ONE

do not stand at my
grave and weep. i am not
there, i do not sleep.
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Der Sarg war weiß.

Nicht jedoch dieses gebrochene, gräuliche Weiß, das den Eindruck einer falschen Reinheit erzwingen wollte.

Der Totenschrein, in dem ich den letzten verbliebenen Teil meiner Familie beerdigte, hatte die Farbe von Schnee.

Die St. Paul's Cathedral schmückte sich wie jede andere Kirche geringeren Namens zwar lediglich mit grauem Stein, eine vollkommene Absenz von Farbe konnte man trotz ihrer schwarz gekleideten Besucher dennoch nicht feststellen.

Die Sonnenstrahlen, die durch die Buntglasfenster in das Mittelschiff der Kathedrale fielen, zauberten aufgrund ihres gläsernen Mediums ein geradezu sphärisches Lichtbild, das sanft auf den reinweißen Sarg gemalt wurde.

Heute Morgen war ich über das Wetter noch ungehalten gewesen – in England schien niemals die Sonne, warum musste sie dies gerade an diesem verdammten Tag tun? –, aber nun, da Licht und Fenster meinem Vater ebenso wie ich die letzte Ehre erwiesen, war ich beinahe zufrieden.

Das Lichtspiel hätte ihm gefallen. Die Sonne war ihm nie zuwider gewesen.

Auf meinen Beinen hatte sich eine Gänsehaut gebildet, in den quälenden Minuten, die ich darauf wartete, dass der Priester seinen Sermon beendete. Es war kalt in der Kirche, höchstens fünfzehn Grad über dem Nullpunkt und außer einer durchsichtigen Nylon-Strumpfhose trug ich unterhalb der Knie nichts.

Mrs. Jennings, oberste Sekretärin meines Vaters und für mich so etwas wie eine Ersatzmutter, hatte mir das schwarze Kostüm am Abend zuvor in meine Wohnung schicken lassen – und wider besserer Alternativen hatte ich es heute Morgen tatsächlich angezogen.

Nun saß sie neben mir und sah mit starrem Blick auf das Porträt meines Dads, das auf einem kleinen Tischchen vor dem Sarg aufgestellt war. Ihre Hände waren im Schoß verkrampft und ich spürte eine Welle des Mitleids in mir aufsteigen.

Ich hatte überhaupt nicht daran gedacht, dass sie nun arbeitslos war. Ob mein Dad ihr für einen solchen Fall eine Abfindung hinterlassen hatte?

„John Lee Crimson war ein viel beschäftigter Mann."

Der Priester war inzwischen wohl zu den persönlichen Errungenschaften des Verstorbenen übergangen; die in Dads Fall tatsächlich beachtlich waren.

„So schloss er mit sechsundzwanzig Jahren sein Politikstudium auf der Princeton University mit Summa Cum Laude ab und transferierte sofort danach in den Außendienst. Dort zeichnete er sich vor allem durch seine Souveränität und Diplomatiebereitschaft aus, in Zeiten und Regionen, in denen diese Tugenden noch nicht weit verbreitet waren.

Schließlich lernte er dort seine Frau – Elizabeth Crimson née Hammond – während eines Kongresses über das Selbstbestimmungsrecht afrikanischer Nationen, kennen. Nur wenige Monate später wurde ihre erste und einzige Tochter Orla geboren. Die junge Familie zog nach London, in Elizabeths Heimatstadt."

Meine Sicht wurde durch einen Tränenschleier zwar stark beeinträchtigt, aber die raschen Blicke, die mir aufgrund meiner Erwähnung aus den hinteren Reihen zugeworfen wurden, entgingen mir nicht.

„Als Elizabeth nur sieben Jahre nach Orlas Geburt an Krebs verstarb, nahm John die Erziehung seiner Tochter selbst in die Hand. Obwohl er niemals seinen Außendienst terminierte, versuchte er, seine Zeit gerecht zwischen Arbeit und Familie aufzuteilen. Im Laufe seiner Karriere wurde er mehrmals mit der Verdienst-Medaille seines Landes geehrt und vom amerikanischen Präsidenten im Oval Office empfangen."

Meine Hände verkrampften sich ineinander, während Mrs. Jennings stumm zu schluchzen begann.

„Ein rückgratloser Hinterhalt einer terroristischen Gruppierung, die mit John Crimsons Ziel, Gerechtigkeit und Autonomie in nicht demokratischen Staaten zu verbreiten, nicht übereinstimmt, kostete ihm schließlich das Leben. John Crimson hinterlässt eine Tochter."

Der Priester entfernte sich vom Rednerpult, während ich meine Tränen mit letzter Endgültigkeit nicht mehr zurückhalten konnte.

