Ⅰ

Der Segen des Blauen Saphirs

Lange bevor die Menschen begannen, die Zeit in Jahren zu messen, lange bevor die großen Chroniken geschrieben und die Namen der mächtigsten Herrscher in Stein gemeißelt wurden, existierte ein Land, dessen Schönheit selbst den Himmel überstrahlte.

Sein Name war Asteria.

Asteria war kein gewöhnliches Königreich. Es war das Oberreich, der Ursprung aller königlichen Blutlinien und die Heimat der ältesten Magie der Welt. Unter seinem Schutz standen zehn große Königshäuser, von denen jedes über seine eigenen Länder, seine eigene Kultur und seine eigene Form der Magie herrschte.

Im Westen erhob sich das Königshaus Azurien, dessen Paläste aus schimmerndem weißem Marmor erbaut worden waren und dessen Seen das Blau des Himmels widerspiegelten.

Im Norden lag das Haus Valenor, Heimat der stärksten Krieger und Beschützer.

Im Osten befanden sich die uralten Länder Eldoria und Mariselle, deren Bewohner für ihre Weisheit und ihre Verbindung zur Natur bekannt waren.

Florentia ließ endlose Blumenmeere erblühen, Solaria verehrte das Licht der Sonne, während Noctaris die Geheimnisse der Nacht bewahrte.

Pyronia herrschte über Feuer und geschmolzenen Stein.

Nordheim trotzte Schnee und Eis.

Eryndor galt als Zentrum der Gelehrten.

Und Drakoria war das Land der Drachenreiter und uralten Bestien.

Jahrhundertelang lebten die zehn Königshäuser in Frieden.

Handel verband ihre Länder.

Kinder spielten gemeinsam in den Gärten der Königsschlösser.

Feste dauerten oftmals mehrere Wochen.

Niemand hätte geglaubt, dass diese Welt jemals untergehen könnte.

Doch selbst die schönsten Zeitalter fanden irgendwann ihr Ende.

Aus den Schatten erhob sich ein Krieg.

Niemand wusste später noch genau, wodurch er begonnen hatte.

Ein Streit.

Ein Verrat.

Der Wunsch nach Macht.

Oder vielleicht einfach nur die Gier der Menschen.

Innerhalb weniger Jahre verwandelte sich Asteria in ein Schlachtfeld.

Dörfer brannten.

Burgen stürzten ein.

Flüsse färbten sich rot.

Magie, die einst erschaffen hatte, wurde nun benutzt, um Leben zu vernichten.

Die großen Königshäuser verloren ihre Erben.

Selbst die mächtigsten Armeen konnten den Untergang nicht mehr aufhalten.

Von den zehn Königreichen standen viele kurz vor ihrer vollständigen Auslöschung.

Besonders schwer traf es das Königshaus Azurien.

Die einst strahlenden Städte lagen in Trümmern.

Die Ernte verdorrte.

Kinder litten Hunger.

Seuchen breiteten sich schneller aus als jedes Heilmittel.

Tag für Tag starben Hunderte Menschen.

Dennoch gab die Königin Azurien's niemals auf.

Sie war ein Omega mit einem außergewöhnlich sanften Herzen.

Ihr Name war über die Grenzen sämtlicher Königreiche bekannt.

Nicht weil sie Kriege führte.

Nicht weil sie Armeen befehligte.

Sondern weil sie jede einzelne Entscheidung aus Liebe zu ihrem Volk traf.

Sie besuchte Verwundete persönlich.

Sie teilte ihre Mahlzeiten mit hungernden Familien.

Sie sprach jedem Soldaten Mut zu.

Für ihre Untertanen war sie weit mehr als eine Königin.

Sie war Hoffnung.

Doch selbst Hoffnung konnte einen Krieg nicht alleine beenden.

Eines Abends, als dichter Regen gegen die hohen Fenster des Thronsaales prasselte, öffneten sich die schweren Tore.

Eine einzelne Frau trat ein.

Ihre Kleidung bestand aus dunklen Stoffen, die mit silbernen Runen bestickt waren.

Ihr langes Haar schimmerte schneeweiß.

In ihren Augen spiegelten sich Sterne.

Niemand wusste, wie sie die unzähligen Wachen hatte passieren können.

Sie stellte sich weder vor noch verneigte sie sich.

Stattdessen trat sie langsam bis vor den Thron.

In ihren Händen lag eine silberne Kette.

An ihr hing ein Saphir.

