2
"Dandelion!" Jadas' wütende Stimme hallte durch die Gänge und jeder sprang ihm aus dem Weg.
"Dandelion wo bist du?! Wenn ich dich in die Finger bekomme!"
Jadas war wie so oft schon nach Hause gekommen, nur um dem Hauslehrer und seinem besten Freund zu begegnen, wessen Nerven mal wieder blank lagen.
Er durfte sich erneut eine ellenlange Liste an frefelhaftem Verhalten anhören, was den Lehrer dazu veranlasst hatte das Kind mal wieder früher aus dem Unterricht zu jagen in einem für ihn mittlerweile üblichen Wutausbruch.
Und Dandelion ließ sich das erzürnte 'Verschwinde!' nie ein zweites Mal sagen. Er provozierte es regelrecht. Der Lehrmeister musste sich inzwischen viel durch ihn angewöhnen, doch die bösartigkeit dieses Kindes trieb ihn stets aufs Neue zur Weißglut. Von einfacher Verweigerung der Mitarbeit, bis zur Sachbeschädigung der wertvollen Bücher, bis hin zu Fragen, die so grotesk waren, dass es einem die Sprache verschlagen konnte.
"Jadas dieses Kind ist ein Dämon!" hatte Brahäus ihm einst gesagt.
"Ihr seid so ehrenhaft und gediegen. Ein absolutes Vorbild und die liebliche Sidaria war solch eine gute Seele. Mir ist es ein absolutes Rätsel, wie euch solch ein Teufel entsprigen konnte." hatte er Zähne knirschend hervorgebracht.
"Er weist keine besonderen Talente auf, zeigt absolut kein Interesse an Bildung und Disziplin oder an irgendwas und die strafen scheinen ihm auch noch aufs ekelhafteste zu gefallen. Das einzige worin er wirklich herausragend ist, ist es chaos zu stiften. Ich habe noch keinen einzigen Tag erlebt, an dem er nicht einen eurer Bediensteten zum weinen gebracht hatte. Jadas seit ihr euch wirklich sicher, dass Sidaria nicht in Wirklichkeit etwas schreckliches widerfahren war, sodass sie bewusst die Flucht ergriffen hatte?"
Jadas hatte die Vorfälle um Dandelion bewusst seinem Freund gegenüber verschwiegen und nicht nur ihm.
Vor 10 Jahren, als Sidaria so urplötzlich verschwand war er außer sich gewesen und hatte Truppen los geschickt, um sie zu suchen.
Bei jener Gelegenheit richtete er es gleichzeitig so ein, als habe man den jungen im tiefen Wald gefunden und hergebracht. Da jener Sidaria wie aus dem Gesicht geschnitten war und die selbe Haar- und Augenfarbe hatte wie Jadas, zweifelte niemand, dass es ihr Sohn sein musste. Jadas' Herz hätte es einfach nicht ertragen, wenn er neben der Liebe seines Lebens auch noch sein einziges Kind verloren hätte. Und das hätte er definitiv, wenn die Ereignisse ans Licht gekommen wären.
Den Säugling hätte man aus Gnade getötet, um ihm eine Chance zu geben wiedergeboren zu werden zum richtigen Zeitpunkt.
Jadas hingegen hätte man für solch unverzeiliches Vergehen nicht nur seines Amtes enthoben und ausgepeitscht in das Exile geschickt. Schlimmer noch, man hätte ihn bei der Hinrichtung seines Sohnes zusehen lassen. Mit diesen Bildern im Kopf hätte er weiterleben müssen, denn nicht einmal der Freitod wäre ihm dann noch vergönnt gewesen. Einem Hochelf, welcher sich selbst das Leben nahm, wurde die Möglichkeit auf eine Wiedergeburt verwehrt. Das wiederum würde bedeuten, dass er sowohl seiner Sidaria als auch seinem Sohn nie wieder begegnen würde.
Sich in einem Kampf absichtlich töten zu lassen, obwohl man sich wehren könnte galt ebenso als Freitod. Mit einer solchen Bürde könnte er einfach nicht leben.
