🧸 Lost - Time 🧸

Jung Hoseok. Sein Stiefbruder!

Beide blickten sich völlig überrascht an, aber zeitgleich machte es klick. Insbesondere bei Jungkook, denn Hoseok hatte sich im Grunde nicht wirklich viel geändert. Nur war er nun nicht mehr der freudige Jugendliche mit der Snapback auf dem Kopf, sondern ein adrett gekleideter höflicher junger Mann. Er war weniger aufgeweckt, was vermutlich durch die Reife kam. Und dann noch die Brille und die Pollunder und Hemde, die er auf der Arbeit trug, ließen ihn nicht erkennbar sein.

Und nun für Hoseok war es kein Wunder seinen Stiefbruder nicht erkannt zu haben... Das letzte Mal, wo er Jungkook so richtig gesehen hatte, da war der Blauhaarige noch ein Kind gewesen. Dass aus ihm nun ein erwachsener, attraktiver junger Mann geworden war, knüpfte nicht an seine Erinnerung an den Jüngeren an. Vor allem mit den schlumpfblauen Haaren.

Doch dies war nicht der Zeitpunkt, um über so etwas nachzudenken oder fragen diesbezüglich zu stellen. Denn die Priorität lautete: Jeongguks Vater.
Atemlos joggte er zu seinem Halbbruder, seine Brust hob und sank schwer. "Dad... Wo ist mein Dad?", presste er hervor.

Hoseoks Blick ging einen Moment hinter den Jüngeren, wo Taehyung stand, bevor er dem jungen Vater knapp zunickte. "Kommt mit. Sie haben ihn eben in den OP gebracht."

Sofort liefen die drei in den besagten Bereich, wo Jungkooks Stiefmutter mit verweinten Gesicht und völlig aufgelöst da saß. Sie kam auf Jungkook zu, sofern sie ihn sah und schloss den versteinerten jungen Mann in seine Arme. Normalerweise würde Jungkook das niemals zulassen und sie von sich stoßen, aber jetzt hatte er nicht die Kraft dazu. Und sie brauchte es in dem Moment, also ließ er es einfach zu.

Dann waren sie zu viert. Warteten ungeduldig vor dem OP Bereich. Hoseok tröstete mal seine Mutter, mal lief er unruhig auf und ab. Jedes Mal, wenn jemand zwischen den Schiebetüren hervortrat, sprang er auf, in der Hoffnung es gäbe neue Nachrichten.

Jungkook hingegen saß wie versteinert da, rührte sich nicht vom Fleck. Die Angst seinen Vater zu verlieren war omnipräsent und lähmte ihn. Nichts nahm er war, außer eines.
Die warme, große Hand die seine eigene die ganze Zeit über umfasst hielt. Taehyung saß Seite an Seite direkt neben ihm, ihre Schultern eng beieinander, während er den Jüngeren seine Anwesenheit spüren ließ.

Irgendwann kam dann doch ein Arzt heraus und stellte sich vor die Familie. Geisterhafte Blässe legte sich auf ihren Zügen. Obwohl sie sehnsüchtig auf diesen Moment gewartet hatten, war dies nun doch unfassbar beängstigend. Aus der Miene des Mediziners ließ sich nicht erraten, wie die Operation des Mannes verlaufen war.

Angespannt verfestigte Jungkook den Griff um die Hand seines Geliebten, der ihm im Gegenzug mit dem Daumen über den Handrücken streichelte.

"Die OP verlief komplikationslos. Herr Jeon muss jedoch die nächsten paar Stunden aufgrund der niedrigen Sauerstoffsättigung weiter beobachtet werden, weswegen wir ihn auf die Intensivstation verlegen. Aber sie brauchen sich keine Sorgen zu machen, er wird wieder."

Zum Ende hin, lächelte er aufmunternd in Runde, nahm die OP Haube ab, bevor er sich von den erleichterten Angehörigen verabschiedete und weiter ging. Hoseok und seine Mutter fielen sich erleichtert um den Hals und auch Taehyung zog den Blauhaarigen in seine Arme, welcher das ganze immer noch nicht fassen konnte.

