lachte ich.
„Nicht wenn ich dich zum Schwänzen überreden will, dann guckt er mich immer so an. Alter Moralapostel."
Ich hob meinen Rucksack vom Boden auf und klopfte kurz auf dessen Vorderseite um ihn vom Fußbodenstaub zu entfernen. Ein erster Regentropfen fiel mir auf die Handfläche. „Lass uns schnell reingehen", schlug ich vor und warf den Rucksack über meine Schulter.
„Hmmm", brummte Ravi und trottete schleppend neben mir her. „Glaubst du Kyungsoo lässt mich seine Geschichtshausaufgaben abschreiben?"
„Bestimmt", antwortete ich. „Aber du wirst nicht fragen."
„Was?"
„Ich bin der einzige der von Kyungsoo-hyung abschreiben darf."
„Werden wir sehen!", forderte er heraus und begann das letzte Stück bis zum Eingang zu rennen.
„Hey du Mistkerl bleib stehen!", rief ich ihm hinterher. Gleichzeitig verstärkte sich der Regen, als hätte jemand da oben plötzlich keine Lust mehr auf das Bisschen Sprenkel-Wasser und war stattdessen zu den großen Kübeln umgestiegen. Auch ich begann zu rennen.
Ich gähnte ausgiebig hinter vorgehaltener Hand und schreckte leicht zusammen, als ich das mir zugewandte, unglückliche Gesicht meines Lehrers bemerkte. Hinter mir brach Ravi in leises Lachen aus und warf ein zerknülltes Blattpapier nach mir. Der Englischlehrer schob seine Brille mit dem Mittelfinger seinen Nasenrücken hoch und wandte sich dann erneut der Tafel zu. Ravi verschluckte sich an seinem Lachen und fing an zu husten.
„Hat er mir gerade den Mittelfinger gezeigt?", flüsterte ich Kyungsoo neben mir zu und er biss sich kräftig auf die Unterlippe. „Aish Amerikaner sind wohl wirklich lockerer drauf als unsere gewöhnlichen Lehrer."
„Stop talking!", schellte der dicke, kahlköpfige Mann ohne sich umzudrehen.
„Was hat er gesagt?", fragte ich nach und Kyungsoo war so gut zu übersetzen. Wenn es eines gab das ich nicht konnte, dann war es Englisch und mittlerweile gab ich mir auch nicht mehr die Mühe so zu tun, als würde ich das Fach irgendwie verstehen wollen. Dass der Lehrer mich deshalb etwas auf dem Kicker hatte war unvermeidlich.
Die Unterrichtsstunde endete mit dem Schulgong welcher von erleichterten Seufzern begleitet wurde. Die nächste Stunde würde Selbständiges-Lernen sein, also eine gute Stunde Schlaf.
Bevor die nächste Unterrichtsstunde beginnen konnte, versammelten sich ein paar Freunde um Kyungsoos und meinen Tisch und Hyuk erzählte von dem Zeitungsartikel den er heute gelesen hatte. „Seongon Highschool wurde zur renommiertesten Schule Seouls erklärt", berichtete er und ein aufgeregtes Funkeln trat in seine Augen.
„Wurde auch erwähnt, dass es die teuerste Schule Seouls ist?", fragte Ravi.
„Und das nur schnöselige Proleten da drauf sind?", fügte ich hinzu.
Hyuk schüttelte den Kopf. „Nur das es die schönste Schule ist. Wahrscheinlich die schönste des ganzen Landes."
„Busan hat sicher schönere", schnaubte Amber und strich sich den kurzen Pony aus der Stirn. Kyungsoo saß stillschweigend neben mir und kritzelte auf seinem Notizblock.
„Tja keine Schule ist so schön wie unsere", grinste Hakyeon und erntete sarkastische Zustimmung.
„Das musst du sagen, weil du Schulsprecher bist."
„Nein das sage ich, weil unsere Schule ein echtes Kunstwerk auf der Außenwand der Westseite hat." Das konnte nun wirklich keiner abstreiten.
Der Rektor unserer verkommenen Schule war ein alter, starrsinniger Mensch der sich nie dazu überreden ließ die Fassade der Schule einen neuen Anstrich zu verpassen. Und damit war nicht weiß gemeint, sondern eine freundlichere Farbe die wenigstens ein bisschen Leben in den Betonklotz einhauchen sollte. Aus welchen Gründen auch immer, lehnte der Rektor entschieden ab.
