THIRTEEN

the winter's crimson
shall fall upon the earth
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Bukarest war, entgegen meiner Annahmen, eine wirklich schöne Stadt.

Viel erkannte ich zwar nicht aus dem Fenster des Taxis, das Steve uns freundlicherweise erlaubt hatte zu nehmen – er war, seit wir wieder europäischen Boden unter den Füßen hatten, äußerst angespannt —, aber das was ich sah, erweckte den Eindruck einer historisch geprägten Metropole.

Barnes, der sich offenbar wirklich gut auskannte, machte sich keine Mühe, irgendeines der Gebäude näher zu erläutern, obwohl mich einige der Marmortempel, die wir passierten, wirklich interessierten.

Wir hatten Glück gehabt; offensichtlich war unser Verschwinden aus Wakanda unbemerkt vonstatten gegangen, und unser Eintreffen in Rumänien war reibungslos verlaufen.

Steve und Barnes hatten entschieden ein Motel am Stadtrand zu nehmen, zumindest so lange, bis es mir gelungen war, den amerikanischen UN-Abgeordneten zu erreichen.

Wie wir dann weiter vorgehen wollten, hatten wir noch nicht ins Auge gefasst.

Es stimmte zwar; ich war genervt von unserer Situation, von Barnes und sogar von Steve, aber mein Unmut hatte sich seit Wakanda ein wenig gelegt.

Jetzt, da ich wieder so viel näher an Zuhause war, fühlte ich mich so erleichtert, dass ich selbst Barnes' kalte Apathie – zumindest bis zu einem gewissen Maß – ertragen konnte.

Ich bemerkte, dass Steve die ganze Zeit über nervös in den Seitenspiegel des Taxis blickte, als erwartete er, dass sich ein dunkler Wagen an unsere Fersen geheftet hatte.

Barnes starrte abwechselnd aus dem Fenster und auf seine Metallhand, wobei er die erstere Sicht bei weitem mehr zu genießen schien.

Der Himmel über Bukarest war grau und die Wolken hingen tief, ein Phänomen, das keiner von uns nach den langen Tagen im ewig sonnigen Wakanda als besonders übel befand.

Ein paar Tropfen klatschten auf die Windschutzscheibe, aber es wirkte nicht so, als ob es tatsächlich schütten wollte.

Als das Taxi schließlich jedoch vor einem heruntergekommenen Motel hielt, das ausschließlich für Fernfahrer auf der Durchreise gegründet worden zu sein schien, hatten sich die wenigen Tropfen zu einem überraschenden Platzregen entwickelt und ich wurde von oben bis unten ins eisigem Wasser getränkt in den wenigen Metern, die ich hinter Steve und Barnes zum Gebäude der Rezeption rannte.

Wir hatten kein Gepäck bei uns und mir war eiskalt; wenn ich nicht bald aus Wandas Sachen herauskam, dann würde ich einem Nervenkollaps erliegen.

Steve und Barnes schienen nicht ganz so sehr an dem Umstand zu nagen zu haben, dass sie keine weitere Garnitur Kleidung besaßen; irgendwie wurde ich das Gefühl nicht los, dass ihre Erfahrungen im Zweiten Weltkrieg ihnen Dinge gelehrt hatten, die ich nicht einmal im Entferntesten nachvollziehen konnte.

„Mir ist kalt", brachte ich zwischen blauen, zitternden Lippen hervor, als ich hinter Steve in die schwach beleuchtete Rezeption trat. Barnes stand am Rezeptionstisch und sagte der Angestellten irgendetwas auf Rumänisch, das ich nicht verstand. Sie antwortete und er runzelte die Stirn, bevor er sich zu Steve umwandte.

„Sie haben nur noch ein Zimmer frei", erklärte er mit konsternierten Unterton in der Stimme.

Steve zuckte mit den Schultern. „Das ist egal. Hauptsache sie haben einen Telefonanschluss."

Aveti un telefon?", fragte er wieder an die Rezeptionistin gewandt.

Irgendetwas, das entfernt wie eine Bejahung klang, folgte.