Doch dieser Edelstein war anders als alles, was jemals ein Mensch gesehen hatte.

Er war tiefblau.

In seinem Inneren schimmerten winzige Sterne.

Es wirkte, als hätte jemand den gesamten Nachthimmel in einen einzigen Edelstein eingeschlossen.

„Euer Volk stirbt", sagte die Magierin ruhig.

Die Königin nickte schweigend.

„Ich kann es retten."

Ein Flüstern ging durch den Saal.

„Doch jede Rettung verlangt ihren Preis."

Die Königin sah den Edelstein lange an.

Dann erhob sie sich.

„Wenn dadurch mein Volk überlebt, zahle ich jeden Preis."

Die Magierin lächelte traurig.

„Dann nehmt den Saphir an."

Kaum hatte sie die Kette berührt, begann der Edelstein zu leuchten.

Ein sanftes blaues Licht breitete sich durch den gesamten Thronsaal aus.

Der Boden bebte.

Die Luft wurde von Magie erfüllt.

Der Wind trug den Duft frischer Blumen durch die zerbrochenen Fenster.

Draußen begann es zu regnen.

Nicht gewöhnlicher Regen.

Magischer Regen.

Innerhalb weniger Minuten verwandelten sich verbrannte Felder wieder in sattgrüne Wiesen.

Vertrocknete Bäume trieben neue Blätter.

Verwundete Soldaten standen plötzlich wieder auf.

Kranke Menschen atmeten zum ersten Mal seit Wochen schmerzfrei.

Selbst zerstörte Gebäude begannen sich langsam wieder aufzubauen.

Es war, als würde die Zeit selbst zurückgedreht werden.

Der Krieg endete.

Nicht durch Schwerter.

Nicht durch Magie.

Sondern durch den Blauen Saphir.

Die Menschen jubelten.

Sie feierten ihre Königin tagelang.

Ganz Asteria sprach von dem Wunder.

Doch niemand wusste, dass der Preis noch längst nicht bezahlt war.

Wochen vergingen.

Monate.

Jahre.

Eines Morgens verspürte die Königin ein seltsames Ziehen in ihrer Brust.

Als sie in den Spiegel blickte, erschrak sie.

Die silberne Kette lag zerbrochen auf dem Boden.

Der Saphir schwebte langsam vor ihr.

Wie von einer unsichtbaren Kraft getragen näherte er sich ihrem Dekolleté.

Sie wollte zurückweichen.

Doch ihr Körper gehorchte ihr nicht.

Langsam berührte der Edelstein ihre Haut.

Blaues Licht erfüllte das Zimmer.

Der Saphir begann zu verschmelzen.

Millimeter für Millimeter verschwand er unter ihrer Haut, bis nur noch seine schimmernde Oberfläche sichtbar blieb.

Er gehörte nun zu ihr.

Mit ihm veränderte sich alles.

Ihre Magie wurde stärker.

Ihre Sinne schärfer.

Sie alterte kaum noch.

Während Freunde älter wurden und starben, blieb sie jung.

Viele Jahre später brachte sie Kinder zur Welt.

Auch sie besaßen den kleinen blauen Saphir auf ihrer Brust.

Von diesem Tag an sprach ganz Asteria von einer neuen Blutlinie.

Den True Blood Omegas.

Sie waren anders.

Sie lebten zwischen dreihundert und sechshundert Jahren.

Ihre Magie übertraf jede andere.

Ihre Pheromone beruhigten selbst tobende Bestien.

Doch der Saphir war nicht nur ein Geschenk.

Er war ihr Herz.

Mit ihm war ihre Seele verbunden.

Niemand durfte ihn entfernen.

Niemand.

Doch Macht weckte Gier.

Schon bald verbreiteten sich Gerüchte.

Man erzählte sich, der Saphir könne ewiges Leben schenken.

Andere behaupteten, er mache seinen Besitzer unbesiegbar.

Könige begannen nach ihm zu suchen.

Adlige setzten Kopfgelder aus.

Attentäter wurden ausgesandt.

Immer häufiger griffen sie Mitglieder der königlichen Familie an.

Einige schafften es tatsächlich.

Mit grausamer Gewalt rissen sie den Saphir aus der Brust seiner Träger.

Jedes Mal geschah dasselbe.

Der True Blood Omega starb innerhalb weniger Augenblicke.

Nicht wegen der Wunde.

Sondern weil sein Herz gestohlen worden war.

Von diesem Tag an verschwand die königliche Familie Azuriens hinter den gewaltigen Mauern ihres Schlosses.