Zuerst lag er steif in den Armen des Anderen, doch dann entspannten sich seine Muskeln und er legte seinen eigenen Arm fest um die Taille des Älteren und vergrub sein Gesicht erleichtert in dessen Schulter.

Beinahe hätte er seinen Vater verloren. Es ließ ihn so viel bedauern und bereuen-
Ihm war vorher nie bewusst, was er alles durch sein kindisches Verhalten und der Eifersucht verlor...

Warum muss der Mensch immer erst zu dieser Realisation kommen, wenn es zu spät ist? Oder zumindest fast zu spät, wie in Jungkooks Fall.

Doch er hatte daraus gelernt. Dieses Leben war zu wertvoll und die Zeitspanne zu kurz, um Hass und Neid zu hegen und diesen Emotionen die Möglichkeit zu geben, einen zu steuern.
Es war so viel mehr Wert als das.

Sofern es seinem Vater besser ging, schuldeten sie sich ein ziemlich langes Gespräch.

Beide hatten sich falsch benommen. Jungkook hatte über reagiert und sein Vater hatte zu wenig reagiert und nicht genug versucht um den Kontakt zu seinem Sohn gut zu halten.

Erst einmal musste er wieder vollständig gesund werden und dann... dann würden sie ihre gemeinsame verlorene Zeit loswerden müssen.

Hoseok schickte seine Mutter nach Hause, die drei jungen Männer blieben. Taehyung bestand darauf bei dem Jüngeren zu bleiben, doch er wollte ihn nicht die ganze Nacht beibehalten.
"Tae... geh nach Hause. Du bist erschöpft. Ich komme alleine klar, mach dir keine Sorgen."
Seine spröden Lippen zuckten kurz zu einem schmalen Lippen. Widerwillig schaute der Ältere ihn an. "A-aber ich will dich un-ungern alleine lassen.", wisperte er besorgt.

Jungkook sah ihn dankbar an. "Du hast mehr als genug mir beigestanden Tae... Wärst du heute nicht bei mir gewesen, hätte ich den Verstand verloren."
Der Ältere war sein Anker gewesen und versuchte ihn die ganzen Stunden über zu beruhigen und versicherte ihm, alles würde gut werden.

"Aber jetzt musst du zu Sora. Und du bist kaputt, du hast letzte Nacht schon nicht geschlafen."

Es wirkte so, als lägen Tage dazwischen, aber das Gericht war erst vor wenigen Stunden gewesen. Tae war ein Nervenbündel seit gestern Nachmittag und die Nacht drückte er kein Auge zu. Eine zweite Nacht durchzumachen, würde ihn fertig machen.

"Geh und leg dich hin Babe."

Unschlüssig blickte der Brünette auf ihre verschränkten Hände und unterdrückte ein müdes Gähnen, als Jungkook den Schlaf erwähnte. Sich ein paar Stündchen hinzulegen und endlich mal zu schlafen, würde ihm gut kommen. Die Angst vor dem Urteil und der nervenaufreibende Tag waren zusammen zu viel und zu stressig.

"A-aber ich will dich nicht alleine lassen...", erwiderte er trotzig und ohne es zu merken, drang sein Schmollen ein wenig durch. Jungkook warf einen schrägen Blick nach hinten auf den Lehrer, welcher am Telefonieren war - seine Mutter war wohl eben Zuhause angekommen.

"Ich bin ja eigentlich nicht alleine."

Als Taehyung dies realisierte, wurde seine Unruhe und das schlechte Gewissen, den Jüngeren alleine zu lassen, etwas besänftigt. Stimmt, schließlich war Hoseok, Jungkooks Stiefbruder auch noch da. Und vielleicht wäre es keine so schlechte Idee, die beiden ein wenig alleine zu lassen.