„Frag, ob es hier in der Nähe ein Einkaufzentrum gibt", zischte ich in Barnes' Richtung und ich war mir beinahe vollkommen sicher, dass er mich ignorieren würde, aber zu meiner großen Überraschung wandte er sich wieder der Frau hinter dem Schalter zu.

Există un centru comercial în apropiere?"

Ein wenig verstand ich tatsächlich, was er sagte. Ich hatte in der Schule Italienisch einmal als Wahlfach belegt, und ich musste zugeben, dass Rumänisch wie eine östliche, geheimnisvollere Variante davon klang. Zudem gelang es Barnes, die Worte so zu akzentuieren, dass sie eine Mischung aus Russisch und Latein klangen; schwer und melodiös zur gleichen Zeit.

Während Steve unruhig durch das in die Jahre gekommene Mobiliar tigerte und dabei abwechselnd Blicke zu Barnes und der Rezeptionistin – die unverschämt, und vor allem unerwidert mit ihm zu flirten schien – und aus dem Fenster warf, fror ich mir beinahe die klammen Finger ab.

Schließlich bekam Barnes einen Schlüssel in die Hand gedrückt und Steve löste sich erleichtert von der Fensterbank, auf der er unruhig verharrt war.

„Wozu brauchst du überhaupt ein Telefon?", fragte ich irritiert, während wir das enge Treppenhaus in den ersten Stock stiegen. Steve war unmittelbar vor mir, während Barnes wie immer das Schlusslicht bildete.

„Ich muss jemanden anrufen", erwiderte er knapp.

„Was wirklich?", entgegnete ich säuerlich und verdrehte an Barnes gewandt die Augen. „Kannst du dir das vorstellen? Jemanden anrufen, also wirklich... Was für eine Innovation!"

Barnes ließ keinerlei Reaktion verlauten, aber Steve grinste mich an. „Mach dich nur über mich lustig, Orla Crimson."

Das Zimmer hatte einen reizenden Ausblick auf den Parkplatz; der sich grau und regennass vor mir erstreckte, als ich die mottenzerfressenen Vorhänge schlagartig zurückzog.

Es war stockdunkel gewesen, bevor ich nicht die einzige Quelle an natürlichem Licht in das Hotelzimmer gelassen hatte – und so erkannte ich erst in diesem Augenblick mit Schrecken, dass die Schlafsituation bei weitem prekärer war, als ich vermutet hatte.

Es gab ein Doppelbett; ein einziges Bett für drei Personen, die sich allesamt entweder unsympathisch, unbekannt oder entfremdet waren. Nicht einmal eine ausziehbare Couch stand uns zur Verfügung.

Obwohl ich es wahrscheinlich heute Abend bereuen würde, war mir die Aussicht auf eine willentliche Verletzung sämtlicher Privatsphäreregelungen im Augenblick gänzlich egal; ich wollte eine trockene Hose und einen warmen Pullover.

Sofort.

Da Steve nicht aussah, als würde er das altmodische Telefon bald aufgeben, das auf einem holzwurmdurchfressenen Schreibtisch stand, musste ich mich wohl mit meiner anderen Begleitung zufrieden geben.

„Können wir etwas zum Anziehen kaufen?", flehte ich Barnes an, der sich ans Fenster gestellt hatte und seinen geübten Blick über das leere Feld schweifen ließ.

„Warum?"

„Mir ist kalt, ich kann nicht nur mit einer Garnitur Kleidung durch die Gegend laufen und außerdem hole ich mir eine Lungenentzündung, wenn ich nicht sofort irgendetwas Warmes in den Händen halte."

Er zog sich die klatschnasse Kappe vom Haar und leerte das Wasser auf den Boden, das sich dort angesammelt hatte.

„Das ist doch nichts." Seine Stimme war gleichgültig, aber in seine Augen war ein unnahbarer Ausdruck getreten. „Diese beißenden Minusgrade, wenn der Schnee fällt und du hoffst, dass er dich zudeckt, damit du diese lähmende Erstarrung nicht mehr spüren musst, die sich in deinen Knochen festsetzt – das ist Kälte."

„Okay", wandte ich ein. „Den russischen Winter habe ich tatsächlich noch nicht erlebt, aber der rumänische Spätherbst reicht mir vollkommen aus."