Neue Gesetze wurden geschaffen.

Kein True Blood Omega durfte das Schloss jemals ohne einen Alpha verlassen.

Nicht einmal für einen kurzen Spaziergang.

Ihre Sicherheit stand über allem.

Mit der Zeit entstand gleichzeitig eine zweite Blutlinie.

Die True Blood Alphas.

Sie wurden geboren, um ihre Mates zu beschützen.

Ihre Magie erschuf Schilde.

Barrieren.

Schutzzauber.

Sie waren die Wächter der Saphire.

Jahrhunderte vergingen.

Könige kamen und gingen.

Kriege wurden geführt.

Neue Generationen wurden geboren.

Doch die Zahl der True Blood Omegas wurde immer geringer.

Irgendwann gab es nur noch einen einzigen.

Kim Seokjin.

Er war freundlich, geduldig und von außergewöhnlicher Schönheit.

Sein eingewachsener Saphir leuchtete heller als jeder seiner Vorgänger.

An seiner Seite regierte Kim Namjoon.

Ein True Blood Alpha.

Groß.

Ruhig.

Unerschütterlich.

Die Menschen liebten ihren König ebenso sehr wie ihren Omega.

Gemeinsam führten sie Azurien durch viele friedliche Jahrzehnte.

Sie ergänzten sich perfekt.

Während Seokjin sich um das Volk kümmerte, sorgte Namjoon für dessen Sicherheit.

Ihre Liebe war im gesamten Oberreich bekannt.

Viele behaupteten sogar, sie seien das glücklichste Königspaar Asterias.

Nur eines fehlte ihnen.

Ein Kind.

Jahrzehnte vergingen.

Dann ein ganzes Jahrhundert.

Schließlich zweihundert Jahre.

Immer wieder beteten sie.

Immer wieder hofften sie.

Doch kein Erbe wurde geboren.

Viele glaubten bereits, die Blutlinie würde mit Seokjin enden.

Doch das Schicksal hatte andere Pläne.

In einer ruhigen Frühlingsnacht wurde das Schweigen des Schlosses von einem leisen Babyweinen durchbrochen.

Der Himmel über Azurien begann blau zu leuchten.

Unzählige Sternschnuppen zogen über die Dunkelheit.

Die Hofmagier fielen gleichzeitig auf die Knie.

Sie alle spürten dieselbe uralte Magie.

Nach zweihundert Jahren war endlich wieder ein True Blood Omega geboren worden.

Kim Hongjoong.

Als Seokjin seinen Sohn zum ersten Mal im Arm hielt, liefen ihm Tränen über die Wangen.

Auf der kleinen Brust des Neugeborenen schimmerte bereits ein winziger blauer Punkt.

Der Saphir.

Noch kaum größer als eine Erbse.

Und doch untrennbar mit seinem Herzen verbunden.

Namjoon betrachtete seinen Sohn voller Stolz.

Zum ersten Mal seit Jahrhunderten besaß die Blutlinie wieder eine Zukunft.

Ganz Azurien feierte.

Wochenlang läuteten die Glocken.

Straßen wurden geschmückt.

Selbst die anderen Königshäuser Asteria's sandten Geschenke.

Aus Valenor trafen meisterhaft geschmiedete Schwerter ein.

Eldoria schenkte seltene Heilpflanzen.

Mariselle sandte kostbare Stoffe.

Florentia brachte ganze Wagen voller Blumen.

Solaria übersandte goldene Kronen.

Noctaris schickte uralte Sternenkarten.

Pyronia fertigte kunstvolle Metallarbeiten.

Nordheim sandte Felle gegen die Kälte.

Eryndor überreichte seltene Bücher.

Und Drakoria entsandte einen jungen Drachen als Zeichen ewiger Freundschaft.

Namjoon wollte diesen besonderen Tag mit seinem Volk teilen.

Zum ersten Mal seit vielen Jahren ließ er die großen Tore Azurien's öffnen.

Ein Fehler.

Denn irgendwo zwischen den feiernden Menschen warteten bereits jene, die den Saphir begehrten.

Noch bevor die Sonne ihren höchsten Stand erreicht hatte, erklangen plötzlich Alarmglocken.

Maskierte Männer stürmten durch die geöffneten Tore.

Pfeile flogen.

Magie explodierte.

Schwerter prallten aufeinander.

Innerhalb weniger Sekunden verwandelte sich das friedliche Fest in ein Schlachtfeld.

