Der Fall
Ich sank an der Mauer zusammen. Ich schrie. Ich heulte und zitterte. Kein Geräusch kam aus meinem Mund. Kein einziger Ton und trotzdem schrie ich meinen ganzen Schmerz heraus.
Meine Lunge fühlten sich an, als wäre ich einen Marathon gelaufen.
Unterwasser, ohne Luft zu holen.
Sie brannte, als hätte ich Feurer statt Sauerstoff eingeatmet.
Und trotz dem Übermaß an kalter, nasser Luft, die ich jetzt einatmete, wurde sie seltsam taub.
Ich spürte die Atemzüge kaum noch, als wüsste mein Körper, das er diese überlebenswichtige Funktion bald nicht mehr brauchte.
Tränen. Vermischt mit strömendem Regen.
Das war das einzige, was ich spürte.
Ich wollte den Baum vor mir anbrüllen, dessen Zweige vom heftigen Regen hin und her gepeitscht wurden, aber kein einziger Laut verließ meine Lippen. Nur die Tränen, die salzig über mein Gesicht strömten.
Meine Hände waren taub von der Kälte und Blut lief warm an meinem Arm herunter. Die grauen Ärmel des zu großen Pullis, die wieder über die Arme gerutscht waren, färbten sich dunkel.
Unnatürlich leuchtend rot, angestrahlt von dem silbrig kalten Licht des Mondes.
Die Schnitte waren tiefer als sonst, aber der Schmerz hatte diesmal nicht gereicht.
Jetzt drang nur noch taube Gefühlslosigkeit und der kalte Regen zu mir durch.
Leere erfüllte mich.
Aber nicht die Leere, die ich mir so oft wünschte. Nicht die Leere, die mich alles vergessen ließ. Die Leere, in der ich Zuflucht fand und mir oft stundenlang gewünscht hatte, sie würde nicht wieder verschwinden, würde mich nicht wieder diesen Schmerz, den Hass und die Selbstverachtung spüren lassen.
Es war eine andere Leere.
Es war eine schmerzende Leere. Eher wie eine Gewissheit, die stille Resignation.
Die Zustimmung des Schmerzes.
Aber in ihr auch Gewissheit. Die Gewissheit, dass es besser werden würde. Dass das alles hinter mir lag.
Bis hier oben war ich gestiegen. Der Regen, der mich komplett durchnässt hatte machte mir nichts mehr aus. Das letzte Stück musste ich klettern, um auf den Felsen zu kommen. Die Anstrengung hatte mir nichts ausgemacht.
Der Wind, der durch meinen dicken grauen Pulli drang, war stark hier oben, ließ mich ahnen, wie tief es nach unten ging.
Sehr tief.
Tief genug.
Sie sagten, um das Glück zu finden müsste ich meinem Herzen folgen, egal wie mutig ich sein musste.
Ich stand auf. Der ganze Schmerz war da. Eigentlich stärker als sonst, aber diesesmal war es irgendwie befreiend. Es war das letzte Mal.
Meine Beine bewegten sich von selbst. Der Mond war nicht mehr zu sehen.
Gedanken kamen. Die Vergangenheit. Ich spürte ein Stechen. Es gab Leute, mit denen hatte ich gerne geredet. Es gab Menschen, in deren Gegenwart hatte ich mich wohl gefühlt.
Aber dann kam wieder die Wut. Der Hass. Die Schuldgefühle. Ich war doch selbst schuld daran. An allem. An dem Schmerz.
Es gab niemanden mehr, der mich vermissen könnte.
Ich sah die Felsen um mich herum, die vom Regen glatten Steine. Nass schimmerten sie leicht. Der Himmel war tiefschwarz. Dichte Regenwolken hingen bedrohlich über mir.
Mir war nicht kalt, obwohl der Reißverschluss des grauen Pullis offen war.
Ich wusste nicht wie lange ich dort stand. An der Kante. An der Schwelle einer Tür in ein neues Zimmer.
So oft war ich durch eine Tür geflüchtet, hatte sie hinter mir zugeschlagen und trotzdem war hinter der Tür Leere. Nichts. Keine Person, die mich erwartete. Ein weiteres Zimmer in dem ich unwillkommen war.
Dieses Mal war es eine andere Tür. Ich wusste nicht, was es für eine Tür war, aber es war eine andere.
Weiter starrte ich in die Tiefe. Ich konnte den Boden nicht sehen. Nur Schwärze. Keine Regung huscht über mein Gesicht. Keine Bewegung ging von mir aus.
Ich schloss kurz die Augen, nur kurz. Ich spürte nichts mehr. Nur noch Luft.
