chapter 16
Chapter 16 -
Happiness is all I need
| Vera |
River of Tears • Alessia Cara
Die Pause mit Asher war wirklich schön. Wir haben uns Schokolade gekauft, in eine ruhige Ecke der Bibliothek gesetzt und haben geredet. Über alles mögliche. Über die Schule, über einige Lehrer und letztendlich hat Asher sogar das Thema mit Mum angeschnitten, doch ich habe sofort abgeblockt und ihm erklärt, dass ich nicht darüber rede.
Mit niemanden.
Und er hat es akzeptiert.
Gottseidank.
Seufzend mache ich mir einen Teller Nudeln warm, setze mich dann an den Küchentisch und beginne zu essen. Ich bin mal wieder alleine Zuhause und denke unwillkürlich über den heutigen Tag nach.
Da ist so viel, dass mich verwirrt.
Zum Beispiel kann ich nicht glauben, dass Derek nichts von dem Gerücht mitbekommen hat. Es hat so schnell die Runde gemacht, dass ich mir so unfassbar sicher war, dass absolut jede Menschenseele darüber Bescheid wusste.
Also schätze ich, dass genau Derek nichts erfahren hat, ist verdammt großes Glück.
Bisher... denn niemand versichert mir, dass Derek es nicht in jedem Moment von irgendjemanden gesagt bekommt. Es kann sein, dass er es nun schon weiß und mir mit Mitleid begegnet, wie alle anderen auch.
Und dieser Gedanke macht mich verrückt.
Stöhnend fahre ich mir übers Gesicht und stehe auf. Einige Male laufe ich in der Küche auf und ab, ehe ich bemerke, dass nichts dadurch besser wird. Ich laufe ins Bad, wasche mir die Hände und gleich darauf das Gesicht und laufe dann hoch in mein Zimmer. Doch auch dort komme ich einfach nicht zur Ruhe und entscheide mich letztendlich dazu, einen Spaziergang zu machen.
Ich kann ja auch gleich beim neuen Laden in der Nähe vorbeischauen. Ich meine, es kann ja nicht schaden, die Gegend und alles einwenig besser kennenzulernen. Und wenn ich ehrlich bin, war ich noch nie in einem Laden drinnen, der nur CD's verkauft. Da ich jetzt sowieso nichts besseres zutun habe, kann ich mich mindestens einwenig ablenken gehen.
Ich öffne den Schrank, tausche meine Schlabbersachen durch eine schwarze Jeans und einem dunkelgrünen Hoodie aus, binde mir meine langen Haare zu einem hohen Zopf zusammen und schaue mich im Spiegel an, nur um gleich darauf wieder den Blick abzuwenden. Seit Mum's tot erkenne ich mich nicht wieder. Ich sehe so anders aus, so leblos und egal was ich auch tue, es bringt nichts.
Da ist immer diese Trauer in mein Gesicht geschrieben. Selbst wenn ich lache, - was nicht sonderlich oft passiert, sehe ich aus, als würde ich gleich wieder weinen.
Ich kann nicht beschreiben, wie erbärmlich ich mich in letzter Zeit fühle und wie sehr ich mich dafür hasse, dass ich es einfach nicht schaffe, damit klarzukommen und mein Leben weiterzuleben. Ich sollte anfangen, an meinem Glück zu arbeiten, aber stattdessen ziehe ich mich selbst runter. Mit den Erinnerungen an Mum, mit der Abneigung zu meinem Vater, mit dem Hass auf diese verdammte Welt.
Ich seufze, als ich spüre, dass meine Augen zu brennen beginnen.
Ich blinzle die Tränen wie üblich weg und schnappe mir mein Handy und mein Portmonee, um mich gleich darauf auf den Weg nach draußen zu machen.
Nachdem ich die Haustür hinter mir zuziehe und mir die kühle Luft entgegenschlägt, atme ich so tief ein, als hätte ich es vermisst, den frischen Sauerstoff in meinen Lungen zu spüren. Ich stoße die Luft wieder aus und sehe in den Himmel, der beinahe genauso trüb aussieht, wie ich mich fühle.
Nachdem ich meinen Blick von den dunklen, vorbeiziehenden Wolken genommen habe, setze ich mich in Bewegung und laufe die Straße entlang. Nach einer Weile überquere ich die Straße und bin überrascht, als ich fünfzehn Minuten später tatsächlich an dem CD Laden ankomme.
Meine Orientierung ist anscheinend doch nicht so schrecklich.
Ich drücke die Ladentür auf und seufze, als mich die Wärme des Innenlebens erreicht. Der Laden ist klein, aber wirklich schön. Er ist ziemlich altmodisch eingerichtet, was mich keineswegs stört. Vielmehr bekommt man ein angenehmes Gefühl, wenn man sich umsieht.
Hier stehen viele Holzregale voller CD's, DVD's und selbst Bücher kann man hier anscheinend kaufen.
»Kann ich dir helfen?«, höre ich eine tiefe Stimme und als ich mich umdrehe, erkenne ich einen älteren Herren, der ziemlich freundlich aussieht und mir von der Kasse aus ein warmes Lächeln schenkt.