Taehyung wusste, dass sie sich ewig nicht mehr gesehen haben und sich nicht nahe standen, aber vielleicht... vielleicht würde dieses Ereignis sie ja etwas mehr zusammen schweißen. Er hoffte es für Jungkook. Schließlich wirkte der junge Lehrer ziemlich freundlich auf ihn. Er war ein guter Mensch und von dieser Sorte konnte man nicht genug in seinem Leben haben.

Schließlich nickte er. "Ruf mich an, wenn was ist." Jungkook lehnte sich zufrieden vor und drückte seine Lippen auf die des Älteren, bevor er den Kuss löste und stattdessen Taehyungs Stirn küsste. "Versprich mir, dass du dich ausruhen wirst."
"Werde ich."

Schüchtern dackelte Taehyung im Anschluss zu dem anderen Bruder herüber, welcher vor wenigen Sekunden sein Telefonat beendet hatte und mit dem Rücken zu ihm stand. Leise räusperte er sich.

"I-ich wünsche ihrem Vater gute Besserung, H-Herr Jung.", gab er kleinlaut von sich.
Dankbar nickte der Ältere.
"Hoseok ist in Ordnung. Wir scheinen doch bisschen in näher Relation zu stehen, als nur Lehrer und Elternteil, Taehyung-ssi - korrekt?"
Schmal lächelte er den erschöpften Lehrer an.

Taehyung schien, als wolle er noch was sagen. Sein Blick huschte zu dem Blauhaarigen, der fix und fertig aussah.
Hoseok lächelte leicht. "Keine Sorge, ich passe schon auf ihn auf. Geh ruhig."
Erleichterung huschte über die Züge des Schriftstellers, er nickte sachte und ging wieder zu Jungkook rüber. Das Paar umarmte sich ein letztes Mal, Jungkook inhalierte seinen herben, beruhigenden Duft.

"Ich liebe dich."

"Ich dich auch. Bis morgen."

Jungkook ließ sich auf einen Plastikstuhl fallen, schloss die Augen und lehnte den Kopf an die kühle Wand. Sein Schädel brummte, er war völlig ausgelaugt und kämpfte gegen die Müdigkeit.

Der Geruch von Kaffe ließ ihn nach einigen Minuten die Augen überrascht aufschlagen. Sein Halbbruder hielt ihm einen Pappbecher mit der dampfenden dunkelbraunen Flüssigkeit vor die Nase. "Ich dachte, du könntest auch einen Gebrauchen."
"Danke..", murmelte er, nahm den Becher entgegen und pustete, obwohl es nichts bringen würde.

Hoseok deutete auf den Platz neben ihm. "Darf ich...?"
Zögernd nickte er und richtete sich auf, als der Ältere neben ihm Platz nahm. Stille breitete sich über die beiden ungleichen Brüder aus, während sie ihren Kaffee schlürften. Nicht der Beste, doch immerhin wirkte er. Jungkook fühlte sich dank des Koffeins ein wenig lebendiger.

"Letztens in der Schule, als Sora verschwunden war, da dachte ich mir, dass du mir ziemlich bekannt vorkommst. Aber ehrlich gesagt, hab ich dich nicht erkannt."
Er erinnerte sich, schließlich war es ihm genau so ergangen-
"Ich dich auch nicht... Ich schätze wir haben uns ziemlich verändert, seitdem wir uns das letzte Mal gesehen haben."

Der Ältere nickte zustimmend. "Ja, es liegen so viele Jahre dazwischen. Aus dir ist ein echter Draufgänger geworden was?" Belustigt schnaubte der Jüngere.
"Du hast so riesen Bambi Augen gehabt, die in deinem kleinen Gesicht so unecht aussahen- Du warst immer so schüchtern und scheu.", rief sich Hoseok in Erinnerung.
"Krass wie die Zeit vergeht.", stimmte der Blauhaarige zu. Sie beide lachten. Gemeinsam.

Und in dem Moment wurde ihm klar, dass es neben seinem Vater ja vielleicht noch eine weitere Person gab, mit der es einiges an verlorener Zeit zum Nachholen gab...

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