Loslassen
Der eiskalte Wind, der über meine Wangen strich, zog mich sanft aus meinen Träumen. Mit geschlossenen Augen griff ich nach meiner Kapuze und schob sie mir tiefer ins Gesicht. Ich wollte die Wärme meiner eigenen Umarmung nicht verlassen, nicht der eisigen Kälte entgegen blicken, die das Land im Griff hielt.
Ich vergrub mein Gesicht wieder in dem weichen Stoff der Jacke und sog Jays vertrauten Geruch ein. Es fühlte sich so gut an, wie ein rettendes Schiff in einem weiten, schwarzen Ozean, und zum ersten Mal wurde es mir bewusst:
Du bist nicht allein.
"Du warst noch nie allein!"
Verwundert schlug ich die Augen auf.
"Alles Gute zum Geburtstag!", schnurrte Zephyr,die auf der Lehne der Rückbank balancierte.
Ich schwankte zwischen 'Ihr-um-den-Hals-fallen' und 'Sie-am-Kragen-packen-und-gegen-den-nächsten-Baum-werfen', entschied mich dann aber für die neutrale Variante und behielt meine Hände bei mir.
"Geburtstag, hm?" Ich rieb mir die Augen. Es waren scheinbar schon mehrere Monate vergangen, seit ich geflohen war. Eigentlich hatte ich damals gedacht, dass mein Zeitgefühl in der Freiheit besser werden würde, aber ich hatte schon wieder den Überblick verloren.
Ich war nun vierzehn Jahre alt.
"Hast du denn ein Geschenk für mich?", motzte ich sie an.
"Meine Anwesenheit!" Sie lachte, als wäre es das Lustigste, was sie je gehört hatte und wich geschickt meiner Hand aus. "Aber mal ernsthaft, ich glaube, wir müssen uns mal unterhalten."
"Ich will nicht mit dir reden. Du nervst mich."
"Vergiss mal kurz, dass du so eine eingeschnappte Zicke bist und hör mir zu. Es wird langsam kälter, wie du wahrscheinlich schon gemerkt hast, und allmählich kommt die Zeit, in der du nicht mehr draußen schlafen kannst. Wir müssen weiterziehen, du musst Arbeit finden um ein Dach über dem Kopf zu haben."
Die Kälte drang in mein Herz. Es schmerzte, weil sie Recht hatte. "Aber was ist mit Jay?"
Sie schüttelte sich, sodass der kleine, silberne Anhänger an ihrem Ohr klimperte. "Oh Liebes. Ich verstehe dich nicht. Ich habe dir tausend mal gesagt, dass du dein Herz bei dir behalten sollst. Dass du deine Zeit und Gefühle nicht damit verschwenden sollst, Sympathie für jemanden zu entwickeln. Und was tust du?"
Wütend erhob ich mich, ich konnte nicht länger auf der modrigen Rückbank sitzen. "Wieso kann ich nicht einfach glücklich sein?"
"Du weißt, dass ich deinem Glück niemals im Weg stehen würde. Aber es gibt im Moment nun einmal wichtigere Dinge, verstehst du, Lili?"
Ich starrte sie wie versteinert an.
Zephyr versuchte es noch einmal: "Komm schon, sei kein kleines Kind. Du hast ja noch ein paar Tage, um dich zu verabschieden und... hey..."
Wenn sich in mir Wut und Verzweiflung vermischten, fühlte sich mein Herz leer und schwarz an. Diese Kälte, die ich so oft schon spüren musste, hatte mich abgestumpft, daher flossen keine Tränen aus meinen verdunkelten Augen, obwohl ich jetzt gerne geweint hätte.
Sie ging mit langsamen Schritten auf mich zu. "Ihr könnt euch jederzeit wieder treffen, wir müssen ja nicht ans andere Ende der Welt reisen. Ich möchte - wirklich - nur das Beste für dich! Wie sollte es auch anders sein?"
Ihr Blick wurde nun ebenfalls verzweifelt. "Ich bin nur die Überbringerin der schlechten Nachricht!"
Nicht schreien.
Durchatmen.
"Ich bin nicht wütend auf dich, Zephyr. Sondern einfach auf die Situation. Ich will endlich mal ein Zuhause haben, und im Moment fühle ich mich... bei ihm Zuhause. Mir war schon von Anfang an klar, dass es nicht auf Ewig sein wird, aber sag mir wie ich loslassen soll. Ich hatte nicht geplant, irgendjemanden von hier zu mögen. Aber es ist nun einmal passiert."
Meine Stimme war viel ruhiger, als ich erwartet hatte.
"Was hast du jetzt vor?"
"Gib mir Zeit. Ein paar Tage noch, um mich zu verabschieden, und die nächsten Monate zu planen."
"Ich habe mir bereits gedacht, dass du gehen musst." Jay hatte die Arme um meinen Körper gelegt. Wir saßen auf der Klippe über dem Fluss, wo wir uns damals kennengelernt hatten.
"Natürlich habe ich überlegt, was ich dagegen tun könnte, aber es gibt eigentlich nichts dauerhaftes. Ich bin mir ziemlich sicher dass meine Mutter nichts von Nekos hält, sonst könntest du eine Zeit bei mir wohnen. Obwohl sie es bei einem anderen Mädchen vermutlich auch nicht erlauben würde."
Er lachte trocken.
"Gibst du mir dann deine Telefonnummer und Adresse? Ich finde bestimmt einen Arbeitgeber, bei dem ich mal telefonieren kann oder so... Es wird schon alles gut werden."
Ich lächelte leicht. Für ihn. Wollte mir vor ihm nicht anmerken lassen, dass ich mir sicher war, mindestens wieder auf dem Sklavenmarkt zu landen, oder im schlimmsten Falle gleich zu sterben.
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