7

Nachdem die Vorstellung endlich vorbei ist, bleibt sie wieder sitzen, bis alle aus dem Zelt gestürmt sind und nach Hause gehen wollen. Ein paar Menschen bleiben noch vor dem Zelt stehen und machen Fotos von sich und ihren Freunden. Alana wartet einfach, bis alle verschwunden sind und stellt sich dort in die Nähe, wo vor ein paar Tagen ihr Zelt gestanden hat. Sie hasst warten eigentlich, aber auf Mandrik würde sie sogar drei Stunden im strömenden Regen warten.

Als Mandrik dieses Mal in normalen Klamotten und keinen Zirkuszeug aus dem Zelt kommt, staunt sie nicht schlecht. Sie hätte nicht gedacht, dass er noch besser aussehen könnte, als sowieso schon. Er hat ein Hemd und passende Hosenträger dazu an. Er sieht aus, als wenn er aus der Vergangenheit kommen würde und setzt sich neben sie auf den Baumstamm.

"Tut mir Leid, ich hatte nichts anderes" , erklärt er schüchtern.

"Du siehst toll aus, ehrlich" , antwortet sie.

"Danke" , sagt er und fasst sich verlegen in die braunen Locken. Es entsteht für einen Moment eine unangenehme Stille zwischen den beiden, bis sie beide etwas sagen wollen und sich dazwischen reden.

"Du zuerst" , erklärt Mandrik ihr.

"Warum kann man nichts über euch und euren Zirkus im Internet finden?", fragt sie schließlich. "Ich habe alles versucht und nichts gefunden. Rein gar nichts. Nur, was der Name Caraval bedeutet"

"Alana, versteh doch. Ich kann nicht irgend einem wildfremden Mädchen erzählen, was es mit unserem Zirkus auf sich hat. Ich muss dir vertrauen können. Woher weiß ich, dass du es nicht ausplauderst und an irgendwelche Journalisten verkaufst?", fragt er unsicher.

"Schätzt du mich wirklich so ein?", fragt sie mit trauriger Stimme.

"Nein, aber ich kann kein Risiko eingehen. Es tut mir Leid" , erwidert er. Er kann seine Freunde und sich nicht in Gefahr bringen.

"Ich werde weiter recherchieren und werde herausfinden, was es mit euch auf sich hat. Ihr seit nicht normal. Ganz sicher nicht" , erklärt sie ihm zickig und steht auf. Alana fragt sich, weshalb sie sich die Mühe gemacht hat und auf ihn gewartet hat, wenn er ihr die Wahrheit doch nicht verraten will.

"Warte" , sagt Mandrik. Sie dreht sich noch einmal um und schaut ihn erwartungsvoll an.

"Was?" , fragt sie.

"Ich würde dich trotzdem gerne wiedersehen"

Daraufhin sagt sie nichts mehr und verschwindet einfach in der tiefen, dunklen Nacht. Nur ihr rot schimmerndes Kleid, welches Mandrik immer zum Lächeln bringt, wenn er es sieht, leuchtet noch und man sieht sie langsam in der Ferne verschwinden.

*

Zehn Tage später ist der Zirkus wieder von der einen auf die andere Nacht verschwunden. Mandrik und Alana haben nach der Vorstellung noch einige Male miteinander geredet, doch sie hat weiterhin nichts aus ihm herausbekommen. Sie ist genauso schlau, wie vorher. Sie weiß rein gar nichts.

Sie ist sich allerdings sicher, dass sie nicht aufgeben wird und alles dafür tut, um bis zum nächsten auftauchen zumindest ein paar mehr Informationen über den Zirkus herauszubekommen, denn sie ist sich sicher, dass der Zirkus wieder auftauchen würde.