Bis zu diesem Augenblick waren mir die Ereignisse der letzte Woche wie ein übler Albtraum vorkommen; aber nun, auf der Beerdigung und mit den Worten des Priesters im Ohr, wurde mir wahrlich bewusst, dass es sich hierbei keineswegs um eine Illusion handelte.

Dad war wirklich tot. Ich war alleine. Ich war vollkommen alleine.

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„Orla, Kindchen, und es gibt wirklich nichts, das ich für dich tun kann?"

Mrs. Jennings hatte sich bei mir eingehakt und zusammen schritten wir durch die Gräberreihen hindurch auf den Ausgang zu. Der Kieselsteinboden unter meinen Füßen knirschte, als ich abrupt stehen blieb.

„Nein, Mrs. Jennings, wirklich. Ich möchte mich nur noch von ihm verabschieden, ohne dieses Publikum." Ich machte eine ausschweifende Handbewegung auf die Unmengen von Anzugträgern, die sich konversierend vor dem Tor des Friedhofs platziert hatten. Erst jetzt fiel mir auf, dass meine Stimme heiser und rau klang, überhaupt nicht wie ich selbst.

Sie sah mich zweifelnd an, aber unter der Entschlossenheit meines Blickes gab sie schließlich klein bei. „Ist gut, Orla. Ich muss nach Hause fahren, um dem Außenministerium einen offiziellen Bericht zuzuschicken. Ich erwarte einen Anruf, sobald du wieder in London bist."

„Natürlich." Ich schenkte ihr ein dankbares Lächeln, das mir wohl vollkommen misslang, denn meine Ersatzmutter sah mit einem Mal noch weniger begeistert von der Idee meines Alleingangs aus.

Bevor sie ihre Meinung jedoch ändern konnte, hatte ich schon die erste Querreihe Grabsteine hinter mir gelassen und als ich kurz über meine Schulter blickte, sah ich, dass Mrs. Jennings sich tatsächlich zum Gehen gewandt hatte.

Sie hatten Dad weiter hinten begraben und der Friedhof war groß; es kostete mich beinahe fünf Minuten das richtige Grab wiederzufinden.

Der Friedhof lag ein paar Kilometer außerhalb der Stadtmauern von London, eingelassen in die typisch englische Landschaft und er raubte der Reinheit der Natur durch seine klobigen, hohen Mauern ihren Flair.

Während ich die Gräber passierte, wanderten meine Augen über die hunderten von Namen, Daten und Geschichten, die in den eiskalten, toten Stein eingeritzt waren. Beinahe jeder von ihnen war älter geworden als mein Dad.

Selbst jetzt, als der Sarg länger als eine halbe Stunde mehrere Meter tief unter der Erdoberfläche begraben war, fühlte ich mich wie in Trance.

War das alles wirklich passiert?

Hatte ich meinen Vater tatsächlich mit einem Strauß roter Rosen verabschiedet; rasch und doch irgendwie zeremoniell?

Schließlich erreichte ich das frische Grab. Auf einem Holzkreuz stand sein Name; John Lee Crimson, (1960 - 2016) Ehrenbürger der Vereinigten Staaten, Diplomat, liebender Ehemann und Vater.

Auf einer Steinplatte, die tief in die Erde gestoßen worden war, erkannte ich den Namen und das Todesdatum meiner Mutter. Seltsam eigentlich, dass ich nie an ihrem Grab gewesen war.

Auf dem sanften Erdhügel, der das Provisorium des Grabes verkündete, lagen unzählige Kränze, die von Dads einflussreichen Kollegen und Freunden geschickt worden waren; von diejenigen, die seiner Beerdigung nicht beiwohnen konnten.

Ich kniete mich hinab, um eine abgebrochene Christrose zurück auf ihren angestammten Platz zu bannen, als mir ein besonders schöner, schlichter Kranz ins Auge fiel. Ich drehte die Schleife, um dessen Inschrift zu lesen.

Anstatt tröstender oder aufmunternder Worte standen dort in geschwungener Kalligraphie nur zwei kurze Worte.

Hinter dir.

Die Schleife entglitt meinen tauben Fingern und mein Herzschlag verdreifachte sich innerhalb weniger Millisekunden.

Langsam erhob ich mich und tastete in meiner Manteltasche nach der Dose Pfefferspray, die ich für alle Fälle immer mit mir herumtrug.

Meine Finger stießen jedoch nur gegen Luft. Verdammt! Ich hatte für die Beerdigung die Kleidung angezogen, die Mrs. Jennings mir ausgesucht hatte und dementsprechend nicht mit Pfefferspray versetzt war.