Barnes seufzte; es war dieser Laut der absoluten Aufgegebenheit, der mir das Gefühl gab, einzig und alleine eine Last zu sein. „Na gut. Dann gehen wir eben."

Steve, der von einer Karte irgendetwas Kleingedrucktes ablas, hob beide Daumen, als ich ihm rasch von meinen Plänen berichtete. „Lasst euch bitte nicht erwischen. Und kauft ein paar Vorräte ein."

Barnes hatte wohl gehofft, dass Steve sein Veto einlegen würde, aber sein bester Freund schien ihn zu enttäuschen.

„Mit wem telefoniert er, dass er uns so dringend aus dem Weg haben möchte?", fragte ich ihn vor der Tür, als ich die Position der paar Geldscheine überprüfte, die Steve mir hastig in die Hand gedrückt hatte, bevor er uns praktisch zur Tür hinausgeschoben hatte.

Barnes war sich der Antwort offenbar nicht bewusst, oder er hatte aktiv kein Interesse daran, mir bei der Klärung der verwirrenden Umstände behilflich zu sein.

Entweder war er von Grund auf den apathischer Mensch, oder er hatte seinen Spaß daran, mich auflaufen zu lassen.

Wir rannten zwei Blocks durch den Regen; bevor wir den Eingang der hellerleuchtenden Einkaufspassage endlich ausmachten, die sich vor uns wie ein Palast aus der Einöde erhob.

Egal, wo man sich auf der Welt befand, Einkaufszentren waren universell.

Die gleichen Leute, die gleichen Geschäfte, die gleiche Stimmung: sogar die gleiche Musik.

Ich konnte mir durchaus vorstellen, dass so etwas wie Einkaufszentren für einen sowjetisch-nationalsozialistischen Kriegsgefangenen wie Barnes ein wahres Gräuel darstellen mussten. Er war durch die Hölle und zurück gegangen; nur um festzustellen, dass bei seiner Rückkehr immer alles noch beim Selben war. Einkaufszentren raubten einem den letzten Nerv.

Und es war definitiv eine Premiere, mit einem Auftragskiller in einem H&M zu stehen und reihenweise Unterwäsche auf das Fließband zu werfen.

Barnes, den ich irgendwann zwischen Umstandsmode und Sweatpants einfach Bucky genannt hatte, stand mit steinerner Miene neben mir, während ich den Kram in einer großen Plastiktüte verstaute.

Ein Mann Anfang dreißig, dessen weibliche Begleitung gerade ähnliche Geschäfte abschloss, und der in der Schlange hinter uns stand, lehnte sich zu Bucky vor und sagte mit grinsender Solidarität: „Prietene, am dreptate?"

Bucky erstarrte einen winzigen Augenblick, bevor er hastig eine Antwort murmelte.

„Was hat er gesagt?", grinste ich, während ich die Tüten von der Kasse nahm und mich unter den Absperrband durchduckte.

„Er hat eine Bemerkung darüber fallen lassen, wie wir beide auf unsere Freundinnen warten."

Einen Augenblick erschloss sich mir der wahre Syntax seiner Worte nicht, und dann tat er es doch.

Natürlich wurde ich rot.

„Was hast du geantwortet?"

„Nichts Besonderes", erwiderte er schnell; eine Spur zu hastig für meinen Geschmack und er fixierte die Linoleumfliesen unter unseren Füßen.

Um von den eindeutig heiklen Thema abzulenken, hielt ich ihm bereitwillig eine Tüte hin. „Hier; ich weiß, du bist Schlimmeres gewohnt, aber das sollte dich noch lange nicht dazu zwingen, mit nasser Kleidung durch die Gegend zu rennen. Das verstößt wirklich gegen jegliche Menschenrechte."

Er riskierte einen Blick in das Innere der Plastiktüte, und dann – tatsächlich ein „Danke".

Es war nicht übermäßig euphorisch, aber auch nicht so lethargisch wie er normalerweise mit mir sprach. Ich konnte mich nicht beschweren.

