Efeusee


Efeupfote kauerte geduckt auf dem Waldboden und starrte konzentriert ins Unterholz vor ihr. Sie konnte das Kaninchen sowohl sehen, als auch riechen und ließ es, während sie vorwärts auf ihre Beute zuschlich, nicht einen Moment aus den Augen. Etwas hellbraunes blitzte zwischen den Büschen auf, das Kaninchen hoppelte unweit einer großen Buche herum und war offensichtlich auf Nahrungssuche, immer wieder hob es die Nase in den Wind und schnüffelte, doch es bemerkte die drohende Gefahr nicht. Langsam, Pfotenschritt für Pfotenschritt pirschte Efeupfote sich näher an ihre Beute heran. Dann sprang sie. Das Kaninchen sah erschrocken auf, dann versuchte es zu flüchten, doch es war schon zu spät. Efeupfote landete auf dem Rücken des Tieres und tötete es mit einem schnellen Biss ins Genick. Keuchend richtete sie sich auf. Ein kalter Wind pfiff durch ihren Pelz und sie fröstelte. Es war ungefähr ein Mond vergangen, seit sie mit Habichtfrost und den finsteren Kriegern Hellschweifs Leichnam in den Mondsee geworfen hatte. Der Leichnam war schon kurz darauf gefunden worden und Efeupfote wusste, dass Habichtfrosts Warnung angekommen war. Angst und Misstrauen hatten merklich zugenommen, nicht nur im DonnerClan, sondern auch in den anderen Clans. Seitdem war es im Wald und um den See herum merklich kälter geworden, langsam aber sicher begann die Blattleere ihre eisigen Krallen um den See und die vier Clans zu schließen, auch die Beute wurde immer rarer. Es hatte sich sogar eine dünne Eisschicht am Rand des Sees gebildet, die zwar noch nicht fest genug war, um sie gefahrlos zu betreten, doch wenn es weiterhin kälter werden würde, dann würde auch das bald möglich sein. Efeupfote schob die Gedanken aber zur Seite, scharrte Erde über das Kaninchen und setzte ihre Suche nach Beute fort. >>Das hier ist meine Kriegerprüfung <<dachte sie, >>Ich muss mich konzentrieren<<. Sie hatte bereits zwei Eichhörnchen zusammen mit dem gerade erbeuteten Hasen gefangen und war bisher sehr zufrieden mit sich selbst, doch auch ihre damit verbundene Euphorie schob sie jetzt beiseite. Erneut hob sie die Nase in den Wind und prüfte die Luft. Da hörte sie im Gebüsch vor ihr plötzlich ein leises Rascheln und Efeupfote bemerkte eine Drossel, die dort nach Nahrung Ausschau hielt. Erneut glitt sie in die wohlbekannte Kauerstellung und pirschte sich an den Vogel heran. Dieses Mal hatte sie aber weniger Glück. Der Vogel breitete in dem Moment seine Flügel aus, als Efeupfote gerade zum Sprung ansetzen wollte. Frustriert sprang sie trotzdem in dessen Richtung. Sie erwischte den schnell aufsteigenden Vogel jedoch nur mit ihren Krallen am Flügel, bevor sie wieder hart auf ihren vier Pfoten aufkam. Doch der Schlag hatte gereicht, den Vogel aus dem Gleichgewicht zu bringen. Verzweifelt versuchte er noch seinen Kurs zu korrigieren, doch es war zu spät. Die Drossel knallte mit voller Wucht gegen einen nahestehenden Baum und stürzte zurück auf den Boden, wo sie zuckend liegenblieb. Kurz starrte Efeupfote den Vogel einfach nur verblüfft an, während dieser auf dem Rücken liegend verzweifelt versuchte, sich wieder aufzurichten. Mit einem Mal kam Bewegung in Efeupfotes erstarrte Glieder und sie stürmte los. Noch bevor der Vogel überhaupt eine Chance hatte, wieder loszufliegen, hatte Efeupfote ihn mit einem gezielten Biss getötet. Keuchend stand sie über der Frischbeute und versuchte, ihre Atmung wieder zu beruhigen. „Guter Fang", miaute plötzlich jemand hinter ihr. Efeupfote lächelte und wandte sich zu ihrer Mentorin um. „Ich habe genug gesehen." miaute Rußherz, „ob du zur Kriegerin ernannt werden kannst muss natürlich Feuerstern entscheiden, aber ich denke, dass du es geschafft hast. Meine Glückwünsche" Efeupfote wurde ganz schwindelig vor Glück, „Danke Rußherz!", miaute sie erfreut und sah ihre Mentorin freudig an. Rußherz lächelte sie an, doch plötzlich verhärtete sich ihr Blick. Als Efeupfote sich umwandte, sah Efeupfote auch warum. Löwenglut war aus dem Gebüsch hinter der Schülerin aufgetaucht. „Und? hat Taubenpfote bestanden?", fragte sie den goldfarbenen Kater." Efeupfote sah Löwenglut gebannt an. Der Kater nickte, „Sie