chapter 38



Manchmal stellt man sich Momente im Leben total besonders vor. Man hat Bilder im Kopf, Vorstellungen von bestimmten Dingen, die passieren könnten, und man glaubt, dass ist alles garnicht möglich, so schön und überwältigend sind sie.

Genau deshalb fängt man auch an, realistisch zu denken und sich enttäuscht einzureden, dass es nicht so passieren wird, wie man es sich erhofft..

Und so ist es dann auch.

Es ist selten etwas so, wie im Traum.

Doch dieser Moment, - den Moment, den ich gerade erlebe und von dem ich schon so oft geträumt habe, ist noch so viel schöner, als meine Vorstellung von ihm. Und das macht mich so glücklich, dass ich weinen will. Ich will weinen, weil ich so lange gewartet habe und mich so davor gefürchtet habe, Lydia das nächste mal gegenüber zu treten.

Doch anstatt meinen Tränen freien Lauf zu lassen, lächle ich. Ich lächle ein Lächeln, das direkt vom Herzen kommt und spüre sofort, wie diese Lücke von Glück erfüllt wird. Denn genau in diesem Moment, bin ich glücklich.

Einfach nur glücklich.

»Ich habe gehofft, dass ich dich genau so Lächeln sehen würde, wie du es gerade tust«, bemerkt Lydia plötzlich und unterbricht ihren Vortrag darüber, was sich alles verändert hat, seitdem ich die Stadt verlassen habe. Ich sage nichts, sondern lehne mich vor und nehme Lydia erneut in die Arme. Ganz fest, einfach aus der Angst, dieser schöne Moment würde von irgendjemanden zerstört werden.

»Ich hab dich so vermisst«, hauche ich dann mit brüchiger Stimme.

»Ich dich auch.« Lydia verstärkt den Griff um mich und seufzt. »Ich hatte so Angst, dass du die schwere Zeit nicht gut überstanden hast. Ehrlich, ich... ich habe mich selbst dafür verantwortlich gemacht-«

»Nein«, unterbreche ich sie, während ich mich von ihr löse und sich meine Gesichtszüge verhärten. »Ich will, dass du das nie wieder tust. Denn es war meine Entscheidung. Ich habe mich dazu entschieden, alles zurückzulassen und für eine Zeit jeden aus meinem Leben auszuschließen. Du hattest nichts damit zutun.«

Lydia zuckt schwach mit den Schultern und senkt den Blick auf ihre Hände, die auf ihrem Schoß liegen. »Irgendwie doch schon... ich habe nicht genug getan. Ich hätte schneller reagieren müssen... ich... ach, keine Ahnung.«

Ich schlucke schwer und schließe die Augen. Nein, sie hat wirklich keine Schuld. An gar nichts, was passiert ist. Ich habe unüberlegt gehandelt, bin sofort verschwunden, ganz einfach, weil ich selbst nicht mit der Situation klarkam.

Ich räuspere mich. »Ich habe das getan, weil ich dich nicht mit mir runterziehen wollte. Und bevor du jetzt irgendetwas sagst - das wärst du ganz sicher. Ich war gebrochen, einfach total kaputt. Damals erschien es mir einfach richtig, das Erstbeste zu tun, was mir in den Kopf gekommen ist. Und das war eben einfach das Abhauen. Also... hör auf sowas zu sagen.«

Lydia atmet tief durch und nickt dann. »Ja, ich weiß. Aber trotzdem tut es mir leid. Was alles alles passiert ist und das du das alleine durchstehen musstest... war furchtbar.«

Nun bin ich an der Reihe zu nicken.

Denn allein der Gedanke an dem, was in meiner Heimatstadt vor einigen Monaten passiert ist, beschert mir eine eiserne Gänsehaut und ganz plötzlich bin ich mir meiner Stimme nicht sicher genug, um zu sprechen.

»Dean hasst mich, oder?«, frage ich dann, nach einer Minuten des Schweigens und sehe Lydia direkt an.

Und bevor sie überhaupt die Chance zum antworten hat, erkenne ich es an ihrem Blick und mein Bauch verkrampft sich. »Ich würde gerne sagen, dass er sich wie ein Erwachsener benimmt und sich mal in deine Lage versetzt, aber... leider ist Dean viel zu impulsiv für sowas reifes.«

Überrascht über diese Worte öffne ich den Mund und starre Lydia an. Ich meine, sonst hat sie nie so negativ über Dean gesprochen. Und das lag nicht daran, dass sie seine Schwester ist, sondern ganz einfach, weil sie immer zu ihm aufgesehen hat, beinahe schon als Vorbild.

Ich sehe kurz an ihr vorbei und betrachte das Bild von Lydia, Dean und mir, dass ich kurz nach dem Einzug hier in einen kleinen Bilderrahmen gesteckt habe und direkt auf meine Kommode gestellt habe.

Mein Blick bleibt an Dean's breitem Lächeln hängen und ich muss mir ein schweres Seufzen verkneifen.