Sie sollte eigentlich für das Abi und die anstehenden Klausuren lernen, die in das Zeugnis mit hineinzählen, aber sie kann sich nicht konzentrieren, weil der Zirkus ihr keine Ruhe lässt. Sie versucht es noch einmal mit dem Namen des Zirkus, doch auch dieses Mal findet sie keine Ergebnisse. Schließlich versucht sie es mit den Namen der einzelnen Artisten, die Mandrik ihr vor ein paar Tagen vorgestellt hat. In der Vorstellung hatte sie die Namen schon einmal gehört, doch dieses Mal hat er ihr die Nachnamen gesagt. Sie googelt alle der Namen und tatsächlich taucht ein Fenster über einen der Zirkusmitglieder auf. Sie sieht genauso aus, wie die Dame im Zirkus und auch der Name passt. Das einzelne, was nicht stimmen kann ist, dass sie seit Jahren tot sein soll. Es muss die gleiche Person sein. Aber sie kann doch nicht tot sein, nicht seit so vielen Jahren schon. Sie wirkte auf Alana äußerst lebendig. Es ist die Direktorin selbst gewesen. Sie kann es ihren eigenen Augen kaum glauben, als dort steht, dass sie bei einem Brand ums Leben gekommen sei. 1974 liest sie, als sie auf das Datum des Todes schaut. Hatte Skylar eine Verwandte, die fast haar genauso aussieht ,wie sie selbst? Wenn sie dort gestorben wäre, wäre sie zum heutigen Tage achtundvierzig Jahre alt.Das Alter könnte zwar passen, auch wenn Alana sie ein wenig jünger eingeschätzt hätte. Beim nächsten aufeinandertreffen würde Alana Mandrik nach dem Alter von Syklar fragen. Vielleicht ist Skylar bei dem Brand gar nicht ums Leben gekommen und hat sich ein neues Leben aufgebaut. Sie liest sich den ganzen Artikel noch einmal durch, immer und immer wieder und versucht einzelne Details heraus zu suchen. Schließlich druckt sie ihn noch einmal aus und markiert die wichtigsten Stellen mit einem Textmarker, um sie Mandrik zu zeigen. Nachdem sie noch weitere Namen der Artisten recherchiert hat, findet sie ein Video über einen der Artisten, in dem über ihn berichtet wird. Vick. Er war damals Magier. Berühmter Magier in einem der bekanntesten Zirkusse der Welt. Er hatte seine eigene Fernsehshow. In diesen Nachrichten wird allerdings bekannt gegeben, dass er bei einem seiner legendärsten Tricks ums Leben gekommen sei. Sie könnte schwören, dass es der Vick aus dem Zirkus ist. Das kann doch kein Zufall sein. Der Trick wird in dem Video gezeigt, was Alana ziemlich markaber findet. Immerhin sieht man in diesem Video einen Menschen sterben und sie kann nicht glauben, dass es immer noch im Internet existiert. Anderseits kann sie es doch glauben, denn es existieren ekelhafte Dinge dort. Es ist einer der Tricks, die Vick im Zirkus aufgeführt hat. Über Vick findet sie im Internat tatsächlich noch einige Sachen, denn er ist eine Berühmtheit gewesen. Sie ist völlig fasziniert von seinen Tricks, die er draufhatte und findet auch einige wieder, die er im Zirkus aufgeführt hat. Es kann kein Zufall sein, dass beide ums Leben gekommen sein sollen, oder? Vielleicht war dies alles nur Show und sie sind untergetaucht. Alana hätte sie nun enttarnt, aber natürlich würde sie niemandem von den beiden verraten. Wenn diese beiden Menschen allerdings ihren Tod vorgetäuscht haben und untergetaucht sind, wäre es kein kluger Schachzug gewesen, in einem Zirkus im Rampenlicht unterzutauchen, wo sie jeden Abend gesehen und enttarnt werden könnten. Oder sind die besten Verstecke die, bei denen niemand damit rechnet, die Offensichtlichsten? Man würde allerdings kein so hohes Risiko eingehen, wenn man wirklich als tot gilt. Als sie schließlich noch ein dritten der Artisten findet, kann sie es nicht leugnen. Alle der Artisten aus diesem Zirkus scheinen tot zu sein. Als sie Grees Namen eingibt, atmet sie einmal tief ein, als sie sieht, was mit ihr geschehen ist. Es wird berichtet, dass Gree Suizid begangen hat und ihre ganze Schule in Trauer gewesen sei. Der Artikel ist aus dem Jahre 1962.