Er tat also gut daran es geheim zu halten. Und seine Bediensteten taten es ihm gleich, denn ihnen würde ansonsten ein ähnliches Leid widerfahren, da sie ihn darin unterstützten und deckten. Er hatte bereits eine seiner Heilerinen verloren, die jene Schuld nicht mehr ausgehalten und sich in die Dienste des Tempels gestellt hatte, um still für ihre Sünde zu büßen.
Jadas fand seinen Sohn im Garten seines Anwesens und trat bereits schimpfend hinter den Säulen hervor, als ihm der metallische Geruch von Blut in die Nase stieg. Abrupt blieb er stehen, Dandelion kniete mit dem Rücken zu ihm auf dem Boden.
"Dandelion?" brachte Jadas schließlich heraus und das Kind drehte sich um.
Jadas gefror das Blut in den Adern und gleichzeitig fühlte es sich so an, als würde er von innen verbrennen.
Kalter Schweiß trat an seiner Stirn hervor, als er mit Entsetzen sah, was sich vor ihm abspielte.
Dandelions Hände und Kleider waren mit Blut beschmiert, ebenso die untere Hälfte seines Gesichts. Hier und dort hingegen rot durchträkte Federn an ihm und aus seinen Mundwinkeln quoll die metallisch riechende Flüssigkeit heraus.
In seinen Händen erkannte Jadas die Überreste eines blauen Vogels.
Der Kopf und die Flügel des Tieres hingen leblos herunter. Der Rumpf war zerfleischt und die Innereien fielen heraus, wobei die Hälfte davon fehlte.
Als Dandelion seinem Vater in die Augen blickte, schnitt sich ein grässlich verzerrtes Lächeln durch das Gesicht des Jungen. Das hatte zur Folge, dass Jadas instinktiv einen Schritt zurück trat. Das Entsetzen und der Schock standen dem Vater regelrecht auf der Stirn geschrieben, woraufhin sein Sohn noch breiter grinste.
Dandelion spuckte einen Knochen aus, an welchem er zuvor noch gekaut hatte und entblößte schließlich die blutgetränkten Zähne.
Warum hatte ihn bloß keiner aufgehalten?
Die Frage war so dumm gewesen wie keine zweite, das wusste Jadas ganz genau.
Wer bitte hätte ihn aufhalten sollen? Jeder hier tat gut daran Dandelion aus dem Weg zu gehen und somit genoss er trotz der Tatsache, dass er das Anwesen nicht verlassen durfte genug Narrenfreiheit.
Jadas wäre vermutlich weniger schockiert gewesen, wenn er den Vogel wenigstens in irgendeiner Form vorher zubereitet hätte. Das Töten und Verspeisen von Tieren war ein ungeschriebenes Tabu für die Elfen und jeder hielt sich instinktiv daran ohne, dass man es einem beibringen musste. Doch Dandelion war nun mal nicht wie die anderen. Ihn Fleisch essen zu sehen wäre erschreckend normal für Jadas gewesen.
Doch auf diese groteske Art?
Das hätte selbst den barbarischen Menschen den Magen verdreht. Und auch er hätte sich am liebsten übergeben, wenn er nicht in einer Schockstarre gefangen wäre.
Was hatte er bloß in der Erziehung seines Sohnes während der jungen Jahre versäumt? Er hatte ihm doch all seine Liebe gegeben, die Götter wussten er hatte das Bestmögliche getan. Jadas hatte sich sogar häufiger, als für seine Position üblich war, von seinen p
Pflichten gewendet, um bei ihm zu sein.
Er hatte den König so oft vertröstet, sich ausschließlich nur an den dringlichsten Versammlungen beteiligt, dass es ihm schon peinlich war.
Der Elf hatte stets sein Bestes daran getan ihn mit der Strenge eines Vaters und der Günte einer Mutter zu erziehen, so wie seine Sidaria es sich gewünscht hätte.