»Ich hatte mit ihm gesprochen und habe wirklich versucht, alles zu erklären. Und es lief auch ganz gut, bis er meinte, dass ich zurückkommen solle... aber, als ich dann zu ihm meinte, dass ich das nicht kann, ist er total sauer geworden und hat einfach aufgelegt«, beginne ich mit zittriger Stimme und werde zum Ende hin immer leiser, da ich total Angst vor Lydia's Reaktion bezüglich dem »nicht zurückkommen« habe. Doch sobald ich sie betrachte, bemerke ich keinen Anflug von Wut oder Verzweiflung, wie es bei Dean der Fall war, was mich ehrlich erschüttert, aber zugleich auch so erleichtert.

Lydia legt mir beruhigend eine Hand auf die Schulter und lächelt dann traurig. »Mach dir keine Gedanken mehr über ihn. Er ist es nicht wert... wirklich.«

Okay.

Nun werde ich wirklich stutzig. Denn sowas aus Lydia's Mund zu hören, ist alles andere als üblich. »Lydia... ist etwas zwischen euch vorgefallen? Oder warum bist du so... enttäuscht von ihm?«, hake ich dann vorsichtig nach und beäuge sie misstrauisch.

Lydia sieht wieder auf ihre Hände und schüttelt dann nach einem Augenblick den Kopf. »Nein... nein, alles gut. Ich... ich erkenne ihn momentan einfach nur nicht wieder. Er hat sich total verändert, und das nicht gerade in eine positive Richtung.«

»Oh«, hauche ich überrascht und brauche einen Moment, um dies zu verarbeiten. Schließlich ist das wirklich komisch, wir reden schließlich über Dean. Dean, der absolute Traumsohn, der Traumfreund, der Traummensch. Er ist in jeglicher Hinsicht so, wie jeder gerne sein will und immer besser als alle anderen. Deshalb kommt das auch alles andere als erwartet. »Aber wieso... - wie ist das passiert?«

Lydia zuckt mit den Schultern. »Frag mich nicht. Seitdem du weg bist, ist er nicht mehr er selbst. Dass ist das Einzige, was ich weiß.«

Ich schnappe nach Luft und fühle mich wieder schlecht. Natürlich, ich hätte mir denken können, dass das etwas mit mir zutun hatte. Schließlich standen Dean und ich uns immer schon sehr nah. Ich wusste, er hatte mich immer schon mehr als nur gemocht und auch, wenn ich mir meiner Gefühle nicht sicher war, wusste ich dennoch, dass er bei mir an sehr hoher Stelle stand.

Ich habe ihn geliebt, auf meine ganz eigene Weise. Wenn auch nicht auf die selbe, wie er mich. Aber das heißt nicht, dass es weniger stark war.

»Das tut mir wirklich leid«, wispere ich und kann nicht verhindern, wieder traurig zu werden.

»Nein, dass braucht es nicht. Du hattest ihm schließlich nichts angetan, dass ihm einen Grund oder gar das Recht gibt, sich so zu benehmen, wie er es gerade tut. Nur weil du eine für dich wirklich schwierige Entscheidung getroffen hast, in einer noch viel schwierigeren Situation, hat er nicht das Privileg, sich so aufzuführen.« Lydia wird von Wort zu Wort lauter und steigt sich zum Ende hin total in die Worte rein, was mir zeigt, dass es ernster ist, als sie es zu Beginn dargestellt hat.

Ich muss mit Dean sprechen.

Vielleicht wird das irgendwie helfen.

Dass hoffe ich zumindest...

»Lydia« Ich räuspere mich belegt. »Mach dir keine Sorgen. Ich werde mit ihm sprechen und irgendwie versuchen, ihn zur Vernunft zu bringen. Du brauchst dir deshalb nicht den Kopf kaputt machen... du... du hattest genug Stress wegen mir und all der scheiße, die in den letzten Monaten passiert ist.«

Und das meine ich auch so. Lydia hatte genug mitmachen müssen. Dann muss ich ihr zumindest damit irgendwie behilflich sein können. Als ganz ganz kleine Wiedergutmachung.

Lydia schenkt mir ein schwaches Lächeln, dass von Sekunde zu Sekunde wächst, bis es endlich ihre Augen erreicht. »Ich hab dich so vermisst.«

Tränen steigen mir in die Augen und ich nehme sie schnell in den Arm, damit sie diese nicht sieht. Denn es ist mir beinahe schon peinlich, wie sentimental ich bin. Aber nach der Sache mit Mum... genau in dieser Zeit hätte ich Lydia und ihren Beistand wahrscheinlich am aller meisten gebraucht. Aber ich war so zerbrochen und hatte Angst, dass ich irgendetwas schlimmes sage oder tue, sodass ich sie von mir stoße und verliere.

Da war die Idee einfach zu verschwinden verlockend einfach...

Doch jetzt weiß ich, dass ich es hätte anders machen können. Aber leider kann ich nicht die Zeit zurückdrehen. Ich kann nur anfangen, alles wiedergut zu machen.

Und das werde ich auch.





A/N:

Es musste einfach mal wieder ein Kapitel bei dieser Geschichte kommen, weil ich sie nicht vernachlässigen möchte.

Was sagt ihr?

Wie findet ihr Lydia bisher?

Ich hoffe es geht euch gut und dann sage ich erstmal ciao, schaue jetzt vielleicht einen Film, weil bekomme langsam Langeweile. Was macht ihr heute noch so (gegen Langeweile)?

Ciao mit v

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