Verdammte Heuchler, denkt sich Alana. Es wird schon einen Grund gegeben haben, weshalb sich das Mädchen das Leben genommen hat. Niemand hat sich um sie gekümmert, vielleicht wurde sie gemobbt. In dem Artikel geht es allerdings darum, dass man mehr auf seine Mitmenschen und auf mögliche Anzeichen reagieren sollte. Dies würde auch das Auftreten von Gree erklären, weshalb sie immer so traurig ist. Hatte sie es doch nicht geschafft, sich das Leben zu nehmen und hängt nun in diesem Zirkus fest? Weshalb hat sie es nicht noch einmal versucht? Alana stellt sich tausend dieser Fragen, auch wenn es bescheuert klingt. Natürlich will sie, dass Gree sich nicht das Leben nimmt. Aber es macht keinen Sinn, dass sie sich umbringen wollte und nun in diesem Zirkus ist und mit all diesen lebensfrohen Menschen dort lebt. Alana hätte es solange versucht, bis sie im Tod angekommen ist. In diesem Moment geht Alana ein Licht auf. Was, wenn das der Tod ist? Was ist, wenn all diese Menschen im Zirkus wirklich tot sind und gar nicht mehr existieren? Es würde zumindest erklären, weshalb sich niemand an sie erinnern kann. Ist sie auch tot? Wieso kann sie sich an diese Menschen erinnern? Alanas Gedanken rauchen und sie braucht erst einmal eine Pause.

Nachdem sie sich selbst gezwickt hat, ruft sie ihre beste Freundin an.

"Bin ich tot?", fragt sie. Emma runzelt am anderen Ende der Leitung die Stirn.

"Hast du mich das gerade wirklich gefragt?", fragt diese misstrauisch. "Du bist seit einigen Wochen echt seltsam, Alana" , fügt Emma hinzu.

"Ich lebe noch?", fragt Alana. "Oder bist du meiner Fantasie entsprungen?", fragt sie.

"Alana."

"Was?"

"Du spinnst" , erwidert Emma und legt auf. Sie scheint nicht tot zu sein. Nachdem Alana noch einmal tief durchgeatmet hat, geht sie zurück ins Internet und schaut sich alle Artikel und Fernsehausschnitte, die sie gefunden hat, noch einmal an. Sie druckt alle aus und markiert alles wichtige. Sie würde all diese Artikel mitnehmen und den Artisten zeigen, wenn Mandrik und sein Zirkus wieder auftauchen würden. Sie kann ihren eigenen Augen nicht trauen und liest die Artikel noch ein paar Mal durch, bis sie realisiert, dass sie scheinbar mit Toten oder zumindest mit einem Toten sprechen kann. Falls Mandrik auch tot sein sollte. Als sie jedoch seinen Namen im Internet eingibt, findet sie nichts über ihn, seinen Tod oder andere Dinge. Auch als sie die Namen der anderen Artisten eingibt, findet sie nichts weiter.