Eine Gestalt kam aus dem Dunkeln.
»Grey.« Es klang eher wie eine Feststellung, nicht wie eine Frage.
Ich erkannte die Person sofort.
Es war mein früherer bester Freund.
»Du tust es wirklich. Ich wusste doch, dass du es nicht schaffen wirst. Dass du zu schwach bist. Du warst früher schon so. Direkt aufgegeben.«
Ich ballte meine Hand zu einer Faust. Die Gefühlslosigkeit hatte sich auf meine Arme übertragen. Ich spürte den Schmerz in ihnen nicht mehr.
Dafür traf mich der Schmerz in meinem Herzen doppelt so stark, als ich die vor Selbstsicherheit triefende Stimme erkannte.
Die Person, die mir über alles wichtig war und von der ich nie erwartet hätte, dass sie mich so hassen könnte stand vor mir. Seine Haare waren nicht nass. Sie waren glatt und glänzten so wie immer.
Es war zu dunkel, um seine Augen zu erkennen, aber ich wusste wie verächtlich er mich anstarrten. Oft genug hatte ich dieses Gesicht gesehen. Diese Maske.
Vielleicht war ich damals zu leichtgläubig gewesen. Vielleicht hatte ich ihm zu blind vertraut. Ich hatte nie gedacht, dass er alles nur spielte. All das, um mich zu verletzen.
Vielleicht hatte mich die Hoffnung einen echten Freund zu finden blind gemacht.
Genau deswegen musste ich es ihm beweisen. Es mir beweisen. Dass ich es tun würde. Dass er es sich hätten vorher überlegen sollen.
»Grey, warum tust du das? Du weißt selber dass es übertrieben ist. Dass es nicht stimmt. Jetzt stehst du hier, weil du mal wieder übertreibst. Niemand hat das so gemeint.«
Die Person war nicht mehr mein früherer bester und einziger Freund. Es war meine Tante. Die einzige Familie die ich hatte.
Die Tante, die sich nicht für mich interessierte. Die immer gesagt hatte, ich würde nur übertreiben, ich wäre doch glücklich.
Ich wollte etwas schreien, ihr sagen dass ich verdammt nochmal hier nicht stehen würde, wenn ich glücklich wäre.
Aber es kam kein Ton.
Schon wieder änderte sich das Gesicht der Person. Ich stand der Schuldirektorin gegenüber.
»Grey, bitte geh aus dem Unterricht, wenn du mit deinen Klassenkameraden nicht zusammenarbeiten kannst.«
Der Ton war streng, oberflächlich, wie ich ihn kannte.
Ich spürte die arrogant lachenden Blicke der anderen. Auch wenn es hier keine andere Person gab.
Ich versuchte einen Schritt zu laufen. Ich hatte meine Gründe. Ich wusste, wieso ich es tat. Ich konnte nicht warten.
Ich spürte noch immer nichts.
»Mach es halt, wär doch für alle besser.«
Das Lachen drang in meine Ohren, blieb hängen, aber diesmal stach es mich nicht mehr.
»Grey.«
Es war nicht das gleiche Grey wie am Anfang. Es klang schon fast freundlich.
Ich drehte mich um. Die schattenhafte Gestalt hatte sich wieder verändert.
Irgendwie wunderte ich mich nicht, warum das passierte. Ich akzeptierte es einfach. Ich stellte mir keine Fragen.
Ein alter Mann. Nur ein alter Mann in einem grauen Pulli. Ich kannte ihn nicht. Er hatte die gleichen schwarzen Haare wie ich und die gleichen grünen Augen, nur das ein anderer Ausdruck darin lag. Da war kein Schmerz, oder Wut.
Sein Gesicht war Ausdruckslos und trotzdem irgendwie freundlich.
»Grey.« sagte er schon wieder. Er zitterte nicht, obwohl es kalt war und der Reißverschluss des Pullis offen war.
Ich nickte langsam, ohne zu spüren wie sich mein Kopf bewegte.
»Warum?«
Ich verstand sofort was der Alte meinte.
»Du hast es gesehen. Die Leute alle.« meine Stimme hallte unwirklich. Ich wusste nicht, ob es die Felsen waren, die sie so seltsam veränderten, oder ob es einfach die Taubheit in meinen Ohren war.
Der alte Mann nickte. »Bist du dir sicher, dass es besser wird?«
Ich brachte kein Geräusch heraus. Aber ja ich war mir sicher, es konnte nicht noch beschissener werden.