Ich liebe alte Menschen. Ich weiß nicht warum, aber sie alle wirken oft so weise und ihr Lächeln ist das aufrichtigste, dass es gibt.
»Nein, nein danke. Ich wollte mich nur mal umsehen.«, entgegne ich nebenbei.
»Okay. Falls du etwas brauchst, kannst du gerne fragen.«
Ich nicke nur und ringe mir ein halbes Lächeln auf, ehe ich auf ein Regal zusteuere und mir einpaar zusammengestellte Musikmischungen ansehe. Meine Augen schweifen über viele CD's und bleiben letztendlich an einer besonderen hängen.
Diese CD kenne ich nämlich...
Wow.
Das ist Mum's Lieblings CD. Zumindest war sie das, denn sie hatte sie irgendwo liegen gelassen und von da an nie wiedergefunden. Damals habe ich oft versucht, ihr die selbe nachzukaufen, doch ich habe sie nie gefunden.
Bis jetzt.
Ich greife nach der CD und drehe mich um. »Haben sie vielleicht auch die etwas ältere Version?«, frage ich den alten Mann, der anscheinend der Ladenbesitzer ist. Er ist zumindest der einzige der hier arbeitet, was nicht verwerflich ist, denn für mehr Mitarbeiter ist wahrscheinlich überhaupt kein Platz.
»Ich bin mir nicht sicher, die CD ist nämlich ziemlich alt, aber eigentlich müsste da hinten noch eine sein. Du kannst gerne nachschauen.« Er zeigt auf das letzte Regal und sagt dann auch noch, in welcher Reihe ich nachsehen soll.
Und das lasse ich mir nicht zweimal sagen. Mit schnellen Schritten steuere ich auf das Regal zu und suche mit meinen Augen jede einzelne CD nach dem Mix ab, doch ich werde nicht fündig und seufze enttäuscht.
Mein Blick fällt zurück auf die etwas neuere Version der Mischung und ich muss seufzen. Gedankenversunken streiche ich mit meinen Fingern über den Titel und erinnere mich an Mum zurück, wie stolz sie mir damals die Songs präsentiert hat. Sie hat angefangen zu jedem Lied wie wild zu tanzen und egal wie oft ich gerufen habe, dass ich genug habe, sie hat nur gelacht und nicht aufgehört. Irgendwann wollte ich dann aus dem Zimmer raus, aber Mum hat mich zu sich gezogen und letztendlich hat alles darin geendet, dass wir beide zusammen getanzt haben.
Wir haben so viel Zeit mit tanzen und lachen verbracht, dass wir Dad garnicht bemerkt haben, als er uns vom Türrahmen aus zugesehen hat.
Damals waren wir noch eine glückliche Familie.
Doch seitdem hat sich viel verändert.
»Und? Sind die fündig geworden?«
Ich schrecke herum und sehe zum alten Herren, der noch immer an der Kasse steht, mich von dort aus aber neugierig mustert. Ich seufze leise. »Nein, leider nicht.«
»Das tut mir aber leid. Ich werde mich die nächsten Tage mal umsehen und schauen, vielleicht finde ich sie ja im Lager. Wenn sie wollen, können sie dann nächste Woche nochmal vorbeischauen.«
Überrascht hebe ich die Brauen und nicke dankend. »Das ist wirklich unfassbar lieb von Ihnen. Das werde ich.«
»Das mach ich doch gerne, mein Kind.«
Ich muss fast lachen, da mich zuvor noch nie jemand »mein Kind« gennant hat. Und dennoch macht es mir bei ihm nichts aus, denn ich spüre einfach, dass er ein guter Mensch ist. Deshalb lächle ich auch nur und drehe mich zurück zum Regal.
Mein Blick fällt zurück auf die CD und mein Lächeln wächst. Ich bin so tief in Gedanken versunken, dass ich nicht einmal bemerke, dass jemand den Laden betritt. Ich hätte mir wahrscheinlich sowieso nichts dabei gedacht, doch als diese Person zu sprechen beginnt, verkrampft sich mein Magen auf Anhieb.
»Hey Chip.«
»Derek, schön dich zu sehen. Was verschlägt dich denn am frühen Abend hier her?«, erwidert der alte Herr, der anscheinend Chip heißt und eine Gänsehaut übermannt meinen Körper.
Hastig stolpere ich einen Schritt zur Seite und verstecke mich hinter dem Regal, während ich hoffe, dass Derek mich nicht gesehen hat. Doch im nächsten Moment kommt auch schon Unsicherheit in mir auf. Ist es nicht dumm, mich zu verstecken? Nicht das er mich später bemerkt und denkt, ich hätte gelauscht.
»Ich wollte nur vorbeischauen.« Derek macht eine Pause und da ich noch immer mit dem Rücken zu ihnen gedreht bin, habe ich keine Ahnung, was er in dieser tut. Doch ich atme im nächsten Moment erleichtert aus, als er weiterredet. Wenn auch etwas leiser. »Und ich wollte dich fragen, ob die Mistkerle wieder hier waren?«
Ich halte inne und spitze die Ohren.
