Burn it

Ashley hatte Recht gehabt, als sie gesagt hatte, dass ich Hoseok mögen würde. Denn als ich mich auf die Rückbank mit Ashleys Rucksack in  der Hand setzte, konnte ich sofort die Positivität verspüren, die er ausstrahle.

Hoseok war ein rothaariger junger Mann, der Meeresbiologie studierte, wie ich später auf der 20-minütigen Fahrt erfuhr. Er war ein angenehmer Zeitgenosse, der gute Geschichten erzählte, aber auch gut zuhören konnte.

Auf dem Weg zum Club unterhielten wir uns viel und hörten ab und zu ein bisschen Musik, wenn einer von uns  einen Song hatte, den er den anderen gern zeigen wollte. Es hatte ein  wenig angefangen zu regnen und bei dem dritten Song begann ich etwas stiller zu werden und aus dem Fenster zu schauen. Ich hatte Autofahrten schon immer gemocht. Man hatte dort immer ein wenig Zeit für sich und seine Gedanken. Man hatte Zeit, runterzukommen und einfach mal nachzudenken oder Musik zu hören. Ich tat Ersteres relativ intensiv.

Ich hinterfragte in diesen Minuten so gut wie alles, was ich mal als meine Welt bezeichnet hatte und musterte die junge Frau, die für meinen radikalen Sinneswandel verantwortlich war. Anfangs war ich mir nicht sicher gewesen, ob ich es gut fand, dass ich nun nicht mehr alles  einfach hinnahm, sondern begann über die Hintergründe nachzudenken, ja ich hatte mich für eine lange Zeit auch davor gesträubt, diese neue Seite von mir anzunehmen und zu akzeptieren.

Aber letztendlich hatte ich es getan und ich war froh darüber. Denn, wenn ich das nicht getan hätte, so hätte ich niemals Ashley richtig kennengelernt. Wahrscheinlich wäre es dann bei einer oberflächlichen Beziehung zwischen uns beiden geblieben und mir wäre nicht in Traum eingefallen, wie wunderbar sie sein konnte.

Ich drehte den Kopf und musterte sie von der Seite. Sie lächelte, während sie ihren Oberkörper ein wenig zu der Musik  bewegte, die gerade durch den Wagen schallte. Sie sah glücklich aus, gar nicht mehr so nervös und mir wurde mal wieder bewusst, was für Wunder Musik und gute Gesellschaft vollbringen konnten.

Es dauerte noch gute zwei Minuten, bevor Hoseok uns vor dem Club absetzte und keine Sekunde später standen wir zu zweit am Straßenrand. Doch ich hatte keine Zeit mich zu orientieren, denn Ash griff nach meiner Hand und zog mich bestimmt die Straße hinunter. Ich fragte nicht, sondern folgte ihr, sie würde schon wissen, was sie tat.

Es stellte sich heraus, dass wir zehn Minuten zu spät waren und dementsprechend nur noch zwanzig Minuten übrig waren, um alles vorzubereiten, bevor es losgehen sollte. Ashley war hibbelig, während sie ihren Laptop auspackte und alles verkabelte. Ich hätte mich angeboten ihr zu helfen, aber ich verstand kein bisschen von dem, was sie da tat und am Ende hätte ich alles wahrscheinlich nur noch schlimmer gemacht, also sah ich ihr einfach dabei zu, wie sie noch mal die Reihenfolge der Songs durchging und checkte, ob alles funktionierte.

Sie hatte die Erlaubnis bekommen 8 Songs zu spielen, mit denen sie von 21 bis 22.30 Uhr auftreten sollte und ich hätte gelogen, wenn ich gesagt hätte, dass ich nicht auch ein wenig nervös war.

Es war schon deutlich voller geworden, als noch vor zehn Minuten und während ich herumstand wie bestellt und nicht abgeholt, wärmte meine Begleiterin ihre Stimme auf. In meinen Ohren klang das alles ziemlich komisch und ich hätte bestimmt ein wenig geschmunzelt, wenn ich nicht so aufgeregt gewesen wäre. Ich hatte nicht gewusst, dass man das tat, bevor man sang, aber jetzt, wo ich es wusste, war es nur logisch. Denn selbst ich glaubte nicht, dass man einfach so, ohne Aufwärmen gut singen konnte. Natürlich gab es immer Leute, die ohne Vorbereitung besser singen konnten, als andere, aber ich glaubte nicht daran, dass man einfach so mal eine schwierige und hohe Stelle singen konnte.

Ich beobachtete sie ein wenig, während sie ihre Stimme aufwärmte und Tonleitern rauf und runter sang, dann entschied ich mich sie in Ruhe zu lassen. Ich würde mich an die Bar setzten und warten, bis es so weit war, das war in meinen Augen das beste.

Ich teilte ihr jenes kurz mit, sie nickte nur, beachtete mich aber nicht weiter. Ich nahm es ihr nicht übel, ich hätte mich wahrscheinlich genauso verhalten, wenn ich in fünf Minuten einen Gig hätte.

So trat ich aus dem Bereich, der für den nächsten Künstler reserviert war und machte mich auf den Weg zur Bar. Ich war lange nicht mehr in einem Club gewesen, wie mir auffiel, während ich mir meinen Weg zu meinem Ziel bahnte. Ich hätte nichts dagegen gehabt mal wieder feiern zu gehen, aber irgendwie war es seit der Trennung mit Amber einfach nicht drin gewesen. Ich hatte so viel zu tun gehabt, sowohl mit der Arbeit, als auch damit, ein neues Weltbild zu entwickeln.

Meine Augen blickten umher, flogen über die Leute, die anwesend waren und fixierten dann eine bestimmte Person, die ich verdammt gut kannte.

Amber hatte ihre blonden Haare zu einem lockeren Zopf gebunden und saß gemeinsam mit ihrer besten Freundin und zwei Typen, die ich nicht kannte, in einer der Sitzgruppen. Ich beobachtete sie eine Weile, wartete darauf, dass das brennende Gefühl der Trauer oder wenigstens der Wut einsetzten würde, doch es kam nicht, egal wie lange ich wartete.

Und dann realisierte ich, dass es mir egal war. Es war mir egal, mit wem sie hier war und was sie hier machte. Ich war überrascht von mir selbst, so kannte ich mich gar nicht, normalerweise war ich immer etwas zu nachtragend, besonders was Trennungen anging, aber ich spürte nichts, als ich beobachtete wie sie ihre Finger mit denen von einem der Typen verschränkte und lachte. Es war ein Lachen, dass vor ein paar Wochen noch mir gegolten hatte, jetzt gehörte es anscheinend jemand anderem.

Im selben Moment drehte sie ebenfalls den Kopf und sah mich direkt an. Ich erkannte wie ihr kurz die Gesichtszüge entgleisten und sich ihrer Hand langsam aus der des Typen wand. Sie flüsterte ihm etwas ins Ohr, dann stand sie auf und kam auf mich zu. Das hatte ich nicht erwartet, ich hatte geglaubt, dass sie mich penetrant ignorieren würde, aber da hatte ich mich wohl getäuscht.

Sie lächelte freundschaftlich, als sie zu mir kam und ich wusste, dass sie die plötzliche Trennung mit keinem Wort erwähnen würde, das kannte ich schon von ihr.

Als sie schließlich bei mir angekommen war, musterte ich sie nur unverwandt, ich lächelte noch nicht mal, als sie mich ansprach.

"Hey Yoongi. Wie geht's?"

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