»Vielleicht werden sie dich nicht vermissen. Aber vielleicht würden sie es, wenn du ihnen eine Chance geben würdest dich kennen zu lernen.«
»Sie kennen mich. Sie vermissen mich nicht. Würden sie mich nicht kennen, wäre ich ihnen wahrscheinlich auch egal.« Meine Stimme war lauter geworden.
Niemand verstand es. Der alte Mann hatte doch auch keine Ahnung.
»Dann tu es.«
Die unbeschreibliche Ruhe des Mannes machte mich wütend.
Er stand vor mir, versperrte den Weg zum Abgrund.
»Geh zur Seite.« Ich versuchte ruhig zu bleiben. Etwas in seiner Ausstrahlung regte mich auf.
Diese Art, wie er mich musterte. Wie er mit mir sprach.
Er war anders als die Schattenpersonen, die mich verachtet hatten.
Er blieb länger, brachte mich zum Nachdenken. Ich hasste es. All die Gedanken, die ich so oft hatte. Die mich abgehalten hatten.
»Lass mich durch« Wiederholte ich langsam.
Noch immer regte sich der Mann nicht.
Er stand einfach da. Der Regen kam nicht an ihn ran. Die Ärmel des grauen Pullis waren dunkel, vielleicht nass, obwohl seine Haare und sein Gesicht trocken war.
Ich ging einen Schritt nach vorne und noch immer spürte ich die Bewegung nicht.
Der Mann bewegt sich. Er lächelte. Sein Lächeln war freundlich, aber trotzdem wollte ich es ihm vom Gesicht wischen. Es war so wissend. Vielleicht auch etwas arrogant.
»Dir ist es doch egal. Dann lass mich.« versuchte ich ruhig zu sagen, aber meine Stimme klang gepresst. Noch immer echote sie gespenstisch.
»Ich glaube nicht, dass du mir egal bist. Aber wen interessiert, was ich glaube. Du glaubst es wird besser, dann geh.«
Der Mann ging langsam nach hinten. Sein Lächeln war verschwunden. Sein Blick war Ernst.
Lag da Enttäuschung in den alten, grauen Augen? Oder war das Hoffnung?
Ich lief auf den Mann zu. Als ich an ihm vorbei wollte, griff er meinen Arm.
Es war nur eine leichte Berührung, fast flüchtig.
Und trotzdem schoss der Schmerz schlagartig zurück. Die ganze Zeit hatte ich ihn nicht gespürt, doch jetzt raubte er mir den Atem. Unfähig irgendwie zu reagieren keuchte ich.
Meine Beine brannten wie Feuer. Ich schrie auf. Meine Stimme hallte laut. Viel zu laut. Sie hörte sich unmenschlich hoch an und ließ meine Ohren klingen.
Als ich meine Augen wieder öffnete merkte ich, dass ich auf dem Boden lag. Der Alte stand neben mir und beobachtete mich.
»Was willst du von mir?«
Ich schrie ihn an, ohne es zu wollen. Jeder Knochen tat mir weh und ich konnte kaum atmen. Ich zitterte heftig und versuchte irgendwas zu greifen. Meine Augen waren vor Schmerz geweitet.
Der Mann stand weiter nur da.
»Du darfst entscheiden. Tu es. Ich halte dich nicht auf, ich stehe dir nicht im Weg.«
»Doch genau das tust du.« Knurrte ich unter Schmerzen. Ich schnappte nach Luft. Sie füllte meine Lungen, aber sie kühlte nicht. Sie brannte in mir.
Der Mann antwortete nicht, sondern starrte mich an. Sein Blick war unverändert.
Ich schrie erneut. Der Schmerz machte mich fast ohnmächtig. »Wer bist du?«
Ich schleuderte ihm die Frage, mit aller Wut und allem Schmerz an den Kopf.
Die Augen des Mannes weiteten sich etwas. Ein erstaunter Ausdruck trat auf sein Gesicht.
Ich sah noch etwas anderes in seinen Augen. Es war keine Wut, aber der Mann lächelte auch nicht mehr.
Mit einem Schlag kehrte die Taubheit zurück. Ich blieb liegen, zu erschöpft aufzustehen. Nach Luft ringend starrte ich einfach nur nach oben.
»Wer bist du« flüsterte ich nocheinmal, wärend meine Lippen sich kaum bewegten.
Der Aufprall kam. Ich nahm ihn nicht mehr wahr.
Sofort wurde alles schwarz. Der Fall hatte nur wenige Sekunden gedauert und trotzdem bildete ich mir ein, mit einer Person geredet zu haben, doch die Erinnerung verblasste, wie alles in mir.
Kein Gefühl erfüllte mich, ich konnte nicht sagen, ob ich glücklich, oder traurig war.
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