hat sich sehr gut geschlagen.", miaute er. Als hätte er seine Schülerin gerufen, tauchte Taubenpfote plötzlich ebenfalls aus dem Gebüsch auf und stellte sich mit glücklicher Mine neben ihre Schwester. Efeupfote allerdings starrte nur auf die beiden Mäuse, die Taubenpfote neben ihr auf den Boden legte. Heißer Zorn durchfuhr sie und sie musste sich beherrschen, Löwenglut nicht jedes einzelne Haar aus seinem Pelz zu reißen. >>Taubenpfote fängt zwei mickrige Mäuse und bekommt ein großes Lob von Löwenglut. Und ich fange die vier größten Beutestücke des Waldes und werde noch nicht einmal erwähnt<< Efeupfote biss die Zähne zusammen und zwang sich wieder zur Ruhe. Ein Wutausbruch würde jetzt niemandem etwas nützen, das wusste sie, „Glückwunsch.", miaute sie deshalb und zwang sich dazu, Taubenpfote anzulächeln >>Hoffentlich bemerkt sie nicht, dass alles nur gespielt ist<<. Ihre Schwester schien aber nichts zu bemerken, sie sah sie lediglich erfreut an, „Danke, dir auch. Endlich haben wir es geschafft". Löwenglut deutete mit dem Schwanz auf Taubenpfotes Beute, „Lasst und gemeinsam die Beute einsammeln und zum Lager zurückkehren." Rußherz nickte zustimmend, „Geh Du voran Löwenglut", miaute sie fröhlich und nickte den goldfarbenen Kater zu. Löwenglut lächelte und lief an ihr vorbei, Taubenpfote folgte ihm. Schadenfreude erfüllte Efeupfote, als sie Rußherz' Blick bemerkte, mit dem sie Löwenglut nachstarrte. >>Wenn Blicke töten könnten<< dachte sie belustigt, >>Wäre Löwenglut jetzt schon längst beim SternenClan<<

Sonnenhoch war bereits vorbei, als die vier Katzen das Lager schließlich mit ihren Beutestücken betraten. Viele Katzen waren damit beschäftigt sich gegenseitig die Zunge zu geben und lagen in kleinen Gruppen verteilt in den sonnigen und vor der kalten Luft weitestgehend geschützten Nischen der Felswand und sprachen leise miteinander. Feuerstern saß mit Sandsturm oben auf der Hochnase. „Wir werden jetzt mit Feuerstern sprechen.


Ruht euch aus und nehmt euch etwas Frischbeute. Ich bin mir sicher, heute Abend halten wir die Zeremonie ab." Löwenglut lächelte Taubenpfote wohlwollend zu, dann trabte er mit Rußherz in Richtung Hochnase davon. Efeupfote starrte dem Kater wütend nach >>Er ignoriert mich schon wieder<<, dachte sie zornig, dann wandte sie sich ab und trabte zum Frischbeutehaufen hinüber. „He warte doch", miaute Taubenpfote und setzte ihr nach. Seufzend blieb Efeupfote stehen. >>Sie kann einfach nicht aufhören mich zu nerven<< dachte sie. Ihre Schwester hatte sie nun eingeholt, gemeinsam liefen die beiden zum Frischbeutehaufen, „Komm", miaute Taubenpfote, „Wir essen dort drüben beim Schülerbau" Efeupfote nickte und schnappte sich das von ihr erlegte Kaninchen. Nachdem Taubenpfote eine Drossel gewählt hatte, liefen die beiden Schwestern zu ihrem Bau und ließen sich neben den Zweigen nieder. Als Efeupfote ein großes Stück von ihrer Frischbeute abbiss, bemerkte sie, wie hungrig sie gewesen war. Nicht nur die Jagd war anstrengend gewesen, sondern auch das Training im Wald der Finsternis. Schaudernd erinnerte sich Efeupfote an die finstere Höhle, in der sie gegen Tigerherz hatte kämpfen müssen. >>Ein guter Krieger<< hatte Silberhabicht gesagt >>Muss lernen auch blind so zu kämpfen, als würde er sehen können<<. Als Efeupfote bemerkte, dass Taubenpfote sie anstarrte, schob sie diese Erinnerung beiseite und sah ihre Schwester entnervt an, „Warum schaust du mich so an? Sind mir etwa Flügel gewachsen?" fragte sie und versuchte freundlich zu klingen. Taubenpfote schnurrte belustigt, „Ich mache mir Sorgen. Häherfeder spricht ständig von einer Finsternis, die über die Clans hereinbrechen wird." Efeupfote runzelte die Stirn, „Ich habe Angst, Efeupfote", miaute ihre Schwester, „Ich habe Angst vor dem Tag, an dem diese Finsternis über den DonnerClan hereinbrechen wird." Efeupfote seufzte, „ich vertraue Häherfeder nicht.", murmelte sie leise. Taubenpfote sah sie erschrocken an, „Was? Warum nicht?". Efeupfote sah sich kurz um, dann senkte sie ihre Stimme. „Häherfeder plant etwas, da bin ich mir sicher. Er tut immer so, als müsste er etwas vor dem ganzen Clan verbergen. Außerdem, weshalb