Namjoon zog sein Schwert.

Seine goldene Magie breitete sich über den gesamten Innenhof aus.

Barrieren entstanden.

Sie schützten Frauen und Kinder.

Doch immer neue Angreifer drangen ein.

Während draußen gekämpft wurde, nahm Seokjin seinen wenige Wochen alten Sohn auf den Arm.

Ohne zu zögern eilte er durch geheime Gänge tief unter das Schloss.

Nur wenige Menschen kannten diese Tunnel.

Dort würde niemand sie finden.

So glaubte er zumindest.

Doch der Kampf über ihnen erschütterte das gesamte Schloss.

Plötzlich bebte die Erde.

Ein ohrenbetäubendes Krachen erfüllte den Gang.

Die Decke begann einzustürzen.

Seokjin drückte Hongjoong schützend an seine Brust.

Steine stürzten herab.

Staub erfüllte die Luft.

Dann wurde alles still.

Über Stunden wusste niemand, wo sich der Omega und der kleine Prinz befanden.

Namjoon kämpfte weiter.

Mit jeder Minute wurde seine Verzweiflung größer.

Immer wieder rief er nach seinem Gemahl.

Doch niemand antwortete.

Erst viele Stunden später fanden einige Ritter einen verschütteten Seitengang.

Mit bloßen Händen begannen sie, die Steine zur Seite zu räumen.

Als sie schließlich eine kleine Höhle freilegten, stockte ihnen der Atem.

Seokjin lag bewusstlos auf dem Boden.

Seinen Sohn hielt er noch immer fest an seine Brust gedrückt.

Selbst im Bewusstsein der Dunkelheit hatte er ihn nicht losgelassen.

Beide atmeten kaum noch.

Sofort wurden sie in die königlichen Gemächer gebracht.

Tag und Nacht kämpften die Heiler um ihr Leben.

Wochen wurden zu Monaten.

Monate voller Angst.

Namjoon wich kaum einen einzigen Augenblick von ihrer Seite.

Nur wenn wichtige Versammlungen stattfanden oder Entscheidungen über die Sicherheit des Königreiches getroffen werden mussten, verließ er kurz ihr Zimmer.

Ansonsten saß er schweigend an ihrem Bett.

Er hielt Seokjin's Hand.

Oder wiegte den kleinen Hongjoong vorsichtig in seinen Armen.

Langsam kehrte das Leben zurück.

Seokjin öffnete eines Morgens wieder die Augen.

Wenige Tage später begann auch Hongjoong wieder zu lachen.

Für Namjoon war es der schönste Klang der Welt.

Doch er wusste, dass sich so etwas niemals wiederholen durfte.

Noch am selben Tag befahl er den vollständigen Umbau des Schlosses.

Die Mauern wurden höher errichtet als jemals zuvor.

Neue Türme entstanden.

Magische Schutzbarrieren umgaben das gesamte Königreich.

Runen wurden tief in das Fundament eingearbeitet.

Unzählige True Blood Alphas bewachten fortan jeden einzelnen Eingang.

Kein Fremder konnte das Schloss mehr betreten.

Und niemand durfte es ohne Erlaubnis verlassen.

So wuchs Hongjoong innerhalb der sicheren Mauern Azurien's auf.

Für viele wäre dieses Leben wie ein goldener Käfig gewesen.

Für ihn jedoch war es seine ganze Welt.

Schon als kleines Kind interessierte er sich kaum für Feste oder große Gesellschaften.

Stattdessen schlich er immer wieder in die riesige königliche Bibliothek.

Zwischen den hohen Regalen fühlte er sich zuhause.

Er verschlang ein Buch nach dem anderen.

Er lernte alte Sprachen.

Studierte Geschichte.

Las über Magie, Sternbilder, Heilkunst und längst vergessene Königreiche.

Je mehr Wissen er sammelte, desto stärker entwickelte sich auch seine eigene Magie.

Der kleine Saphir auf seiner Brust schimmerte mit jedem Jahr heller.

Und ohne dass Hongjoong oder seine Eltern es bereits ahnten, beobachtete das Schicksal jeden einzelnen seiner Schritte.

Denn tief außerhalb der schützenden Mauern Azurien's regten sich längst erneut dunkle Schatten.

Und sie warteten geduldig auf den Tag, an dem der junge True Blood Omega seine sichere Welt zum ersten Mal verlassen würde.



Autor Notes


Hier ist auch schon das erste Kapitel


Ich hoffe es gefällt euch


Eure

Youna

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