Was sollte ich nur tun? Schreien, wegrennen, mich mit dem nächsten spitzen Gegenstand bewaffnen?

Während ich gelähmt vor dem Grab meiner Eltern stand, und versuchte, nicht in Panik zu verfallen, wurde mir die Entscheidung einer Reaktion abgenommen.

„Hab keine Angst." Eine tiefe Stimme mit amerikanischem Akzent hinter mir ließ mich herumfahren.

Zwischen den Gräbern, bloß eine Reihe hinter mir, direkt unter einer Trauerweide stand eine hohe Gestalt, deren untere Gesichtshälfte mit einem dunklen Tuch verhüllt war.

Ich kniff meine Augen zusammen, um ein Detail an seinen Gesichtszügen ausmachen zu können.

Es war schwer, etwas zu erkennen. Der Mann stand mit dem Rücken zur Sonne und das, was ich von seinem Gesicht tatsächlich ausmachen konnte, waren ein Paar braune Augen.

„Wer bist du?", rief ich und machte einen Schritt zurück. „Bist du hier, um mich zu töten?" Mein Herz schlug wie wild in meiner Brust und ich spürte, wie sich meine Kehle zuschnürte. „Dann sei gewarnt, ich werde nicht kampflos aufgeben."

Vielleicht gehörte er derselben Gruppierung an, wie diejenigen, die meinen Vater umgebracht hatten. Vielleicht wollten sie ihr Werk vollenden, indem sie die letzte verbliebene Crimson ermordeten.

„Orla." Die Stimme war sanft und weich und klang überhaupt nicht nach einem Auftragskiller. Der Mann zog sich das Tuch von seinem Gesicht und zum Vorschein kam jemand, den ich nur allzu gut kannte.

„Mr. Stark?!"

Anthony Stark, ehemaliger CEO der Waffenfirma Stark Industries und in rezenteren Jahren eher bekannt durch sein metallenes Alias Iron Man, stand wenige Meter von mir entfernt in einem geschmacklosen Nadelstreifenanzug auf einem verwilderten Grab.

„Miss Crimson, Sie kennen mich vielleicht nicht persönlich–", begann der Eindringling und drehte seinen Gesichtsschutz – bei dem es sich bei näherem Hinsehen um ein zerschnittenes T-Shirt handelte – nervös in den Händen.

„Nennen Sie mich Orla", winkte ich ab und machte ein paar Schritte auf ihn zu. „Mein Vater hat in höchsten Tönen von Ihnen geschwärmt."

Mr. Stark ließ ein erschöpftes Lächeln sehen und hielt mir seine Hand hin, die ich ergriff. „Dann nennen Sie mich Tony."

„Was führt dich hierher, Tony?", fragte ich, kaum, dass ich die Tatsache halbwegs verdaut hatte, den wohl prominentesten Gast am Grabe meines Dads bewirten zu dürfen.

„Ich wollte mich von deinem Vater verabschieden. Er war ein großartiger Mann." Tony machte einen Schritt auf das Grab zu, sodass er nun in einer geraden Linie zu mir stand. „Wie musst du dich fühlen, deine Eltern so jung zu verlieren?"

Er starrte bewegungslos auf den Namen im Kreuz und ich zog unwohl die Schultern in die Höhe – eine Geste, die ich mir niemals richtig abgewohnt hatte, nicht einmal nach all den Jahren, die ich in der Politik tätig war.

„Nicht anders als du, schätze ich."

Er löste seine Augen vom Kreuz und wandte sich mir zu. „In diesem Sinne kann ich nur mein herzlichstes Beileid ausdrücken, Orla."

Etwas anderes schimmerte in seinen Augen; nicht die Unwahrheit, aber die Notion einer schlummernden, tieferen Absicht.

„Vielen Dank, Tony", antwortete ich souverän.

„Ich möchte gerne etwas mit dir bereden, wenn das möglich ist. Es geht sowohl um deinen Vater als auch um meinen." Er sah sich rasch um, und ich erkannte den Mann wieder, den ich all die Jahre als einen grenzgenialen Multimillionär in den Nachrichten gesehen hatte; zielstrebig, unerbittlich und idealistisch.

Trotzdem wurde ich durch seine Worte ein wenig aus der Ruhe gebracht. „Mein Vater und deiner?", echote ich. „Nimm es mir nicht übel, aber was sollen sie miteinander zu tun haben?"

Tony fuhr langsam durch sein Haar, sein Blick auf dem Grab meiner Eltern und doch viel, viel weiter weg. „Nun, sie haben den gleichen Mörder. Und ich bedürfe deiner Hilfe, um ihn ausfindig zu machen."

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