Eines Morgens jedoch, das war noch im letzten Halbjahr gewesen, musste der Schulleiter mit Schrecken feststellen das irgendjemand in der Nacht ein Graffiti auf seiner geliebten grauen Wand hinterlassen hatte und er wurde rasend vor Wut. Er beantragte die CCTV Kameras zu sehen die auf seine Schule gerichtet waren, um zu überprüfen welcher seiner Schüler es gewagt hatte.
Gerüchten zufolge sei auf dem Band lediglich eine einzige Person, wahrscheinlich männlich, eingehüllt in einen Kapuzenpulli und mit einer Krankenmaske über dem Gesicht, zu sehen gewesen. So nah er auch heran summte das Gesicht des Jungen erkannte er nicht.
Das machte ihn natürlich noch viel wütender, weil er niemanden dazu verdonnern konnte die ‚Schweinerei' zu beseitigen, also machte er sich selbst daran. Das Problem war jedoch: Den Schülern gefiel das Bild das der unbekannte Junge auf ihrer Schulfassade hinterlassen hatte. Es war ein Spektrum aus Farben und Motiven und fiel einem sofort ins Auge. Ebenso wie das Talent das der Künstler hatte.
Schüler begannen also zu protestieren (ich war einer von ihnen) und positionierten sich vor der Westwand um das Bild zu schützen. Der Rektor fand sich, einen weißen Farbeimer in jeder Hand, einer Wand aus Schülern gegenüber die nicht locker ließen und die keine seiner Drohungen erschütterte.
Die ganze Sache nahm unglaubliche Maße an und einige Schüler kampierten nachts sogar vor der Wand um ein geheimes Attentat des Rektors rechtzeitig zu vereiteln. Das ging ein paar Tage so, ehe die Presse davon Wind bekam.
Ein Artikel erschien in der Zeitung über die große Kunstliebe der Yokseng Highschool Schüler und lobte das Bild an der Wand in alle Höhen. Plötzlich mit so viel Prestige und Aufmerksamkeit konfrontiert änderte der Rektor seine Meinung und versicherte das Bild würde selbstverständlich bleiben wo es war, denn immerhin war es ein Meisterwerk der modernen Kunst und diese wollte die Schule natürlich fördern. Somit durften wir unser Bild also behalten. Was so ziemlich der einzige Pluspunkt dieser Schule war. Das Bild eines unbekannten Künstlers an der Westseite des Gebäudes, das man jedoch nur sah wenn man die Schule umrundete. Ich hätte es großartig gefunden wenn der Typ sein Graffiti über den gesamten Haupteingang gesprüht hätte. Aber man konnte wohl nicht alles haben.
Es läutete erneut und Schüler schlenderten zu ihren Tischen zurück. Während der Beaufsichtigungslehrer für die kommende Stunde eintrat, dachte ich an das was Hyuk vorhin gesagt hatte. Tatsächlich war seine Begeisterung für Seongon Highschool ein weit verbreitetes Phänomen. Man erzählte sich die wildesten Geschichten über diese Elite-Schule. Schüler die die Lehrer bezahlten um gute Noten zu bekommen, anstatt dafür zu lernen, Aufenthaltsräume die Sauna und Pools inbegriffen, eine Cafeteria die einen eigenen Französischen Koch hatte, der sein 5-Sterne Restaurant in seinem Heimatland verlassen hatte um den Job in Seongon zu erhalten und so weiter und so fort. Ich hatte keine Ahnung woher die Leute solche Dinge aufschnappten, aber für mich klang das alles sehr unwahrscheinlich. Ich glaubte nicht an Gerüchte, denn meist war ohnehin nichts dahinter.
**********************************************************************************
Hi hier ist PromisesLala :)) Ich hoffe euch hat das erste Kapitel meiner FF 'Diamantenstaub' gefallen und ihr seid gespannt wie es weiter geht. ^^
Die Kurzbeschreibung hat eventuell nicht ganz herausgelassen, um was es geht, aber das kristallisiert sich schon bald heraus :D
Über Feedback würde ich mich sehr freuen, denn das erste Kapitel ist meiner Meinung nach immer sehr kritisch, deshalb bin ich etwas nervös haha. Zum Beispiel könnt ihr mir schreiben wie ihr die Kapitel-Länge findet oder den Lesefluss, ist er stockend oder in Ordnung? Ah und wie die Charaktere dargestellt sind - sympathisch oder eher nicht? Usw. Ich würd mich freuen <3
Ich werde ganz bald wieder updaten :)
Liebe Grüße
Bạn đang đọc truyện trên: AzTruyen.Top