Schwindelgefühle

Gegen Mittag erreichten wir die Ränder der Stadt, doch erst in der Abenddämmerung konnte ich mich dazu durch ringen, sie zu betreten. Schließlich könnte jeder Bewohner mich einfach umlegen, wenn ihm gerade danach wäre. Ich saß versteckt hinter einem Müllcontainer und wartete auf Zephyr, die versuchte, mir ein Haarband zu besorgen. Eigentlich bräuchte ich auch etwas, um meine Kette zu verstecken, aber ich war mir sicher, dass die Menschen eher auf meine Katzenohren achten würden.
Ich schaute zwischen dem Container und den kleinen Schrottsammlungen hindurch, auf den rosa verfärbten Himmel und die Sonne, die in wenigen Minuten verschwunden sein würde.
Das warme Licht versetzte mich in eine wundervolle innere Ruhe, die ich schon lange nicht mehr gespürt hatte. Ich blinzelte, legte den Kopf schief und lächelte leicht.
Ein leises Trommeln ließ mich aufschauen. Zephyr streckte den Kopf über den Rand des Containers, sie hielt ein schneeweißes Rüschenband zwischen den Zähnen.
"Ich wusste, dass auf dich Verlass ist!", sagte ich und befestigte das Band in meinen roten Haaren, sodass es meine Ohren verdeckte.
"Sieht gut aus." Sie grinste schief und ich piekste ihr mit dem Finger in die Brust.
"Es ist bald dunkel, ich denke wir können uns langsam auf den Weg machen." Ich erhob mich langsam und strich mein Kleid mit den Händen glatt, als könnte ich dadurch irgendetwas retten. Ich musste mir nichts vormachen, ich sah furchtbar aus. Die Blicke der Passanten bestätigten es, eigentlich hätte ich mir auch das Haarband sparen können.
Ich zog die ungeteilte Aufmerksamkeit der Menschen auf mich.
Das einst weiße, kurzärmlige Kleid war gesprenkelt mit Blut, Staub und Schlamm. Unter dem zerrissenen Saum waren die Narben zu sehen, die meinen Körper zierten.
Ich wollte gar nicht wissen, wie mein Gesicht aussah.
Die Straßen der Stadt waren zumindest in diesem Viertel ziemlich breit und sahen relativ freundlich aus. Mir stach auf einmal ein Mülleimer ins Auge, aus dem eine Zeitung lugte. Sie sah relativ neu aus.
Ich faltete sie auseinander und mir stockte der Atem, als mein Blick auf das Datum fiel.
"Das... kann nicht sein... oder?"
Zephyr sagte nichts.
Es war deutlich mehr Zeit vergangen, als ich erwartet hatte.
Ich legte die Zeitung zurück. Fast drei Jahre waren vergangen, die ich auf dem Sklavenmarkt verbracht hatte. Ich war schon 13.
Mir wurde plötzlich schwindelig. Wie viel Zeit meines Lebens war mir genommen worden? Meine Beine begannen unkontrolliert zu zittern. Meine Wächterin sah mich eindringlich an und flüsterte:
"Ein paar Straßen weiter habe ich vorhin ein kleines Gasthaus gesehen. Vielleicht kannst du dich dort ausruhen. Du kannst dich ja kaum noch auf den Beinen halten."
"A-aber... ich hab nicht einmal Geld" Mir wurde das alles zu viel.
Ich wollte einfach keine Sorgen mehr haben, nicht mehr sprechen, nicht mehr existieren.
Sie starrte mich an. "Das kriegen wir schon hin, ich zeig dir den Weg!"
Ich folgte ihr. Zwischen den Häusern hindurch, und zwischen den Menschen, die stehen blieben und mich verwundert anblickten. Einige Minuten später erreichten wir den Gasthof. Schwach drückte ich gegen die Tür und trat in den Raum ein. Es roch nach Braten und Alkohol. Nun kippte ich wirklich fast um. Ich schob mich bis zum Tresen durch, hinter dem eine dickliche, blonde Frau mit dem Rücken zu uns stand. "E-entschuldigung?", fragte ich, woraufhin sie sich umdrehte. Sie starrte mich an und runzelte die Stirn. In den Händen hielt sie ein Weinglas, das sie mit einem karierten Tuch putzte. "Ich würde gern hier übernachten. Ich habe kein Geld, aber... ich könnte mit Arbeit bezahlen..." Wortlos streckte sie die Hand aus und legte sie mir auf die Stirn. "Du hast Fieber, oder?" "A-also, ich weiß ni-" "Ist schon gut", seufzte sie und kramte einen kleinen Schlüssel auf den Tresen, "Du hilfst einfach morgen ein bisschen in der Küche."
Ungläubig schaute ich sie an. "D-danke!", stotterte ich.
Ich schleppte mich die Treppe zu meinem Zimmer hinauf. Es war karg ausgestattet, nur mit einem Bett, einem Tisch und einem Stuhl. Auf dem Flur war ein Badezimmer, das von allen Besuchern des Hauses geteilt wurde. Langsam öffnete ich die Tür. Vor mir hing ein Spiegel, aber es kostete viel Überwindung, mein Spiegelbild anzuschauen. Unter meinem rechten Auge war ein halb verblasster Bluterguss. Von meinem Kinn bis zu meiner Wange zogen sich zwei oberflächliche Schnitte. Meine Stirn und meine Wangen waren gerötet und Schmutz klebte auf meiner Haut. Soweit ich es erkennen konnte, waren immerhin keine Narben in meinem Gesicht zurück geblieben.
 
Sooo ich hoffe euch hat das Kapitel gefallen! Vielen Dank an alle fleißigen Leser *-*
Vorallem an diejenigen, die immer kommentieren, wie KuraikoSonora, BeauCyphre und memory4u <3
Lasst mir gern eure Meinung da :) Übrigens ist Chains schon auf Platz 42 in Horror!

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