second count

Das er es geschafft hat mich in den Wagen zu zwingen wundert mich stark. Wir fahren gerade durch die überfüllten Straßen Seouls.
Erneut will mich Jimin zu texten, doch dieses mal wimmel ich ihn gekonnt ab.
Ich schalte das Radio lauter und blicke dann aus dem Fenster, eine deutliche Geste der Abweisung die er sofort versteht.
Denn er hört auf zu reden, ein Seufzen seinerseits erklingt.
'Endlich'
Das hat echt lange genug gedauert, er redet zur Zeit ätzend viel um die Stille, die ich verursache, auszufüllen. Es ist mir klar das Tanzen seine Leidenschaft ist, genauso wie es für mich das Zeichnen, der Sport und das Singen war. Aber seitdem Taehyung weg ist eher nicht mehr. Was er wohl gerade so in Tokyo macht? Ob er erfolgreich ist und alles gut läuft?
Was wenn er nicht gut angekommen ist und schon längst tot ist ohne das ich davon weiß?!
Okay jetzt übertreibe ich, in dem Fall hätte mich seine Mutter benachrichtigt und das schon lange.

Ich schaue auf die verschiedenen Gebäude, die auf beiden Straßenseiten erbaut wurden.
Manche sind riesige Hochhäuser, die anderen Imbisse und nochmal andere Märkte für Lebensmittel bis Klamotten. Viele Leute treten ein-und aus ihnen, sie sehen glücklich und ausgeglichen aus. Vor allem die Paare, die sich unter ihnen befinden. Alle mit einem lachenden Gesichtsausdruck. Sorglos, als ob ihre Beziehung eine ist, die für immer anhält.
Ich beneide diesen Gedanken und auch die Leute, die diesen noch Glauben schenken können. Doch mit diesem Jahr wurde ich leider eines besseren belehrt.
Nichts hält für immer, auch wenn man es sich wünscht. Genauso wie das Leben, jeder denkt man wäre unsterblich, Fakt ist aber das dieses sich schnell dem Ende zuneigen kann.
Ich schüttel meinen Kopf, ich denke viel zu oft an sowas, bevor das zur Gewohnheit wird muss ich einen Ausgleich finden.

Ich zwinge mich gehörig dagegen an Taehyung zu denken, aber bei dem kleinen unscheinbaren Gebäude, an welchem wir jetzt vorbei fahren kann ich es mir nicht mehr verkneifen. Es handelt sich um ein kleines Café, nur durch Geheimtipps von treuen Kunden wird dieser besucht. Es ist zwar klein aber liebevoll eingerichtet, für mich immer ein Ort zum Nachdenken gewesen, wenn mir doch alles zu viel wurde. Ich musste nur rein gehen und die Angestellten wussten sofort was sie mir bringen sollten. Einen Latte Macchiato mit einem Stück Schokoladenkuchen. Häufig gab es für mich als extra, eben weil ich so ein treuer Kunde bin, einen großen Kecks dazu. Normalerweise kosten diese pro Stück knapp 4000 Won, weswegen bei mir auch immer zusätzlich ein kleines Trinkgeld ausfällt.

Und dort habe ich Taehyung kennengelernt.

Rückblende

Mal wieder sitze ich in meinem Lieblibgscafé und zerbreche meinen Kopf über momentan belangloses. Es ist still und bis auf die leise, ruhige Hintergrundmusik nichts zu hören. Ich sitze alleine, bis auf einen weiteren Kunden hier. Dieser ist mir sofort aufgefallen, schon als ich hinein gekommen bin. Wie soll man auch bitte nicht sein knallrotes Haar bemerken?

Ich sitze einen Tisch weit von ihm entfernt und schlürfe genüsslich mein Getränk, den Blick nicht von ihm wendend.
Da sein Kopf nach unten gebeugt ist, konnte ich bisher nicht sein Gesicht sehen, aber ich kann mir durchaus vorstellen das er sehr attraktiv ist. Er sitzt mit einem Laptop dort, immer wieder seinen Kaffee trinkend. Das Stück Erdbeerkuchen neben ihm, hat er noch nicht einmal angerührt.

Ich suche schon die ganze Zeit einen Aufwand unter dem ich ihn ansprechen könnte, doch momentan habe ich leider noch nicht 'die Idee'.
Verschiedene Szenarien spielen sich in meinem Kopf ab.
In einem setze ich mich einfach zu ihm und warte seine Reaktion ab - mein bisheriger Favorit.
In einem anderen frage ich ihn ob ich mich zu ihm gesellen kann, da eh gerade niemand da sitzt
Und in dem wohl dämlichsten mache ich einen auf Volltollpatsch und fliege neben ihn hin, um Aufmerksamkeit zu erregen. Aber da fühle ich mich nur wie der Hauptcharakter in einem K-Drama, der gerade versucht seine große Liebe anzusprechen, aber zu unfähig für alles ist - keine gute Wahl.

Ich folge mit wachsamen Augen seinen Bewegungen, er setzt wieder zu einem Schluck aus seinem heißen Getränk an.
Viel zu vertieft in seinem Gerät, vergisst er um die Hitze dessen und verbrennt sich. Er setzt die Tasse wieder auf dem dazu gehörigen Teller ab und schreit vielleicht etwas zu laut "Verdammt" durch das stille Örtchen. Ich wusste ich habe damit die Chance auf eine Konversation.
Den Kuchen, Kecks und mein Latte Macchiato nehme ich und gehe augenblicklich zu dem wahrscheinlich Älteren.
Ich stelle meine Bestellung auf dem Tisch ab und setze mich zu ihm.
Er sieht mich verwirrt an, doch wirkt nicht so als ob er mich nicht hier haben wollte. Natürlich sehe ich das als ein guten Zeichen, ein Zeichen um endlich eine Konversation zu beginnen.
Mit einem Lächeln auf meinen Lippen frage ich ihn also

"Kann ich Ihnen Gesellschaft leisten?"

~•~

Ich weiß noch er hat mich sehr oft damit aufgezogen, dass ich das als einen Vorwand genutzt habe um ihn anzusprechen. Aber er war mir dankbar dafür, außerdem gestand er mir, dass er so tief in den Gedanken war, weil auch er sich einen gesucht hat um mit mir zu sprechen.
Der Grund weshalb er so in Gedanken versunken war, nicht die Arbeit, die er eigentlich am Laptop erledigt haben müsste.
Schon wieder dieser Schmerz in meiner Brust, immer wenn ich mich an ihn erinnere, empfinde ich dieses Gefühl.
Ob es ihm da auch so geht?

Meine Gedanken an ihn stoppen als das Auto still steht und der Motor abgeschaltet wird.
'Wir sind schon da?'
Ich war wohl zu vertieft in der Erinnerung, da hab ich nicht einmal bemerkt, dass wir schon an unserem Ziel sind.
Ich packe meine Tasche und steige aus dem Fahrzeug. Vor mir betrachte ich das Gebäude, in dem ich jetzt wohl tanzen würde.
Es sieht etwas klein aus, ist weiß gestrichen und über dem Eingang erstreckt sich in großen bunten Druckbuchstaben, der Name der Tanzschule nämlich 'Hope World'.
Natürlich ist der Name von Hobi inspiriert, sie haben sich darauf geeinigt, weil es nach einem Ort klingt, den man gerne besuchen will.

Ob ich hier drinnen eine Leidenschaft finde?

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