1 | Training mal anders
„Probier langsam ein und auszuatmen, sodass du einen Rhythmus findest und dich kontrollieren kannst", vernahm ich die Stimme meiner Oma während ich ihr im Schneidersitz gegenüber auf dem Boden des Trainingsraum saß.
Die letzten Wochen waren verdächtlich ruhig gewesen und seitdem der graue Rauch an am Himmel erschienen war, den Damian und ich bei unserem Ausflug zum Hügel entdeckt hatten.
Marian hatte relativ schnell entschieden, wer ab sofort nun mein Training übernehmen sollte. Und zwar niemand anderes als meine Oma selbst. Schließlich hatte sie meine Mutter trainiert, also würde sie es sicherlich auch hinbekommen mich etwas zu trainieren.
Mir reichte es auch schon, wenn ich diesen ganzen Scheiß hier nur etwas unter Kontrolle bekam. Lieber etwas als gar nicht.
Damian dagegen hatte die ganze Sache nicht so gefallen.
Einerseits, weil er seinen Job als mein Trainer nun verloren hatte und andererseits, weil die ganze Sache in seinen Augen sinnlos war.
Und dies hatte er meine Oma auch schon oft genug verdeutlicht, weswegen das Verhältnis der beiden von Tag zu Tag schlechter wurde.
Obwohl eigentlich war es schon von Anfang an nicht das Beste gewesen, wenn man es genau nahm.
„Stella!", riss mich die barsche Stimme meiner Oma aus den Gedanken und ich hörte, wie sie einmal schnippte, was mich dazu brachte meine Augen aufzureißen.
Erschrocken schaute ich in ihre nun zusammengekniffene Miene.
„Du sollst dich konzentrieren und nicht mit den Gedanken abschweifen"
„Aber...", probierte ich anzusetzten, da hatte sie mich jedoch wieder unterbrochen.
„Probier gar nicht dich rauszureden. Du warst unkonzentriert"
Mit einem Seufzen schloss ich meinen Mund wieder sowie meine Augen, wobei ich es jedoch immer noch nicht schaffte mich ganz zu konzentrieren.
Lieber schweiften meine Gedanken irgendwo anders hin.
„Wie lange wollt ihr noch da sitzen und eure komische Mediation durchführen", riss mich aber eine tiefe Stimme erneut aus den Gedanken. Und zwar war es genau die Stimme der Person, an die ich gerade gedacht hatte.
Damian
Er hatte seitdem meine Oma und ich vor einer halben Stunde angefangen hatten im Trainingsraum zu „trainieren", sich strickt geweigert diesen zu verlassen.
Zuerst hatte meine Oma ihn mit zusammengekniffenen Augen angeschaut, bevor sie seinem mindestens genauso sturen Blick nachgegeben hatte.
Komischerweise schaffte sie es immer noch nicht „nein" zu ihm zu sagen und das obwohl er schon tausend Mal bei unserem Training dabei gewesen war und immer wieder einen Kommentar abgelassen hatte.
Die Frage war jedoch wer schaffte es nicht bei Damian „nein" zu sagen. Dieser Typ schaffte es immer wieder an das zu kommen, was er haben wollte.
„Also meiner Meinung nach verschwendet ihr nur eure Zeit, aber auf mich will ja keiner hören", setzte er ein zweites Mal an, als er sehen konnte, dass er es nicht schaffte meine Oma damit abzulenken. Diese war nämlich noch voll in ihrem Element.
Im Gegensatz zu mir. Ich war nun gar nicht mehr bei der Sache.
„Zum Glück tut dies auch keiner, sonst wäre die Welt bestimmt schon längst in Schutt und Asche zerlegt", vernahm ich meine Oma murmeln, die immer noch die Augen geschlossen hatte.
„Stella, sollte echt anders trainiert werden. So wird das doch nie was. Sie braucht Kraft und keine Mediation", provorzierte Damian auch schon weiter, was mich dazu brachte mir etwas auf die Lippe zu beißen.
Ich warf ihm nur einen warnenden Blick zu, was er jedoch schlichtweg ignorierte. Meine Oma dagegen öffnete nun langsam eins ihrer Augenlieder und ließ es zu Damian wandern, um ihn zu mustern.