»Du brauchst dir keine Sorgen machen, mein Junge. Wie oft muss ich dir das noch sagen.« Chip seufzt und die Neugier keimt in mir auf.
»Chip, bitte. Sag mir einfach, ob sie hier waren. Und lüg mich nicht an.«, höre ich Derek sagen und es verschlägt mir den Atem, als ich leichte Besorgnis in seiner Stimme schwingen höre.
»Nein, sie waren nicht da.«
»Chip.«, drängt Derek, der ihm anscheinend nicht glaubt.
Und das bringt mich nun doch dazu, mich langsam umzudrehen. Ich schiebe ein Buch zur Seite, spähe mit einem Auge durch das Regal, doch beiße enttäuscht die Zähne zusammen, als ich nur Chip erkenne. Derek wird nämlich von einem anderen Regal verdeckt.
Verdammt.
Im nächsten Moment höre ich Chip wieder seufzen und zucke kaum merklich zusammen. Dieses Seufzen zeigt nämlich, dass er sich geschlagen gibt. »Ja, sie waren hier.« Nun spricht auch Chip leiser, doch bei ihm liegt es daran, dass er weiß, dass ein Kunde im Laden ist und er höchstwahrscheinlich nicht will, dass ich alles mithöre.
Verständlich.
»Aber du brauchst dir keine Sorgen machen. Sie haben nichts angefasst. Sie kamen nur zum Reden und waren dann auch wieder weg.«, fügt Chip flüsternd hinzu. Danach sagt er noch etwas, doch er ist zu leise, als das ich ihn hören könnte.
»Vergiss nicht: Falls du sie in der Gegend siehst, dann rufst du sofort an, okay?« Derek hat sich zu Chip gebeugt und ich verliere mich beinahe in dem Klang seiner rauen Stimme.
»Das mach ich, mein Junge.« Chip legt Derek eine Hand auf die Schulter und lächelt ihn so an, dass mein Herz dahinschmilzt.
»Danke.«
Ich würde alles tun, wirklich alles, um Derek nun sehen zu können. Denn ich bin felsenfest davon überzeugt, dass er auch gelächelt hat, als er Chip geantwortet hat. Doch leider kann ich mich nicht auch mit meinen Augen davon überzeugen. Und dennoch kann ich nicht aufhören, mir einen lächelnden Derek in Gedanken vorzustellen.
Mein Magen beginnt zu kribbeln, doch als ich höre, wie die Ladentür zufällt, und mir bewusst wird, dass Derek gegangen ist, halte ich inne. Stille kehrt zurück und ich erinnere mich erneut daran, dass ich eine Irre bin.
Gott, ich muss verschwinden.
Bemüht neutral und als hätte ich nichts vom Gespräch mitbekommen, trete ich hinterm Regal hervor und laufe mit der CD zu Chip, dessen Aufmerksamkeit bereits auf mir liegt.
Nervös versuche ich mich an einem Lächeln, das er wissend erwidert.
Oh Verdammt.
»Ich.. a-also.... ich wollte fragen, ob sie die CD vielleicht bis zum nächsten mal zurücklegen können. Falls Sie die ältere Version nicht finden, würde ich diese dann gerne kaufen..«, stottere ich benommen und wahrscheinlich mit hochroten Wangen.
Chip lacht leise. »Aber natürlich. Das mach ich gerne.«
»Vielen Dank.« Lächelnd reiche ich ihm die CD und wende mich dann ans gehen. Kurz bevor ich den Laden verlasse, drehe ich mich jedoch nochmal zu Chip zurück und winke. »Danke nochmals.«
»Immer wieder gerne.«
Erleichtert nun endlich draußen zu sein, atme ich die frische Nachtluft tief ein und versinke einmal mehr in meinem Pulli. Stumm drehe ich mich um und möchte gerade einen Schritt nach vorne machen, als ich den Blick hebe und in ein bekanntes Gesicht blicke.
Augenblicklich verschlucke ich mich an meiner eigenen Spucke und bin so beschäftigt damit zu verrecken, dass ich mir garnicht so richtig bewusst über die Situation werde, in der ich mich gerade selbst katapultiert habe.
Denn vor mir steht kein geringerer als Derek selbst.
Und an seinem Blick kann ich erkennen, dass er genau weiß, dass ich gelauscht habe. Und das, wie uns beiden bewusst ist, nicht zum ersten Mal...
A/N:
Good evening kinnas,
Ich bin glücklich, dass ich endlich wieder ein neues Kapitel posten konnte. Ich weiß nicht warum, aber diese Geschichte bedeutet mir richtig viel.
Deshalb würde ich auch gerne wissen, was ihr von ihr hält? Wie findet ihr die Charaktere und den Prozess? Habt ihr irgendwelche Verbesserungsvorschläge oder wünsche, was noch passieren soll?
Freue mich schon aufs nächste Kapitel und ich hoffe natürlich, ihr auch❤️
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