Falls all diese Menschen wirklich tot sein sollten, hat sie vielleicht gerade das Jenseits entdeckt. Sie dürfte niemandem etwas davon sagen. Niemand dürfte davon erfahren. Sie verstaut die Zettel, die sie ausgedruckt hat, in einer ihrer Schreibtischschubladen, die man verschließen kann, wo sie auch ihr Tagebuch lagert. Es wäre ihr eigenes, kleines Geheimnis. Sie fühlt sich, wie eine Figur in einem schlechten Fantasyroman. Hatte sie das Rätsel wirklich schon gelöst? Sie konnte nun mit niemandem darüber reden. Selbst wenn sie darüber redet, würden die Menschen es sowieso wieder vergessen, sobald der Zirkus auftaucht oder verschwindet. So viel hatte Alana zumindest bis hierher verstanden. Trotzdem will sie kein Risiko eingehen. Es würde bestimmt noch mehr Menschen geben, die sich an den Zirkus erinnern würden. Alana hatte Angst, das Leben der Artisten zu zerstören. Was würde man mit ihnen machen, wenn man herausfinden würde, dass es Geister gibt? Sicherlich würde man an ihnen experimentieren und dies ist das letzte, was Alana möchte. Sie will die Artisten beschützen, auch wenn sie bisher nicht sonderlich nett zu ihr gewesen sind. Irgendwie hat sie immer so ein vertrautes Gefühl, wenn sie in den Zirkus kommt, als wenn es ihr Zuhause wäre.

Die nächsten Tage vergehen schleichend langsam. Der Zirkus taucht nicht auf. Alanas Zeitgefühl ist inzwischen hin. Eigentlich müsste sie für das Abi lernen, aber auch jetzt kann sie sich wieder nicht konzentrieren, weil sie immer wieder an den Zirkus denken muss. Natürlich ist das Plakat, dass sie an die Wand gehängt hat, verschwunden, als auch der Zirkus verschwunden ist. Ebenso wie die Fotos auf dem Handy. Es würde Sinn machen, wenn sie nicht entdeckt werden wollen. Aber weshalb treten sie denn auf? Essen mussten sie doch sicherlich nicht, oder? Musste man essen, wenn man tot ist? Und wenn man nicht entdeckt werden will, dann taucht man nicht alle Monate in einer Stadt auf. Alana grübelt noch eine ganze Weile darüber nach, während sie eigentlich für ihre Matheabiturprüfung lernen sollte. In Mathe hat sie schon seit Urzeiten Probleme, aber in Rumor ist es Pflicht in diesem Fach sein Abitur zu schreiben, weshalb sie möglichst früh damit beginnen will, um all den Stoff aus den letzten dreizehn Jahren wieder aufzuholen. Mathe ist eines ihrer absoluten Hassfächer, weshalb sie sich liebend gerne ablenken lässt.

Sie kann sich das ständige Auftreten des Zirkus einfach nicht erklären. Es wäre doch immer ein Risiko damit verbunden, dass sich irgendwann jemand an sie erinnern könnte, was nun letztendlich auch passiert ist. Zum Glück der Artisten ist Alana kein schmieriger Journalist. Scheinbar hat sie aber noch nie jemand gesehen, denn immerhin hat sie die Angst in Mandriks Gesicht gesehen, als Alana ihn gerufen hat, weil sie ihn gesehen hat und sogar mit ihm sprechen konnte. Sie kann es sich nicht erklären, weshalb sie scheinbar eine Verbindung zueinander haben und Mandrik kann es sich ebenfalls nicht erklären. Warum ausgerechnet sie?

Als Alana zum Abendessen kommt, drückt ihr Vater ihr einen Zettel in die Hand.

"Das hast du im Drucker vergessen" , sagt er und sie erstarrt für einen Moment, als sie den Zettel sieht.

"Weshalb recherchierst du über tote Menschen?", fragt er stirnrunzelnd.

"Ist für ein Schulprojekt" , sucht sie eine Ausrede für ihre Dummheit. In diesem Moment ist sie froh, dass ihre Eltern sich nicht weiter für sie interessieren. Sie muss besser aufpassen. Sie hat Angst, dass sich doch jemand an den Zirkus erinnern könnte, wenn sie die Beweise finden, die Alana über die Existenz des Zirkus hat. Es wird seine Gründe haben, weshalb der Zirkus verschwindet und sich niemand an sie erinnern kann. Sie kann nicht alles aufs Spiel setzen, nur weil sie die Wahrheit wissen will. Sie kann nicht das Leben all dieser Menschen ruinieren, nur weil sie nicht genug aufpasst.

Bạn đang đọc truyện trên: AzTruyen.Top