„Wer von uns beiden ist hier der Experte?", fragte sie schließlich, was Damian aber nur mit einem empörten Schnauben betitelte.
„Wenn sie es wären, dann hätte Stella ja jetzt bereits schon die volle Kontrolle über ihre Kräfte. Aber anscheinen ist dies nicht der Fall"
Nun hatte meine Oma auch das andere Auge geöffnet und betrachtete Damian mit einem aggressiven und wütenden Blick.
„Raus!", zischte sie schließlich und machte eine Handbewegung, sodass die Türen des Trainingsraums aufflogen.
Damina ließ seine blauen Augen nur zu den beiden offnene Türen wandern, bevor er sich vom Boden erhob und aus dem Raum verschwand. Dabei entging mir aber nicht das gehässige Grinsen, was sich auf seinen Lippen spiegelte.
Das er all dies nur zur Provokation tat, weil er meine Oma nicht leiden konnte, war mir mittlerweile mehr als klar. Anfangs hatte ich noch gehofft sie könnten irgendwie Freunde werden, aber mittlerweile war meine Hoffnung verloren gegangen.
Sobald die Türen mit einem dumpfen Schlag ins Schloss gefallen waren, herrschte Stille im Raum und ich sah, wie meine Oma ihren Kopf wieder zu mir wendete.
„Ich weiß, dass du diesen Jungen sehr magst, aber nimm mir es nicht übel, wenn ich nie verstehen werde, was an ihm so toll sein mag"
Nun musste ich leicht schmunzeln und zuckte dabei mit den Schulten.
„Das er anstrengend sein kann ist mir klar, aber keine Ahnung...", entgegnete ich nur, worauf sich auch ein kleines Lächeln auf den Lippen meiner Oma ausbreitete.
Dann erhob sie sich schließlich vom Boden und nickte einmal in die Richtung der Tür. Verwirrt schaute ich sie nur an.
Was meinte sie denn jetzt damit?
„Na los, geh zu ihm raus und unternehmt irgendewas. Er hat schon recht. Du wirst dich nun auch nicht besser konzentrieren können, da bringt es auch nichts, wenn ich dich den restlichen Nachmittag hier drin halte"
Verwundert schaute ich sie an, bevor ich mich schließlich ebenfalls vom Boden erhob. Dies jedoch etwas schneller als sie.
„Danke, Oma", murmelte ich und umarmte sie flüchtig, bevor ich genau wie Damian aus den riesigen Türen des Trainingsraums verschwand.
„Aber baut nicht zu viel Mist", konnte ich sie noch hinterher mir her rufen hören, bevor ihre Stimme jedoch von den großen Holztüren verschluckt wurde.
Dagegen durfte ich nun aber in Damians Augen schauen, der sich lässig auf die Treppenstuffen gesetzt hatte und sich nun von diesen erhob. „Hat sie dich etwa schon früher gehen lassen?", konnte ich ihn fragen hören, worauf ich nickte.
„Sie meinte ich würde es nun eh nicht schaffen mich noch richtig zu konzentrieren, also sollten wir die Zeit lieber anders nutzen"
Nun konnte ich sehen, wie auf Damians Lippen sich ein Grinsen schlich und mir mein Lächeln automatisch aus dem Gesicht wich. Denn wenn er so ein Gesicht zog, hatte er eindeutig etwas vor und dies war meistens nichts gutes.
„Na dann können wir nun ja endlich mit meinem Training fortfahren", konnte ich ihn auch schon sagen hören, was mich das Gesicht verziehen ließ.
„Bitte nicht, können wir nicht etwas anderes machen?"
Er dagegen schüttelte nur mit dem Kopf und platzierte seine Hand auf meinem Rücken, um mich den Flur herunter zu schieben. „Probier gar nicht dir etwas auszudenken. Wir werden jetzt trainieren. Auch wenn es nur eine Runde Joggen durch den Central Park ist"
Mit einem Seufzen gab ich schließlich nach und ließ mich von ihm durch den Flur schieben zu meinem Zimmer.
Hoffentlich würde es auch wirklich nur eine Runde Joggen sein und nicht ein Marathon.
Aber bei Damian war man sich nie sicher, also sollte ich mich lieber auf alles gefasst machen.

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