„Zieh's an", befahl ich ihm, und deutete auf die Tür zu einer der Toiletten, die just in diesem Augenblick vor uns aufgetaucht waren. „Ich warte hier."

Widerwillig leistete er meinen Befehlen Folge und ich bekam langsam das Gefühl, dass James Buchanan Barnes vielleicht doch kein verlorener Fall war.

Vielleicht brauchte er bloß seine Zeit, um mir gegenüber aufzutauen. Ein Gespräch mit echten Inhalt würde sicherlich schon bald folgen.

Ich hatte Steve und Bucky ausnahmslos schwarze Kleidung gekauft; ich selbst hatte mich bereits in der Umkleide von H&M umgezogen – und ich hoffte, dass ich die richtige Größe für die beiden erwischt hatte.

Als Bucky schließlich wieder aus dem öffentlichen Badezimmer kam, und seine alten Klamotten kurzerhand in einem Mülleimer entsorgte – so dreckig, staubig und blutbefleckt wie sie gewesen waren, könnte wahrscheinlich nicht einmal die beste Chlorbleiche zu ihrer Rettung beitragen, war ich vom Ergebnis positiv überrascht.

Ich hatte ihm ein schwarzes T-Shirt, eine dunkle Jeans und eine Jacke gekauft, die das Gesamtbild auf etwas wahrlich Gewöhnliches abrundeten.

Wäre das Metall seiner Hand nicht gewesen, ich hätte ihn für einen durchschnittlichen – wenngleich mies gelaunten – Rumänen gehalten, der in der Einkaufspassage seines Weges ging.

„Perfekt", sagte ich kritisch und zupfte den Kragen seiner Jacke zurecht. „Und du musst zugeben, dass trockene Kleidung ein so simpler Umstand ist, mit dem man sich das Leben gleich um dreihundert Prozent verbessern kann."

Er verzog keine Miene, aber in seine Augen trat so etwas wie Belustigung. „Vielleicht ein wenig."

„Und ich brauch jetzt einen Kaffee", entschied ich kurzerhand. „Was ist mit dir?"

Er zuckte mit den Schultern. „Warum nicht?"

Wir fanden eine internationale Café-Kette, in der ich mich gleich an der Schlange einreihte.

Bucky lehnte sich an eine hohe Säule, die das obere Geschoss der Passage stützte und wurde sofort von einigen Mädchen in Augenschein genommen, die sich auf einem Tisch platziert hatten.

Sie stießen sich gegenseitig an und kicherten affektiert mit einem Blick in seine Richtung – und ich verstand warum.

Er sah so gut aus, wenn man mal hinter seine wütenden Worte und finstere Miene sah. Er wirkte verwegen und mysteriös; ein wenig wie jemand, den es zu erobern galt, wenn man sein wahres Ich kennenlernen wollte.

Mir war überhaupt nicht bewusst gewesen, dass ich starrte.

Erst als ein Räuspern hinter mir erklang und mir klar wurde, dass nun ich an der Reihe war meine Bestellung abzugeben – „Zwei Kaffee, schwarz, ohne Zucker" – fühlte ich ein seltsames Gefühl in mir aufsteigen.

Ich hatte ihn angestarrt.

Und ihn als gut aussehend befunden.

Neinich stand nicht auf ihn und würde es auch niemals, entschied ich kurzerhand.

Dazu war er viel zu problematisch.

Trotzdem ertappte ich mich dabei, wie ich ihm den Kaffee überdeutlich in die Hand drückte, als wollte ich den Mädchen sagen, sucht euch jemand anderen, er ist schon besetzt – und schämte mich in der nächsten Sekunde wahnsinnig für diese Anmaßung.

„Wir müssen noch ein paar Lebensmittel kaufen", entschied ich, während ich ihn in Richtung eines hell erleuchtenden Tesco zog. „Steve hat gesagt, wir brauchen Vorräte."

Bucky folgte mir widerstandslos – wahrscheinlich zum ersten Mal, seit ich ihm in einer Forschungsstation in Wakanda einen Schraubenzieher an den Hals gehalten hatte – und ich wurde das Gefühl nicht los, dass die Dinge von da an nur noch besser werden konnten.

Ach. Wie sehr ich mich täuschte.

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