Und er liebte jenes Kind mit Leib und Seele, ganz gleich wie sehr jener an seinem Geduldsfaden sägte.
Er liebte es mehr als sein ganzes Wesen, die Götter wussten, dass er es tat.
Doch in diesem Augenblick fiel es ihm unglaublich schwer dieses Kind überhaupt als ein Wesen, dass sich von Bestien und Monstern unterschied, zu erkennen.
Ihm war so, als wäre ein Schalter in ihm gefallen. Als wäre irgendetwas in ihm eingebrochen.
Jadas war nicht länger Herr über seinen eigenen Körper und hastig trat er an Dandelion heran.
Er holte aus und ohrfeigte das Kind so fest, dass jener etlichen Meter davon flog.
Der Junge blieb eine Weile liegen, bis er sich taumelnd aufsetzte.
Dandelion wirke zunächst leicht benommen, als habe er kurz die Orientierung verloren.
Doch anstatt zu weinen, wie es für einen jungen seines Alters üblich gewesen wäre, schnitt sich bald wieder ein breites Lächeln durch sein Gesicht.
"War das ebenfalls aus Liebe, ehrenwerter Vater?" fragte Dandelion und sah dem älteren direkt in die Augen, als würde er ihn verspotten.
Jadas war es so, als hätte ihn ein Blitz getroffen. Er trat einige taumelnde Schritte zurück, tat Dandelion damit jedoch einen Gefallen, denn das Kind grinste noch breiter.
Er hatte einen solch wunden Punkt getroffen, dass Jadas erneut kurz davor war sich zu übergeben.
Diesmal aus Schock vor seiner eigenen Handlung.
Jadas hatte Dandelion stets vermittelt, dass er ihn nur aus Liebe bestrafte, hatte allerdings nie die Hand gegen ihn erhoben.
Jetzt wo er in sein Gesicht sah, jenes welches Sidaria so ähnlich war, fühlte es sich so an, als hätte er beide gleichzeitig geschlagen.
Als würde er in das wahnsinnige, blutige Gesicht seiner Liebsten sehen.
Er hatte seine Kraft kein Stück weit gebändigt. Ein Kind mit voller Wucht geschlagen.
SEIN Kind!
Was war bloß über ihn gekommen?
Wie konnte er bloß so sehr seine Beherrschung verlieren?
"Wachen!" rief er schließlich mehrmals und die Leute gehorchten.
"Bringt ihn auf sein Zimmer! Sperrt ihn dort ein! Er soll drei Wochen lang nur Brot und Wasser zu Speisen bekommen und verriegelt das Fenster! Nimmt alle scharfen Gegenstände aus seinem Zimmer!"
Die Wachen packten das Kind und brachten ihn davon. Im vorbeigehen grinste Dandelion seinen Vater an und sprach.
"Ekelt ihr euch so sehr vor mir, dass ihr mich nicht einmal selbst auf mein Zimmer bringen könnt?" damit war er weg.
Jadas' Knie gaben nach und nun konnte er sich nimmer mehr gegen seinen Magen wehren.
Er übergab sich an Ort und Stelle, zitterte dabei ununterbrochen.
Ihm war heiß und kalt zugleich und er war dem Augenblick ergeben, nicht fähig sich dagegen zu wehren. Er spürte, wie sie grässliche Bilder in seiner Gehirn brannten, ohne dass er es verhindern konnte.
Dandelions groteske Fratze, die sich in seiner Vorstellung immer abscheulicher verzerrte. Das leicht rundliche Gesicht mit spitzem Kinn, welches seiner Frau gehörte, Blut verschmiert. Wie beide Gesichter in einer Metamorphose ineinander ubergingen, eins wurden und sich wieder trennten.
Jadas spürte, wie etwas dunkles seinen Verstand umhüllte und daran zehrte obgleich er in jenem Moment kaum noch etwas anderes empfand aus Entsetzen.
In welchem Abschnitt seines Lebens war er bloß falsch abgebogen?
Bạn đang đọc truyện trên: AzTruyen.Top