sonst sollte er Todesbeeren in seinem Bau verstecken" Taubenpfotes Gesichtsausdruck verzerrte sich, „Häherfeder will niemandem etwas Böses, Efeupfote." Miaute Taubenpfote leise, „Genau so wenig, wie Löwenglut, ich oder Feuerstern, wir alle würden für den DonnerClan durch den gesamten See schwimmen" Efeupfote rang sich ein Lächeln ab >>Das will ich sehen, wie du durch den See schwimmst << dachte sie bei sich. Plötzlich erkannte sie, dass Feuerstern aus seinem Bau bei der Hochnase getreten war und mit einem lauten jaulen den Clan zusammenrief. Schnell schluckte Efeupfote den letzten Bissen ihrer Frischbeute hinunter, dann erhob sie sich und tappte ebenfalls zur Hochnase, auf der Feuerstern sich niedergelassen hatte und seinen Clan mit wachsamen Augen beobachtete. „Wir sind hier und heute zusammengekommen, weil wir zwei neue Krieger in unserer Gemeinschaft willkommen heißen wollen." Efeupfote wurde auf einmal ganz hibbelig >>Das ist es, wovon ich immer geträumt habe. Eine Kriegerin zu werden<<, dachte sie erfreut, als Feuersterns Blick zu ihr und Taubenpfote wanderte, „Taubenpfote und Efeupfote. Tretet bitte vor.", miaute er mit klarer Stimme. Efeupfote tappte nach vorn und blieb schließlich unmittelbar vor der Hochnase stehen. Feuerstern lächelte sie an, dann richtete er seinen Blick auf den Himmel, an dem bereits die ersten Sterne zu sehen waren, Efeupfote wusste instinktiv, was nun folgen würde. Unwillkürlich lächelte sie. „Ich, Feuerstern, Anführer des DonnerClans rufe meine Kriegerahnen an und bitte sie, auf diese Schülerinnen herabzublicken. Sie haben hart trainiert, um euren edlen Gesetzen gehorchen zu können, und ich empfehle sie euch nun als Kriegerinnen." Der Blick des Anführers richtete sich nun auf die beiden Schülerinnen, die ihn aufgeregt ansahen, „Taubenpfote und Efeupfote, versprecht ihr das Gesetz der Krieger einzuhalten und den Clan zu beschützen und zu verteidigen, selbst wenn es euer Leben kostet?" Efeupfote wurde plötzlich bewusst, dass der gesamte Clan sie und Taubenpfote anstarrte. Sie schluckte, dann öffnete sie ihr trockenes Maul: „Ich verspreche es", miaute sie. „Ich verspreche es", miaute auch Taubenpfote. Feuerstern lächelte erneut, „Dann gebe ich euch mit der Kraft des SternenClans nun eure Kriegernamen. Efeupfote von nun an wirst du Efeusee heißen. Der SternenClan ehrt deinen Mut und deine Stärke im Kampf und heißt dich als Vollwertiges Mitglied dieses Clans willkommen." Respektvoll senkte Efeusee den Kopf vor ihrem Anführer und leckte dessen Schulter, als dieser vor sie trat und seine Schnauze auf ihre Schulter legte. Efeusee machte anschließend einen Schritt zurück, als Feuerstern sich nun Taubenpfote zuwandte. Efeusee konnte sofort erkennen, dass ihre Schwester furchtbar aufgeregt war. Taubenpfote von nun an wirst du Taubenflug heißen. Der SternenClan ehrt deine Tapferkeit und deine Treue zum Clan und heißt dich als Vollwertiges Mitglied dieses Clans willkommen." Auch Taubenflug senkte respektvoll den Kopf und leckte Feuerstern die Schulter, dann trat sie an Efeusees Seite und sah ihre Schwester glücklich an. Efeusee lächelte zurück. Die Eifersucht und der Zorn auf ihre Schwester war in diesem einen Augenblick völlig verflogen. „Taubenflug! Efeusee! Taubenflug! Efeusee!" jubelte der Clan. Feuerstern ließ seine Katzen für einige Momente jubeln, bevor er mit einem Schwanzschnippen wieder für Ruhe sorgte, „Die alten Traditionen verlangen, dass die neu ernannten Krieger heute schweigend ihre Nachtwache halten. Sobald der Mond aufgeht und bis die Sonne am Horizont auftaucht werdet ihr unser Lager mit wachsamen Augen und Ohren beschützen" Taubenflug und Efeusee nickten und senkten ihre Köpfe erneut respektvoll vor dem Flammenfarbenen Kater. Plötzlich entdeckte Efeupfote eine Bewegung am anderen Ende der Lichtung. >>Häherfeder<<! Der blinde Heiler hatte sich von den Katzen auf der Lichtung, die sich nun beglückwünschend um die neuen Kriegerinnen scharrten, entfernt und verschwand im Schmutzplatztunnel. Misstrauisch sah Efeusee ihm nach, die Freude war auf einmal wie weggeblasen.
>>Was hast du vor<<?

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